Übers Alleinesein, von der Freiheit, alles tun können, was man will und einer ganz bestimmten Sehnsucht….

Da habe ich nun ach, ein Leben lang Spaghetti, Griesbrei und Braten gekocht, Wäsche gewaschen, Tonnen an Lebensmittel aus dem Supermarkt geschleppt.
Tausende an SchülerInnen mit humoriger List und Tücke Aufsatz schreiben und englische Vokabeln beigebracht.
Und mich nie gefragt, ob das alles sein soll, es gab keinen Grund, sich diese Frage zu stellen.
Es war einfach in Ordnung.
Die Routine das Alltags war fraglos sinnhaft.

Die Kinder sind nun aus dem Haus, eilen ab und zu herbei, laden Sorgen ab und bringen Erinnerung an Jugend.
Alles ganz normal, eigentlich.
Eigentlich.
Wäre nicht die, die dies schreibt, aus der Bahn geworfen.
Wäre diese eine Kuchen backende Besuchsmutter.
Dem ist nicht so.
Sie ist poststudentisch.
Dreht die Musik ab und zu so laut, wie sie es will.
Sitzt im Kerzenschein dabei und träumt.
Geht um elf Uhr noch aus dem Haus in die Kneipe- das eigentlich eher selten, fast nie.
Könnte sie aber – wenn sie wollte!!
Könnte alles, was sie wollte.
Am Flughafen einfach ein Ticket. kaufen.
Und fliegen, fliegen.
Wohin sie will.
In der Kneipe, in die sie nicht geht, einen wildfremden Mann ansprechen.
Eine wilde Nacht mit ihm verbringen.
Und am anderen Morgen diese Freiheit weiterleben.
Diese Freiheit.
Die am Sonntag abend darin besteht, sich verdammt alleine zu fühlen.
Übrigens am Montag, Dienstag, Mittwoch abend auch….nicht immer und immer weniger…..
Aber.
Dagegen gilt es etwas zu tun.
Chatten im Internet.
Telefonieren mit denjenigen mit der gleichen Menge an Zeit.
Schreiben von mails an Menschen mit der gleichen Freiheit.
Depressionsanflug, wenn „keine neuen Nachrichten“.
Wenn der Anrufbeantworter kalt leer lächelt.
Es gab Zeiten, da freute ich mich über Post von der Ökokiste, von gmx.
Und hatte ein intensives Telefonverhältnis mit der Bo – frost-Tante.
Und will es nicht verschweigen, dass der Tankwart, der freundlich zu mir war, mich zu einem Tränenausbruch bringen hätte können.
Den ich selbstverständlich unterdrückte – wer weint denn schon beim Tanken!
Es gibt keine vertraute Langeweile eines uralten Ehepaares in meinem Leben.
Ich bin dem Abenteuer der Freiheit ausgesetzt.

Nicht dass ich das jetzt nur sarkastisch meine.
Nicht doch.
Die hat schon auch was, diese Freiheit.
Meine Freundinnen beneiden mich allesamt.
Sehen es von Vorteil, dass mich keinerlei nicht erfüllte Erwartungen des Partners enttäuschen oder zu Trotzfeldzügen animieren.
Fragen mich allen Ernstes, warum ich noch einen Mann bräuchte.
Verbinden damit Hemden bügeln, verständnisloses Brummeln und liebloses Schweigen.
Ich habe noch nie Hemden gebügelt und manchmal wäre mir liebloses Schweigen lieber als die absolute Stille meiner Freiheit.
Und verständnisloses Brummeln – dafür würde ich einen ganzen Tag meines neuen Lebens opfern.
Mehr aber nicht, nein!

Klinge ich traurig, einsam, ratlos…..alles drei bin ich.
Manchmal.

Heute war ein wunderbarer Herbsttag.
Am See lag Laub und standen Bänke, Bootsstege gab es.
Auf den Bänken saßen Paare, alte Paare auch.
Auf den Bootsstegen lagen Menschen, standen Kinder.
Am Tisch neben mir im Cafe saß ein schweigendes altes Paar.
Wie viele Jahre sie wohl schon miteinander gelebt haben?
Miteinander geschwiegen haben?
Ihr Schweigen hatte nichts Verwerfliches.
Das Vertrauen darin schwappte zu mir.
Allesamt Bilder.
Elegische Bilder.
Bilder, die meinen Sonntagabend besonders hart machen.
Ich hab den blues.

