Eine etwas längere Kurzgeschichte. Sie war noch länger. Drum habe ich sie gekürzt

Muss man nicht gelesen haben. Aber ich hatte auf jeden Fall meinen Spaß beim Schreiben.
Der 2. AbschnittPaul schlug die Augen auf - und hätte sie am liebsten gleich wieder geschlossen. Was er sah gefiel ihm nicht. Es war erschreckend. Direkt vor ihm ragte eine grau-weiße Wand empor, die bis zum Himmel zu reichen schien. Diese Wand war in ständiger Bewegung. Wallte und waberte hin und her. Überrollte sich. Sackte in sich zusammen, nur um von unten erneut empor zu quellen. Nebel, dachte Paul. Sieht aus wie Nebel. Er schüttelte den Kopf um seine Benommenheit loszuwerden.
Paul richtete den Oberkörper auf und stellte fest, dass er auf einer riesigen Steinplatte lag. Es gab hier mehrere dieser Steinplatten. Eine auf die andere geschichtet. Eine riesige Treppe, die in eine unbekannte Tiefe zu führen schien.
Paul schaute sich um. Rechterhand streckte sich ein Rundturm in den Himmel. Am Eingang ein Schild: "Gift-Shop". Er drehte sich um 90 Grad nach links und erstaunt stellte er fest, dass die Sonne schien. Blauer Himmel. Bis zu der grauen, wallenden Nebelwand, die sowohl die Sonne als auch den blauen Himmel verschluckte. In einiger Entfernung weideten Schafe auf einer Hochweide. Direkt am Abgrund. Und wenn er nach links blickte, sah er einen breiten Weg, einen riesigen Parkplatz und Schafe auf der Weide.
Wo bin ich, dachte Paul. Was soll das? Gerade eben warst du doch noch auf dem Weg in den Getränkemarkt. Und jetzt das hier? Obwohl ihm die Szenerie irgendwie bekannt vorkam, konnte er sich nicht erinnern. Paul fluchte zwar vor sich hin und haderte mit seinem Schicksal. Aber seltsamerweise war er nicht wirklich betroffen. Ein majestätischer Ort, dachte Paul. Wenn nur diese Nebelwand nicht gewesen wäre. Wie ein undurchsichtiger, riesiger Vorhang, der vom Himmel herabhängt, dachte Paul.
Paul kramte in den Taschen seiner blauen Regenjacke und holte ein Päckchen Tabak und sein Feuerzeug hervor. Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Zeitlos, dachte er, dieser Ort hat etwas zeitloses. Und auch er selber hatte plötzlich viel Zeit. Paul war völlig entspannt.
Ein silberheller Glockenton ertönte. Und wie aus heiterem Himmel stand plötzlich eine Frau auf den Steinplatten, nur wenige Meter von Paul entfernt. Sie trug eine verwaschene Jeans und ein neongelbes Oberteil, welches ohne jede Frage zu einem neongelben Badeanzug gehörte. Die rotbraunen Haare standen in starkem Kontrast zu ihrem eher blassen Teint. Sie setzte sich auf die Steinplatte und schenkte Paul ein gelangweiltes: "Hallo". Ihre Stimme war tief und sexy. "Sind sie der Hotelmanager", sagte sie und brach gleichzeitig in schallendes Gelächter aus.
In dem ihm eigenen leicht ironischen Tonfall sagte er: "Natürlich bin ich der Hotelmanager. Wer oder was sollte ich auch sonst sein". "Dann passt es ja", sagte Neonrot. Sie warf den Kopf in den Nacken, drückte die Brust heraus -viel war es nicht- und sonnte sich. Paul fand ihren Hals überaus erotisch.
"Sie haben nicht zufällig Sonnencreme dabei. Lichtschutzfaktor 50?", meinte Neonrot nach einer Weile. In leicht anzüglichem Tonfall sagte Paul: „Ich habe alles was eine Frau braucht … außer Sonnencreme“. Daraufhin warf ihm Neonrot einen Seitenblick zu, der direkt auf seine Leibesmitte zielte. Paul grinste in sich hinein.
Träge, wie ein Schluck Weizenbier, das durch die Kehle rinnt, floss die Zeit dahin.
Nach einer Weile sagte Paul: "Wo sind wir hier eigentlich?". "Im 2. Abschnitt", sagte Neonrot sofort. "Wussten sie das nicht?" "Danke für die Info", sagte Paul. "Und was ist der 2.Abschnitt?". Paul war etwas genervt. Etwas.
"Der 2. Abschnitt ist DEINE Welt. DEINE Traumwelt. HIER wolltest du immer sein. Und jetzt bist du hier. Und sei froh, denn es hätte schlimmer kommen können. Es gibt nicht wenige, die werden vom 1. Abschnitt auf Null zurückgestuft". Neongelb hatte sich in Rage geredet was, nebenbei bemerkt, sehr sexy wirkte.
