Gespräch mit dem Weihnachtsmann
Liebe Mitglieder, ich fand eine schöne Geschichte, die ich hier nicht vorenthalten möchte. Vielleicht kommt dem einen oder dem anderen auch dabei das Schmunzeln.
Viel Spaß beim Lesen!
Gespräch mit dem Weihnachtsmann
(von Godfried Bomans,übersetzt von Ruth de Rulig-Zobel)
Jedes Land hat seinen eigenen Weihnachtsmann. Amerika sogar zwei. Wer es ist, weiß kein Sterblicher. Durch einen Zufall aber erfuhr ich, dass der holländische Weihnachtsmann in Brielle wohnt, wo er ein zurückgezogenes Dasein führt. Nun ist Brielle nicht groß. Einer schwachen Spur von abgefallenen Nadeln und wattigen Schneeflocken folgend, gelangte ich rasch in eine einfache, aber saubere Straße. Dort wohnten ein Vogelhändler, eine Hebamme, zwei Kaminkehrer, ein paar alte Fräulein mit weißen Hauben und ein Hagestolz. Eine Tür gab es, auf der nichts stand. Nach zweimaligem Läuten öffnete mir ein Hausdiener, dessen rosa-weißes Westchen mit Tannennadeln gespickt war. Ich zückte meinen Spazierstock und stupste ihn damit leicht in die Magengrube. „Schlingel”, sagte ich, „hier wohnt der Weihnachtsmann.” Der Diener erbleichte. „Woher wissen Sie das, mein Herr?” Ich tippte an meine Stirn: „Köpfchen”, sagte ich, „melde deinem Herrn, dass es herausgekommen ist.” Einige Augenblicke später betrat der Weihnachtsmann den Vorraum. „Mein Herr”, sagte er, „das ist eine Katastrophe.” „Halb so wild”, sagte ich, „Kopf hoch. Ist der Bart echt?” „Was glauben Sie denn”, sagte der Weihnachtsmann, ein Paket unter seinem Mantel zum Vorschein holend, „wollen Sie bitte einen Augenblick Ihren Zeigefinger auf den Knoten drücken?” Ich drückte, bis meine Fingerspitze ganz weiß wurde, und der Weihnachtsmann band rasch eine Schleife. „Wieder ein Geschenk fertig”, sagte er und legte das Päckchen auf den Tisch, „was meinen Sie, wird es zum Schneien kommen?” „Tja”, sagte ich unsicher, „wer kann das wissen?” „So gescheit bin ich selber”, meinte der Weihnachtsmann, „ich wollte eine klare Wettervorhersage. Schnee zu Weihnachten ist wichtig. Es hat so etwas, wie soll ich sagen …” Er trommelte gegen die Fensterscheibe und lauschte auf den Klang. „Na ja, abwarten”, sagte er, „Warum sind Sie eigentlich hier?” „Ich war neugierig”, sagte ich, „und wollte einmal den Weihnachtsmann sehen.” „Schön”, sagte er, „hier steht er. Sagen Sie es aber nicht weiter. Es gibt sonst so ein Gedränge, und was hat man davon. Sie glaubten sicher, dass es mich nicht gäbe?” „Früher nicht”, sagte ich, „aber später fing ich an zu zweifeln.” „Das alte Lied”, sagte der Weihnachtsmann, „Erwachsene zweifeln immer. Darum sind die Kinder so glücklich.” “Können Sie Wunder tun?” Der Weihnachtsmann seufzte. „Ganz kleine”, sagte er, „aber es kostet mich unheimlich viel Anstrengung. Mein Vater, der ebenfalls Weihnachtsmann war, konnte viel mehr. Aber mein Großvater, der das Fach in unsere Familie gebracht hat, war der stärkste auf diesem Gebiet. Er bekam die Menschen sogar in die Kirche. Toll, was? Aber immerhin, er hatte die Zeit auf seiner Seite. Die Menschen glaubten damals noch an die Weihnachtsgeschichte selbst. Da haben Sie als Weihnachtsmann natürlich eine große Stütze. Was möchten Sie sehen?”
„Schnee”, sagte ich. „Los”, sagte der Weihnachtsmann, „schneien!” Er schloss seine Augen und wurde ganz rot vor Anstrengung. Die Schweißtröpfchen standen ihm auf der Stirn. „Es passiert gar nichts”, sagte ich nach einer Pause. „Kein Wunder, wenn Sie dazwischenquatschen”, sagte der Weihnachtsmann, die Augen öffnend, „das ist kein Kinderspiel. Ich werde es noch mal probieren. Aber wenn Sie wieder reden, höre ich auf.” Er schloss seine Augen wieder. Es vergingen volle fünf Minuten. Und wirklich, da begann es im Zimmer ganz leicht zu schneien. Es war ein wunderbarer Anblick. Leicht schwebten die Flocken immer dichter von der Decke herunter und schließlich hatte ich Mühe, den Weihnachtsmann noch zu sehen.
„Also”, sagte er, „das war das. Genug für heute. Hat es Ihnen gefallen?” „Und wie”, sagte ich, „sind Sie jetzt müde?” „Todmüde”, sagte der Weihnachtsmann, „so was machen Sie nicht mit der linken Hand. Es ist übrigens kein echter Schnee. Es ist Engelshaar. Wir Weihnachtsmänner können keinen anderen machen. Aber fürs Zimmer genügt es. Wollen Sie jetzt gehen? Ich habe noch entsetzlich viel zu tun.” „Herr Weihnachtsmann”, sagte ich im Aufstehen, während ich mir den Schnee von der Joppe schüttelte, „es war besonders nett. Könnten Sie vielleicht noch ein ganz kleines Wunder tun?” „Weil Sie es sind”, sagte der Weihnachtsmann, „was soll es sein? Ein wenig Weihnachtsstimmung?” „Wenn Sie sie entbehren können, gern.” Der Weihnachtsmann holte ein mit Silberpapier umwickeltes Stäbchen aus seiner Brusttasche, atmete es an und versenkte darauf die Spitze sorgfältig in meinem linken Ohr. „Tief atmen”, sagte er, „tiefer. Noch tiefer.” Auf einmal fingen die Weihnachtsglocken an zu läuten. Ein warmes, heimeliges Gefühl durchströmte meine fröstelnde Seele. Ich fühlte aufrechte Liebe zu allen Menschen im allgemeinen und ein feuriges Verlangen nach einem gebratenen Truthahn im besonderen. „Ich lasse es bis Neujahr für Sie dauern”, sagte der Weihnachtsmann, „und wenn Sie kein Aufsehens machen, halten Sie bis Dreikönig damit durch. Und jetzt — frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr, mein Lieber. Denken Sie an die drei Stufen beim Rausgehen.” — Ich schwebte nach Hause. Was für ein wunderbares Gefühl. Ach, wenn es doch den Frühling noch erleben würde.