Lesemappen

Lesemappen

Ist Ihnen das noch ein Begriff ? Wohl kaum. Unsere hieß “Daheim”. Wir kamen im Mai l950 wieder nach Deutschland. Mein Vater war aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden und meine Eltern fingen noch einmal ganz von vorne an – in jeder Beziehung.

Gebrauchte Möbel wurden gekauft und für die Küche ein Herd und ein Küchenschrank, eine Spüle war vorhanden. Alles war karg und sparsam eingerichtet, die Stadt lag noch in Trümmern und es gab wenig Abwechslung.

Allerdings hatten wir einen kulturellen Höhepunkt in der Woche. Das war der Tag, an dem die Lesemappe “Daheim” kam. Es handelte sich um einen Din-A3-großen Aktendeckel im Querformat, an beiden Enden oben befanden sich schwarze Bänder, so dass man die Lesemappe zubinden konnte. Der Inhalt bestand aus mehreren Illustrierten, an drei erinnere ich mich genau, das war die Quick, der Stern und der Spiegel, irgendeine hatte auch das Wort “bunt” im Titel, möglicherweise “bunte Illustrierte”. Wir bekamen diese Mappe als erster Abonnement, dann wurde sie nach einer Woche wieder abgeholt und in eine nächste Familie gebracht, die als zweites dran war.

Die hatten das natürlich billiger – denn die Illustrierten waren bereits eine Woche alt. Zu dieser Zeit damals konnte man bis zu 4 Wochen alt abnehmen.

Aus rein hygienischen Gründen gehörten wir zu den Erstabonnementen, nicht etwa weil die Themen dann noch aktuell waren.

Die Bazillen, die die Familie schädigen konnten, waren ausschlaggebend. Man ging auch sehr pfleglich um mit den Illustrierten, weil man ja wusste, sie würden noch von vielen Leuten gelesen werden.

Rätsel lösen wäre verpönt gewesen, man nahm Rücksicht.

Dann zog ich vom Elternhaus in die Ehe und dort hatten wir Spiegel und Stern abonniert. 10 Jahre später, dann allein wollte ich gar kein Abo mehr – aber ich kaufte mir häufig die Brigitte.

Dabei blieb es dann sehr sehr lange Zeit.

Noch viele Jahre später fand ich die “Brigitte ” nicht mehr spannend und las gar keine Journale mehr. Das Wort “Illustrierte” hatte sich überlebt, man nannte das jetzt Journal.

In Berlin kamen regelmässig zwei Fachzeitschriften, die aber recht gut aufgemacht waren, so dass sie mich auch interessierten.

Ähnlich ist es zur Zeit. Ich bekomme regelmässig das Blättchen von der AOK und eine kleine Zeitschrift, etwas dicker als das Blättchen, vom Kneipp-Verein.

Ich will nicht undankbar sein, aber beide sind total aufs Alter eingestellt – Treppenlifte – Rheumasalbe- Astmaspray usw.

Man erfährt, was man gegen Inkontinenz machen kann, mehrere Ginko-Präparate werden getestet. Gymnastik zur Straffung der Beckenbodenmuskulatur wird gezeigt und für den Fall, dass das alles nichts nutzt, gibt es auch die Empfehlung zur superweichen lady-sicherheitsvorlage, mit der man überall noch gesellschaftsfähig bleibt.

Dann die Seiten mit Gedächtstraining, gesunder Ernährung, kein Nikotin, kein Alkohol – es ist ätzend, wenn ich ein solches Blättchen gelesen habe, fühle ich mich gleich um 10 Jahre älter – aber undankbar sein möchte ich nicht.

Nun begab es sich, dass mir vor 14-Tagen ein ganz neues Journal zugeschickt wurde und davon bin ich hell begeistert. Das Ding heißt “tengo” und zeichnet sich durch vieles aus. Auf dem Titelblatt guckt ein Mann in die Ferne – darunter steht “Lust auf später” schon diese drei Worte sind aufmunternd.

Dieses Magazin befaßt sich mit den Themen der besseren Lebenshälfte. Wobei das Alter nicht ausgespart wird.

Auch dazu gibt es ganz sensible Artikel.

“tengo” bringt z.B. –Tapetenwechsel daheim und unterwegs – Sex kilt Falten – Helfen macht Spaß – Bewegung einfach loslegen – Kultur kostet wenig – Glück steckt in jedem- Neugier kennt kein Alter – Gesundheit mit Absicht, und vieles, vieles mehr.

Es ist erschwinglich und an jedem Kiosk zu haben.-

Und man hat gaaanz gaaanz  laaaaange was davon !!!

4 Reaktionen zu “Lesemappen”

  1. foxifix

    Hallo Ashoggi, ein herrlich herzerfrischender Beitrag von dir!!!

    Ich wünsche dir weiterhin viel Spass und Unterhaltung mit der von dir entdeckten Zeitschrift. Und vielleicht legst du das AOK-Blättchen einfach mal gleich ins Altpapier… bitte bleibe uns erhalten so jung wie du bist und hoffentlich noch lange bleibst!

  2. Mandorla

    Das ist ein erfrischender Beitrag, der meinen eigenen Erinnerungen auch entspricht. Gibt es die “tengo” wirklich? Werde mal nachschauen. Wenn ja, kaufe ich mir die sofort!
    Mandorla

  3. ashoggi

    danke für Eure lieben Zuschriften – die Tengo gibt es und ich hoffe, sie hat Dir Spaß gemacht, mandorla….und foxifix – ich habe ungefähr noch etwas über 200 Tage hier !!!!! das müsste dann reichen. Liebe Grüße ashoggi

  4. marla

    hallo ashoggi,
    dieser beitrag macht richtig Appetit auf diese zeitschrift – werde ich sicher auch mal reinschauen. Ansonsten kann ich nur sagen, die Zeitschriften anderer Krankenkassen sind auch nicht besser.

    MFG Marla