von Gast » 26.06.2010, 16:14
Mir ist vor einer Woche etwas ganz Schlimmes passiert, darüber möchte ich Euch schreiben.
Das Leben ist heute sehr gefährlich. Das war eigentlich schon immer so, doch, wenn man diese Erfahrung an eigener Haut durchmacht, ist das etwas völlig Anderes.
Eins weiß ich: ich bin nicht ängstlich, war ich noch nie, doch, ich würde nicht mehr in ein kleines, etwas abseits gelegenes Geschäft gehen, kurz vor dem Schluss, wenn die Kassiererin ganz allein drin ist.
Am Samstag vor einer Woche wurde so ein Geschäft überfallen - es war beim Schlecker in Neuperlach - und neben der Verkäuferin war ich als einzige Kundin dabei. Mich hatten die zwei Räuber gar nicht gesehen gehabt, das wäre auch so geblieben, wenn ich mich nicht gerührt hätte.
Ich war ganz hinten, in der letzten Reihe, dazwischen standen hohe, prallgefüllte Regale. Ich schaute mir gerade die Kosmetikartikel an, als ich plötzlich laute, verzweifelte Schreie der Kassiererin hörte. Ich lief den Hauptgang zurück, kam zum letzten Quergang, schaute nach links, von wo die Schreie und das Poltern kamen. Am Ende des Ganges war rechts die Tür, links wieder ein Gang. Ich sah nur einen umgefallenen Container und die ganzen Waren am Boden verstreut. Die Verkäuferin schrie immer noch, ich habe sie aber nicht sehen können und ich lief auch diesen Gang zu Ende. Da habe ich im linken Gang gesehen, dass sie am Boden lag und zappelte, auf ihr war halb liegend, halb knieend eine dunkel gekleidete Gestalt. Ich dachte im ersten Moment, die Frau wäre gestürzt, ich dachte auch an einen epileptischen Anfall. Ich ging näher und fragte "Was ist hier los?" Da packte mich jemand an den Schultern, zog mich mit Schwung zurück und warf mich grob an den umgefallenen Container. Er schrie "Halt den Mund! Sei still." Der Mann war bis zu den Augen mit einem Tuch maskiert. Ich drehte mich wieder zur Kassiererin hin, diesmal sah ich diese Szene von der rechten Seite und ich konnte sehen, wie der eine, auch maskierte Mann, ihr einen großen Messer an den Hals drückte. Sie hatte aufgehört zu schreien. Der andere Räuber stand an der halboffenen Tür und schrie zu mir "Gib das Geld her." Ich war irgendwie wie benommen, da habe ich schon längst begriffen, dass dies ein Überfall ist. Ich gab ihm meine Brieftasche. Merkwürdigerweise war ich in diesem Augenblick ganz ruhig, fast gelassen. Die Kassiererin wurde verletzt, dabei schleppte der Räuber sie in den Tresorraum. Ich weiß nicht, wie man normalerweise in so einer Situation reagiert. Ich fühlte aber keine Angst. Vielleicht war das meinem jahrelangen Training in Sachen Gelassenheit zu verdanken, vielleicht war es aber auch eine Art vom Schock. Ich habe keine Ahnung. Der Schock kam bei mir eigentlich erst hinterher. Als alles vorbei war, habe ich gezittert und einen kleinen Kreislaufzusammenbruch gehabt. In den Augenblicken des Überfalls reagierte ich aber ruhig. Ich sagte dem Räuber, er soll mir meine Papiere zurückgeben. Er schaute mich verdutzt an, ich wiederholte "Bitte, geben Sie mir die Papiere zurück, das Geld können Sie behalten." Er warf mir tatsächlich meine Brieftasche zurück und sagte barsch, ich soll ihm das Geld geben. Ich folgte und tat fast alles was ich dabei hatte - ein Pech, dass gerade ziemlich viel Geld in dem Geldbeutel war. Es waren drei Fünfzig-Euro-Scheine und einmal zwanzig. Zehn Euro hatte ich übersehen. Als der Räuber mein Geld hatte, kam wieder das nüchterne Denken bei mir. Es war Samstagabend, mir fehlten einige Sachen zu Hause, die ich dringend brauchte, und am nächsten Tag wollten (Forums-)Freunde zu Besuch kommen. Ich sagte zum Räuber, er soll mir bitte zwanzig Euro zurückgeben. Er schaute mich wieder verdutzt an. Ich wiederholte "Bitte, geben Sie mir die zwanzig Euro wieder. Ich habe nichts zu Hause, kein Brot, keine Milch, und morgen ist Sonntag." Er warf mir tatsächlich zwanzig Euro entgegen, auf den Boden. Dann kam der Andere - er hatte einige Tausend Euro aus dem Tersor erbeutet - und sie flüchteten.
