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Kurzgeschichten

96 Beiträge

Beitragvon nobody47 » 03.08.2011, 17:52

Ich wollte mich ja zwischendurch immer wieder mal ausklinken, weil mir alles so fern vorkam.. Ich hab's nicht geschafft!!!! Tolle Schreibe, spannend und atmosphärisch dicht, finde ich... Bestell ein Guiness für Niemand mit, Nobody setzt sich einfach mal zu euch Dreien...
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nobody47
 
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Beitragvon ashoggi » 03.08.2011, 22:26

da schließe ich mich doch glatt an - mir hat es gefallen - darf ich dann auch mittrinken ? Aber bitte ein Köstritzer....
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ashoggi
 
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Beitragvon hansolafpaul » 04.08.2011, 21:59

Hallo Ashoggit, das mit dem Köstritzer sollte kein Problem. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautete, laufen, derzeit noch geheime, Verhandlungen zwischen Tulamore Dew Inc. und der Köstritzer GmbH. Die Köstritzer GmbH will die alte Destillerie in Tulamore übernehmen und statt Whiskey dort Schwarzbier brauen. Wie du siehst alles kein Problem (in dieser virtuellen Welt) ;-)
Und herzlich willkommen bist du sowieso ...
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hansolafpaul
 

Beitragvon ashoggi » 06.08.2011, 8:23

mangels Zeit, eine "alte" Geschichte aus dem Fundus....


Frau Mathilde Flöter, die den Sternschnuppenfall aus den Leoniden nicht verpassen wollte, stand vor fünf Uhr auf. In der Sedanallee befanden sich erstaunlich viel Gleichgesinnte, man wünschte sich einen guten Morgen und ging mit dem Kopf im Genick aneinander vorbei. Die Wolkendecke riss nicht auf, auf Frau Flöter wartete eine andere Überraschung. Mit der Zeitung und der Brötchentüte betrat sie die Küche. Sie setzte den Kaffee auf, zündete die Kerze an und stellte das Geschirr auf den Tisch. Noch während der Kaffee durchlief breitete sie die Zeitung aus, um zuerst zu dem Teil mit den Todesannoncen zu kommen. Da sprang ihr mitten aus der Zeitung ein winzig kleiner Kerl entgegen. Er stand mit seinen Füßen direkt neben der Kerze und schrie: mir gefällt es hier nicht, hier gefällt es mir nicht! Panikartig griff Frau Flöter nach dem Kaffeelöffel und hievte mit diesem das Männchen in den Eierbecher, wo er etwas zur Ruhe kam, und zu erzählen begann. Er erzählte von einer ganz fürchterlichen Nacht, die er in einem Krankenhaus zugebracht hatte Die Ärzte und überhaupt das ganze Personal hätte aus Strohhalmen bestanden, aus rosafarbenen, blauen und auch gestreiften. Die Bahren schienen Eisstiele zu sein, sterilisiert wurde in einer Froschblase und das OP-Besteck bestand aus extra dafür zugeschnittenen Fliegenbeinen, vor der Tür zur Anatomie hätte ein Salamanderschwanz gestanden – nun das hatte er überstanden. Frau Flöter, die eine gute Gastgeberin war, fragte den kleinen Mann, ob sie etwas für ihn tun könne, ja er habe Hunger, aber er äße nur Spinnweben. Im Keller nahm die Liebe alle Spinnweben ab und versuchte sie in einem Din A 4 Umschlag nach oben zu bringen. Da kam ihr die Idee mit der Presse. Natürlich musste sie die Presse informieren. Zwischen Volkstrauertag und Totensonntag kam denen doch jede Story recht.
Oben angekommen dekorierte sie liebevoll den ganzen Rand des Eierbechers mit Spinnweben, was ganz entzückend aussah. Sie wollte noch sehen wo der kleine Kerl zu essen anfing, ob rechts oder links oder nördlich und dann ging sie ans Telefon. Der Herr von der Allgemeinen konnte nicht glauben, was sie erzählte. Erst als sie eine Forderung von 5000 Euro in den Raum stellte und über ein Angebot von der Konkurrenz sprach, sicherte man ihr zu, sofort vorbeizukommen.
Eilig ging sie ins Bad, um die Frisur zu richten und das Augen make -up zu überprüfen, für den Fall, dass man auch von ihr ein Foto haben wolle.
Zurück in der Küche sah sie den Zwerg auf dem Boden des Eierbechers liegen, er wand sich vor Schmerzen.
Die Spinnweben waren alle verspeist und mit geübtem Blick konstatierte sie Darmverschluss. An eine OP war nicht zu denken, da keine sterilisierten Fliegenbeine vorrätig waren und sich auf die Schnelle auch nicht beschaffen ließen.
Als der Herr von der Presse kam, hatte sie den Leichnam bereits in eine Streichholzschachtel auf Watte gebettet.
Auf ein Foto von ihr wurde verzichtet.

