Hundegeschichte (7)

Radfahren

Ich bin von klein auf daran gewöhnt, neben dem Rad her zulaufen. Als ich größer wurde, paßte ich nicht mehr in den Fahrradkorb, wenn ich vom Laufen müde wurde. Wenn ich dann langsamer lief, stieg mein Frauchen vom Rad und ging eine Weile zu Fuß. Später fuhr sie nur so schnell, daß es mir keine Mühe machte, auch lange Strecken zu laufen. Das machte auch viel mehr Spaß, als wenn Frauchen mit mir zu Fuß Gassi ging.
Aufgeregt hat Frauchen sich dann nur über die Zeitgenossen, die, wenn sie mich neben dem Rad herlaufen sahen, meinten: „Der arme Hund!“… Was wußten die denn schon, was mir guttat. Heute schaffe ich aber höchstens noch zwei Kilometer am Stück. Frauchen respektiert das und joggt lieber mit mir.

Badetag

Vor mir ist weder ein See noch eine Pfütze sicher. Machen wir einen ausgedehnten Spaziergang und es ist ein Bach oder See in der Nähe, springe ich hinein.
Einmal wurde das wirklich gefährlich:
An der Stelle. wo ich reingesprungen war, konnte ich nicht von alleine wieder raus. Das merkte ich aber zu spät. Ein paar Meter vom Ufer entfernt schwamm ein Schwan mit seinen Jungen, ich wollte mir das näher ansehen und bellte freudig. Plötzlich schwamm der Schwan mit lautem Gekreische auf mich zu. Nichts wie weg … dann merkte ich jedoch, daß ich alleine aus dem See
nicht mehr rauskam. Stefan verjagte erst mal meinen Angreifer, und Frauchen legte sich auf den Boden und zog mich raus. Noch mal gutgegangen! Vor Schwänen nahm ich mich von da an in acht, aber ins Wasser sprang ich immer wieder. Wenn Frauchen früh genug mitbekam, daß ich reinspringen wollte, rief sie laut und erbarmungslos: „Nein, Astro! Halt!“. Ich stoppte dann in letzter Sekunde, verlor manchmal das Gleichgewicht und fiel dann doch noch rein.
Auch großen, matschigen Wasserpfützen ging ich nicht aus dem Weg. Dann aber war meistens ein Bad in der Wanne fällig, und das gefiel mir gar nicht. Ich heulte herzerweichend. Die Nachbarn dachten sicher, mir würde großes Leid angetan.
Frauchen legte vorsichtshalber fast die ganze Wohnung mit Zeitungspapier aus. Denn mein Fell war lang und dicht, da konnte sie rubbeln und fönen, es dauerte lange, bis mein Fell trocken war, also mußte ich mich öfters kräftig schütteln. Ich lief dann mit großen Handtüchern, die mich fast komplett verdeckten, vom Bad ins Wohnzimmer, damit nicht alles naß wurde. Aber es ließ sich nicht vermeiden, daß anschließend ein Hausputz fällig war.

