Frau Mathilde Flöter

Frau Mathilde Flöter, die den Sternschnuppenfall aus den Leoniden nicht verpassen wollte stand vor fünf Uhr auf. In der Sedanallee befanden sich erstaunlich viel Gleichgesinnte, man wünschte sich einen guten Morgen und ging mit dem Kopf im Genick aneinander vorbei. Die Wolkendecke riss nicht auf, jedoch auf Frau Flöter wartete eine andere Überraschung. Mit der Zeitung und der Brötchentüte in der Hand betrat sie die Küche. Sie setzte den Kaffee auf, zündete die Kerze an und stellte das Geschirr auf den Tisch. Noch während der Kaffee durchlief breitete sie die Zeitung aus, um zuerst zu dem Teil mit den Todesannoncen zu kommen. Da sprang ihr mitten aus der Zeitung ein winzig kleiner Kerl entgegen. Er stand mit seinen Füßen direkt neben der Kerze und schrie: mir gefällt es hier nicht, hier gefällt es mir nicht! Panikartig griff Frau Flöter nach dem Kaffeelöffel und hievte mit diesem das Männchen in den Eierbecher, wo er etwas zur Ruhe kam, und zu erzählen begann. Er erzählte von einer ganz fürchterlichen Nacht, die er in einem Krankenhaus zugebracht hatte. Die Ärzte und überhaupt das ganze Personal hätte aus Strohhalmen bestanden, aus rosafarbenen, blauen und auch gestreiften. Die Bahren schienen Eisstiele zu sein, sterilisiert wurde in einer Froschblase und das OP-Besteck bestand aus extra dafür zugeschnittenen Fliegenbeinen, vor der Tür zur Anatomie hätte ein Salamanderschwanz gestanden – nun das hatte er überstanden. Frau Flöter, die eine gute Gastgeberin war, fragte den kleinen Mann, ob sie etwas für ihn tun könne, ja er habe Hunger, aber er äße nur Spinnweben. Im Keller nahm die Liebe alle Spinnweben ab und versuchte sie in einem Din A4 Umschlag nach oben zu bringen. Da kam ihr die Idee mit der Presse. Natürlich musste sie die Presse informieren.
Zwischen Sommerferien und Herbstanfang kam denen doch jede Story recht.Oben angekommen dekorierte sie liebevoll den ganzen Rand des Eierbechers mit Spinnweben, was ganz entzückend aussah. Sie wollte noch sehen wo der kleine Kerl zu essen anfing, ob rechts oder links oder nördlich und dann ging sie ans Telefon. Der Herr von der Allgemeinen konnte nicht glauben, was sie erzählte. Erst als sie eine Forderung von 5000 Euro in den Raum stellte und über ein Angebot von der Konkurrenz sprach, sicherte man ihr zu, sofort vorbeizukommen.Eilig ging sie ins Bad, um die Frisur zu richten und das Augen make -up zu überprüfen, für den Fall, dass man auch von ihr ein Foto haben wolle.Zurück in der Küche sah sie den Zwerg auf dem Boden des Eierbechers liegen, er wand sich vor Schmerzen. Die Spinnweben waren alle verspeist und mit geübtem Blick konstatierte sie Darmverschluss. An eine OP war nicht zu denken, da keine sterilisierten Fliegenbeine vorrätig waren und sich auf die Schnelle auch nicht beschaffen ließen. Als der Herr von der Presse kam, hatte sie den Leichnam bereits in eine Streichholzschachtel auf Watte gebettet. Auf ein Foto von ihr wurde verzichtet.Offen blieb die Frage, wie viel Geld sie nun bekommen würde; angesichts des Todes wollte sie nicht feilschen.

Eine Reaktion zu “Frau Mathilde Flöter”

  1. Robin4855

    Eine phantastisch plastisch beschriebene Geschichte, die ich schon mehrmals lesen musste.

    Toll, ashoggi