Liebe geht durch den Magen.
Meine Erziehung war, traditionsbewusst weiblich. Ich durfte alle die Fähigkeiten erlernen, welche ich vielleicht einmal als gute Hausfrau, Ehefrau und Mutter benötigen könnte, würde, sollte, müsste. Kochen gehörte selbstverständlich dazu, und unsere Kochlehrerin selbst Ehefrau und Mutter hatte so manchen wichtigen Tipp auf Lager, wie wir weiblich schlau und unbeschadet durchs Eheleben schreiten könnten. Vor vierzig Jahren hatten es Männer noch nötig immer recht zu bekommen, deshalb sollten wir lernen unseren zukünftigen Mann alles so aufzubereiten, dass er davon überzeugt ist, es wäre seine Idee. Ich möchte mich jetzt nicht genauer darüber auslassen, was und wie sie uns damals belehrte, denn ich weiß nicht, was ich mir wirklich mitgenommen habe ins Leben und man sollte ja auch nicht aus der Schule plaudern.Endlich war es so weit, dass ich meine Fähigkeiten ausprobieren durfte, weil ich vor hatte, Mutter, Ehefrau und Hausfrau zu werden. Ich lud meinen Zukünftigen zum Essen ein, meine Mutter wollte auch kommen. Kartoffelpüree, Fleischleibchen und Salat, das wünschte er sich. Kein Problem für mich. Ich bereitete alles vor, er kam schon ein bisschen früher, weil er mich noch allein für sich haben wollte. Ich stellte die Kartoffel im Salzwasser zu und dann hatte ich ja noch Zeit für ihn. Das dauerte etwas und das Wasser im Topf verdampfte, nein die Kartoffel sind nicht verbrannt, nur sie haben das ganze Salz aufgenommen. Damals sprach man oft davon, dass Verliebte alles versalzen, ab da wusste ich auch wieso.
Ich versuchte noch zu retten, was nicht mehr zu retten war. Meine Mutter rümpfte gleich die Nase, als sie die Suppe auf ihren Teller sah. Das hatte sie geahnt, dass ich nicht einmal in der Lage sein würde, ein normales Kartoffelpüree herzustellen. Als sie das feststellte, hatte sie es noch nicht einmal gekostet. Meine Mutter und ich, wir verwendeten das Kartoffelpüreesüppchen eher zum tippen, während mein Zukünftiger ohne eine Miene zu verziehen, es mit den Löffel einschaufelte und noch nachnahm. Ach, das muss Liebe sein dachte ich damals.Kochen ist und war schon immer für mich, eines der kreativsten Ausdrucksmitteln, die ich zur Verfügung habe. Schon in jungen Jahren experimentierte ich herum, gab irgendwo Nüsse rein, eine Prise Zucker, einen Schuss Wein, das lernten wir nicht in der Schule, denn nach Schnitzel, Schweinsbraten, Tirolerknödel und Kaiserschmarrn, war die pädagogische Botschaft erschöpft.
Alle diese Versuche musste mein, inzwischen Ehemann – über sich ergehen lassen. Die reichliche Freizeit, die ich neben unserem Sohn Robert, einem 45- Stundenjob, Haushalt und Garten hatte, verbrachte ich in der Küche und stellte oft dubiose Dinge her.
Franz aß alles ohne Kommentar, lächelte mich an und sagte danke. Er hatte kein Verständnis dafür, dass ich ihm während des Essens immer erzählte, dass die Zwiebel noch ein bisschen mehr Farbe gebraucht hätte, das Fleisch zu rasch gebraten war, dass die Karotten zuviel…. und der Karfiol zuwenig…, die Kartoffel zu sehr…….dass der Knoblauch vorschmeckt oder der Thymian, oder Abhandlungen über den Unterschied zwischen Majoran und Oregano hielt. Ganz unheimlich war ihm, wenn ich ihm beim Essen erzählte, was ich noch alles versuchen werde oder Vergleiche mit voran genossenen Speisen zog, denn für ihn war Essen, etwas das zum Leben gehörte, nicht mehr und nicht weniger. Und Kochen war nichts, mit dem sich ein intelligenter Mensch beschäftigte.
Er stufte mich unter grenzdebil ein, denn ich wusste nicht, wie ein Verbrennungsmotor funktionierte, eine Atombombe konstruiert war und von Psychologie hatte ich auch keinen Schimmer.Immer wenn ich ihn fragte, was soll ich kochen? Bekam ich zur Antwort, ist egal, ich esse alles, was du kochst. Das tat er auch. Er aß ein Grießkoch genauso wie ein Boef- Stroganoff.
Der Verbrennungsmotor und die Atombombe blieben mir fremd und die Psychologie hätte er mir nicht ganz so nahe bringen sollen, denn über sie kam ich zur Selbsterfahrung und auf einmal meldete auch ich Bedürfnisse an und das gehörte nicht zu meiner Erziehung. Es kam wie es kommen musste……
Im letzten Jahr zur Weihnachtszeit besuchte ich Franz mit unserem Sohn in OÖ.. Seine Frau lud uns zum Kaffee ein und stellte uns Kekse her. Ich fragte, ob das von ihr gebackene sind? Nein sagte sie, sie hätte nur ganz wenig gebacken und die bekommt nur der Franz, weil er die so liebt. Franz sagte gleich, sie sollte ein paar hergeben. Während sie die Kekse aus der Speis holte, erinnerten wir uns an die ersten gemeinsamen Weihnachten. Damals war das Kind noch im Bauch und wir hatten nur uns.
Ich hatte früher selbstverständlich immer einige Kekse gebacken, und habe sie im Vorhaus auf den Kasten gestellt. Als wir dann Besuch von der Schwiegermutter samt Familie bekamen, wollte ich mit den Keksen Furore machen, aber die Dosen waren leer. Mein Geliebter aß sie im Laufe der Zeit auf, immer wenn er aufs Klo ging, stopfte er ein paar hinein. Die nächsten Jahre hatte ich sie immer versteckt, nur um draufzukommen, dass meine Lieben Kekse vor Weihnachten essen wollen und nicht nachher.
Die Frau vom Franz bot uns ihre Kekse an, ich nahm mir ein Stück aus der Dose, Robert nahm sich gleich zwei Franz bekam auch eines und sie stellte die Dose wieder weg. Wir bissen hinein und schauten uns an, Robert und ich. Sie waren nicht schlecht, aber man hätte durchaus auch einen Speck dazu essen können. Franz saß da, kaute genüsslich seinen Keks und da verstand ich: “Liebe geht durch den Magen“ Hat nichts mit dem wirklichen Leben zu tun, sondern das gehört zu meiner Erziehung
Am 10. Juli 2007 um 14:43 Uhr
Das ist total süß geschrieben, Sybille ! Großes Kompliment !
Danke für die nette Unterhaltung,
Lina (aus Wien)