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Kurzgeschichten

96 Beiträge

Beitragvon signature » 29.07.2011, 20:43

Der Monitor von Frau X spendet anheimelndes Licht im Dunkeln des kargen Zimmers, nur unterstützt vom Dröhnen des Fernsehers welcher Hansi Hinterseer in die Herzen der Zuhörer bringt. Auf dem Bildschirm blinkt lockend die Mailbox mit ihrer Fülle von knappen Grüßen, einer pulsierenden Schlagader gleich. Von all diesen Freunden aus dem Internet, dieser Vernetzung einer virtuellen Welt. Man kennt sich unter Pseudonymen.

Die Männer kamen durch die Tür, die sie schon lange nicht mehr geöffnet hatte und trugen sie hinaus ins Freie. Dorthin wo die Sonne wärmt, die Wiesen duften und die Vögel im Wind schweben. Sie hatte kein zweites Leben mehr, nur ein Leben aus zweiter Hand. Jetzt liegt sie in der Stille.
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Beitragvon Frigga54 » 29.07.2011, 21:02

signature hat geschrieben:Oh wie schön....alle Geschichten....grade erst entdeckt - bin begeistert ! :D :D :D

Frigga, bitte mehr von Dir ....Deine paar Zeilen sind so poetisch & fein, machen neugierig auf mehr. Du hast uns Dein Schreiben jetzt schon versprochen.


Danke!.. aber meine Geschichte passt in kein Forum... zu flüchtig und unpersönlich sind die Begegnungen hier... ich will meine Seele befreien und Herzen erreichen und Spuren hinterlassen für die, die nach mir kommen... intime, verletzbar machende Wahrheiten die spüren lassen und tief gehen und nicht taugen für "hop und weg"...

.. vielleicht denke ich mir mal Etwas Schönes aus, fürs Forum.. zum konsumieren geeignet...leicht verdaulich...und macht nix wenn morgen vergessen...

Nix für Ungut... ich mag Euch alle.. besonders HOP und Dich! :wink:
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Frigga54
 

Beitragvon LisaLisa53 » 29.07.2011, 21:07

Frigga, darf ich deine Geschichte weiterspinnen?

Und während sie geduldig wartet und ihre Geschichte – ihre ganz große, ihre ganz eigene Geschichte - in sich wachsen und reifen fühlt, während sie ihr Zepter schwingt und ihre kleinen Plagegeister versorgt, und nährt und tröstet und wiegt, während der langen, gleichförmigen Jahre, geschieht es zuweilen, dass ihre Geschichte sich in den Alltag hineinmogelt, in der Art von Träumen, die nach dem Aufwachen noch weiterschwingen und uns in den Alltag tragen. Und ihre Augen werden dann ganz silbern, und ihr Blick geht ins Weite und ihre Plagegeister betteln: erzähl uns eine Geschichte, bitte…….
Und sie beginnt zu erzählen. Die Träume kommen ans Licht, und die Worte drängeln sich danach, gesprochen zu werden und die Kinderaugen werden dunkel vor Sehnsucht, fiebrig glänzend vor Spannung, und hängen an den Lippen der Erzählerin. Und sie vergessen alles um sich her und die Sätze tragen sie weit fort, nehmen sie mit in wunderbare Welten, wie sie nur Kinderherzen und Geschichtenerzählerinnen je schauen werden.
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Beitragvon nobody47 » 29.07.2011, 21:08

Ich glaube, daß ich dich verstehe.... Bei den Foren wäre ich allerdings vorsichtig, zu leicht fällt mensch in die Fänge der allgegenwärtigen, üblichen Hyänen oder anderem Getier... Bleibendes hinterlässt mensch bereits durch seine Gegenwart, Faszination der Ideen.....
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Beitragvon Frigga54 » 29.07.2011, 21:14

Wie (fast) immer hat Niemand Recht :wink:

... deshalb spinnt und phantasiert und fabuliert und konsumiert und macht was ihr wollt... es sei euch gegönnt...

