Hundegeschichte (9)

Ausgerissen

Im Mai 1991 war ich ein fast ausgewachsener Rüde. Trotzdem schaffte ich es, durch das Klappfenster unseres Autos (2CV/Ente) zu springen, als Fauchen mich nur kurz allei im Auto ließ. Sonst nimmt sie mich immer überall mit hin, diesmal jedoch nicht. Ich sprang also aus dem Fenster und suchte nach meinem Frauchen. Es dauerte nicht lange, da kam sie auch schon zurück. Als sie mich erkannte, war sie ganz erstaunt: „Wie hast Du das denn geschafft? Aber wenn Du es raus geschafft hast, schaffst Du er auch wieder rein!“ Was blieb mir anderes übrig, als wieder reinzuspringen … aber wiederholen wollte ich das später nicht mehr, denn es war nicht ganz schmerzlos.

Ich bin krank

Im Alter von fast zwei Jahren nahm Frauchen mich mit in einen fremden Garten, den sie für eine alte Dame pflegte. Ich legte mich unter eine Tanne. Es war sehr warm und dort war ein kühler Platz. Zwei Tage später wurde mir ganz schlecht, das schlucken tat mir weh und ständig mußte ich ein „Bächlein“ machen. Ich hustete und würgte, weil es so kratzte im Hals. Mein Frauchen war sehr besorgt.
Wir fuhren zum Arzt Ich bekam das gar nicht so richtig mit, weil ich ganz erschöpft war und nur schlafen wollte. Der Arzt sagte zu Frauchen, ich hätte einen Zwingerhusten, eine Nieren-, Blasen- und Mandelentzündung und Fieber. Nach den Spritzen und Medikamenten war ich bald wieder auf den Beinen, aber Hunger hatte ich kaum … doch das änderte sich bei meiner Gefräßigkeit schnell wieder.
Seit meinem dritten Lebensjahr hatte ich im Frühjahr und im Herbst immer Problem mit Grasmilben. Es juckt mich überall. Einmal sah mein Schweif wie der nackte Hals eines Geiers aus -sagte Frauchen -, sie wickelte einen feuchten Verband darum. Stefan meinte, jetzt falle der Hund erst richtig auf … aber es half. Es juckte nicht mehr so. Zum Arzt mußte ich trotzdem, weil einige wunde Stellen sich entzündet hatten. Ich bekam wieder Spritzen. Als die Wunden heilten, rieb ich mich an Tischen, Stühlen und Schränken. Das sieht sicher verrückt aus, aber keiner weiß, wie sehr ich leide. Jetzt im Alter von 10 Jahren habe ich endlich Ruhe vor diesen kleinen Quälgeistern, warum, weiß ich nicht.

Mein erster Schnee

Den ersten Schnee in meinem Leben habe ich gar nicht richtig wahrgenommen. Ich bin ja im Winter geboren, und ich erinnere mich noch, daß es draußen grausig kalt war. Die ersten paar Tage trug Frauchen mich zum Gassi gehen die Treppe runter und setzte mich unter einen Strauch … da war kein Schnee. Dann nahm sie mich wieder auf den Arm und trug mich in die Wohnung.
Erst ein Jahr später wußte ich, was Schnee war. Eines Morgens ging Stefan mit mir runter. Auf dem Gehweg war es glatt. Kleine Steinchen piksten in meine Pfoten. Rechts und links war alles weiß. Stefan warf etwas Weiches auf mich, es war kalt und naß. Ich schüttelte mich und roch an dem weißen Zeug, leckte mal dran … nichts Besonderes, es schmeckt nach Wasser. Für Stefan schien es etwas Besonderes zu sein. Er lief hin und her, hob das Zeug immer wieder auf und warf es nach mir.
Als er aus der Schule kam, holte er aus dem Keller ein Gerät, das ich noch nie gesehen hatte. Stefan nannte es Schlitten. Er bettelte Frauchen an: „Komm, fahr mit Astro und mir zum Bisterfeld, da können wir Schlitten fahren!“
Gesagt, getan! Die Fahrt dauerte nur kurze Zeit. Als wir ausstiegen, sahen wir viele Kinder, die von ihren Eltern auf diesen Schlitten gezogen wurden. Einige Kinder sausten einen Berg hinunter.
Stefan ließ mich den Schlitten den Berg hinaufziehen… das war ganz einfach. Oben angekommen, machte er mich los, setzte sich auf den Schlitten und sauste den Berg runter. Ich lief hinterher. Auf dem glatten Boden war das gar nicht so einfach. Oft rutschte ich mehr, als ich lief.
Schwierig war es auch, den Kindern hinter mir auszuweichen. Aber irgendwie schaffte ich es, heil den Berg herunter zu kommen … allerdings nur einmal, denn ein zweites Mal ließ Frauchen das nicht zu. Es war ihr dann doch zu gefährlich

