Polina weint
Polina weint
Bei Polina und Leonid handelt es sich um ein Ehepaar aus der Ukraine. Sie gehören dem jüdischen Glauben an und kamen vor 7 Jahren mit zwei Kindern nach Deutschland.
Für Leonid ist es die zweite Ehe. Er hat bereits erwachsene Kinder, die wieder Kinder haben und in den USA leben. Polina ist bedeutend jünger. Beide besuchten jahrelang einen Kursus in der jüdischen Gemeinde, der sich mit deutscher Sprache und Konversation beschäftigte.
Das Schüler- Lehrer-Verhältnis war immer ein herzliches, anders kann es nicht sein, wenn man Sprache vermitteln will bei Menschen, die über 50 sind.
Die Tochter dieses Ehepaares machte Abitur mit Russisch als Fremdsprache und bekam einen Studienplatz. Der Sohn machte ebenfalls Abitur, konnte aber nirgends eine Lehrstelle finden. Nachdem er ein Jahr lang zuhause rumsaß, entschloss sich Polina – der eine kleine Erbschaft zugefallen war – mit ihm ein Lokal zu übernehmen um dort die „ukrainische Küche“ anzubieten. So hält man sich über Wasser.
In äußersten Notfällen allerdings wendet man sich an die Frau der ersten Stunde und die tut dann auch alles, was in ihren Kräften liegt.
So kam es, dass Elvira Flöter sich an die Tageszeitung wandte mit der Bitte doch Polina’s
Schluchzen zu erhören und einen kleinen Artikel zu schreiben.
Eine junge Redakteurin wurde abgeordnet und kam in das kleine Lokal, in dem Frau Flöter bereits mit den Inhabern saß. Wenn man die Tür aufmacht, muss man sofort rechts gucken, denn nach rechts streckt sich das Lokal handtuchmässig aus. Am Ende steht unter einem Fernseher ein großer Vogelkäfig mit geöffneter Tür. Der Käfig ist leer – und Polina beweint den Papagei, der nicht mehr da ist. Ritschie – trotz des Namens eine Dame – ist entflogen.
Man tat alles, druckte Blätter, die an Bäume und Laternenpfähle gepinnt wurden, inserierte in einer Zeitung, die so umsonst alle Haushalte erreicht usw. Es kamen Anrufe von Menschen, die den Papagei gesehen hatten in einem nahen Park. Polina ging jede freie Minute dorthin und pfiff und rief, jedoch ohne Erfolg. Aus dem Krankenhaus, das an diesem Park liegt, kamen ebenfalls Anrufe, Patienten hatten den Vogel gesehen und auch gehört, aber er saß 30m hoch in einem Baum.
Alles war vergebens, die letzte Hoffnung ist nun die Redakteurin der Tageszeitung, mehr oder weniger der Artikel, den sie schreiben wird. Frau Flöter hofft, dass dieser Zeitungsfrau nichts von der russischen Seele verborgen blieb, die bei der Schilderung des tragischen Ereignisses zutage kam.
Denn bei Ritschie – der übrigens ein Geschenk war – handelt es sich um einen ganz besonders intelligenten Vogel. Ab 21 Uhr, dann haben die Gäste meistens aufgegessen, durfte er frei fliegen, nach ein paar Runden setzte er sich auf eine Stange über der Tür und immer dann, wenn er von dort aus in seinen Käfig flog, konnte das Lokal theoretisch und nach anfänglichem Zögern dann auch praktisch geschlossen werden. Das ist das Zeichen dafür, dass keine Gäste mehr kommen. Zuerst traute man der Sache nicht – man machte Stichproben – Ritschie saß irgendwann um 2 Uhr morgens noch auf der Stange über der Tür. Hundemüde warteten die Inhaber, dass er endlich seinen Käfig aufsuchen würde, aber das tat er nicht. Punkt 2.30 Uhr öffnete sich die Tür und gleich 6 Menschen, die anscheinend auf den Nachhauseweg noch einmal einkehren wollten, beehrten das Lokal.