Herzliche Umarmung an Alle die sie brauchen! :) :P :D
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Beitragvon ashoggi » 30.07.2011, 12:33

das alles ist einfach schön, edel könnte man fast sagen - bitte schreibt doch weiter - es gibt sicher eine handvoll Leute, die sich freuen würden.



B i t t e s e t z e n !

In der vorigen Woche fuhr ich nach Berlin, um mit meinem Vater auf den Friedhof zu gehen. Er hat das gern wegen der emotionalen Wärme und auch, weil er alleine Angst hat. Es ist nicht so, dass er sich vor den vielen Gräbern fürchtet, nein eher vor den noch Lebenden, die, wie man gelegentlich liest, alte Menschen um ihr Portemonnaie erleichtern.
Wir nahmen wie gewohnt den Eingang Wasmuthstrasse, der meistens in der Sonne liegt und anheimelnder wirkt, als die anderen Eingänge. Hier gibt es auch keinen Hauptweg, sondern eine Wiese über die jetzt die Eichhörnchen springen. Rechts und links befinden sich breite Pfade, wie immer nahmen wir den linken.
Nach etwa 100 m sah ich in der Ferne Stühle stehen, nein, es waren eher Sessel, alle hatten Lehnen, sie waren mehrmals zu zweit angeordnet, standen sich gegenüber, drehten einmal die Sitzfläche nach Norden und umgekehrt. Der Nebel hing noch zu tief. Vater sah noch gar nichts aber ich konnte den Blick von diesen vielen und andersartigen Stühlen nicht mehr abwenden und erhöhte das Schritttempo ganz automatisch, erst an Vaters Atem merkte ich, dass ich zu schnell geworden war.
Was sollte das bedeuten – es sah aus, als ob man eine Möbelmesse nach außen verlegt hätte. Ich suchte die Bäume ab, dachte an“ versteckte Kamera“ oder wollte irgendein Marktforschungsinstitut hier eine Statistik erheben, wer setzt sich ? Mehr Alte als Junge? Mehr Frauen als Männer? Nein, das würde ja sowieso zu keiner klaren Aussage führen, denn bekanntlich gehen Frauen mehr auf Friedhöfe und zwangsläufig gehen Alte mehr als Junge. Alte Frauen sind doch meistens die, die überbleiben und die kämen ja als Käufer für diese modernen Stühle überhaupt nicht infrage. Eine Kunstausstellung – das ganze ein Objekt – eine Performance, wenn man die sich Setzenden dazuzählte ? Oh, dann wäre Vater jetzt ein Bestandteil, der hatte es sich nämlich schon längst gemütlich gemacht, er fand die ganze Sache komisch aber nicht befremdend, schließlich saß er bestens.

Aus beruflichen Gründen musste ich am Abend wieder fahren – nachlesen im Tagesspiegel hatte nichts ergeben – aber Vater versprach, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei jedem Anruf erwähnte ich die Ausstellung und erinnerte ihn – aber überall wo Vater sich erkundigte, erhielt er nur Gelächter. Gleichaltrige lachten nicht, aber sie staunten ungläubig. Es schien ganz so, als ob diese wunderbaren Sitzgelegenheiten nur für uns existent gewesen wären.

Ich bin gespannt auf nächstes Jahr, vielleicht sehen wir dann Tische in allen Variationen.
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Beitragvon flohbeisser » 30.07.2011, 13:32

ashoggi hat geschrieben:das alles ist einfach schön, edel könnte man fast sagen - bitte schreibt doch weiter - es gibt sicher eine handvoll Leute, die sich freuen würden.



B i t t e s e t z e n !

