Heute hätte Tante Maria Geburtstag

Heute hätte Tante Maria Geburtstag – ohne zu rechnen kann ich genau sagen, dass sie 117 Jahre alt geworden wäre.
Sie war nur eine entfernte angeheiratete Verwandte, aber die einzige, die übrig geblieben war, nach dem großen Angriff 1945.

Obwohl erst März, wäre es ein sehr warmer Tag gewesen und gleich als die Sirenen heulten – so gegen Mittag – habe sie sich aufs Rad gesetzt und sei mit kurzärmeliger Bluse in Richtung Goslar geradelt – um dann Stunden später in die brennende Stadt zurückzukehren.
Anfang der 50er Jahre trat ich in ihr Leben oder sie in meins. Für mich war sie damals schon eine alte Frau – die sich so kleidete und auf mich junges Ding altjüngferlich wirkte.
Im Laufe der Jahre erfuhr ich, dass sie im ersten Weltkrieg ihren Verlobten verloren hatte – was möglich sein konnte – vielleicht war es auch nur ein Wunschdenken, näheres wurde jedenfalls nicht bekannt.
Als Tante Maria 99 wurde, bat sie mich, sie doch ganz früh schon aus dem Altersheim abzuholen. Sie könne es nicht ertragen, wenn alle wieder sagen würden, sie werde bestimmt noch 100.
Mit 99 und ein paar Monaten bekam sie ihren ersten Schlaganfall und schöpfte Hoffnung auf ein Ende vor dem 100.ten.
Von da an erzählte sie mir Dinge, die sie belasteten, sie wollte reinen Tisch machen und gab mir eine Urkunde, die ihren Vater als Freimaurer auswies, was niemand vorher hätte wissen dürfen.
Dann bat sie mich ein Buch mit dem Stempel “Verein der ehem. Goethe-Schülerinnen” zurückzugeben. Sie hätte es schon Jahre. Als die Ausleihzeit zu Ende gewesen wäre, hätte sie es vergessen, nachher sei es ihr peinlich gewesen, und noch später hätte sie angenommen, dass das Buch gar nicht mehr registriert sei und viele Scherereien mit dem Zurückgeben verbunden wären, aber jetzt müsse das endlich bereinigt werden.

Und dann kam noch etwas ganz persönliches, etwas was ich behalten muss, es war ihr wichtig mir das zu sagen, so kurz vor dem Tod.
Drei Monate vor dem 100.ten bekam sie ihren zweiten Schlaganfall, der nach 14 Tagen Koma zum Ende führte.

Ja, heute wäre sie 117 Jahre alt, die Tante Maria.

5 Reaktionen zu “Heute hätte Tante Maria Geburtstag”

  1. Robin4855

    Hallo ashoggi,
    ich hatte beim lesen Deines Beitrages ein wenig den Eindruck, dass Du diese Tante Maria nicht besonders “geschätzt”hast. Völlig emotionslos berichtest Du von ihrem Tod. Ich habe nicht verstanden, warum Du über Sie berichtest, wenn Du sie schon nicht besonders geschätzt hast.

    LG roland

  2. ashoggi

    Oh nein, ganz im Gegenteil, in der Jugend war sie mir ziemlich egal, aber dann im Alter fanden wir sehr zusammen. Vielleicht hört sich das emotionslos an, weil ich auch in ihrem Sinne hoffte, dass sie den 100.ten nicht noch feiern musste. Ich möchte jetzt nicht vorgreifen, weil vielleicht noch andere Einträge kommen – aber ganz zum Schluss schreibe ich Dir mehr.

  3. Orbiter

    Eigentlich hatte ich das als PN an ashoggi geschrieben. Hab mich jetzt aber doch entschlossen, das hierher zu setzen.
    Noch vorab:
    Robbin, deine Meinung über die “Wertschätzung” der”Tante Maria” von ashoggi kann ich nicht mit dir teilen. Für mich war der Eindruck, dass ashoggi mit Recht stolz darauf sein kann, dass ihr diese Tante in ihren letzten Stunden/Tagen so viel Vertrauen entgegen gebracht hat und sich ihr geöffnet hat.

