Bitte setzen
B i t t e s e t z e n !
In der vorigen Woche fuhr ich nach Berlin, um mit meinem Vater auf den Friedhof zu gehen. Er hat das gern wegen der emotionalen Wärme und auch, weil er alleine Angst hat. Es ist nicht so, dass er sich vor den vielen Gräbern fürchtet, nein eher vor den noch Lebenden, die, wie man gelegentlich liest, alte Menschen um ihr Portemonnaie erleichtern. Wir nahmen wie gewohnt den Eingang Wasmuthstrasse, der meistens in der Sonne liegt und anheimelnder wirkt, als die anderen Eingänge.
Hier gibt es auch keinen Hauptweg, sondern eine Wiese über die jetzt die Eichhörnchen springen. Rechts und links befinden sich breite Pfade, wie immer nahmen wir den linken. Nach etwa 100 m sah ich in der Ferne Stühle stehen, nein, es waren eher Sessel, alle hatten Lehnen, sie waren mehrmals zu zweit angeordnet, standen sich gegenüber, drehten einmal die Sitzfläche nach Norden und umgekehrt. Der Nebel hing noch zu tief. Vater sah noch gar nichts aber ich konnte den Blick von diesen vielen und andersartigen Stühlen nicht mehr abwenden und erhöhte das Schritttempo ganz automatisch, erst an Vaters Atem merkte ich, dass ich zu schnell geworden war. Was sollte das bedeuten – es sah aus, als ob man eine Möbelmesse nach außen verlegt hätte. Ich suchte die Bäume ab, dachte an“ versteckte Kamera“ oder wollte irgendein Marktforschungsinstitut hier eine Statistik erheben, wer setzt sich ? Mehr Alte als Junge? Mehr Frauen als Männer? Nein, das würde ja sowieso zu keiner klaren Aussage führen, denn bekanntlich gehen Frauen mehr auf Friedhöfe und zwangsläufig gehen Alte mehr als Junge. Alte Frauen sind doch meistens die, die überbleiben und die kämen ja als Käufer für diese modernen Stühle überhaupt nicht infrage. Eine Kunstausstellung – das ganze ein Objekt – eine Performance, wenn man die sich Setzenden dazuzählte ? Oh, dann wäre Vater jetzt ein Bestandteil, der hatte es sich nämlich schon längst gemütlich gemacht, er fand die ganze Sache komisch aber nicht befremdend, schließlich saß er bestens. Aus beruflichen Gründen musste ich am Abend wieder fahren – nachlesen im Tagesspiegel hatte nichts ergeben – aber Vater versprach, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei jedem Anruf erwähnte ich die Ausstellung und erinnerte ihn – aber überall wo Vater sich erkundigte, erhielt er nur Gelächter. Gleichaltrige lachten nicht aber sie staunten ungläubig. Es schien ganz so, als ob diese wunderbaren Sitzgelegenheiten nur für uns existent gewesen wären. Ich bin gespannt auf nächstes Jahr, vielleicht sehen wir da eine Ausstellung ungewöhnlicher Tische.
Am 18. August 2007 um 15:28 Uhr
Habe Deinen wunderbaren Artikel gelesen. Vielleicht waren die Stühle einfach da, um Dich und Deinen Vater zum Verweilen einzuladen. Oder aber um Deinem Vater die Angst zu nehmen, die Stühle wollten ihm Sicherheit geben. Wir sind hier passen auf, dass dir hier nichts passiert.
Es gibt viele Möglichkeiten, vieles was der Menschenverstand nicht begreifen kann. Nimm einfach von jeden etwas. Gruss Yerofina