Vom Reisen und vom Leben überhaupt

Vom Reisen und vom Leben überhaupt

Als älterer Single ist man gut damit bedient ICE zu fahren und sich in Großstädten zu verlustieren.

Ganz schlecht wären Gemeinschaftsreisen im Bus oder gar Kreuzfahrten, auf denen man haufenweise Ehepaare trifft.

Der ICE hat oft Verspätung aber was ist das schon, gegen das Leben im Inneren. Man kann so viele Studien machen, das fängt an mit den Unterschieden der Menschen, die reservieren lassen und denen die nicht reservieren lassen. Die ersten sind die, die auf Nummer sicher gehen wollen, während die anderen das Abenteuer suchen, und zu denen gehöre ich.

Meistens lasse ich mich da nieder, wo es gut riecht – ich pflege am frühen Morgen zu reisen und da hat besonders die Herrenwelt zahlreiche Düfte zu bieten. Rasierwasser und Aftershave sind auch mir Begriffe – aber es muss noch viel viel mehr geben …. manchmal riecht es nach Tabak und Orient zugleich…….

Im ICE wird oft gearbeitet, sehr viele Menschen haben einen Laptop dabei und sind sehr beschäftigt – gelegentlich fiel mir auf, dass diese Laptop-Menschen meistens keine breiteren Goldketten tragen.

Die, die diese Ketten tragen, lassen ihren Laptop wahrscheinlich zuhause.

Auch ich bin beschäftigt, mich interessieren die Flaschen, die fast alle mit sich führen – und auf den Tisch stellen oder einfach nur zwischen die Beine klemmen – trinken ist in – jeder weiß, dass er nur so gesund bleiben kann.

Es gibt unheimlich viele Sorten, allein von Mineralwasser, da sind diejenigen, die nur die französichen Quellen mit sich führen , dann die, die stille Wasser trinken, dann ganz wenige nur noch, die sich zu Cola bekennen und dann die, die scheinbar wahllos in irgendeinem Supermarkt zu einer Flasche Wasser griffen.

Neuerdings gibt es eine azurblaue Flasche, die teuer und exquisit aussieht. Es ist die Flasche, die so schön blau ist, nicht der Inhalt. d.h. den Inhalt kann man nicht sehen.

Diese Flasche findet man häufig in der 1. Klasse . Weil ich den Dingen aber immer auf den Grund gehe, weiß ich inzwischen, dass man diese beeindruckende Flasche bei dem Anbieter mit großem A kaufen kann, da stutzt man dann erst – aber Ersteklassefahrende sind ganz normale Menschen.

Auch ich habe für den ICE eine Extra-Flasche, auf deren Banderole ich sehr achte, die muss nächstes Jahr auch noch herhalten. Es ist eine Kneipp-Flasche auf der nicht zu übersehen “Vitalität” steht, dann sieht man ein paar aufgeschnittene Orangen und Ingwer, der allerdings aussieht wie Pilze und dann steht da “Orange-Ingwer + Orangenblüte” Diese ganzen Einzelheiten kann ein Beobachter nicht sehen – mir geht es darum, dass ich nicht eine O815-Flasche mit mir rumschleppe – und dass das “Vitalität-Schild” prangt.

So wirkt es interessanter, man könnte auch sagen gehobener, schließlich weiß kein Mensch, dass diese Flasche anfänglich Hildesheimer Leitungswasser beinhaltet und zwischendurch immer in irgendwelchen Lokalen auf den Toiletten aufgefüllt wird.

Längere Fahrten im ICE verlocken gerade dazu , ins Board-Restaurant zu gehen und da kann man dann die richtigen Studien betreiben.

Wenn man, wie ich so völlig frei lebt, also keinerlei Regeln mehr unterliegt, als denen die man sich selber auferlegt, dann fehlt einem was.

Einen Lebensgefährten, der etwa sagen würde “Muss das denn sein? gibt es nicht mehr – die Kinder wissen es zu schätzen, wenn eine Mutter völlig selbständig ist und sagen natürlich nie etwas, sie bestehen nur darauf, dass man einmal im Jahr zur Krebsvorsorge geht, aber das ist alles . Danach hat man wieder völlige Freiheit ohne irgendwelchen Druck von oben oder unten.

Also wie gesagt, man setzt sich selber gewisse Grenzen. So hatte ich mir vorgenommen im Board-Restaurant einen Prosecco zu trinken, sobald ich einen Farbigen – also farbig ist nicht so ganz das richtige Wort, ich meine keine Inder oder dunkle Türken.

