Salvatore
Salvatore
Freitags heiraten bekanntlich viele Leute, wohl weil dann das Wochenende naht.
Aus diesem Grund ist auf dem Marktplatz immer was los. Dort stehen dann die Angehörigen oder Kollegen um das Brautpaar, das ja nun ein Ehepaar ist, entsprechend zu empfangen. Manchmal müssen Bäume zersägt werden oder das Paar muss durch ein ausgeschnittenes Herz in einem Bettlaken steigen, andere Kunststücke vollbringen oder wenigstens für die Kinder Bonbons schmeißen.
Gestern überquerte Frau Flöter den Marktplatz und traf auf Salvatore. Dieser kam mit dem ersten Schwung Italienern in den 50-er Jahren nach Deutschland. Er ist inzwischen alt und alleinstehend – die Frauen haben ihn fertiggemacht – sagt man. Auf jeden Fall liebt Salvatore seine Trompete, aus der immer wehmütige Fetzen von Musik kommen. Er spielt eigentlich nie dauerhaft und auch nie irgendwie zu Ende. Er ist meist unrasiert, aber nicht, weil dies chic wäre, sondern weil er sich eben nur alle vier Tage dieser Prozedur unterzieht. Man versteht ihn sehr schlecht, er nuschelt. Er nuschelt nicht nur, wenn er deutsch spricht, sondern auch beim Italienischen, sodass er von allem Menschen schlecht verstanden wird.
Salvatore war deshalb glücklich, Frau Flöter zu sehen, weil diese ihn einigermaßen versteht und er fragte sie sogleich nach der Hochzeit des Orthopäden, die um die Mittagszeit stattfinden sollte.
Dem wolle er ein Ständchen bringen, das habe der sich verdient. Frau Flöter fand heraus, dass die Trauung um 14.30 stattfand und blieb ebenfalls stehen. Aber es tat sich nichts, das Brautpaar ließ auf sich warten, man vertrat sich die Füße, schlug die Arme um den Körper, es war kalt, ein kalter Tag im Oktober. Salvatore packte seine Trompete ein und aus, dann umwickelte er sie mit einer Wolldecke – eine kalte Trompete gehte nicht, sagte er.
Und dann endlich war es so weit. Aber kaum war das Brautpaar zu sehen, erschallte eine laute Musik aus einem Lautsprecher – irgendsoein Hochzeitsmarsch, angestellt von einer Dame im weißen Frack, die hinter einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Kiste stand, in der sich weiße Tauben befanden.
Das Brautpaar blieb erst stehen und schritt dann auf die Dame zu, die bereits durch das Mikrophon Segenssprüche, die alle mit Tauben zu tun hatten, in Richtung Brautpaar schleuderte.
Das frischgetraute Paar musste nun jeweils eine Taube in die Hand nehmen, dann wurde die Kiste geöffnet und alle Tauben flogen davon, auch die, die sich in den Händen des Brautpaares befanden.
Erst danach konnte Frau Flöter sich wieder nach Salvatore umschauen, der stand da wie ein begossener Pudel, die Trompete noch in der Hand, jetzt war alles umsonst, er war einfach überrollt worden.
Oder besser gesagt, überschallt worden.
Weißt Du was, sagte Frau Flöter – ich fand das alles etwas kitschig – und hätte viel lieber Deine Melodie gehört und den Orthopäden, den kenne ich und der hätte sich über Dein Spiel sehr gefreut – da grinste Salvatore – kaum noch einen Zahn im Mund.
Er wickelte die Trompete ganz behutsam wieder ein und ging woanders hin.
So sind sie, die Italiener.
Am 8. November 2007 um 22:08 Uhr
hat mir sehr gefallen, die Geschichte. Sehr gut geschrieben und wie das Leben eben so ist. Sie hat mich berührt. Danke.
Am 8. November 2007 um 22:55 Uhr
Eine sehr schöne Geschicht, hat mich sehr berührt.
Am 10. November 2007 um 09:45 Uhr
Ich würde mir wünschen, Salvatore würde zu meiner Hochzeit spielen, wenn ich denn heiraten würde – lach. Eine wirklich schöne Geschichte