Offen blieb die Frage, wieviel Geld sie nun bekommen würde, angesichts des Todes wollte sie nicht feilschen.
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Beitragvon signature » 06.08.2011, 17:10

Eine entzückende Geschichte - wo nimmst Du nur soviel Fantasie her ?!?
Fein und elegant geschrieben, großartig !! :D
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Beitragvon Frigga54 » 06.08.2011, 17:45

wirklich eine sehr, sehr schöne, kleine Geschichte ashoggi...

... ääähh.. guck doch demnächst mal bei den Geburtsanzeigen nach, vielleicht war das Weib, des kleinen Spinnwebenvertilgers ja schwanger und der Nachwuchs macht sich schon in Deiner Zeitung breit :P
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Frigga54
 

Beitragvon ashoggi » 12.08.2011, 7:56

Warum schreibt jetzt hier keiner mehr ??? Ich war ja erst dran und halte mich zurück.
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ashoggi
 
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Beitragvon signature » 12.08.2011, 11:46

Wir schlendern frühmorgens durch die Straßen der Altstadt. Es wird ein heißer Tag werden.
Eine Katze faucht uns aus einem Hauseingang an und verschwindet im dämmrigen Hintergrund des Treppenhauses. Die Concierge des Hauses kippt uns mit mißmutigem Blick ihr Wischwasser knapp vor die Füße. Der brackige Strom sucht sich seinen Weg über alte Pflastersteine in den Rinnstein und treibt allerlei Unrat vor sich her. Lachend überspringen wir die Nässe und fühlen uns frisch erwacht in einer riesigen noch schlafenden Großstadt. Ein Müllwagen wird nun in der Strasse aktiv und hinterlässt leere, umgekippte Mülltonnen aus denen ein fauliger Gestank aufsteigt. Meine Nase nimmt den unverwechselbaren Geruch von geröstetem Kaffee und Gullydämpfen wahr. Meine Stadt Brüssel.
Auf einem Fahrrad bringt ein Bäckerjunge einen großen hohen Korb mit Baguette in eins der kleinen Bistros, die durchgehend Nachtschwärmern Asyl an ihrem Tresen geben. Jetzt am Morgen betreten schon die ersten Berufstätigen für einen starken Schwarzen oder kleinen Roten die Cafes.Die Mischung aus Handwerkern im Overall, Geschäftsleuten im Anzug und mit Aktenkoffer und Hausfrauen auf dem Zwischenstop zum Markt neben den Betrunkenen der durchzechten Nacht ist wahre Demokratie, hier fühlt sich jeder zugehörig und Zuhause. Schaler Biergeruch wabert durch den Raum, die riesige Kaffeemaschine dampft und spuckt laut ihren köstlich starken Kaffee Tasse für Tasse aus. Man kennt sich hier im Viertel und küsst sich wie in Belgien üblich dreimal zur Begrüßung auf die Wangen. Ein buntes Sprachgemisch aus französisch, holländisch und diversen Dialekten, die nur die Einheimischen verstehen, erfüllt den Raum lautstark.
Unser Ziel ist der Flohmarkt in der Unterstadt, schon oft konnten wir dort wunderschöne Dinge aus den diversen Kisten der Händler herausziehen. Wertvolle Antiquitäten neben abgespielten Teddys oder Hausrat warten auf neue Besitzer. Feilschen ist Pflicht und bringt erst den wahren Genuss des Erwerbs.