In der vorigen Woche fuhr ich nach Berlin, um mit meinem Vater auf den Friedhof zu gehen. Er hat das gern wegen der emotionalen Wärme und auch, weil er alleine Angst hat. Es ist nicht so, dass er sich vor den vielen Gräbern fürchtet, nein eher vor den noch Lebenden, die, wie man gelegentlich liest, alte Menschen um ihr Portemonnaie erleichtern.
Wir nahmen wie gewohnt den Eingang Wasmuthstrasse, der meistens in der Sonne liegt und anheimelnder wirkt, als die anderen Eingänge. Hier gibt es auch keinen Hauptweg, sondern eine Wiese über die jetzt die Eichhörnchen springen. Rechts und links befinden sich breite Pfade, wie immer nahmen wir den linken.
Nach etwa 100 m sah ich in der Ferne Stühle stehen, nein, es waren eher Sessel, alle hatten Lehnen, sie waren mehrmals zu zweit angeordnet, standen sich gegenüber, drehten einmal die Sitzfläche nach Norden und umgekehrt. Der Nebel hing noch zu tief. Vater sah noch gar nichts aber ich konnte den Blick von diesen vielen und andersartigen Stühlen nicht mehr abwenden und erhöhte das Schritttempo ganz automatisch, erst an Vaters Atem merkte ich, dass ich zu schnell geworden war.
Was sollte das bedeuten – es sah aus, als ob man eine Möbelmesse nach außen verlegt hätte. Ich suchte die Bäume ab, dachte an“ versteckte Kamera“ oder wollte irgendein Marktforschungsinstitut hier eine Statistik erheben, wer setzt sich ? Mehr Alte als Junge? Mehr Frauen als Männer? Nein, das würde ja sowieso zu keiner klaren Aussage führen, denn bekanntlich gehen Frauen mehr auf Friedhöfe und zwangsläufig gehen Alte mehr als Junge. Alte Frauen sind doch meistens die, die überbleiben und die kämen ja als Käufer für diese modernen Stühle überhaupt nicht infrage. Eine Kunstausstellung – das ganze ein Objekt – eine Performance, wenn man die sich Setzenden dazuzählte ? Oh, dann wäre Vater jetzt ein Bestandteil, der hatte es sich nämlich schon längst gemütlich gemacht, er fand die ganze Sache komisch aber nicht befremdend, schließlich saß er bestens.

Aus beruflichen Gründen musste ich am Abend wieder fahren – nachlesen im Tagesspiegel hatte nichts ergeben – aber Vater versprach, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei jedem Anruf erwähnte ich die Ausstellung und erinnerte ihn – aber überall wo Vater sich erkundigte, erhielt er nur Gelächter. Gleichaltrige lachten nicht, aber sie staunten ungläubig. Es schien ganz so, als ob diese wunderbaren Sitzgelegenheiten nur für uns existent gewesen wären.

Ich bin gespannt auf nächstes Jahr, vielleicht sehen wir dann Tische in allen Variationen.
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uiiii Ashoggi.....tolle Geschichte und eine reife Leistung..!!! :roll: !
Wie alt ist denn Dein Vater-----muß sich ja mindestens um die 100 bewegen  (frechgrinsi :idea: )
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Beitragvon signature » 30.07.2011, 17:05

Ashoggi,
eine feine sensible Geschichte, die einen schönen ruhigen Erzählfluss hat. Genau die Beobachtung des Weges in seiner Alltäglichkeit, anrührend die Fürsorge der Tochter. Bis plötzlich Ungewöhnliches aufmerken lässt. Perfekt, daß wir keine Erklärung erhalten, die leise Spannung wird gut gehalten.
Würde gerne noch viel mehr von Dir lesen-hat Freude gemacht.
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Beitragvon nobody47 » 30.07.2011, 17:10

Es sind Talente versammelt, man glaubt es kaum.... Versöhnt mit vielem, das auf dieser Plattform abläuft.... Gut zu lesen...
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Beitragvon ashoggi » 31.07.2011, 7:40

danke für die Blumen - nur so nebenbei, mein Vater starb 1979 in Alassio und aus der Geschichte geht auch nicht hervor, dass es eine Tochter ist, die den Vater begleitet, es könnte genau so gut ein Sohn sein. Euch allen einen schönen Sonntag. ashoggi
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Beitragvon Hester2009 » 31.07.2011, 8:44

ja, signature, mir hat sie auch gefallen die geschichte von ashoggi.
weil sie unaufdringlich ist und kein spiegel der seele der verfasserin.
eine geschichte die den eigenen geist stimuliert....

ich bin gespannt darauf, mehr zu lesen hier.

