Sie stehen im Keller
Sie stehen im Keller.
mal ganz ehrlich, hätten sie hier auch angeklickt, wenn die Überschrift “Gehhilfen” gewesen wäre ?
Ja oder nein – eher nein, wahrscheinlich, denn Gehhilfen haben einen üblen Beigeschmack, zu Unrecht, wie mir scheint. Man muss die Dinge nur liebevoll betrachten – und deshalb möchte ich auf meine Gehhilfenzeit zurückblicken.
Sie stehen im Keller.
Gestern habe ich sie dort abgestellt – mit einem lachendem und einem weinenden Auge, denn sie sind mir in diesen 6 Wochen doch sehr vertraut geworden, ja fast ans Herz gewachsen.
Oben und ganz unten haben meine ein kräftiges blau, unterbrochen von organgefarbenen Strahlern, das macht sie verkehrstauglich, der Rest ist Alu, silberfarben, sieht irgendwie schnittig aus, das ganze. Und verstellbar sind sie auch noch, also ganz auf den persönlichen Typ einstellbar. Was will man mehr.
Ich habe mich von Anfang an bemüht, damit einen sportlichen Eindruck zu hinterlassen, also so etwas wie ein Walking mit Unterarmunterstützung zu kre-iren.
Mein Gang wirkte nicht schleppend oder gar krank, sondern eher federnd, leicht, beschwingt, dem Frühling angepasst aber keineswegs erotisch.
Die Partie zwischen Taille und Fuß bleibt ziemlich steif und wirkt statisch.
Aber egal, ob es der Gang war, die mattglänzenden Gehhilfen oder die Sonnenbrille, die ich mir neu gekauft habe, eine so a la Lagerfeld; ich wurde nicht übersehen, ganz im Gegenteil.
Es ist nicht zu glauben, wie viele Leute man kennen lernt mit diesen Dingern. Beim Einkaufen fragt jeder zweite, ob er helfen kann.
Verläßt man einen Zug, sieht man direkt, dass alles um einen herum griffbereit ist und dann lächelt, weil der, der helfen will sieht, dass der Hilfsbedürftige das allein schafft. Es menschelt überall und man erregt weit mehr Aufsehen, als man denkt.
Beim Spazierengehen in freier Natur, am See oder auf Trimmpfaden wird man ständig angesprochen, erst Mitleid und Neugier zeigend, dann, weil man selbst etwas zu erzählen hat. Zahlreiche Menschen mit künstlichen Hüften habe ich kennen gelernt, ein paar Ersatzkniee waren auch dabei, allerdings in der Minderzahl.
Und jeder passte seinen Gang meinen Schritten an, so dass ich kaum allein war, wenn ich lief.
Bei Hüftoperationen kann ich inzwischen mitreden. Ich kenne schon einige Varianten – es gibt verschiedene Implantate, man glaubt es kaum. Und dann die Maßnahmen danach, die unterscheiden sich enorm !!!! Lymphdrainage ist unbedingt zu empfehlen und dann gibt es die verschiedensten Reha-Kliniken – bei einigen Krankenkassen kann man Wünsche äußern, es ist wirklich ganz erstaunlich, was einem alles erzählt wird, dabei blieb es nie nur bei der medizinischen Versorgung.
Ich hörte, welches Kind am meisten kam, wer sich besonders kümmerte, ganz zu Schweigen von den Essensplänen und dem was sonst so geboten wurde.
Was macht die Menschen so mitteilsam, kann es sein, dass sie sich aussprechen wollen und wissen man kann nicht weglaufen ? Oder ist es eine Art der Verarbeitung, wenn man über seine Leiden, bezw. die überstandenen Leiden sprechen kann.
Das würde auch erklären, warum ich hier schreibe.
Wie auch immer, sollte ich im nächsten Frühjahr irgendwelche Triebe verspüren, werde ich in den Keller gehen, das Alu schön blank putzen, die orangefarbenen Glasplatten oder Strahler polieren und mich auf dem Weg zum See machen.