Es gibt Menschen in meinem Leben.
Menschen, die mich begleiten.
Menschen, die da sind.
Und es gibt, ich weiß es.
Einen Menschen, der da irgendwo ist.
Irgendwo im Virtuellen vielleicht.
Jenem Begegnungsort für solche wie mich.
Wie uns.
Die nicht tanzen gehen, nicht in der Kneipe sitzen.
Und die ein Leben lang diese Freiheit genießen könnten und diese Sonntag- Montag- Dienstagabende ausfüllen dürften.
Mit Musik, die sie so laut hören können, wie sie wollen.
Mit der Option hinfliegen zu können. wo sie wollen.
Ohne Erwartungsenttäuschung.
Ohne Hemden bügeln zu müssen.

Und ohne die Vertrautheit im Schweigen.
Und ohne das Kratzen eines Männerkinnes.
Ohne die sanfte Haut einer Frau.
Ohne albernes Lachen miteinander.
Ohne die Ernsthaftigkeit eines wesentlichen Streites.
Ohne Versöhnen hinterher.
Ohne jener Millionen Jahre alten Begegnung zwischen Mann und Frau, die nichts ersetzt.
Die Hemden bügeln und Reifenwechseln zu einem Füreinander macht.
Das die so sehr vergessen, die es leben.
Das die sich nicht wirklich sehnen wagen, die es verloren haben.

Morgen ist Montag.
Und dann eile ich durch den Alltag und vergesse die Elegie des Sonntagabends.
Und freue mich über alles, was da so ist.
Und werde abends meine Blusen bügeln und mir vorstellen, es wären Hemden……………

8 Reaktionen zu “Übers Alleinesein, von der Freiheit, alles tun können, was man will und einer ganz bestimmten Sehnsucht….”

  1. Helena1946

    ….ja vivara – deine ambivalenten Befindlichkeiten zeigen mal wieder die seltsamen Gesetzmässigkeiten, die Oscar Wilde in einem seiner Zitate beleuchtet:
    “In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.”

    Liebe Grüße
    Helena1946

  2. Hans-G.

    Sehr poetisch liebe Vivara.
    Ich glaube daran: Es gibt den Tag, die Stunde, da kann man (frau) sein Leben in die gewünschte (ersehnte?) Richtung verändern. Es ist aber dann das Problem vorhanden, ob man (frau) es auch bemerkt und die Möglichkeit nicht im Schwall der erklärende Worte, der sich Begegegnenden, unterzugehen droht. Aber wie im “wirklichen Leben” weiß
    man (frau) immer erst mit einem gewissen Abstand, was wirklich Bestand hat.

    Liebe Grüße
    Tolomeo

  3. barbarella

    Hallo liebe Vivara,
    ich lese ja selten hier im Forum aber dein Brief hat mich doch wirklich
    fasziniert auch weil ich mich in dem was du schreibst , identifiziere .
    Ich habe jetzt auch eine Freiheit , mit der ich oft nichts anzufangen weiss . Ich habe auch eine gewisse Unabhaengigkeit was man
    auch als Freiheit auffassen koennte , die aber nicht notwendigerweise gluecklich machen muss.
    Auch wenn ich frueher immer in Eile war und kochen musste (!) , da war’s
    noch Muss und jetzt habe ich die Freiheit zu entscheiden , ob ich will odernicht. Zu der Zeit war das tun . organisieren , eilen und vorbereiten einfach
    selbstverstaendlich wenn auch eine Last, heute bin ich frei …… aber das was mir fehlt ist von geliebten Menschen gebraucht zu werden.
    Man sucht sich wohl andere Aufgaben , Volontariat , man betreut Menschen im Altenheim , man sucht die Naehe der Freundinnen , der Gleichgesinnten. Man formt eine Gruppe von Singles , die einen die es aus freiem Willen sind,die anderen weil der Partner nicht mehr ist, aber eine gewisse Leere bleibt …… man kann die Freiheit nicht immer und nicht ueberall geniessen.
    Vielleicht weil wir bewusst oder unbewusst doch immer noch auf der Suche nach einer Person sind , die uns braucht und die uns gefaellt und in die wir uns verlieben koennen .
    Liebe , das ist das was wir suchen bis ans Ende der Welt , nicht die Freiheit !

    Barbarellas Gedanken !

  4. herbstzeitlose1

    Ich würde gerne so schreiben können wie du oder so wie Mascha Kale´ko

    Sehnsucht nach dem Anderswo

    Drinnen duften die Äpfel im Spind,
    prasselt der Kessel im Feuer.
    Doch draußen pfeift Vagabundenwind
    und singt das Abenteuer!

