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Gedichte

1146 Beiträge
Forum der Regionalgruppe Essen

Moderator: Korallensucherin

Beitragvon Goldsternchen » 03.02.2012, 17:48

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Vom Büblein auf dem Eis

Gefroren hat es heuer noch gar kein festes Eis.
Das Büblein steht am Weiher und spricht so zu sich leis:
„Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen.“ –
Wer weiss?

Das Büblein stampft und hacket mit seinem Stiefelein.
Das Eis auf einmal knacket, und krach! schon bricht’s hinein.
Das Büblein platscht und krabbelt,
als wie ein Krebs und zappelt,
mit Schrein.

„O helft, ich muss versinken in lauter Eis und Schnee!
O helft, ich muss ertrinken im tiefen, tiefen See!“
Wär nicht ein Mann gekommen,
der sich ein Herz genommen,
o weh!

Der packt es bei dem Schopfe und zieht es dann heraus:
Vom Fusse bis zum Kopfe wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet,
der Vater hat’s geklopfet,
zu Haus.

- Friedrich Wilhelm Güll
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Beitragvon schnute41 » 05.02.2012, 12:27

Winter

In den jungen Tagen
Hatt' ich frischen Mut,
In der Sonne Strahlen
War ich stark und gut.

Liebe, Lebenswogen,
Sterne, Blumenlust!
Wie so stark die Sehnen!
Wie so voll die Brust!

Und es ist zerronnen,
Was ein Traum nur war;
Winter ist gekommen,
Bleichend mir das Haar.

Bin so alt geworden,
Alt und schwach und blind,
Ach! verweht das Leben,
Wie ein Nebelwind!
Adelbert von Chamisso


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Beitragvon Goldsternchen » 05.02.2012, 17:41

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Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr...
Heißa, du lustiger Kieselstein!

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wiederholen.
(Christian Morgenstern)


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Beitragvon schnute41 » 06.02.2012, 12:30

Morgensonne im Winter

Auf den eisbedeckten Scheiben
fängt im Morgensonnenlichte
Blum und Scholle an zu treiben...

Löst in diamantnen Tränen
ihren Frost und ihre Dichte,
rinnt herab in Perlensträhnen...

Herz, o Herz, nach langem Wähnen
lass auch deines Glücks Geschichte
diamantne Tränen schreiben!
Christian Morgenstern


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Beitragvon schnute41 » 09.02.2012, 15:08

Das Dorf im Schnee

Still, wie unterm warmen Dach,
Liegt das Dorf im weißen Schnee;
In den Erlen schläft der Bach,
Unterm Eis der blanke Schnee.

Weiden steh'n im weißen Haar,
Spiegeln sich in starrer Flut;
Alles ruhig, kalt und klar
Wie der Tod der ewig ruht.

Weit, so weit das Auge sieht,
keinen Ton vernimmt das Ohr,
Blau zum blauen Himmel zieht
Sacht der Rauch vom Schnee empor.

Möchte schlafen wie der Baum,
Ohne Lust und ohne Schmerz;
Doch der Rauch zieht wie im Traum
Still nach Haus mein Herz.
Klaus Groth


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Beitragvon schnute41 » 16.02.2012, 13:22

Still, seid leise,
es waren Engel auf der Reise.
Sie wollten ganz kurz bei Euch sein,
warum sie gingen, weiß Gott allein.
Sie kamen von Gott, dort sind sie wieder.
Wollten nur kurz auf unsere Erde nieder.
Ein Hauch nur bleibt von ihnen zurück,
in Euren Herzen ein großes Stück.
Sie werden jetzt immer bei Euch sein
Vergesst sie nicht, sie waren so klein.
Geht nun ein Wind, an mildem Tag,
so denke, es war ihr Flügelschlag.
Und wenn Ihr fragt, wo mögen sie sein?
Ein Engel ist niemals allein.
Sie können jetzt alle Farben sehn
Und barfuss durch die Wolken gehen.
Und wenn Ihr sie auch sehr vermisst,
und weint, weil sie nicht bei Euch sind,
so denkt, im Himmel, wo es sie nun gibt,
erzählen sie stolz:
Wir werden geliebt.
unbekannter Verfasser


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Beitragvon schnute41 » 25.02.2012, 12:55

Glück ist wie Blütenduft

Glück ist wie Blütenduft,
der dir vorüber fliegt ...
Du ahnest dunkel Ungeheures,
dem keine Worte dienen -
schließest die Augen,
wirfst das Haupt zurück -
und, ach!
vorüber ist's.
Christian Morgenstern


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Beitragvon Goldsternchen » 26.02.2012, 15:28

Waren´s Blumen mit den wunderbaren,
silberhellen kleinen Flügelpaaren?
Oder waren’s frag´ ich, Blumenengel,
hin geheftet an die Blütenstengel?

Waren´s Blumen, die beim Mondenschimmer
mir den Duft erfüllt mein kleines Zimmer?
Oder hatten durch die Nacht geklungen,
traumhaft süße Überlieferungen?

