Kürzlich hatte ich das Thema in einem Blog kurz gestreift.
Vielleicht ist es gar nicht seltsam, sondern nur normal, dass mich nie der Gedanke verlassen hat, dass mir etwas fehlt. Es ist eine Lücke
und sie wird sich auch nie schließen lassen. Mein Vater wäre der "erste Mann" in meinem Leben gewesen, doch leider habe ich ihn nie gesehen,
nie seine Stimme gehört.
Unendlich viele Fragen wurden nie beantwortet:
Hat er das Leben positiv gesehen, hatte er Humor, gerne gelacht, und worüber? Was hat ihn interessiert, ihn bewegt?
Wie war seine Einstellung zu Frauen, hätte ich erleben können, dass er seine Frau liebt.
War er ein kraftvoller Mann, dachte er geradeaus, war er gerecht, war er klug, durchsetzungs- und begeisterungsfähig.
Wie hätte er zu mir gestanden: Hätte er mich zärtlich geliebt, hätte er mir das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein?
Hätte er mich beschützt, mir Sicherheit gegeben, mich begleitet und gefördert.
Er ist nie erschienen und (eigentlich) auch nie in Erscheinung getreten. Lange habe ich auf ihn gewartet. Wenn ich als kleines Mädchen
abends im Bett lag und Stiefelschritte um die Straßenecke kommen hörte, saß ich kerzengerade und dachte: Er kommt! Ungeheuer
groß war die Enttäuschung, wenn er es wieder nicht gewesen ist. Irgendwann verstand ich, dass er niemals kommen wird. -
Meine Mutter hat ihn für tot erklären lassen, getrauert haben wohl nur mein Bruder und ich um ihn, aber erst später, denn zum
damaligen Zeitpunkt haben wir nicht alles verstanden.
Etwas ganz Entscheidendes habe ich nicht durch Erleben lernen können: Was ist eigentlich ein Mann, was macht ihn so anders
als eine Frau? Ist es erstrebenswert, einen Mann an der Seite zu haben? Hätte ich das durch ihn, bzw. durch das Vorbild meiner
Eltern lernen können? Ich weiß es nicht, denn Eltern hatte ich ja nicht, als Halbwaise nur das halbe Elternteil. Und diese fehlende
Hälfte aufzufüllen war nicht immer einfach. Wäre meine Mutter von anderem Format gewesen, hätte sie mir helfen können. Leider
war sie aber so, wie sie war, eine vom Leben enttäuschte junge Frau.
In zweiter Ehe war sie mit einem Mann verheiratet, der, zum Glück für mich, durch Abwesenheit glänzte. So blieb mir wenigstens
erspart, ein Negativmuster in mir zu errichten.
Der neue Mann im Leben meiner Mutter hat die Vergangenheit verdrängt, der Vater sollte vergessen werden, nichts mehr sollte
an ihn erinnern. Die Vaterfamilie wurde ebenso aus meinem Leben verbannt. Dabei hätte ich mir doch wenigstens mit ihrer Hilfe
ein Bild machen können. In späteren Jahren habe ich versucht, durch Befragen der Menschen, von denen ich annahm, dass sie ihn
gekannt haben müssen, meinen Vater aus dem Nebel zu holen, ihn für mich lebendig zu machen. Viele kleine Puzzlesteinchen
habe ich zusammen gefügt und so ist zumindest ein kleines Bild entstanden.
Ich glaube, ihn hätte ihn geliebt.
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