  
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Beitragvon hansolafpaul » 02.08.2011, 22:21

Eine etwas längere Kurzgeschichte. Sie war noch länger. Drum habe ich sie gekürzt :-)
Muss man nicht gelesen haben. Aber ich hatte auf jeden Fall meinen Spaß beim Schreiben.



Der 2. Abschnitt

Paul schlug die Augen auf - und hätte sie am liebsten gleich wieder geschlossen. Was er sah gefiel ihm nicht. Es war erschreckend. Direkt vor ihm ragte eine grau-weiße Wand empor, die bis zum Himmel zu reichen schien. Diese Wand war in ständiger Bewegung. Wallte und waberte hin und her. Überrollte sich. Sackte in sich zusammen, nur um von unten erneut empor zu quellen. Nebel, dachte Paul. Sieht aus wie Nebel. Er schüttelte den Kopf um seine Benommenheit loszuwerden.

Paul richtete den Oberkörper auf und stellte fest, dass er auf einer riesigen Steinplatte lag. Es gab hier mehrere dieser Steinplatten. Eine auf die andere geschichtet. Eine riesige Treppe, die in eine unbekannte Tiefe zu führen schien.

Paul schaute sich um. Rechterhand streckte sich ein Rundturm in den Himmel. Am Eingang ein Schild: "Gift-Shop". Er drehte sich um 90 Grad nach links und erstaunt stellte er fest, dass die Sonne schien. Blauer Himmel. Bis zu der grauen, wallenden Nebelwand, die sowohl die Sonne als auch den blauen Himmel verschluckte. In einiger Entfernung weideten Schafe auf einer Hochweide. Direkt am Abgrund. Und wenn er nach links blickte, sah er einen breiten Weg, einen riesigen Parkplatz und Schafe auf der Weide.

Wo bin ich, dachte Paul. Was soll das? Gerade eben warst du doch noch auf dem Weg in den Getränkemarkt. Und jetzt das hier? Obwohl ihm die Szenerie irgendwie bekannt vorkam, konnte er sich nicht erinnern. Paul fluchte zwar vor sich hin und haderte mit seinem Schicksal. Aber seltsamerweise war er nicht wirklich betroffen. Ein majestätischer Ort, dachte Paul. Wenn nur diese Nebelwand nicht gewesen wäre. Wie ein undurchsichtiger, riesiger Vorhang, der vom Himmel herabhängt, dachte Paul.

Paul kramte in den Taschen seiner blauen Regenjacke und holte ein Päckchen Tabak und sein Feuerzeug hervor. Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Zeitlos, dachte er, dieser Ort hat etwas zeitloses. Und auch er selber hatte plötzlich viel Zeit. Paul war völlig entspannt.

Ein silberheller Glockenton ertönte. Und wie aus heiterem Himmel stand plötzlich eine Frau auf den Steinplatten, nur wenige Meter von Paul entfernt. Sie trug eine verwaschene Jeans und ein neongelbes Oberteil, welches ohne jede Frage zu einem neongelben Badeanzug gehörte. Die rotbraunen Haare standen in starkem Kontrast zu ihrem eher blassen Teint. Sie setzte sich auf die Steinplatte und schenkte Paul ein gelangweiltes: "Hallo". Ihre Stimme war tief und sexy. "Sind sie der Hotelmanager", sagte sie und brach gleichzeitig in schallendes Gelächter aus.
In dem ihm eigenen leicht ironischen Tonfall sagte er: "Natürlich bin ich der Hotelmanager. Wer oder was sollte ich auch sonst sein". "Dann passt es ja", sagte Neonrot. Sie warf den Kopf in den Nacken, drückte die Brust heraus -viel war es nicht- und sonnte sich. Paul fand ihren Hals überaus erotisch.