Paul dachte eine Weile über Neonrot’s Aussage nach und sagte dann: "Wenn das meine Traumwelt ist, was machen SIE dann hier?" Drüben auf der Hochweide blökte laut ein Schaf und stürzte sich in den Abgrund. Was war das denn, dachte Paul, so ein blödes Schaf.
"Ich bin deine Traumfrau", sagte Neonrot mit vibrierender Stimme. "Ich bin intelligent, habe rote Haare und ein ausgezeichnetes Taille-Hüft-Verhältnis. Ich bin dein Beuteschema. Alles klar?"
Meine Traumfrau, murmelte Paul vor sich hin und hätte fast einen Lachanfall bekommen. „Na hoffentlich bin ich dann auch der Mann ihrer Träume“, sagte er sarkastisch.
Wieder verging eine Weile, ohne dass einer der beiden auch nur ein Wort gesagt hätte. Von irgendwoher erklang Flötenmusik.
"Denken sie nach oder sind sie eingeschlafen?", sagte Neonrot nach einer Weile. "Wissen sie", sagte Paul mit sanfter, ironischer Stimme, "es ist gar nicht so einfach, wenn Mann plötzlich mit seiner Traumfrau konfrontiert wird. Das muss ich erst mal verarbeiten." Paul stand auf und verschwand hinter dem Rundturm um sich zu erleichtern.
"Wir könnten einen Spaziergang machen.", sagte Paul, nachdem er wieder zurück war.
"Das ist eine gute Idee", meinte Neonrot und blickte ihm in die Augen. So gingen sie die Stufen hinab und wanderten den breiten Weg entlang. Es war angenehm warm. Ein leichter Wind wehte. Eine sehr friedliche Szenerie. Am Wegesrand saß ein blinder Flötenspieler, eingemummt in einen schwarzen Regenmantel, auf einem Schemel und spielte eine seltsame Melodie. Die Melodie kam Paul bekannt vor, doch er konnte sich nicht erinnern. Paul fuchtelte mit einer Hand vor den Augen des Flötenspielers herum und bekam als Dank dafür ein gepresstes „Fuck Off“ zuhören. Paul grinste.
Neonrot war bereits weitergegangen. Wohlwollend betrachtete Paul ihre Kehrseite, die breiten Hüften, die schmale Taille … jaja.
"Eigentlich ist es hier ja stinkelangweilig", sagte Paul. Ein Schaf blökte laut und stürzte sich in den Abgrund. "Ich finde es angenehm, hier mit ihnen spazieren zu gehen und ein bisschen zu plaudern", sagte Neonrot und schaute ihn fragend an. "Natürlich finde ich es auch sehr schön, äh, dass sie auch hier sind.", sagte Paul und warf einen vorsichtigen Blick auf die Schafherde.
"Haben sie eigentlich einen Waffenschein für ihren Hintern", sagte Paul, einem Impuls folgend, und gab Neonrot einen herzhaften Klapps. 10 Schafe blökten laut und stürzten sich gemeinsam in den Abgrund. Neongelb warf ihm einen Wenn-Blicke-Töten-Könnten Blick zu, verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. "Nein, nein", versuchte Paul die Situation zu retten, "ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ihre Hose ausgezeichnet sitzt. Wie maßgeschneidert. Wirklich. Sie haben eine sehr, sehr gute Figur. "Ist schon okay", sagte Neonrot, "bei mir sitzt immer alles."
Paul grinste schelmisch vor sich hin. "Ich werde sie Fee nennen, weil sie so bezaubernd sind.", sagte er dann. 10 Schafe tauchten im Rückwärtsgang aus dem Abgrund auf und schauten dankbar zu Paul herüber.
Links des Weges hatte irgendein Volltrottel eine komplette Einkaufmeile in den Felsen hinein gebaut. Einschließlich Restaurant und Informationscenter. Integriert heißt das, dachte Paul. In den Felsen integriert, genau. Leere Marktstände, sogenannte One-Night-Stands, standen herum. Alles verlassen und absolut fehl am Platz. Voraus tauchte ein riesiges Tor auf. Nein, es waren mehrere Tore. Und Kassenhäuschen. Paul schüttelte den Kopf.
"Die Farbe der Kassenhäuschen ist doch absolut scheußlich. Meinen sie nicht auch?", sagte Fee. "Sie hätten wahrscheinlich Rosa gewählt, stimmt‘s?", sagte Paul und lachte. Ein Schaf blökte und stürzte sich in den Abgrund. Ist ja gut, ist ja gut. So schlimm war das doch gar nicht, dachte Paul.
"Sorry", sagte Paul, "ich wollte nur sagen, dass sie bestimmt eine sehr schöne Farbe gewählt hätten." "Ich hätte Rosa gewählt.", sagte Fee und schaute ihn belustig an. "Finden sie nicht auch, dass Rosa eine sehr schöne Farbe ist?" "Natürlich", sagte Paul, "Rosa ist eine meiner Lieblingsfarben." Die Schafherde glotzte ungläubig herüber.
