Ein nachdenklicher Abend mit Maischberger, Grisham und Milgram
(„Kopfsalat“ und Bücher aus dem Regal von nosy.at)
Eigentlich will ich lesen – heitere, leichte Lektüre, um die Nachdenklichkeit zu vertreiben, die das Buch, „Der Gefangene“ von John Grisham, zurückgelassen hat. Aber obwohl es lesenswert ist, bin ich nicht in der Stimmung für „Ein Mordsspaß. Schräge Schreibübungen per E-Mail“ von Marie-Elisabeth Rehn und Jeanette Schmid. Das hat das Buch nicht verdient. Ich werde es morgen lesen. Her mit dem nächsten. Amerikanische Belletristik – immer gut, wird mich sicher ablenken. „Sex, Lies and Online-Dating“ von Rachel Gibson. Flott und amüsant geschrieben. Die amerikanischen Bestseller sind wirklich ein Vorbild dafür, wie man für ein breites Publikum punktgenau schreibt. Gutes Marketingrezept: Ein bisschen Sex, ein bisschen Crime, ein bisschen Romance. Freche, witzige Sprache, Ideal, wenn man/frau nicht gleich einschlafen will.
Nachdem ich mich zum dritten Mal dabei ertappe, wie meine Gedanken abschweifen und ich schon wieder nicht weiß, welcher „nick“ ermordet wurde und wer mit welchem nickname chattet, lege ich eine Pause ein. Mal sehen, ob’s im TV noch etwas gibt. Nachrichten, oder, mit Glück, sogar etwas Besseres, wie den Bericht über die Mongolei-Reise kürzlich auf BBC Prime. Gott, würde ich solche Reisen gern machen! Die Mongolei ist zwar weit und über die „Bürostute“ aus dem Westen würden sicher noch die Enkel der Mongolen lachen, wenn sie nicht einmal den „Halbwilden Hengst“ vom BBC-Report ernst nehmen. Na ja, Träume kosten nichts und wenn ich schon träume, dann lieber gleich von etwas, das „cool“ und „wow“ ist. (Die „Sprachreisen“ ins Internet zahlen sich aus. Ob mich meine Freunde noch ernst nehmen, wenn ich „hi“ und „wow“ und „cool“ sage? Na ja, die meisten haben Kinder. Verstehen werden sie mich wenigstens. Die Ärzte unter ihnen werden mich vielleicht ernst mustern, aber nichts sagen, sondern denken: „Auffällig war sie ja schon immer!“ Egal. Gedankenfreiheit ist ihr ja ihr Recht. Redefreiheit auch. Dafür haben die Vorfahren gekämpft. Und über Götter und Propheten muss man nicht reden – nur glauben, wie der Name „Glaubensgemeinschaften“ schon sagt.)
Jetzt müsste ich bald durch alle Kanäle durch sein. Aha, bei Maischberger wird noch diskutiert und der Ösi – Profiler ist auch da. Worüber reden die? Jedenfalls nicht über Todesstrafe. Das höre ich mir an! Das bringt mich auf andere Gedanken!
Es spricht einer, dem man den Erfolgsmenschen ansieht…streamlined, smart, um die Dreissig… ein junger Mann…(nein! Das hören die nicht gern. Das muss ich mir abgewöhnen. Er ist ein Mann – kein junger Mann! Ich bin alt! Die Sprachregelung muss ich üben! Man eckt ja überall an mit unzeitgemäßer Diktion – und zum Anecken bin ich zu alt! Das dürfen ja nicht einmal die… Jungen (??) … Wie sagt man das eigentlich „political correct“? Der Arbeitsmarkt hat recht, wenn er Leute in meinem Alter nur noch als unterbezahlte Laufburschen einsetzt. Ich kann ja nicht einmal modernes Deutsch!)
Der Erfolgsmann berichtet, wie er fristlose Entlassungen langjähriger Mitarbeiter inszeniert hat, weil seine Firma die Personalkosten senken wollte. Was der erzählt, ist doch ein alter Hut! Das weiß doch jeder: Durchschnittsalter der Belegschaft senken. Alte und Langjährige gegen Jüngere und niedriger Eingestufte ersetzen. Aha, seine besondere Stärke ist Mobbing und Personalabbau durch fristlose Entlassungen, sagt er. Das war die kostengünstigste Methode und die Firma wollte sich die Abfertigungen ersparen. „Nein“, sagt er, „er hat damals nicht darüber nachgedacht, wie sich die Betroffenen fühlen, und dann konnte er ja auch gar nicht anders. Er wollte doch Karriere machen in der Firma“. Er sieht auch jetzt nicht so aus als ob er etwas anderes bedauern würde als eine Unterbrechung seiner Karriere. Ich glaube, er würde es wieder tun, wenn man es von ihm erwartet und es ihm nutzt.
