November
Anfangs sind die Tage noch sonnig, aber in den Nächten bildet sich grauer Nebel, der alles in feuchte, kühle Watte packt und es dauert immer länger, bis die Sonne den Dunst auflöst. Und es kommt der Tag, wo sie das gar nicht mehr schafft, und der Nebel bleibt vom Morgen bis zum Abend und alles ist trüb und feucht und still.
Auch werden die Tage immer noch kürzer, und der Baum wird immer schläfriger. Doch da ist dieser Unruhegeist in seiner Wurzelhöhle, und es mag sich gar kein winterlicher Frieden einstellen. Manchmal überlegt der Baum, ob seinesgleichen wohl auch an Hektik eingehen könnte. Wehmütig denkt er an die Wieselmutter und ihr Kind.
Eines Tages ist sie tatsächlich da. Zurückgekehrt von einer langen Reise, die sie bis an den Rand des Hohen Gebirges, aber nicht darüber brachte. Wo der reißende Fluss das Gebirge verlässt, hat sie ein altes Wieselpaar kennen gelernt, das sie und ihren Sohn gastlich aufnahm. Und das hat sie gewarnt vor der Kletterei über die Pässe, die Kälte, die Schneegefahr selbst im Sommer und lange Strecken von steinigem Geröll ohne Nahrung. Und auf der anderen Seite sei auch nicht alles eitel Sonnenschein, und gerade die Wieselmänner arge Schwerenöter.
Oft und lange haben sie sich unterhalten, und ihren Gastgebern, einem alten Suchenden mit seiner Sterndeuterin, hat sie ihre ganze Geschichte erzählt. Und obwohl (oder vielleicht auch: gerade weil) die ihr gar nicht so viele weise Ratschläge erteilt haben, ist in ihr der Wunsch gereift, mit ihrem Kind zurückzukehren und reinen Tisch zu machen und die Flucht zu beenden. Irgendwann im Herbst schließlich sind sie aufgebrochen und hier stehen sie nun vor der Baumhöhle, und die scheint besetzt.
Es riecht nach Wiesel, und es riecht bekannt, und sie überlegt nicht lange, bevor sie rein schaut. Gleich danach ist sie wieder draußen und hinter ihr drein kommt ein Wieselmann mit einer vor Wut verzerrten Fratze von Gesicht, der sie angreift und nicht nur zu vertreiben versucht, sondern auch zu töten.
Sie erkennt ihn wieder, und allein das reicht, dass sie sich entschlossen zur Wehr setzt. Sie pariert seinen Angriff und attackiert ihn heftig. Doch ist sie ihm an Kampfeserfahrung wie auch an Körperstärke unterlegen, auch wenn sie besser trainiert scheint. Aber ihr Gegner kennt jeden faulen Trick und schon hat er ihr ein paar Wunden zugefügt.
Aber da ist auch der Wieseljunge, er ist bald ausgewachsen, bei Kräften und ausdauernd. Auch wenn er kein ausgebildeter Kämpfer ist, so sieht er doch, dass seine Mutter sich einen Kampf auf Leben und Tod liefert mit einem ihm Unbekannten, und das reicht aus, dass er ihr zu Hilfe kommt und in die Auseinandersetzung eingreift. Es ist ein Kampf, wie ihn der Baum noch nie in seiner Nähe erlebt hat, und auf Jahre hinaus erzählten die Tiere, man habe die Schreie und das Kreischen bis zum Fluss gehört. Alle Tiere in der Nachbarschaft halten inne und schauen dem Gemetzel zu.
Der Unbekannte kämpft verbissen und grausam, doch nach einiger Zeit lassen seine Kräfte nach. Beide Gegner haben ihm kräftige Bisswunden zugefügt, und als die Wieselfrau mit ihren Zähnen in bedrohliche Nähe seiner empfindlichen Stelle am Hals kommt, da gibt er endlich auf, versucht sie abzuschütteln und rennt davon, in Richtung zum Fluss. Aber beide Gegner hängen an ihm wie die Kletten, und erst als es klar ist, dass er keine Gegenwehr mehr leistet und nur noch fort will, lassen sie von ihm ab.
Erschöpft kehren sie zum Höhleneingang an den Baumwurzeln zurück, lecken sich ihre Wunden und versuchen, zur Ruhe zu kommen. Ganz verwirrt ist der Junge, denn er hat nur gesehen, dass seine Mutter mit dem jetzigen Bewohner der Höhle seiner Kindheit sich einen erbitterten Kampf geliefert hat, dessen Heftigkeit nicht zu einer normalen Rauferei um den besten Wohnplatz passt. Und er schaut seine Mutter ängstlich an, er traut sich nicht richtig fragen, denn er spürt, dass hier ein Hass wirkt, der über seine Lebensspanne hinausgeht.
Sie fährt ihm zärtlich und dankbar über das Fell und leckt ausgiebig seine Wunden. Sie merkt, dass er vollkommen durcheinander ist. Nein, sie kann ihm nicht die Geschichte erzählen, nicht jetzt, aber sie spürt, dass er zumindest den Ansatz einer Erklärung braucht. Also sagt sie den Satz, der ihr am nächsten liegt, für ihn aber das Rätsel nicht eben leichter macht:
„Das war Dein Vater“ murmelt sie.
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