Sie traten durch eines der Eingangstore und blickten auf den riesigen Parkplatz. Im Hintergrund weideten Schafe. Verfallene Steinmauern durchzogen die Weideflächen.
"Ich glaube hier gibt es nichts mehr zu sehen. Wollen wir umkehren?", sagte Paul fragend. "Wie sie wollen", sagte Fee. "Können sie eigentlich Kochen?", fragte Paul. Die Schafherde erstarrte. "Natürlich kann ich kochen. Ich habe jede Menge Kochbücher und kann, wenn nötig, ein komplettes 3-Gänge Menü zaubern. Mit dem entsprechenden Personal natürlich.", sagte Fee mit leicht hysterischer Stimme. "Bei den Frauen heutzutage, da muss man ja schon froh sein, wenn das Nudelwasser nicht anbrennt.", sagte Paul wagemutig und lachte laut.
Die Schafherde bekam einen kollektiven Dünnschiss-Anfall und kotete die komplette Hochweide ein. Eine schwere Regenwolke löste sich aus der Nebelwand und entlud sich direkt über der Hochweide. Sintflutartige Wassermassen spülten die Hinterlassenschaft der Dünnschiss-Orgie in den Abgrund. Nicht schlecht, dachte Paul, gut durchdacht das Ganze. Saubere Sache. Ja, ja.
Sie kamen wieder in die Nähe der Einkaufmeile und Paul sagte: "Wie alt sind sie eigentlich, wenn ich fragen darf?" Die Schafherde blökte plötzlich in einem stakkato-artigen Rhythmus. Es hörte sich an wie S-O-S. Selbst die Flöte des blinden Flötenspielers war als Oberstimme deutlich hörbar.
"Ein Mann ist ja immer so alt wie er sich fühlt ...", setzte Paul an. Die Schafherde bewegte sich jetzt geschlossen auf den Abgrund zu, und der Flötenspieler war aufgestanden und kam den Weg heruntergerannt. S-O-S.
„Was wollten sie sagen?“, sagte Fee. „Dass ich mich manchmal schrecklich alt fühle. Und in ihrer Gegenwart fühle ich mich noch älter.“, sagte Paul und verdrehte die Augen. „So jung bin ich nun auch nicht mehr.“, meinte Fee. „Und sie sehen doch mindestens 10 Jahre jünger aus.“ Eine wunderbare Stille stellte sich ein und der Flötenspieler ging zurück zu seinem Schemel. Paul seufzte tief. So konnte das nicht weitergehen. Das grenzt ja an Selbstverleugnung, dachte er.
„Deine Augen, Fee, sind wie zwei Smaragde die in einem türkisfarbenen Meer schwimmen. Und ich glaube du bist die schönste Frau die mir je begegnet ist. Wenn nicht gar die schönste Frau der Welt.“, sagte Paul unvermittelt. Fee blieb abrupt stehen und schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Auf der Hochweide gab es eine gewaltige Detonation – die Schafherde hatte einen kollektiven Pups gelassen. Eine grüngelbe Methangaswolke wehte herüber und es stank gewaltig, als die Gaswolke über sie hinweg zog.
„Aber ich glaube, ich bin deiner nicht Wert, liebe Fee.“, sagte Paul. „Und noch etwas muss ich dir sagen: Ich bin nicht der Hotelmanager“.
„Dann ist wohl etwas schiefgelaufen in der Dispositionsabteilung“, sagte Fee und verschwand so wie sie gekommen war: Lautlos. Nein, ein leises Plop ertönte als sie auf nimmer wiedersehen verschwand.
Seltsam beschwingt ging Paul den Weg zurück. Der blinde Flötenspieler war verschwunden. Langsam stieg er die Steinstufen empor. Der Nebel hatte sich verzogen und im weichen Licht der untergehenden Sonne erstrahlten die Cliffs of Moher in majestätischer Schönheit. Lange blieb Paul stehen und nahm dieses Naturschauspiel in sich auf. Er stand auch noch da, als die Dämmerung schon längst eingesetzt hatte und langsam in die Dunkelheit überging. Dann drehte er sich um.
Über dem Eingang des o’Brien’s Tower brannte jetzt eine rote Laterne. Stimmengewirr drang aus der Tür. Paul ging hinein. Der kleine Gift-Shop hatte sich auf wunderbare Weise in einen irischen Pup verwandelt. Auf der kleinen Bühne spielten die Dubliners das Lied von den „Seven Drunken Nights“. Genau, dachte Paul, seven drunken nights. Am Tresen waren noch zwei Stühle frei. Paul setzte sich. Molly, eine dralle irische Schönheit mit feuerroten Haaren, sah ihn freundlich fragend an. „Drei Guinness“, sagte Paul, „eins für Hans, eins für Olaf und eins für Paul.“
So war das also – damals im 2. Abschnitt