    Der Sehnsucht nach dem Anderswo
    kannst du wohl nie entrinnen:
    nach drinnen wenn du draußen bist
    nach draußen bist du drinnen.

  5. Noiram

    Liebe Vivara,

    als langjährig geübter Single kann ich Deine Gedanken verstehen, sind wir Frauen doch allesamt dazu erzogen “brav zu dienen”, unsere Lieben möglichst gut zu unterstützen, lieber den anderen den Vortritt zu lassen und selbst zurückzustecken, immer so ein bißchen mit dem Gedanken im Hinterkopf “sie werdens mir später schon danken, ich habe ja auch eine Menge getan für sie, wenns ihnen nur gut geht, dann bin ich schon glücklich”. Hand aufs Herz: Wer hatte diese Gedanken noch nicht? mich inkludiert.

    Ich habe mir darüber und über vieles andere so meine Gedanken gemacht und bin zum Schluß gekommen, daß dies nur ein Gesellschafts- oder Rollenmodell ist, das in unseren Breiten propagiert wird und mit dem man dann auch am besten fährt, weil es “gesellschaftsfähig” und “konform” ist.
    Meiner Meinung nach gibt es aber die unterschiedlichsten Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, ob nun als Single oder in einer Partnerschaft. Dazu braucht es aber Mut einmal auf seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu schauen und diese liegen bei Frauen bei Gott nicht alle beim Familie gründen und Kinder kriegen und dem Mann den Rücken für die Karriere frei halten.
    Single-Sein oder als solcher zu leben ist ein lebenslanger Lernprozess, eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der Gesellschaft, seinem Umfeld. Und es hat auch nicht jeder die Stärke und Neugierde, sich darauf einzulassen.
    Es gibt auch andere schöne Dinge im Leben als die Suche nach einem neuen Partner, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Das einzige, das mich bei meinem Single-Leben noch immer wurmt, sind die unverschämt hohen Einzelzimmerzuschläge bei Reisen als ob wir Aussätzige wären. Eine Diskriminierung, die ich immer wieder anprangere und die Veranstalter langsam zum Umdenken anregt.

    In diesem Sinne: genießt die Freiheit in vollen Zügen und laßt es Euch gut gehen!

  6. Katzenfreundin

    Liebe Vivara,
    zunächst einmal darf ich dir sagen, daß dein Artikel mehr über dich und deine Lebenssituation aussagt als dich vielleicht bewußt ist. Aber um das von dir und so vielen sehr strapazierte Wort “Freiheit” wirklich zu definieren, schlage ich vor, über das Zitat von Jean-Jacque Rousseau etwas nachzudenken, das m.E. den Nagel auf den Kopf trifft: “Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern, daß er NICHT TUN MUSS, was er nicht will”. Somit ist duchaus auch in einer Partnerschaft “Freiheit” möglich.

  7. froggy

    Toll geschrieben.
    Für mich voller Melancholie und mit einer gewissen Traurigkeit gefüllt.
    Freude, aber auch mit Wehmut, taucht erst zum Schluss kurz auf.
    Es ist deine Freiheit so zu sein, dein Leben so zu sehen und es auch so zu leben.
    Aber möchtest du so leben?
    Nimm die jetzige Jahreszeit. Es ist Herbst geworden. Die Tage werden kürzer. Die Blätter sind gefallen. Aber der Baum steht noch. Ich weiß, dass ein neuer Frühling kommt, ich muss warten. Ein neuer Anfang steht bevor.
    Solange noch Bäume stehen, solange wir Fragen stellen, solange Menschen aufstehen, Tränen fließen und Träume geträumt werden, ist immer wieder ein neuer Anfang möglich.
    Und jeden Tag Freude. Was wäre ein Leben ohne Freude.

  8. Ingrid

    servus,
    bin seit heute mitglied dieser community. als gestandene bloggerin hab ich das hier natürlich sofort entdeckt. und mich in beinahe jeder zeile dieses artikels wieder gefunden.

    mein mann hat nach 21 jahren gemeinsamkeit und nach zwei kindern “seine zweite hälfte”, also seine idealbesetzung zum altwerden, gefunden. und reisende soll man ziehen lassen, heisst es. wenn das herz nicht mehr da ist, braucht der körper nicht zu bleiben…..

    “eine ganz bestimmte sehnsucht” – ja, die hab ich auch. ;-) und ein bisschen melancholie schadet nicht.

    danke für diese zeilen
    und auf sonnige zeiten ;-)
    ingrid