Die, die ich meine darf man nicht mehr so bezeichnen, weil man dann gleich in die rechte Ecke gerückt wird. Da muss man heute sehr sehr vorsichtig sein, ich meine die, die dunkel sind und zwar ganz dunkel vom Stamm her, sozusagen die Eingeborenen, die auch bei uns studieren….. ich glaube jetzt ist es klar – deutlicher kann ich mich nicht ausdrücken.

So komme ich nicht weiter – es ist eigentlich ein Kompliment, was ich diesen Dunklen zu machen habe.. und trotzdem muss man bei der Wortwahl unheimlich aufpassen.

Ich wollte mir ein Glas Pro-Secco gönnen in dem Moment, wo ich den ersten Farbigen mit abstehenden Ohren sehe.

Obwohl ich aufpasste wie ein Schießhund und jeden genau unter die Lupe nahm, die ganze Zeit im ICE und auch außerhalb, ist es mir nicht gelungen, einen Farbigen mit abstehenden Ohren zu finden.

Wobei ich schon im eigenen Interesse mit der Auslegung sehr großzügig verfahren wäre, – auf ein Genscher-Ohr habe ich nicht gewartet, nur eins, dass ein bisschen dem von Günter Jauch geähnelt hätte, hätte mir den Pro-Secco erlaubt. Aber keinerlei Abweichung, kein Hauch von Abstehen, nicht einmal ein vorwitziges Ohrläppchen.

Die haben alle mehr oder weniger kleine Öhrchen, die anliegen und sich förmlich an den Schädel anschmiegen. Wunderschön, symmetrisch auch – es kann sein, dass das längst bekannt ist, weil genetisch bedingt oder so.

Aber mir ist das erst jetzt in einem relativ hohen Alter aufgefallen – nun bin ich nicht die, die Regeln bricht, auch bei selbstaufgestellten Regeln macht sich immer noch die preußische Erziehung bemerkbar.

Vielleicht habe ich im nächsten Jahr mehr Glück – nichts ist ausgeschlossen, und es gibt bestimmt auch Ohren, die von der Regel abweichen.

Ob die mir je begegnen ist fraglich, aber so ist das Leben – wir müssen es nehmen, wie es kommt und ganz ohne Regeln geht es eben nicht, aber auch mit Regeln kommt oft etwas völlig überraschendes.

7 Reaktionen zu “Vom Reisen und vom Leben überhaupt”

  1. Irmgard163

    “Als der offene Zugbegleiter…..”
    ist dieser Beitrag so flüssig und ansprechend geschrieben und dargestellt…einfach Klasse….und zum Schluss tiefsinnig!

  2. Anne Franz

    Dein Beitrag ist zum Schmunzeln, lustig, gut beobachtet, einfach toll!!!!!!!

  3. Christine D.F.

    Graturliere zu diesem Bericht. Da kann ich ja noch etwas lernen.

  4. Rangi

    Wunderbar Ashoggi,

    auch ich betrachte die Menschen im Zug, in der Straßenbahn oder sonst wo. Aber mein Augemerk liegt mehr auf der rechten Augenbraue…du weiß schon.

  5. ashoggi

    hallo Anne Franz und auch Christine D.F. – ich konnte Euch hier nicht finden und möchte deshalb auf diesem Wege für Eure Zuschriften danken. Im Moment liege ich ziemlich brach, da an Gehstützen gefesselt und gerade dann tut ein wenig Aufmunterung doch sehr gut. danke. Liebe Grüße ashoggi

  6. ashoggi

    Rangi – auch Dir danke, Deinen Text habe ich erst eben gelesen und jetzt muss ich doch noch mal zum Spiegel……

  7. Richard W.

    Super geschrieben! Echt klasse! Wobei mich ein Satz doch ein wenig stört: “Ganz schlecht wären Gemeinschaftsreisen im Bus oder gar Kreuzfahrten, auf denen man haufenweise Ehepaare trifft.” Ich bin selbst 64 Jahre alt und verwitwet und habe eine Kreuzfahrt gemacht, weil man mir sagte, da lernt man haufenweise Leute kennen und viele sind Singles. “Das mag sein” dachte ich, vermutete aber, dass mit Singels Leute um die 20 oder 30 gemeint waren. Da ich mich jedoch selbst noch sehr fit fühle, dachte ich mir “Das probiere ich aus”. Man hat mir die AIDA Schiffe ans Herz gelegt und ich muss sagen, ich bin nicht enttäuscht worden. Menschen jeden Alters, die offen sind für Bekanntschaften, Gespräche und Diskussionen. Ich habe mich unheimlich wohl gefühlt. Scheinbar ist es eine Art “Grundeinstellung”, die AIDA-Fans haben. Ich habe mich in dieser Gemeinschaft auf jeden Fall unheimlich wohl gefühlt..auch mit 64 Jahren. Also trauen Sie sich doch auch einmal. Gute Reise.
    Richard Wüllweber