Über´s Rentner werden, wollen, müssen, sein
Vor zwei Jahren, an einem Freitag war es, so kurz nach der Mittagaspause. Mein Chef kam in mein Büro und meinte: ” Herr…schauen sie doch nachher mal kurz zu mir `rein”. Ich hatte vor ein paar Tagen, als Bau- und Projektleiter, die letzten Schlußrechnungen an den Bauherren übergeben und eine abschließende Liste mit einer Aufstellung von Gewährleistungsfristen für die ausgeführten Bauarbeiten. Wochen zuvor hatte die mangelfreie und termingerechte Übergabe des Gebäudes an den Bauherren, unter Einsparung von ca. 1Mio €, im Rahmen einer großen Feier stattgefunden. Die lokale Presse war anwesend, alle Honoratioren der Stadt, der Vorstand des Bauherren, einer Bank, meine beiden Chefs und viel Publikum. Als erster Redner trat der Vorstandsvorsitzende der Bank ans Pult und erläuterte die Wichtigkeit der Baumaßnahme für die Verbesserung der Serviceleistungen der Bank in dieser Region, wie wunderbar das Gebäude sei und das dies alles vorallem dem ganz großen Einsatz unseres Bauleiters, Herrn … zu verdanken sei. Die nachfolgenden Redner sahen sich nun wahrscheinlich gezwungen mich auch in ihrer Rede zu erwähnen.
Nach Abschluß der feierlichen Schlüsselübergabe begann das große Schulterklopfen und ich wähnte mich im siebten Himmel und dachte mir am Abend, still und allein in einer Eckkneipe ein Glas Rotwein trinkend, da hast du dir doch noch eine gute Ausgangsposition für die kommenden Jahre geschaffen.
Also ließ ich meinen Chef nicht lange warten. Ich begab mich, nichts Unangenehmes ahnend, in sein Büro. Er bat mich doch bitte die Tür zu schließen. Lieber Herr … die Situation in der Bauwirtschaft hat sich auch für uns Architekten sehr verschärft, größere Aufträge stehen leider in den kommenden Monaten nicht an und wir müssen unsere Kosten im Auge behalten. Wir bedauern sehr sie als Mitarbeiter zu verlieren.
In mir viel irgend etwas herunter.
Natürlich mußte ich zur Arbeitsagentur. In den darauf folgenden Monaten durchforstete ich die Stellenanzeigen der regionalen und überregionalen Presse nach geeigneten Stellenausschreibungen. Ich verschickte mindestens 200 Bewerbungsmappen mit schönen farbigen Zeichnungen, Fotos realisierter Bauvorhaben, Lebenslauf und Zeugnissen, alles in Hochglanzausführung. Zwei Einladungen zum Vorstellungsgespräch waren das magere Ergebnis. Dort hieß es dann: Herr … sie sind leider für die ausgeschriebene Stelle überqualifiziert. “Wir bedauern sehr, sie nicht einstellen zu können, und wir wünschen Ihnen viel Erfolg auf ihrem weiteren Berufsweg.”
Nach ca. 3 Monaten erhielt ich von der Arbeitsagentur eine Einladung zu einer “Informationsveranstaltung”. Die wollen wohl Unterstützung bei der Suche nach einer Arbeitsstelle an den Mann bringen, dachte ich.
Der Redner leitete die Eröffnung der “Informationsveranstaltung” etwa mit folgendem Satz ein: “Meine Damen und Herren, sie sind alle über 58 Jahre alt und wir haben sie hergebeten, um Ihnen die Vorteile der Rentenbeantragung, ohne Abzug, zu erläutern.”
Bum, dachte ich, jetzt wirst Du zum Rentner gemacht.
Vor der “Informationsveranstaltung” war ich noch für ca. eine Stunde im Perlacher Forst zum Waldlauf und war natürlich der letzte, der den Raum betrat. Noch etwas erhitzt vom schnellen Duschen und Umziehen.
Die folgenden Monate waren mit Stellensuche, Kursbelegungen zur Existenzgründung, Marketing, Geschäftsführung, Steuerrecht, Vertragsrecht, Kontaktaufnahme mit ehemaligen Auftraggebern und mit der Erarbeitung eines sogenanten Business-Planes randvoll ausgefüllt.
Inzwischen laufe ich dreimal in der Woche meine Waldrunden und habe Visitenkarten gedruckt, einen Imageflyer 75 mal verschickt, betreibe Zielgruppen-Segmentierung, versuche einen Internetauftritt herzustellen, besuche Immobilienmessen und Fortbildungsseminare zur Immobilienbewertung.