    So nun der Text der PN:
    Grüß dich Ashoggi,

    ich hab grade deinen Eintrag über “Tante Maria” gelesen.
    Da sind in mir so viele Erinnerungen hochgekommen.
    Meine Oma, zu der ich eine sehr intensive Beziehung hatte und noch habe, würde im nächsten August 117 Jahre alt werden, der gleiche Jahrgang wie “Tante Maria”.
    Ich war erst 13 als sie starb, aber diese Frau hat mir so viel vom Leben erzählt, hat mich ernst genommen, obwohl ich noch ein Kind war.
    Auch sie hat den ersten und den zweiten Weltkrieg überlebt, war als Krankenschwester in einem Lazarett in Leipzig im ersten Weltkrieg. Sie hat mir auch von den Freimaurer-Logen erzählt. Später hat sie fast 4o Jahre als Hebamme gearbeitet. Ihr war weder das “Kommen” noch das “Gehen” fremd und so hat sie auch mir gelernt, dass Geburt und Tod zum Leben gehören.
    Und das was du da schreibst, mit dem “reinen Tisch machen” vor dem Ende. Das erscheint mir sehr wichtig dafür, daß ein Mensch von hier in Frieden scheiden kann.
    Ich arbeite selber daran. Und muß sagen, je mehr ich das schaffe, mit den anderen und mit mir in Frieden zu leben und loslassen zu können, desto besser geht es mir.
    Aber was erzähl ich dir das alles, das kennst du ja bestimmt schon viel besser als ich.

    Ich wünsch Dir eine gute Zeit
    Orbi

  4. Robin4855

    Liebe Orbiter,
    das habe ich auch so gelesen wie Du und viele andere. Aber mein Eindruck war der, den ich als Frage an ashoggi gestellt habe.
    Ich habe nicht nur einmal solche Situationen er- und durchlebt, und war immer sehr emotional. Das war der Grund, warum es mich interessiert hat.
    Mein Interesse gilt meiner Meinungsfindung, und nicht der Meinungsmache.

    LG roland

  5. ashoggi

    Robin, du hast dich irgendwo beschwert, dass Du hier keine Antwort bekommst, also gebe ich sie Dir jetzt.
    Ich habe Tante Maria erst im Alter richtig kennen gelernt, das ist richtig aber von da an habe ich sie sehr geschätzt. Ich könnte -zig Geschichten schreiben, schon die Tatsache, dass ich von ihr berichte, zeigt doch, dass ich sie nie vergessen werde.
    Nach dem ersten Schlaganfall, von dem übrigens kaum irgendetwas zurückblieb, jedenfalls nicht für andere merkbar, sprach Tante Maria mit dem Arzt und auch mit mir, dass sie in keinem Falle bei einem Schwächeanfall oder sonstigen Malheuren noch irgendeine Spritze haben wolle. Dann kam der 2. Schlaganfall, ich fuhr sofort nach der Arbeit ins Altersheim und traf dort mit dem Arzt zusammen, der seine Besuche jeweils in der Mittagstunde erledigte. Er sagte, wir, er sagte wirklich wir, obwohl es ja eigentlich nur er war, also wir machen gar nichts und warten erst einmal ab. Am nächsten Tag, wieder so gegen 14 Uhr, war der Arzt schon da, als ich kam. Tante Maria hauchte mit der einen Hälfte ihres Mundes, der, die noch zu gebrauchen war, Durst, Durst, Durst.
    Da sagte der Arzt, dass kann ich nicht überhören, jetzt müssen wir was machen und er bestellte einen Krankenwagen um Tante Maria ins Krankenhaus zu bringen. Ich saß hinten auf diesem Hocker zu ihren Füßen und heulte und sagte immer, Tante Maria ich konnte es nicht verhindern. Im Krankenhaus kam sie sofort an den Tropf, fiel aber dann am nächsten Tag ins Koma. Sie wollte nicht mehr, das hatte sie mir so oft gesagt, und auf keinen Fall wollte sie 100 werden und deshalb war ich froh, dass ihr dieser Wunsch erfüllt wurde.
    Ich hoffe, Du kannst die Geschichte jetzt anders lesen und wenn nicht, dann ist es so – man kann nicht für alle schreiben und so schreiben, das jeder ahnt wie einem zu Mute ist.