Glücklich mit einem Art Deco Hütchen aus Bast und Seidenblumen verlassen wir den quirligen Marche aux Puces, um erschöpft in einen Korbstuhl der zahlreichen Cafes der Marollen zu sinken. Sofort wird fachkundig von Tischnachbarn unser Fund begutachtet und wechselt dabei von Hand zu Hand. Die Seidenblumen werden von einer Dame aus ihrem verknautschen Zustand geschickt glatt geformt. Als krönenden Abschluß setzt sie mir den Kompotthut zur allgemeinen Belustigung neckisch schräg auf den Kopf. Auch andere Sammler wurden fündig und betrachten stolz bei einem ersten Bier ihre Errungenschaft. Neid steigt in mir hoch, als ich die blaurote Pate De Verre-Lampe sehe, die mir anscheinend vor der Nase weggeschnappt wurde. Gerne hätte ich sie selber gefunden, aber man kann seine Augen nicht überall haben. Frage den Herrn trotzdem, ob dieses Prachtstück zu verkaufen ist und wenn ja für welchen Preis. Ich habe Glück, der Mann ist Händler und verkauft berufsbedingt mit einem Aufschlag das Objekt an Jederman. Nun ist mir der Preis aber doch zu hoch und ich erbitte mir Bedenkzeit, die eigentlich mehr eine Zeit der Berechnung meiner Finanzlage ist. In der Zwischenzeit gebe ich schon mal eine Runde Pastis aus, der mir nur hier schmeckt. Dem Händler mundet es wohl auch und erwärmt sein kaltes merkantiles Herz, er bietet mir mit Pokerface einen Verkaufspreis für die Jugendstillampe an, dem ich nicht widerstehen kann. Wir besiegeln das Geschäft mit einer weiteren Runde, die jetzt mein Geschäftspartner bestellt. Alle sind zufrieden - ich als Besitzer einer Lichtquelle, der Verkäufer mit einer gefüllten Brieftasche und alle Cafehausbesucher, die uns amüsiert beobachtet haben.

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Beitragvon ashoggi » 12.08.2011, 18:37

danke- für mich stand gleich ein früher Morgen in Casablanca in Gedanken vor mir. Ich hatte eine Schiffsreise unternommen und wir lagen dort schon früh am Morgen im Hafen. Als Frühaufsteherin machte ich mich so kurz nach 6 Uhr auf den Weg um Casablanca zu erkunden. Zahlreiche Wagen mit großen Tanks voller Wasser begegneten mir, Casablanca wurde geputzt - mit Schläuchen wurde alles abgespritzt. Genug jetzt. Es ist Deine Geschichte, super.....
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Beitragvon signature » 12.08.2011, 20:23

Liebe ashoggi, vielen Dank fürs Lesen :)
Ja, ich liebe diese Stimmung im Sommer, ganz früh am Morgen wenn eine Großstadt langsam erwacht und geschäftiges Treiben beginnt.
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Beitragvon Ambe44 » 13.08.2011, 22:41

Verlorene Tage

«Wie siehst du denn aus?» Lucies Gesicht zeigte eine Mischung aus Belustigung und Erstaunen. «Wo warst du die ganze Zeit? Ich habe mir Sorgen gemacht.» Ich öffnete die Wohnungstür ganz. «Komm rein, dann erzähle ich Dir alles.»

Noch immer schlaftrunken schlurfte ich Lucie voraus in die Küche. «Willst du auch einen Kaffee? Ich brauche dringend etwas zum Aufwachen.» Lucie grinste noch mehr. «Aufwachen am Mittag um eins, das muss ja heftig zu und her gegangen sein. Mach mir auch einen Espresso, jetzt bin ich wirklich gespannt auf deine Geschichte.»