"Sie haben nicht zufällig Sonnencreme dabei. Lichtschutzfaktor 50?", meinte Neonrot nach einer Weile. In leicht anzüglichem Tonfall sagte Paul: „Ich habe alles was eine Frau braucht … außer Sonnencreme“. Daraufhin warf ihm Neonrot einen Seitenblick zu, der direkt auf seine Leibesmitte zielte. Paul grinste in sich hinein.

Träge, wie ein Schluck Weizenbier, das durch die Kehle rinnt, floss die Zeit dahin.

Nach einer Weile sagte Paul: "Wo sind wir hier eigentlich?". "Im 2. Abschnitt", sagte Neonrot sofort. "Wussten sie das nicht?" "Danke für die Info", sagte Paul. "Und was ist der 2.Abschnitt?". Paul war etwas genervt. Etwas.

"Der 2. Abschnitt ist DEINE Welt. DEINE Traumwelt. HIER wolltest du immer sein. Und jetzt bist du hier. Und sei froh, denn es hätte schlimmer kommen können. Es gibt nicht wenige, die werden vom 1. Abschnitt auf Null zurückgestuft". Neongelb hatte sich in Rage geredet was, nebenbei bemerkt, sehr sexy wirkte.

Paul dachte eine Weile über Neonrot’s Aussage nach und sagte dann: "Wenn das meine Traumwelt ist, was machen SIE dann hier?" Drüben auf der Hochweide blökte laut ein Schaf und stürzte sich in den Abgrund. Was war das denn, dachte Paul, so ein blödes Schaf.

"Ich bin deine Traumfrau", sagte Neonrot mit vibrierender Stimme. "Ich bin intelligent, habe rote Haare und ein ausgezeichnetes Taille-Hüft-Verhältnis. Ich bin dein Beuteschema. Alles klar?"

Meine Traumfrau, murmelte Paul vor sich hin und hätte fast einen Lachanfall bekommen. „Na hoffentlich bin ich dann auch der Mann ihrer Träume“, sagte er sarkastisch.

Wieder verging eine Weile, ohne dass einer der beiden auch nur ein Wort gesagt hätte. Von irgendwoher erklang Flötenmusik.

"Denken sie nach oder sind sie eingeschlafen?", sagte Neonrot nach einer Weile. "Wissen sie", sagte Paul mit sanfter, ironischer Stimme, "es ist gar nicht so einfach, wenn Mann plötzlich mit seiner Traumfrau konfrontiert wird. Das muss ich erst mal verarbeiten." Paul stand auf und verschwand hinter dem Rundturm um sich zu erleichtern.

"Wir könnten einen Spaziergang machen.", sagte Paul, nachdem er wieder zurück war.
"Das ist eine gute Idee", meinte Neonrot und blickte ihm in die Augen. So gingen sie die Stufen hinab und wanderten den breiten Weg entlang. Es war angenehm warm. Ein leichter Wind wehte. Eine sehr friedliche Szenerie. Am Wegesrand saß ein blinder Flötenspieler, eingemummt in einen schwarzen Regenmantel, auf einem Schemel und spielte eine seltsame Melodie. Die Melodie kam Paul bekannt vor, doch er konnte sich nicht erinnern. Paul fuchtelte mit einer Hand vor den Augen des Flötenspielers herum und bekam als Dank dafür ein gepresstes „Fuck Off“ zuhören. Paul grinste.
Neonrot war bereits weitergegangen. Wohlwollend betrachtete Paul ihre Kehrseite, die breiten Hüften, die schmale Taille … jaja.

"Eigentlich ist es hier ja stinkelangweilig", sagte Paul. Ein Schaf blökte laut und stürzte sich in den Abgrund. "Ich finde es angenehm, hier mit ihnen spazieren zu gehen und ein bisschen zu plaudern", sagte Neonrot und schaute ihn fragend an. "Natürlich finde ich es auch sehr schön, äh, dass sie auch hier sind.", sagte Paul und warf einen vorsichtigen Blick auf die Schafherde.