( Christian Wagner- 1835-1918 )
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Beitragvon schnute41 » 27.02.2012, 12:35

Lied des Lebens

Flüchtiger als Wind und Welle
Flieht die Zeit; was hält sie auf?
Sie genießen auf der Stelle,
Sie ergreifen schnell im Lauf;
Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben,
Hält die Flucht der Tage ein.
Schneller Gang ist unser Leben,
Lasst uns Rosen auf ihn streun.

Rosen; denn die Tage sinken
In des Winters Nebelmeer.
Rosen; denn sie blühn und blinken
Links und rechts noch um uns her.
Rosen stehn auf jedem Zweige
Jeder schönen Jugendtat.
Wohl ihm, der bis auf die Neige
Rein gelebt sein Leben hat.

Tage, werdet uns zum Kranze
Der des Greises Schläf' umzieht
Und um sie in frischem Glanze
Wie ein Traum der Jugend blüht.
Auch die dunkeln Blumen kühlen
Uns mit Ruhe, doppelt-süß;
Und die lauen Lüfte spielen
Freundlich uns ins Paradies.
Johann Gottfried Herder


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Beitragvon schnute41 » 28.02.2012, 12:41

Schneeglöckchen

'S war doch wie ein leises Singen
In dem Garten heute Nacht,
Wie wenn laue Lüfte gingen:
"Süße Glöcklein, nun erwacht,
Denn die warme Zeit wir bringen,
Eh's noch jemand hat gedacht."
's war kein Singen, 's war ein Küssen,
Rührt die stillen Glöcklein sacht,
Dass sie alle tönen müssen
Von der künftgen bunten Pracht.
Ach, sie konnten's nicht erwarten,
Aber weiß vom letzten Schnee
War noch immer Feld und Garten
Und sie sanken um vor Weh.
So schon manche Dichter streckten
Sangesmüde sich hinab,
Und der Frühling, den sie weckten,
Rauschte über ihrem Grab.
Joseph von Eichendorff


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Beitragvon schnute41 » 04.03.2012, 15:26

März

Jetzt zieht ein süßes, banges Wonneahnen
Heimlich erschauernd über die Natur,
Ein unbewußtes traulich-leises Mahnen
Des nahen Lenzes erste Werdespur.

Am Weidenbusch die Silberkätzchen schwellen,
Es fliegt der erste gelbe Schmetterling,
Es murmeln leise die befreiten Wellen,
Im kahlen Apfelbaum studiert der Fink.

Der Winter flieht, der alles kalt und trübe
Verschlossen hielt, erkältend jede Glut,
Ein jedes Herzchen denkt an neue Liebe,
An helle Kleider und den Sommerhut.

Es kommen jetzt die holden Weihetage,
Jedweden Dichter küßt der Genius,
Nach rosa Briefpapier ist große Frage
Und der Papierkorb schäumt von Überfluß.

Nun ruhe, Hand, du hast genug geschrieben –
O deutsches Volk, wie hoch wirst du beglückt!
Jetzt aber will ich gehen und mich verlieben,
Wie sich das für den deutschen Jüngling schickt.

Doch wenn im Herbst die Stürme rauh zerfetzen
Das letzte Laub am fahlen Apfelbaum,
Dann will ich still mich an den Ofen setzen
Und klagen über meinen Frühlingstraum.
Hermann Löns

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Beitragvon schnute41 » 06.03.2012, 12:31

Entschluss

Noch schien der Lenz nicht gekommen,
Es lag noch so stumm die Welt,
Da hab' den Stab ich genommen,
Zu pilgern ins weite Feld.

Und will auch kein' Lerch' sich schwingen,
Du breite die Flügel, mein Herz,
Lass hell und fröhlich uns singen
Zum Himmel aus allem Schmerz!

Da schauen im Tale erschrocken
Die Wandrer rings in die Luft,
Mein Liebchen schüttelt die Locken,
Sie weiß es wohl, wer sie ruft.

Und wie sie noch steh'n und lauschen,
Da blitzt es schon fern und nah,
All' Wälder und Quellen rauschen,
Und Frühling ist wieder da!
Joseph von Eichendorff

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Beitragvon Maricka » 06.03.2012, 12:46

So schnell ist das Leben

Ein schönes Alter ist des Lebens Krone,
nur dem, der sie verdient,wird sie zum Lohne!
Wer lange trug des Daseins schwere Bürde
und alt sein Haupt noch aufrecht hält mit Würde,
gibt dadurch Zeugnis, daß er seinem Leben
von Jugend auf den rechten Halt gegeben.


Friedrich v. Bodenstedt
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Beitragvon Korallensucherin » 06.03.2012, 17:49

Hallo Ihr Lieben,

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für die wunderschönen Gedichte von Euch
Korallensucherin
Regionalgruppe Essen
- schau mal herein-
BildGib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu sein: Mark Twain.
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Beitragvon schnute41 » 08.03.2012, 13:57

"Grüß Gott!" So sagt dir mancher Schuft,
der sonst im Leben Gott nie ruft;
"Leb wohl!" mußt du von manchen hören,
die um dein Wohl sich gar nicht scheren.

Verdammt, dass in so schönem Gruß
so viel Falschheit wohnen muss
und viele dann am meisten lügen,
wenn's Gegenteil in ihren Zügen!
Max Maurenbrecher

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