Urlaubszeit

Mit etwa fünf Monaten mußte ich, während Ingrid und Stefan in Urlaub fuhren, wieder auf den Wohnwagenplatz. Da ich Günter zu viel Arbeit machte, durfte ich nicht mehr zu ihm. Weil ich für eine so lange Reise zu klein war, konnte ich auch nicht mitfahren.
Vor dem Eingangstor sträubte ich mich, durchzugehen. Ingrid nahm mich also auf den Arm. Jeden Moment erwartete ich, daß meine Hundeeltern angerannt kämen … aber es tat sich nichts. Sie waren mit ihrem Frauchen auch in Urlaub, so hatte ich den ganzen Platz für mich. Jetzt konnte ich zeigen, wie wachsam ich war.
Oft übertrieb ich es ein wenig und ließ auch Leute, die dort wohnten, nicht rein … aber nur am Anfang. Der junge Mann, der uns als Hundekinder damals zu Ingrid und Stefan gebracht hatte, nahm mich für diese drei Wochen in Pflege. Es war mal etwas völlig anderes. Ich konnte Katzen jagen, den ganzen Tag draußen rumlaufen und fast alles tun und lassen, was ich wollte.
Nach drei Wochen kamen Ingrid und Stefan zurück. Es war schon dämmrig und ich erkannte sie nicht sofort. Als die Hoftüre aufging, raste ich laut bellend auf die beiden zu. Schnell machten sie das Tor wieder zu. Stefan fing an zu weinen, er hatte sich so auf seinen kleinen Freund gefreut. Ingrid rief nach mir. Die beiden hatten mich nicht erkannt, ich war in den drei Wochen enorm gewachsen und sie meinten, es sei noch ein (fremder) Hund auf dem Platz.
Der junge Mann hielt mich am Halsband fest und öffnete. Erst dann erkannten wir uns, und die Freude war groß.
In den nächsten beiden Tagen wich ich meinem Frauchen nicht von der Seite, damit ich nur nicht verpaßte, wenn sie sich Schuhe oder Jacke anzog, um wegzugehen.
Autos sind gefährlich … meine erste schmerzhafte
Erfahrung
Da ich ein folgsamer Hund war, durfte ich schon früh ohne Leine draußen rumlaufen. Ich war aber nicht nur folgsam, sondern auch sehr neugierig und gefräßig. Meine Gefräßigkeit brachte Frauchen auf die Idee, immer was Leckeres in der Hosentasche aufzubewahren. Dem Welpenalter fast entwachsen, bekam ich als tägliche Ration zwar nahrhaftes und gesundes Trockenfutter, aber es schmeckte nicht sonderlich aufregend. Der Hunger treibt es rein … und so gewöhnte ich mich dran. Um so mehr freute ich mich über die täglichen Naschereien beim Gassi gehen. Mal waren es Hundedrops, mal war es ein Knochenwinzling.
Auch Bananenstückchen oder Plätzchen verschmähte ich nicht. Ich wich meinem Frauchen selten von der Seite. Sie brauchte nur ihre Hand in die Tasche zu stecken, schon vollbrachte ich Freudensprünge.
Entfernte ich mich mal ein paar Schritte von ihr, um z. B. einen anderen Hund zu begrüßen, brauchte sie nur leise zu rufen „Leckerchen“ und schon stand ich Gewehr bei Fuß.
Wenn sie mich ohne Leine laufen ließ, hatte sie immer ein wachsames Auge auf mich. Wir wohnten zwar nicht mitten in Köln, aber an einer verkehrsreichen Kreuzung. Hatte sie mal nichts Leckeres bei sich und ich entfernte mich vor lauter Übermut zu sehr von ihr, rief sie: „Komm her,“ kam ich dann nicht gleich, schimpfte sie nicht, aber sie leinte mich dann an, und ich mußte eine Weile bei ihr bleiben. Das war nicht angenehm, denn es gab dann kein nach links oder nach rechts Laufen, sondern nur „bei Fuß.“ Ich merkte mir das schnell und gehorchte, wenn sie rief. Sie war schließlich mein Ersatz für Vater, Mutter und Brüder, und ich liebte sie.
Als ich zehn Monate alt war und Frauchen mit mir spazierenging, knallte ich plötzlich gegen etwas Hartes und hing unter einem fahrenden Auto. Es war die schrecklichste und schmerzhafteste Erfahrung, die ich bis dahin in meinem Hundeleben gemacht hatte.
Was war passiert? Ich bin am Straßenrand von einem gut riechenden Baum zum anderen gelaufen und habe mein Revier markiert. Hoch das Bein und hier ein paar Tröpfchen und da ein paar Tröpfchen. Beim Bäumewechseln bin ich wohl einen Schritt zu weit auf die Straße getreten … und schon war es passiert.
Den Autofahrer traf sicher keine Schuld. Es war schon dämmrig, ich habe ein schwarzes Fell und war zudem noch ziemlich klein. Ich geriet unter den Wagen und blieb dort hängen. Es war verdammt heiß dort. Mein ganzer Rücken schmerzte. Ich verlor das Bewußtsein. Endlich befreit, zitterte ich am ganzen Körper. Nur daran merkte man, daß ich noch lebte. Auf dem Rücken fehlte an manchen Stellen Fell und es blutete ein wenig. Frauchen nahm mich armes Bündel auf den Am und sprach mir beruhigend zu. Ich kam wieder zu mir. Die Schmerzen wurden immer stärker.
Ingrid und Stefan legten mich ins Auto. Wir fuhren zum Arzt, das merkte ich natürlich erst, als wir in den großen Warteraum mit den vielen Hundegerüchen traten. Gleich kam mir wieder die Unterhaltung mit den fremden Hunden in den Sinn: „ … Böse Menschen, die Dir weh tun …„ Hatte ich nicht schon genug Schmerzen? Ich zitterte noch ein wenig mehr und fing an zu jammern. Aber es nützte nichts, wir kamen gleich dran.
Ich glaube, der Doktor war der erste Mensch, den ich anknurrte. Ich wunderte mich selber, wie gefährlich ich klang. Diesen Menschen schien das aber nicht zu stören. Er redete liebevoll auf mich ein. Wer kann da schon widerstehen? Außerdem waren Ingrid und Stefan ja bei mir, was sollte mir groß passieren. Der Piks war etwas schmerzhafter, aber er tat auch sein Gutes. Schon nach kurzer Zeit ließen die Schmerzen nach. Frauchen bekam einige Anweisungen und eine gesalzene Rechnung, dann fuhren wir wieder nach Hause.
Ich wurde einige Tage verwöhnt wie nie zuvor. Ich durfte sogar in Frauchens Bett schlafen. Seit meinem Unfall hatte ich Angst vor Autos, vor allem, wenn der Motor lief. Nach vier Tagen raste ich schon wieder den Hundedamen im Park hinterher. Wegen meiner kahlen wunden Stellen glaubten die Hundebesitzer, ich hätte vielleicht etwas Ansteckendes, aber Ingrid beruhigte sie. Dann hatten sie zwar Mitleid mit mir und sagten: „Ach, Du armer Kerl,“ aber an ihre Hündinnen ließen sie mich trotzdem nicht.
Ich erinnere mich noch an so eine weiße große Halskrause. Sie war aus Plastik und wurde mir über den Kopf gestülpt.
Sie kleidete ich wohl nicht besonders, denn die Leute auf der Straße sahen mich mitleidig an. Frauchen sagte, ich dürfe nicht an ihr rumknabbern. Sie schmeckte mir auch nicht, aber sie behinderte mich sehr. Sie verdeckte meinen gesamten Kopf und hinderten mich daran, meine Wunden zu lecken. Meine Hundeschnauze war eigentlich für viele Tage nur noch zum Trinken und Fressen da. Ich konnte weder durch Sträucher klettern beim Gassi gehen noch andere Hunde beschnüffeln … es war einfach lästig.
In der Wohnung blieb ich damit überall hängen, an schnelles Laufen war dort nicht mehr zu denken.
Frauchen hatte Mitleid und nähte mir einen Anzug, der so eng war, daß ich nicht an meine Wunden heran kam, dafür zog sie mir das lästige Plastikteil öfters aus. Aber auch diese Zeit ging vorbei. Die kahlen Stellen auf dem Rücken blieben. Da ich ansonsten ein dichtes längeres Fell habe, wuchs das Fell rund um die Wunde bald darüber und man sah die Stellen nur selten. Außer, ich bekam im Sommer mein Fell mal etwas kürzer getrimmt. Meine Menschenfamilie liebte mich auch mit kahlen Stellen.
Die Angst vor Autos blieb jedoch. Niemand schaffte es, mich an einem Auto mit laufendem Motor vorbeizuführen. Ich blieb einfach stur stehen, bis das Auto wegfuhr oder mein Begleiter einen anderen Weg mit mir ging. Da halfen weder Leckereien noch liebevolles Zureden, es ging schließlich um mein (Hunde-) Leben.
Fortsetzung folgt…