Als die Kriminalpolizei kam - eine Frau von draußen, die Verdächtiges beobachtet hatte, hatte sie geholt - nahm mir ein Polizist auch diese 20 Euro ab (auch die Brieftasche), wegen der Fingerabdrücke.
Ich bat darum nebenan zu Rewe gehen zu dürfen, und mit meinen letzten zehn Euro etwas zu kaufen. Ein junger Polizist in Uniform schnauzte mich an "Ist das ihre größte Sorge!" Ich sagte "Nein, aber, ich habe nichts zu Hause, Rewe ist gleich nebenan, ich komme gleich zurück."
Der Polizist schimpfte weiter "Sie bleiben da! Das ist mein erster Fall". Ich antwortete auch etwas lauter "Meiner auch."
Ein Kriminalbeamter im Zivil war aber sehr freundlich, sagte lächelnd, ich soll ruhig gehen, wenn ich aber in 10 Minuten nicht zurück bin, dann holen sie mich. In Rewe war viel los, ich brauchte schon fünf Minuten um die paar Sachen zu finden, an der Kasse war eine lange Schlange, es ging sehr langsam. Die Leute unterhielten sich mit der Kassiererin über den Überfall - sie hatten es mitgekriegt, wegen der Absperrung und Polizei - und es ging sehr langsam vorwärts. Ich sagte dann laut "Leute, lasst mich vorbei, nebenan wartet die Polizei auf mich, ich bin überfallen worden, wenn ich nicht schnell kommen, wollen sie mich holen." Da ließen sie mich vorbei, fragten mich aus, auch die Kassiererin. Ich erzählte in groben Zügen, dass man uns ausgeraubt hatte, dass mir auch die Polizei noch mein Geld abgenommen hatte, wegen der Fingerabdrücke und dass ich hoffe, die Zehn Euro würden reichen, für meinen kleinen Einkauf. Ein junges Paar tuschelte hinter mir, dann gab mir der Mann Zehn Euro und sagte "Eine kleine Entschädigung für Sie". Da kamen mir dann die Tränen, ich glaube, erst da kam der ganze unterdrückte Schrecken an die Oberfläche. Ich bedankte mich herzlich und ging zurück. Und erst nach und nach begriff ich eigentlich, was da passiert war und bekam einen Schwächeanfall. Die Polizei fragte, ob ich einen Arzt brauche, das war aber nicht nötig, es ging wieder vorbei. Ca. 2 Stunden wurden wir ausgefragt, es wurde alles aufgenommen, schriftlich und mündlich (auf ein Diktiergerät), Spurensicherung war am Werk, die Überfallszene musste ich nachmachen, ein Kriminalbeamter spielte den Räuber, es wurde fotografiert. Die Räuber waren aber längst über alle Berge.
Die Kassiererin war leicht am Hals verletzt, hatte Schürfwunden und Prellungen. Das Schlimmste war aber der Schock. Es kamen ihr Mann und die Mutter, sie wollten sie ins Krankenhaus bringen.
Einige Tage lang ging es mir nicht ganz so gut, ich hatte nicht schlafen können und das Ganze lief in meinen Gedanken ständig ab, in allen Einzelheiten. Nun ist es verkraftet, auch Geldverlust. Es gibt Schlimmeres.
Der Räuber, der mir das Geld abgenommen hatte, war anscheinend noch nicht so hart gesotten, vielleicht nur ein Mitläufer. Ich habe mir später sogar gedacht, schade um ihn, er hat offensichtlich noch etwas von einem guten Kern in sich, er wäre sicher kein so schlechter Mensch, wenn er sich nicht für diese Art des Geldverdienens entschieden hätte.
Ich wollte zuerst nicht darüber schreiben, doch, es geht mir immer noch durch den Kopf. Und ich möchte jedem raten, nicht kurz vor dem Schluss in ein leeres Geschäft zu gehen. Das werde ich nicht mehr tun. Das ist keine übertriebene Ängstlichkeit, es ist nur eine Art Vorsichtsmaßnahme für mich. Weil man fast täglich in der Zeitung über Überfälle lesen kann. Vor ein paar Tagen bin ich wieder kurz vor dem Schluss ins Rewe gegangen und es war mir mulmig zumute, als ich eine neue junge Kassiererin beim Schlecker sah, ganz allein im leeren Geschäft. Ich habe mich überwinden können, ging kurz rein und habe mich nach der Vorgängerin erkundigt. Sie würde nie mehr kommen, bekam ich als Antwort, was verständlich war.
Ich muss auch an das junge Paar in Rewe denken, das ist etwas sehr Tröstliches. Da sieht man, dass das Gute nicht ausgestorben ist. Es finden sich viele gute Menschen, überall.