Mein altes Architekturbüro beschäftigt mich mit Kleinaufträgen, die ein erklägliches Einkommen schaffen und vor ein paar Tagen habe ich ein Angebot für einen Großauftrag abgegeben und erinnere mich an den Lieben Gott, er möge mir doch noch ein paar Berufsjahre schenken.
Jetzt, nach dem ich fast jedes Baudetail in null-Komma-nichts auf der Baustelle, zur besseren Erläuterung für den Handwerker, an die Wand skizziere, dem Kollegen klar lege, warum er die Betonstütze doch lieber, wegen der besseren Raumwirkung, um 30cm nach links verschieben muß, fange ich im Prinzip bei Null wieder an und versuche mich, solange es geht, vor dem Rentnerdasein zu drücken.
Natürlich habe ich mir ein Haus gebaut, als “Altersruhesitz”, aber daß ich dort im Garten die Hecke beschneide, das Unkraut zupfe und das Herbstlaub zusammen harke und abends, nach getaner Gartenarbeit, zufrieden vor dem prasselnden Kamin sitze, mit einem Glas Rotwein in der Hand, kann ich mir zwar ausmalen, aber es kommt mir noch wie ein Spießerleben vor.
Tolomeo
Am 24. November 2006 um 19:45 Uhr
wie recht Du doch hast – bin in der gleichen Branche und kann ein Lied davon singen. Ich habe diese Situation in ein paar sarkastische Tatsachen gefasst:
22 Tatsachen (Die Reihenfolge ist keine Rangfolge !)
1. Tatsache ist: Ich bin arbeitslos (eigentlich arbeitssuchend !!!) und ALG 2 – Empfänger. und manchmal selbständig tätig, wenn man mich lässt
2. Tatsache ist: Ich habe nicht jahrelang studiert und mich in Weiterbildungskursen sowie autodidaktisch weiterentwickelt, um ALG II – Empfänger zu werden.
3. Tatsache ist: Ich wollte immer und will immer noch (!!!) arbeiten.
4. Tatsache ist: Ich habe der Zeit meiner Arbeitslosigkeit weder vom Arbeitsamt noch von der Arbeitsgemeinschaft zur Integration in Arbeit eine einzige Stelle angeboten bekommen.
5. Tatsache ist: Ich habe mich in diesen Jahren über 600 mal beworben, als Projektsteuerer (mein jahrelang ausgeübter Beruf), Baubetreuer, Gutachter, Sachverständiger, Kraftfahrer, Pförtner, Buchhalter, verschiedene Positionen bei Flughäfen, Technischer Leiter etc., habe versucht, mich auf freiberuflicher Basis selbständig zu machen und, und, und …
6. Tatsache ist: Ich habe nur Absagen und keine Unterstützung (Ausnahmen: Kurs Wertermittlung und 6 Monate Überbrückungsgeld) bekommen.
7. Tatsache ist: ALG II ist unter dem Gesichtspunkt „menschenwürdig“ zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig (manche Gerichte denken seit gestern darüber anders) – angemessene Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist nicht möglich
8. Tatsache ist: Ich habe früher > 6.000 Euro netto verdient und erhalten, musste inzwischen mein gebautes Einfamilienhaus so stark unter Preis verkaufen, dass mir eine Verbraucherinsolvenz nicht erspart blieb, bekomme jetzt um 600 Euro ALG II, musste vorher meine private Rentenversicherung mit Verlust verkaufen und umziehen. Renne Fehlzahlungsdifferenzen und der stark geminderten Intelligenz der mich „bearbeitenden“ Mitarbeiter sowie von denen verschlampten Unterlagen hinterher.
9. Tatsache ist: Ja, es stimmt: ich nehme nicht mehr jede Arbeit an, wenn mir mal eine angeboten werden würde, weil … siehe 10. bis 14.
10. Tatsache ist: Ich arbeite z. B. nicht mehr für Firmen, die mir für jeden Krankheitstag einen Tag Erholungsurlaub abziehen.
11. Tatsache ist: Ich arbeite z. B. nicht mehr für Firmen, die monatelang keinen Lohn zahlen.
12. Tatsache ist: Ich arbeite z. B. nicht mehr für Firmen, in der Ausländer vom Chef als Kanaken bezeichnet und alle Mitarbeiter regelmässig beleidigt werden.
13. Tatsache ist: Ich arbeite z. B. nicht mehr für Firmen, wo ich in einer Ing.-Position eingestellt werde und die „Ziegen und Schafe des Chefs füttern und versorgen“ (sprich: einen längeren Zeitraum Buchhalter spielen) muß.