"Haben sie eigentlich einen Waffenschein für ihren Hintern", sagte Paul, einem Impuls folgend, und gab Neonrot einen herzhaften Klapps. 10 Schafe blökten laut und stürzten sich gemeinsam in den Abgrund. Neongelb warf ihm einen Wenn-Blicke-Töten-Könnten Blick zu, verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. "Nein, nein", versuchte Paul die Situation zu retten, "ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ihre Hose ausgezeichnet sitzt. Wie maßgeschneidert. Wirklich. Sie haben eine sehr, sehr gute Figur. "Ist schon okay", sagte Neonrot, "bei mir sitzt immer alles."

Paul grinste schelmisch vor sich hin. "Ich werde sie Fee nennen, weil sie so bezaubernd sind.", sagte er dann. 10 Schafe tauchten im Rückwärtsgang aus dem Abgrund auf und schauten dankbar zu Paul herüber.

Links des Weges hatte irgendein Volltrottel eine komplette Einkaufmeile in den Felsen hinein gebaut. Einschließlich Restaurant und Informationscenter. Integriert heißt das, dachte Paul. In den Felsen integriert, genau. Leere Marktstände, sogenannte One-Night-Stands, standen herum. Alles verlassen und absolut fehl am Platz. Voraus tauchte ein riesiges Tor auf. Nein, es waren mehrere Tore. Und Kassenhäuschen. Paul schüttelte den Kopf.

"Die Farbe der Kassenhäuschen ist doch absolut scheußlich. Meinen sie nicht auch?", sagte Fee. "Sie hätten wahrscheinlich Rosa gewählt, stimmt‘s?", sagte Paul und lachte. Ein Schaf blökte und stürzte sich in den Abgrund. Ist ja gut, ist ja gut. So schlimm war das doch gar nicht, dachte Paul.
"Sorry", sagte Paul, "ich wollte nur sagen, dass sie bestimmt eine sehr schöne Farbe gewählt hätten." "Ich hätte Rosa gewählt.", sagte Fee und schaute ihn belustig an. "Finden sie nicht auch, dass Rosa eine sehr schöne Farbe ist?" "Natürlich", sagte Paul, "Rosa ist eine meiner Lieblingsfarben." Die Schafherde glotzte ungläubig herüber.

Sie traten durch eines der Eingangstore und blickten auf den riesigen Parkplatz. Im Hintergrund weideten Schafe. Verfallene Steinmauern durchzogen die Weideflächen.

"Ich glaube hier gibt es nichts mehr zu sehen. Wollen wir umkehren?", sagte Paul fragend. "Wie sie wollen", sagte Fee. "Können sie eigentlich Kochen?", fragte Paul. Die Schafherde erstarrte. "Natürlich kann ich kochen. Ich habe jede Menge Kochbücher und kann, wenn nötig, ein komplettes 3-Gänge Menü zaubern. Mit dem entsprechenden Personal natürlich.", sagte Fee mit leicht hysterischer Stimme. "Bei den Frauen heutzutage, da muss man ja schon froh sein, wenn das Nudelwasser nicht anbrennt.", sagte Paul wagemutig und lachte laut.
Die Schafherde bekam einen kollektiven Dünnschiss-Anfall und kotete die komplette Hochweide ein. Eine schwere Regenwolke löste sich aus der Nebelwand und entlud sich direkt über der Hochweide. Sintflutartige Wassermassen spülten die Hinterlassenschaft der Dünnschiss-Orgie in den Abgrund. Nicht schlecht, dachte Paul, gut durchdacht das Ganze. Saubere Sache. Ja, ja.
Sie kamen wieder in die Nähe der Einkaufmeile und Paul sagte: "Wie alt sind sie eigentlich, wenn ich fragen darf?" Die Schafherde blökte plötzlich in einem stakkato-artigen Rhythmus. Es hörte sich an wie S-O-S. Selbst die Flöte des blinden Flötenspielers war als Oberstimme deutlich hörbar.
"Ein Mann ist ja immer so alt wie er sich fühlt ...", setzte Paul an. Die Schafherde bewegte sich jetzt geschlossen auf den Abgrund zu, und der Flötenspieler war aufgestanden und kam den Weg heruntergerannt. S-O-S.
„Was wollten sie sagen?“, sagte Fee. „Dass ich mich manchmal schrecklich alt fühle. Und in ihrer Gegenwart fühle ich mich noch älter.“, sagte Paul und verdrehte die Augen. „So jung bin ich nun auch nicht mehr.“, meinte Fee. „Und sie sehen doch mindestens 10 Jahre jünger aus.“ Eine wunderbare Stille stellte sich ein und der Flötenspieler ging zurück zu seinem Schemel. Paul seufzte tief. So konnte das nicht weitergehen. Das grenzt ja an Selbstverleugnung, dachte er.