Einmal war es genau umgekehrt, Ritschie flog um 22 Uhr in seinen Käfig – man wagte nicht, jetzt schon die Tür abzuschließen und wartete in einem Hinterraum – schließlich sollte Ritschie nicht mitbekommen, dass man argwöhnte, also man wartete im Hinterraum bis kurz nach Mitternacht. Kein Gast war gekommen und nun schloss man ab, natürlich von außen.
Wie gesagt man hält sich über Wasser und an manchen Abenden, meist gegen Monatsende, wenn so gar nichts los ist, fragt man Ritschie. Was werden wir heute einnehmen, Ritschie, vielleicht 5 Euro ? Ritschie schüttelt den Kopf, vielleicht 10, Ritschie schüttelt wieder sein Haupt, erst als man ihm 20 Euro zur Auswahl nennt, nickt er deutlich. Und tatsächlich, an diesem Abend betrugen die Einnahmen 22.5O Euro.
Ritschie war es gewohnt auch vor dem Lokal zu promenieren, immer so zwischen 17 und 18 Uhr. Er saß dann auf der Schulter von Mutter oder Sohn und machte sein Begehren dadurch kund, dass er am Ohr knabberte, also am Menschenohr. Draußen guckte er sich neugierig nach allem um, beobachtete die Autos, sprach auf seine Art mit Passanten und sorgte für Aufsehen.
Polina ist es völlig unverständlich, dass er eines Tages die Flügel hob und entschwand. Momentan schiebt sie alles auf die Hormone, wobei sie das H nicht aussprechen kann, also die Chormone sind schuld. Frau Flöter meinte dann, dass es doch jetzt Herbst sei und die Brutzeit längst vorbei. Aber Polina weiß, dass der Vogel eine venezuelanische Amazone ist und sie sagte gleich: In Venezuela ist jetzt aber Sommer. Dagegen ist nichts einzuwenden – nur sind bei uns jetzt schon Nächte mit Nachtfrost angesagt und dann wird es kritisch für Ritschie.
Frau Flöter, die dem Artikel mit Spannung entgegensieht, glaubt nicht an eine glückliche Rückkehr von Ritschie , sie hofft aber auf finanziell gutgestellte Menschen, die dieser Artikel, wenn er denn so geschrieben ist, wie Frau Flöter ihn schreiben würde, rührt, und die einfach die Anschaffung eines neuen Papagei `s möglich machen, es muss ja nicht gleich einer sein, der aus Venezuela kommt.
Und dann könnte Polina wieder lachen, sie lacht so schön.
Am 17. Oktober 2007 um 22:57 Uhr
Hallo Ashoggi,
ist wieder sehr schön geschrieben, ich lese Deinen Stil sehr gern.
Sehe alles deutlich vor mir und wünsche Polina von ganzem Herzen – und dem Papagei natürlich auch – , dass er zurückfindet! Und zwar bald.
Ein Tipp noch für Elvira Flöter: Wenn sie sich solche Sorgen macht, ob der Artikel auch “richtig” geschrieben wird – manche Zeitung freut sich über gut vorbereitete Texte!
Grüße von
space
Am 28. Oktober 2007 um 11:42 Uhr
Vielen Dank, liebe space – da die Geschichte hier wieder aufgetaucht ist, möchte ich noch vermerken, dass der Papagei endgültig weg ist und sich auch leider kein Mensch erbarmt hat. Es gibt keinen neuen Vogel und der Käfig steht nach wie vor mit offener Klappe im Lokal.
Die Klappe zuzumachen bekommt man nicht übers Herz. so bleibt wenigstens noch etwas Hoffnung.
Am 2. November 2007 um 21:14 Uhr
Liebe ashoggi,
Deine Geschichte geht zu Herzen….
Auch ich habe hier in meinem Hexenhaus einen Käfig mit einer offenen Tür.
Mit einem kleinen Unterschied:
Es hängt ein Zettel daran, auf dem geschrieben steht:
” ich bin so frei…….piep!”
Und das tröstet und stimmt versöhnlich…
Alles Liebe
Freifrau