von Gast » 13.11.2009, 9:59
Ich habe diesen Thread erst jetzt entdeckt (durch einen Hinweis) und habe ihn gerade von Anfang bis Ende mit fast atemloser Spannung gelesen.
Ich bin selber Betroffene seit vielen Jahren. Und wenn ich genau zurückdenke, hatte ich entsprechende Tendenzen "schon immer", auch als Kind und Jugendliche. Als ich hier bei 50plus vor mehr als zwei Jahren zu schreiben begonnen habe (damals unter dem Nick "Misfit"), habe ich mich auch offen zu meiner Depression bekannt. Ich habe damals einen Thread eröffnet nicht etwa in der Absicht, hier mein Leid auszubreiten, sondern mit dem Ziel einer konstruktiven Diskussion. Ich glaube, damals war die Zeit noch nicht reif dafür, es gab Reaktionen, die mich zum Rückzug veranlasst haben.
VomLande, ich finde es gut, dass du diesen Thread eröffnet hast. Ich hatte selber schon den Impuls dazu, habe es aber dann gelassen, weil ich emotional sehr betroffen war. Und auch, weil ich nicht den Eindruck erwecken wollte, dass ich den Tod von Robert Enke zum Anlass nehmen will, um mich hier zu profilieren und zu "produzieren".
Bei vielen SchreiberInnen hier merkt man, dass sie wissen, wovon sie schreiben.
Gabriele99 - gerade deine Beiträge könnten zum Teil von mir stammen. Der Rückzug war auch in meinem Fall extrem, man spürt die eigene Isoliertheit und leidet so sehr darunter, und trotzdem kann man nicht anders. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es im Verlauf einer Depression zu einer Sozialphobie kommen kann, also zu einer als krankhaft einzustufenden Angst vor jeglichen Sozialkontakten. Und auch wenn man unter Menschen ist: Man ist innerlich nicht bei ihnen, man ist für sich allein. Das habe ich besonders schmerzlich im Kontakt zu meinen Kindern erlebt. Dass ich, trotz pyhsischer Anwesenheit, von ihnen emotional getrennt war, das wurde mir erst im Rückblick so deutlich, als ich mich wieder mehr öffnen konnte. Wobei der Begriff "Rückblick" täuscht: In den meisten Fällen schwerer Depression bleibt eine lebenslange Bedrohtheit und Beeinträchtigung durch die Krankheit bestehen, es ist sozusagen eine Aufgabe für den Rest des Lebens, damit so umgehen zu lernen, dass ein befriedigendes "Leben trotz Depression" (so hatte ich damals meinen Thread genannt) möglich ist.
Der Titel dieses Threads enthält die Frage, ob Depressionen eine Volkskrankheit sind. Nach Prognosen der WHO wird Depresssion im Jahr 2020 die zweithäufigste Erkrankung nach Herzkreislauf-Erkrankungen sein. Dann hätte sie natürlich den Status einer Volkskrankheit. Diese Zahl bzw. der scheinbar sprunghafte Anstieg von Depressionen muss jedoch differenziert betrachtet werden: Die Informiertheit bezüglich depressiver Erkrankungen ist sowohl bei den (Haus-)Ärzten als auch allgemein in der Bevölkerung sehr viel größer als noch vor zwanzig Jahren. Grund dafür ist eine breite Aufklärung. Das führt dazu, dass Hausärzte bei unklaren körperlichen Beschwerden sehr viel häufiger auch an eine Depression denken als das früher der Fall war. Auch möglicherweise Betroffene suchen gezielt nach Hilfe bzw. lassen ihre Probleme auch dahingehend abklären, ob es sich nicht um eine Depression handeln könnte. Es ist daher auch in Fachkreisen umstritten, ob nun Depressionen tatsächlich zugenommen haben. Tatsache ist aber, dass Depressionen sehr viel häufiger diagnostiziert werden als noch vor 20 Jahren, da die Aufmerksamkeit dafür erhöht ist und da auch die Diagnoseinstrumente verbessert worden sind.
VomLande fragte auch, welcher Personenkreis am häufigsten betroffen ist. Dazu nur eine Anmerkung zur Geschlechterverteilung: Bisher ist noch in den meisten Aussagen dazu der Hinweis zu finden, dass Frauen doppelt so häufig erkranken als Männer. Auch hierzu werden jedoch zunehmend Zweifel geäußert: Die gängigen Fragebogen etc., die eine Depression erfassen, sind immer noch auf "frauenspezifische" Symptome zugeschnitten, also Rückzug, traurige Gestimmtheit usw. Es mehren sich jedoch die Erkenntnisse, dass Männer andere Symptome entwickeln als Frauen. (Robert Enke scheint ein geradezu klassisches Beispiel dafür zu sein). Männer fühlen sich von depressiven Symptomen wie Niedergeschlagenheit, eingeschränkte Leistungsfähigkeit etc. viel stärker bedroht als Frauen, da ihre männliche Rolle dadurch in Frage gestellt wird. So arbeiten sie diesen Tendenzen häufig entgegen mit betont männlichem, aggressivem, leistungsorientiertem Verhalten. Dies führt dazu, dass sie die Grenzen, die ihnen die Krankheit eigentlich aufzeigen möchte, permanent überschreiten (psychisch und physisch), so dass es irgendwann unweigerlich zu einem Zusammenbruch kommen muss. Dieser kann körperlicher Art sein (z.B. Herzinfarkt), oder aber psychischer Natur, was im schlimmsten Fall in einem Suizid endet. Dies wäre auch eine mögliche Erklärung dafür, dass Frauen häufiger Suizidversuche begehen, während "erfolgreiche" Suizide häufiger bei Männern zu verzeichnen sind.
Dieses Thema ist für mich eines meiner Lebensthemen, man möge mir verzeihen, wenn ich jetzt gleich so viel geschrieben habe. Aber ich finde es so gut, was hier an Diskussion begonnen hat, vor allem auch, weil ich den Eindruck habe, dass es den Betroffenen nicht ums Jammern geht. Darum ging und geht es mir auch nicht. Das brauchen "wir" ja gerade nicht, die wirklich schwer Betroffenen, die ich kenne, wollen allesamt so schnell wie möglich wieder am Leben teilnehmen können. Ich wage sogar die Hypothese (und mehr kann und soll es nicht sein), dass viele Depressive gerade deshalb so sehr an ihren Symptomen leiden, weil sie oft eigentlich sehr lebendige Menschen sind, für die der Kontakt zu anderen Menschen ihr Lebenselexier ist und die sich nach nichts so sehr sehnen wie nach Lebensfreude und menschlichem Miteinander.
Gruß Marcella
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