Das erinnert mich schon wieder an Grisham’s Bericht über die Justizopfer, denen es ähnlich gegangen ist. Merkwürdige Zeit! Waren wir besser? Hat meine Generation Monster erzogen?
Dabei fällt mir Stanley Milgram’s Studie zum Gehorsam gegenüber Autoritäten ein. Das „Milgram-Experiment“ hat bewiesen, „dass die Mehrzahl der Durchschnittsmenschen sich von angeblichen Autoritäten dazu bewegen lassen, Unbeteiligte systematisch zu misshandeln“, steht bei Wikipedia. Also bitte, das war aber in den 60er-Jahren. Damals waren es drei Viertel der Testpersonen und die Autorität war nicht einmal ein Vorgesetzter, sonder bloß ein pseudo-wissenschaftlicher Versuchsleiter.
Heute käme da sicher etwas anderes heraus. Die Leute, die in den 60ern jung waren, sind ohnedies schon in Pension. Die sind ja älter als ich. Und Ausbildung der Jungen ist doch heute viel besser als unsere war.
Die Welt kann also nur besser geworden sein. Schlimmstenfalls ist sie gleich geblieben. Fühle ich mich getröstet? Eigentlich nicht, Nein, aber ich gehe jetzt trotzdem schlafen. Morgen früh bin ich wieder optimistisch. Optimismus ist „in“ und Realisten sind nur getarnte Pessimisten. Pessimisten will keiner. Und das will ich nicht. Das würde mich frustrieren. Da bin ich lieber Optimist.
Nosy’s Bücherliste
Der Gefangene von John Grisham ist ein packender, gut recherchierter Bericht über einen spektakulären Justizskandal und die wahre Geschichte des Baseballers Ronald Williamson, der 1988 in Oklahoma in einem dubiosen Verfahren wegen Mordes an einer jungen Frau zum Tode verurteilt wurde. Ron und sein Freund Dennis, der wegen Mittäterschaft eine lebenslange Freiheitsstrafe erhielt, verbüßten zwölf Jahre in der Hölle des amerikanischen Strafvollzuges. Fünf Tage vor Ron’s Hinrichtung wurde 1999 ihre Freilassung durch entlastende DNA-Beweise erzwungen. Obwohl der wahre Täter längst überführt und in Haft war, wurden die Ermittlungen gegen Ron und Dennis erst 2001 eingestellt, 2002 folgte ihre offizielle Rehabilitierung und Haftentschädigung – nach jahrelangem, zähem Kampf ihrer Lobby um Gerechtigkeit und gegen Vertuschung, Schlamperei, Machtmissbrauch, mangelnde Zivilcourage und das amerikanische Rechtssystem. Für die strenggläubigen Bürger der ländlichen Kleinstadt im „Bibelgürtel“ Oklahomas war ihre Unschuld erst bewiesen als der wahre Mörder 2003 vor Gericht gestellt wurde. Dennis schaffte die Rückkehr ins normale Leben, Ron nicht. Zerstört von Medikamenten und Alkohol, aber ohne Verbitterung, starb er 51-jährig im Dezember 2004. (Lesenswerter Non-Fiction-Bericht! ersch: Okt.2006, Heyne, engl.Original: „The Innocent Man“, ersch: Okt. 2006, Doubleday)
Ein Mordsspaß. Schräge Schreibübungen per E-mail von Marie-Elisabeth Rehn und Jeanette Schmid. Wer hat die Studentin Karin Petzold ermordet? Zwei gelangweilte, schrullige Akademikerinnen entschließen sich, eigene Ermittlungen anzustellen und lösen den Mord von zwei verschiedenen Städten aus. Ihre muntere Email-Korrespondenz dazu ist unterhaltsam zu lesen. (ersch: Nov.2006, Books on Demand GmbH)
Sex, Lies, and Online Dating von Rachel Gibson. Krimi-Autorin holt sich durch Online-Dating Inspirationen für die Mordopfer-Typen ihres nächsten Buches und trifft auf den Undercover-Detective, der eine Mordserie an männlichen Profi-Datern aufklären soll. Die Mörderin wird unter den weiblichen Profi-Datern vermutet, die Schriftstellerin wird zur Hauptverdächtigen, bis der Detective den Fall klärt und sie vor der wahren Täterin rettet.
(Flott geschrieben, gut lesbar, aber dzt. nur in Englisch. ersch: Feb.2006, Avon Books)