Meine Erziehung

Mein Hundevater hatte mich, wenn ich zu weit von unserem Schlafplatz weglief, am Schlafittchen gepackt, mich etwas geschüttelt und zu meinen Brüdern zurückgebracht. Unser Wohnwagen hatte eine Treppe, und wenn ich dort runtergefallen wäre, hätte ich mich leicht verletzen können … meinte jedenfalls mein Vater. Wenn wir Kinder uns zu sehr balgten, schubste uns Mutter mit ihrer Schnauze auseinander. Als ich zu meiner Menschenfamilie kam, mußte ich vieles lernen.

Wo darf ich schlafen?

Die ersten Tage am Fußende von Ingrid`s Bett, dann nur noch im Hundekorb. Wenn meine Menschenfamilie aus dem Haus ging, suchte ich mir zum Schlafen ein Bett. Ich liebte es, wenn es noch warm war. Kam aber Ingrid oder Stefan nach Hause, legte ich mich schnell in mein Körbchen. Ingrid merkte es aber immer, wenn ich in ihrem Bett geschlafen hatte. Sie fühlte mit der Hand dort, wo ich eine Kuhle hinterlassen hatte … schimpfte aber nicht.

Wo steht mein Fressen und mein Trinken?

Die ersten Wochen stand es in der Küche, weil ich beim Trinken immer so schlabberte … schließlich bin ich auch ein Schnauzer, und das Wasser blieb in meinen Barthaaren hängen. Nachdem ich immer wieder versucht hatte, den Mülleimer zu leeren, wurde ich aus der Küche verbannt und mußte in der Diele fressen und trinken. Später, als wir umzogen, stellte Ingrid bei trockenem Wetter beides auf die Terrasse. Dort konnte ich nach Herzenslust Schlabbern.

Womit darf ich spielen?

Natürlich nur mit dem, was man mir gab: alte Schuhe, geknotete Strümpfe, Bälle, Stöckchen usw.
Da es mehr Spaß machte, mit Ingrid oder Stefan zu spielen, brachte ich ihnen das, womit ich spielen wollte. Aber ich konnte mich auch gut alleine damit beschäftigen.

Wo darf ich mein Bächlein und meinen Haufen hinsetzen?

Als kleiner Welpe schien mir diese Aufgabe am schwersten zu lösen. Ein paar Tage machte ich da, wo ich gerade stand. Dann lernte ich zu warten, bis Frauchen mit mir nach draußen ging. Das geschah die ersten Monate vier- bis fünfmal am Tag. Mit ca. zwölf Monaten brauchte ich nur noch dreimal raus, später nur noch zweimal. Jetzt, wo ich älter bin muß ich oft wieder drei- bis viermal raus. Ich trinke mehr und kann es nicht mehr so lange einhalten.

Was darf ich zerfetzen und wo liegt mein Spielzeug?

Bis auf die bereits erwähnten Fehltritte habe ich nichts mehr zerfetzt, was ich nicht nehmen durfte. Wenn aber jemand den alten Schuh oder „meine“ Socken festhielt, kämpfte ich damit, als ginge es um mein Leben. Ich knurrte (nur so zum Spaß) und wütete, bis der andere keine Kraft mehr hatte. Meine Sachen wurden in einen kleinen Eimer gesteckt, und ich durfte sie dann im ganzen Zimmer verteilen … ich brauchte sie ja nicht wegzu räumen. Beim letzten Umzug war dieses Eimerchen lange verschwunden, plötzlich stand es wieder da. Ich leerte es in Windeseile.

Kommentarfunktion ist deaktiviert