14. Tatsache ist: Das alles erlebte ich nicht in einer Firma, sondern in mehreren – im ersten Halbjahr gerade wieder – ohne dass ich mich wirklich wehren könnte, da ich zwar von der Firma mit dem intelligenten Namen (Arbeitsgemeinschaft zur Integration in Arbeit) verpflichtet wurde (ABM – Stelle: statt als Dipl.-Ing. sollte ich die Tätigkeit eines Poliers für stolze 900 € brutto ausüben – habe natürlich zugestimmt), jedoch im Nachgang dieses auch auf Nachfrage aus mir nicht benannten Gründen doch nicht erlaubt wurde.
15. Tatsache ist: Die Bezahlung ist für mich zweitrangig, wenn auch nicht unwichtig, da lebensnotwendig.
16. Tatsache ist: Ich kenne sehr viele Leute, die arbeitssuchend sind und genauso verzweifelt einen Job suchen.
17. Tatsache ist: Auf zahlreiche Nachfragen bei Firmen, bei denen ich mich beworben und eine Absage bekommen habe (oftmals bekommt man nicht mal das), wurde mir mitgeteilt, das auf die jeweilige Stelle zwischen 400 und 8000 (!) Be-werbungen eingegangen sind.
18. Tatsache ist: Hartz IV ist angeblich dafür gemacht worden, um Schmarotzern die Arbeitsunlust zu nehmen. Keiner denkt an die, die damit auch bestraft werden, weil Arbeitsplätze einfach nicht da sind. Und aus der Tatsache, dass ich ohne Arbeit bin, schließe ich nicht, dass ich ein Schmarotzer bin.
19. Tatsache ist: Keiner bestraft diejenigen, die durch Missmanagement (besonders Behörden und die unterschiedlichsten Regierungsebenen sind daran mit jährlich ca. 30 Mrd. € beteiligt, wenn man dem Bundesrechnungshof Glauben schenken darf) Geld verschleudern, die Erpressung mittels Androhung von Arbeitsplatzverlagerung und exorbitante Ansprüche von Managern in den Führungsetagen zulassen sowie falsche Politik und Akzeptanz der Erpressbarkeit der Regierung durch die Unternehmen dafür als eigentliche Ursachen setzen. Das steht jedes Frühjahr in der Presse, wenn der Bundesfinanzminister seine neuen Geldbudget-Bedürfnisse anmeldet, eine Spalte daneben. Man kann bestimmte Bedürfnisse ja durch Gesetze legalisieren. Ich nenne das legalisierte Wegelagerei.
20. Tatsache ist: Ein Arbeitslosenhilfeempfänger, der früher bei 2000 Euro Nettoverdienst ca. 1000 Euro Arbeitlosenhilfe bekommen hat, erhält beim ALG II – 345 € plus Miete für eine „angemessene“ Wohnung. Ein ALG I – Empfänger, der aus dem o. g. Gehalt ca. 3.350 DM / ALH 3.100 DM, später ca.1.700 € / ALH 1.500 € erhalten hat, erhält heute das gleiche, wie der frühere Sozialhilfeempfänger, obwohl deutlich länger dafür gearbeitet wurde. Ich habe bereits fast 40 Jahre gearbeitet.
21. Tatsache ist: Keiner bezahlt meine Schulden, im Gegenteil: Geld, das ich mir per Nebenjob zu deren Tilgung erarbeitet habe, wird mir von der Arbeitsagentur bzw. der Arbeitsgemeinschaft zur Integration in Arbeit (welch ein Name und welch leerer Inhalt) ab > 165 € genommen. Vielen Dank auch für die neuen Zuverdienstmöglichkeiten, für welche die Arbeitsplätze bereits jetzt oder immer noch fehlen.
22. Tatsache ist: In der Schweiz gilt ein Existenzminimum in Höhe von ca. 1.500 CHF. In Deutschland gibt es diesen Begriff offiziell gar nicht. Jedoch wird z. B. bei Insolvenzen selbst von Gerichten davon ausgegangen und auch von jedem Gläubiger akzeptiert, dass Schuldner im Minimum 980 € für Ihre Lebenshaltung benötigen – das ist ca. 1/3 mehr als die „wohlwollende“ Regierung mit der Opposition bewilligt hat.
Am 25. November 2006 um 03:21 Uhr
hallo, warum wagst du nicht einfach etwas ganz Neues in der Gesundheitsbrache? Das hat Zukunft und es gibt kein zu alt, außerdem bist du dein eiener Chef….Möchtest du mehr erfahren? Dann nehme einfach Kontakt zu mir auf und ich erzähle dir meine Lebensgeschichte….