6 Reaktionen zu “Hundegeschichte (7)”

  1. angeleisi

    das ist ja zauberhaft geschrieben
    ein dickes lob möchte ich sagen dafür
    weiter so es ist wirklich schön zu lesen
    lg rosi

  2. Bergsonne

    Hallo Inschi,

    Deine Geschichte ist sehr schön. Ich habe das Gefühl, dass der Wuffel es seine Geschichte selber geschrieben hat. Natürlich weiß ich das ein Hund nicht schreiben kann. Er wird es auf Band gesprochen haben und dann ins Schreibbüro gebracht haben.

    Ich werde diese Geschicht weiter verfolgen, ich will ja wissen wie es weiter geht.

    Wirklich eine tolle Idee die Du da hattest. Diese Geschichte vertreibt mir düstere Gedanken, dafür einn großes DANKE an Dich!

    LG

    Bergsonne

  3. rosa

    schliese mich bergsonne an,liebe inschi ,bewundernwert so schreiben zu können .lieben gruß,und mach weiter so,rosa

  4. barbarella

    Danke fuer diese schoene Geschichte.

    Ich habe selber Hund und versuche mir oft vorzustellen was meine Evi in gewissen Situationen denkt .

    Es wundert mich nur, dass es fast ausschliesslich Frauen sind die einen
    Komentar zu dieser Geschichte abgeben.

    Ob die Frauen nun doch ausser das staerkere Geschlecht auch des
    sensibleres sind ?

    Wuensche denjenigen die diese Geschichte interessiert hat einen schoenen
    Tag und viel Spass mit ihren Vierbeinern !

    Ciao , Barbarella

  5. juppy

    Hallo Inschi,

    Deine Geschichte ist so nett geschrieben- schaue immer ob es schon eine Fortsetzung gibt, wann geht es endlich weiter?

    Ich selber hatte einen Podenco aus Portugal- sie war ein wilder Hund- hat sich uns ausgeguckt – nicht umgekehrt, aber leider musste ich sie vor 2 Jahren einschläfern lassen- eine absolute Hundenärrin bin ich bis heute geblieben- wünsche Euch weiterhin viel Spaß zusammen,

    es grüßt – juppy

  6. inschi1

    Hallo, Guten Morgen an die , die mir so zahlreich geschrieben haben. Habe mich sehr gefreut. So isses!
    Hab mich sogleich an die nächsten Geschichten gemacht.
    Weiterhin viel Spaß beim Lesen und einen wunderschönen Sonntag in die Runde.
    Herzlichst
    Eure inschi