Dort, und das weiß ich inzwischen ganz genau, wird man gefunden.
Am 16. April 2007 um 19:22 Uhr
Liebe Ashoggi, schon wieder führt mich der Zufall auf Deine Seite…
Ich habe Ähnliches erlebt, nur daß meine Gehhilfen ein schönes Türkis aufzuweisen haben. Sie stehen auch nicht im Keller, sondern hinterm Schrank,allzeit bereit, hervorgeholt zu werden bei Bedarf.
Vor sieben Jahren taten sie gute Dienste, nach einem Oberschenkelhalsbruch in der Türkei(!!!). Obwohl es sehr mühsam war,von 0 anzufangen mit den Bewegungen, möchte ich die Zeit nicht missen. Man ist in der Situation, daß man umkommen würde , wenn nicht jemand zu Hilfe käme. Diese Situation läßt dankbar werden allen gegenüber , die sich im wahrsten Sinne des Wortes “erbarmt” haben, ob es die kleine Nachtschwester in Alanya war oder später die Ärzte und Pflegerinnen in Deuteschland, ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben. Das läßt mich jeden Tag anders erleben als in der Zeit vor dem Unfall.
Ich bin dankbar, wieder gehe zu können, wenn auch nicht ganz so gut wie vorher. Auch ohne Gehhilfen inzwischen!!
Am 16. April 2007 um 23:09 Uhr
Liebe ashoggi – wunderbar sind deine humorvoll-frechen Betrachtungen zu so einem todernsten Thema.
Blöd, dass ich “nur” einen athritischen Daumen habe- da lässt sich gar nichts so Kommunikatives draus machen – oder doch?
Ursl
Am 19. April 2007 um 00:15 Uhr
Hallo Ashoggi,
wie immer ist auch dieser Beitrag von sehr herzerfrischender Art trotz des ernsten Themas! Hatte vor 2 Jahren auch das “Vergnügen” nach einer Meniskus-OP gut 2 Wochen mit diesen netten – in diesem Fall mit leuchtgelben Plastikteilen versehenen – Gehhilfen unterwegs zu sein. Diese haben in der Tat zur Kommunikation mit ansonsten eher etwas zurückhaltenden Menschen (ich wohne hier in einem Kiez wo sozusagen Jeder Jeden kennt, zumindest vom Sehen) beigetragen… nun stehen die Teile in der Kammer – soll ich doch aufheben, falls mal wieder was ist … – und ich hoffe bei jedem Blick darauf sie nie wieder zu brauchen…
Dir wünsche ich alles Gute und dass die Teile mal brav im Keller stehen bleiben können und du sie nicht wieder brauchst!
Liebe Grüße aus Schwerin
Foxifix
Am 19. April 2007 um 08:35 Uhr
Hi ashoggi, – sehr entspannte und differenzierte Sichtweise zu einem sicher zeitweise für Dich weniger entspannenden Thema, – Dein Umgang mit dieser Situation müsste eigentlich Ansporn und Vorbild für viele in dem Forum sein,…Achim
Am 23. April 2007 um 08:16 Uhr
danke Euch allen für Eure Kommentare – natürlich ist der Hintergrund ernst und durch bin ich auch noch nicht. Irgendwann kommen die Drähte wieder raus – das ist dann aber nur eine Fleischwunde und wird wahrscheinlich schnell heilen.
Cornelia – mein Vater hatte in Italien einen Obers chenkelhalsbruch – Anfang der 80er Jahre – also ich weiß in etwa, wie das im Ausland so ist. Da ist man wirklich auf viel viel Hilfe von gutmeinenden Menschen angewiesen – aber alles das gehört ja auch zum Leben dazu und deshalb kann es ein Thema sein. Liebe Grüße euch allen ashoggi
Am 27. April 2007 um 10:53 Uhr
Hallo Ashoggi,
Glückwunsch!!!
Wünsche Dir vor allem auch weiter viel Kraft, Humor und Optimismus.
Herzlichen Gruß von
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