«Also, begonnen hat alles am Dienstag, als ich beim Mittagessen die Zeitung gelesen habe. Darin war ein Bericht über Milena Moser, verbunden mit einem Schreibwettbewerb. Mensch, als 1. Preis würde die Geschichte gedruckt werden und man könnte dazu ein Schreibseminar bei der Moser gewinnen. Klang toll und ich wollte dabei sein. Aber was für ein blödes Thema. Wie kann ein Mensch vier Tage verlieren?»

Lucie rührte in ihrer Tasse. «Und holt man sich später die verlorenen Tage auf dem Fundbüro ab? Vielleicht dann, wenn man sie gerade braucht? Komische Idee. Aber was hat das jetzt mit deinem, sorry, ziemlich desolaten Zustand zu tun?»

«Das will ich dir ja erzählen. Rede nicht, höre einfach zu.» Ich nahm meine Tasse und setzte mich zu meiner Freundin.

«Als erstes kam mir mein Blinddate-Abenteuer in Venedig in den Sinn, da war ich wirklich vom Erdboden verschwunden. Natürlich nur für meine Freunde, von denen mich schon einige meuchlings ermordet im Meer schwimmen sahen. Du hast mich auch vor dieser Reise gewarnt und über meine Naivität gelästert. Aber für mich gehören diese Tage zu den schönsten meines Lebens.»

Wahrscheinlich lächelte ich dabei selig, denn Lucie sah mich ganz liebevoll an. «Und darüber hast du jetzt eine Geschichte geschrieben?»

«Nein! Diese wunderbare Erinnerung als Geschichte? Lieber nicht, das käme mir wie ein Verrat vor. Es geht auch Niemanden etwas an, was in dieser Zeit passiert ist. Ausser dir natürlich, du kennst die meisten Einzelheiten und ziehst mich leider oft genug damit auf.»

Ich stand auf und goss mir ein Glas Wasser ein. «Aber was sonst? Wo kann ein Mensch vier Tage verlieren? Das Thema hat mich nicht mehr los gelassen.» Ich ging jetzt in der Küche auf und ab, das Wasser im Glas schwappte bedenklich von Rand zu Rand.

«Was muss passieren, dass ein Mensch vier Tage von der Bildfläche verschwindet? Er kann sich nicht einfach in Luft auflösen. Und dann sind mir die komischsten Ideen gekommen. In einer Wüste kann man doch verschwinden, zum Beispiel in der Sahara. Gekidnappt von Rebellen und in einem geheimen Lager festgehalten … oder bei einem Flugzeugabsturz weit ab von jeder Zivilisation … auch ein einsamer Motorradfahrer kam mir in den Sinn, einer, der bei seiner Wüstendurchquerung fast verdurstet und im letzten Moment von einer Kamelkarawane aufgefunden wird.»

Lucie sah mich mit grossen Augen an. «Ich habe das Gefühl, Du liest zuviel Abenteuerromane. Solche Geschichten habe ich schon jede Menge gehört.»

Ich setzte mich wieder zu meiner Freundin an den Tisch. «Du hast Recht. Ich wollte nichts schreiben, was es schon so oft gegeben hat. Aber was sonst? Meine Ideen wurden immer abstruser. Ich dachte an eine Geschichte mit dem Titel “Verschollen in der Poliklinik”. Einfach weil ich mich erinnerte, dass ich mich in den Gängen vom Spital mal fast verlaufen hätte. Damals als ich nur kurz meine Zähne kontrollieren lassen wollte und die Ärzte mich dann von einer Abteilung zur anderen geschickt haben. Oder noch besser … eine Schönheitsoperation, bei der es einen Zwischenfall gibt und die Patientin ein paar Tage ins Koma fällt. Weil sie diese Operation geheim gehalten hat, wird eine grosse Suche, so mit Polizei und allem drum und dran, veranstaltet.»