Am 25. November 2006 um 22:50 Uhr
Na, dann sag mir doch mal wie man sein eigener Chef in der Gesundheitsbranche werden kann.Bin zwar noch nicht arbeitslos, werde es
jedoch bald sein und das was deien Vorgänger beschreiben haben, kann ich nur voll und ganz bestätigen.
Gruß KEB
Am 26. November 2006 um 17:43 Uhr
Ich frage mich,wie kann jemand der 40 Jahre einen Monatslohn in der Größenordnung verdient hat und nicht vorgesorgt hat,hier jetzt rumjammern Otto
Am 27. November 2006 um 18:43 Uhr
mich wundert immer schon, was sich menschen alles gefallen lassen in dieser zeit der, ja wie nennt man diese zeit nun? in den 30ger jahren sagte man wirtschaftskrise. das passt jetzt nicht, denn der wirtschaft gehts ja gut, oder?
wenn ich mir im tv aus deutschland sendungen anschaue, dann habe ich das gefühl es gibt dort viermillionen sozialschmarotzer/innen die allesamt arbeitsscheu sind und nur dem staat auf der tasche liegen. da gibt es sozialfanderinnen, die prüfen ob da eh kein mann mitschmarotzt oder ob der herd, zwar alt und engergiefresser, warm wird. sah ich heute im mittagsfersehen.
darum freut es mich, dass zwei männer, die eine gute ausbildung haben, ganz schön verdienten, den mut haben hier zu erzählen, dass sie auch davon betroffen sind.
ja ja otto, da muss man gleich mit den holzhammer kommen und sein urteil abgeben. bin der meinung beide haben nicht herumgejammert und haben auch ganz klar erzählt, wie es ihnen ergangen ist. wenn man sein haus unter den preis verkaufen muss. da ist jammern erlaubt und seine würde darf jeder behalten.
nur wie schaut es mit der würde aus bei einem ein euro job? soll es nicht so sein, dass man mit seiner hände arbeit auch leben können soll und muss? alle menschen, die jemand um einen lohn arbeiten lassen, der einem almosen gleich kommt sollen sich schämen.
hab ein paar jahre in einem arbeitslosenprojekt gearbeitet. wir haben mit langzeitarbeitslosen menschen einen mittagstisch hergestellt. es hat mir sehr viel spaß gemacht. denn sozialarbeit und etwas herstellen ist eine gute sache. diese menschen, die bei uns halb zwangsbeglückt wurden. gehörten sozusagen zu der ärmeren schicht. das sind ähnliche die sich in diesen sendungen immer beschimpfen lassen. diese menschen sind aus eigener schuld, dummheit oder ungeschicktheit in not geraten. sie waren oft jahrelang arbeitslos. hatten irgendwann die decke über den kopf gezogen und sich leid getan. hatten schulden, keine wohnung oder hatten eine psychische erkrankung.
es war für mich wunderschön zu sehen, wie den leuten, die bei uns waren das arbeiten wieder spaß machte, obwohl kochen sicherlich nicht ihr traumberuf war. wie sie es schafften jeden morgen aufzustehen um zur arbeit zu kommen. viele haben es auch mit unserer hilfe geschafft einen job zu finden und zu behalten. aber das problem war eher, dass es keine jobs gab. ist alles schon ein paar jahre her und ich denke dass es sicherlich nicht einfacher geworden ist.
ob über- oder unterqualifizier schwer ist es für alle und vielleicht ist es an der zeit, dass wir einiges hinterfragen. denn auch die steuergelder kommen von uns, sei es über die mehrwertsteuer, oder lohnsteuer oder einkommenssterer. alles bezahlt der endverbraucher. die wirtschaft macht milliarden umsätze, da ist die steuer schon weg. warum ist da nirgends wo ein geld? egal ob in deutschland oder österreich.
dir tolomeo möchte ich sagen, ich bin seit mai in pension oder rente, ich genieße es, bekomme jedes monat 1000 euro auf mein konto ohne einen finger rühren zu müssen. du das ist nicht schlecht. ich könnte und würde auch gerne noch arbeiten, aber die gesellschaft, wer immer das auch ist benötigt meine dienste nicht mehr. also, bin ich jetzt lebedame.
trotzdem, danke für deinen bericht
sybille
Am 29. November 2006 um 15:14 Uhr
Liebe Kollegen oder Andere,
vielen Dank für die Worte zum Sonntag.
Jammern hilft nicht. Man (frau) kann ein Netzwerk bilden oder sich öffentliche Aufgaben suchen, wie es einst Stefan Braunfels getan hat.
Wer da etwas beitragen kann melde sich bei mir.
Tolomeo
Am 12. Februar 2008 um 12:58 Uhr
Kopf hoch, das Renter Leben hat auch seine Vorteile.
Beste Grüße Ralf