von FagusW » 23.05.2011, 8:45
Februar
Zu den Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, stand in der Niederung ein Wald mit Eichen und Eschen, auch ein paar Traubenkirschen und Weiden werden dabei gewesen sein – ein heller, lichter, fröhlicher Wald, voll bunter Blumen im Frühjahr, und auch im Winter nicht gar so kalt und düster, wie man das vom Gebirge so kennt.
Am Rand eines Grabens wuchs ein großer alter Baum mit mächtiger Krone und eben solchem Wurzelwerk, das vom Bach teilweise freigelegt war und kleineren Tieren Unterschlupf bot. Ein Wiesel war im Februar unterwegs, immer hungrig und auf der Suche nach einem verirrten Mäuslein und auch nach einem sicheren Ort, denn auch damals schon nützte das Wünschen solchen Wesen überhaupt nichts, die zu allem Überfluss als Hermelin unterwegs sind und besagte Wünsche lediglich von der passiven Seite kennen.
Unvorsichtige Mäuse gibt es genug, nicht aber sichere Orte, und so war unser Wiesel schon weit gewandert, denn niemand wollte eine schwangere Fremde haben. Eigentlich konnte sie ja gar nichts dafür (wie so viele junge Frauen), denn eines Tages sagte ein Fremder zu ihr „Gegrüßet seist Du, Du bist gesegnet und Dein Kind auch“ und sie sagte „aber ich hab doch gar kein …“ und er „die Macht wird über Dich kommen“ und sie „mir geschehe, wie Du gesagt hast“ und das war’s dann auch schon fast gewesen.
Und so war sie in den Wald und an den Baum und unter seine Wurzel gekommen. Die Wohnung fand sie zwar belegt, mit einem derzeit kinderlosen Mäusepaar, aber für ein Wiesel, selbst ein junges, weibliches schwangeres, sind Mäuse überhaupt kein Problem, sondern eher Inhalt der Speisekammer. Und so richtete sie sich ein. Die Aushöhlung war durch Wurzeln in mehrere Räume unterteilt, wovon sie das bisherige Schlafzimmer zur Küche umfunktionierte. Zum Bach hin gab es eine kleine Terrasse von blankem Lehm mit einer Rutsche bis zum Wasser, saugefährlich bei Schneefall, aber für den Sommer versprach der Platz, richtig gemütlich zu werden.
Und so gebar sie dort ihr Kindlein, und sah den kommenden Zeiten einigermaßen zuversichtlich entgegen.
Der Baum indes hatte während der ganzen Zeit nur ein paar Mal flach geatmet, und ansonsten überhaupt nichts mitbekommen. Um die Vermietungen kümmerte er sich ohnehin kaum, und außerdem konnte er sich im Moment gar nicht vorstellen, jemals wieder zu blühen, zu bestäuben und bestäubt zu werden (etwas anderes hatte er selten im Sinn), aber für solches Treiben war es definitiv noch zu kalt. Und so träumte er vor sich hin, aber der Traum gefiel ihm nicht; denn er handelte von Bibern, die in eine Wohnanlage investieren wollten, die ausgerechnet am Bach zu seinen Wurzeln entstehen sollte. Irgendwie störte ihn, dass sie den Platz zwar insgesamt für ideal, momentan aber als zu schattig einstuften. Aber es wollte ihm im Schlaf nicht so recht einfallen, was das eigentlich mit ihm zu tun habe.