„Deine Augen, Fee, sind wie zwei Smaragde die in einem türkisfarbenen Meer schwimmen. Und ich glaube du bist die schönste Frau die mir je begegnet ist. Wenn nicht gar die schönste Frau der Welt.“, sagte Paul unvermittelt. Fee blieb abrupt stehen und schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Auf der Hochweide gab es eine gewaltige Detonation – die Schafherde hatte einen kollektiven Pups gelassen. Eine grüngelbe Methangaswolke wehte herüber und es stank gewaltig, als die Gaswolke über sie hinweg zog.
„Aber ich glaube, ich bin deiner nicht Wert, liebe Fee.“, sagte Paul. „Und noch etwas muss ich dir sagen: Ich bin nicht der Hotelmanager“.
„Dann ist wohl etwas schiefgelaufen in der Dispositionsabteilung“, sagte Fee und verschwand so wie sie gekommen war: Lautlos. Nein, ein leises Plop ertönte als sie auf nimmer wiedersehen verschwand.

Seltsam beschwingt ging Paul den Weg zurück. Der blinde Flötenspieler war verschwunden. Langsam stieg er die Steinstufen empor. Der Nebel hatte sich verzogen und im weichen Licht der untergehenden Sonne erstrahlten die Cliffs of Moher in majestätischer Schönheit. Lange blieb Paul stehen und nahm dieses Naturschauspiel in sich auf. Er stand auch noch da, als die Dämmerung schon längst eingesetzt hatte und langsam in die Dunkelheit überging. Dann drehte er sich um.

Über dem Eingang des o’Brien’s Tower brannte jetzt eine rote Laterne. Stimmengewirr drang aus der Tür. Paul ging hinein. Der kleine Gift-Shop hatte sich auf wunderbare Weise in einen irischen Pup verwandelt. Auf der kleinen Bühne spielten die Dubliners das Lied von den „Seven Drunken Nights“. Genau, dachte Paul, seven drunken nights. Am Tresen waren noch zwei Stühle frei. Paul setzte sich. Molly, eine dralle irische Schönheit mit feuerroten Haaren, sah ihn freundlich fragend an. „Drei Guinness“, sagte Paul, „eins für Hans, eins für Olaf und eins für Paul.“

So war das also – damals im 2. Abschnitt :)
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Beitragvon Freysine » 03.08.2011, 9:58

Muss man nicht lesen..?...schon passiert!..und ich hab mich köstlich amüsiert..jaha! :D

Die magisch blökenden Schafe, sowie der Flötenspieler....da habsch gewisse Assoziationen ..... :lol:
Dankeschön :) :D
http://youtu.be/36Rdg1kHagI
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Beitragvon Frigga54 » 03.08.2011, 11:16

Klasse, Freysine... nun hab ich auch Bilder zur Geschichte :D

Ich gebe noch ein paar "Irish Fays" dazu. HOP kann sich ja Eine aussuchen :P

http://www.youtube.com/watch?v=CqQvUZ9S ... re=related
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Beitragvon hansolafpaul » 03.08.2011, 17:30

Danke Freysine, danke Frigga für den regen Zuspruch und die Videos ;-)
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