Lucie lachte und ging zur Kaffeemaschine. «Tönt richtig spannend. Komm, ich mache uns noch einen Kaffee und dann setzen wir uns in die Stube. Dann kannst du in Ruhe weitererzählen»

«Da gibt es eigentlich nicht mehr viel zu erzählen. Ich habe zwar noch an manche Situation gedacht, in der eine Person vier Tage verschwinden kann … über Ostern im Lift steckenbleiben … vom Teilchenbeschleuniger am Cern ins schwarze Loch gerissen werden … in eine Gletscherspalte rutschen und nach vielen Versuchen wieder selber hochklettern können … eine Menge Möglichkeiten und jede für sich am Ende einfach nicht ganz logisch. Ich habe gegrübelt, ich habe angefangen zu schreiben, ich habe verworfen und zerrissen und irgendwann bin ich dann völlig entnervt ins Bett.»

«Sag mal, spinnst Du? Heute ist Samstag. Vier Tage für eine Geschichte, die nie geschrieben wurde. Für mich nicht sehr produktiv.» Lucie tippte sich vielsagend an die Stirn und nahm den letzten Schluck Kaffee.
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Beitragvon signature » 14.08.2011, 16:57

Bravo - sehr gut geschrieben ! Eine intelligente Story mit AHA-Effekt .
Denken wir nicht alle so und die Zeit verrinnt dabei ? :wink:
Wirklich unterhaltsam - habe sie gerne gelesen. :D :D :D
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Beitragvon ashoggi » 15.08.2011, 13:21

noch, ne Geschichte - hier ging es auch um einen Schreibwettbewerb....

Kultur muss sein.

Zwischen vier und fünf Uhr morgens, als das Vogelgezwitscher, auf das ich schon wartete, zunahm, fiel mir doch dieser Schreib-Wettbewerb wieder ein.

Was wollten die haben ? „dazwischen“ wieso dazwischen und nicht zwischen, zwischen wäre doch viel einfacher, zwischen zwei Stühlen, zwischen zwei Männern, zwischen den Zeilen - wer bin ich denn ? muss ja nicht sein, nur Blöde werden sich den Sonntag mit so etwas vermasseln….. dazwischen ?

Also rauf aufs Rad und auf den Verkehr konzentrieren.
Klappt, überall Autos, Ampeln, andere Radfahrer, man bremst, man klingelt – es gib kein „dazwischen“ mehr.
Das Rad am Bahnhof abstellen und nach Zügen gucken war eins. Nach Goslar könnte ich fahren, nicht zu weit, nicht zu teuer, Goslar soll ja schön sein.

Knallevoll der Zug, warum denken viele so wie ich, dachte immer, bin was Besonderes.
Goslar, heiß und schwül, prächtig und archaisch, die Innenstadt nicht überfüllt, kein Wunder es ist einfach zu heiß, wer kann, geht ans Wasser.

Mich zieht es zur Kaiserpfalz. Da gibt s doch diesen großen Saal, auf dessen rechter Seite die ganze Rückwand bemalt ist. Zahlreiche berühmte Schlachten sind hier verewigt. Pferde, die sich aufbäumen, Ritter, die im Sturz noch zustechen, um dann an ihrem Blut zu ersticken. Nur eins von diesen Pferden hat kein Interesse an diesem Schlachtgetümmel, es interessiert sich nur für die Besucher hier im Saal.

Es guckt dich an, schon, wenn du rein kommst und dann gehst du weiter und in der Mitte vom Saal, da guckt dich das Pferd immer noch an, nanu, denkst du, ist das vielleicht die Hitze und dann fährst du dir mit einem Taschentuch übers Gesicht und gehst weiter, als ob gar nichts wäre.
Wenn du ganz hinten bist, fragst du dich, ob du dich trauen sollst und ob du den Gaul noch mal angucken sollst und dann hast du es schon getan und tatsächlich, der guckt dich immer noch an.
Du bist allein und kannst mit niemandem darüber sprechen. Du achtest auf die anderen, hörst zu, was sie reden. Keiner sagt was von dem Pferd, was immer noch guckt - oder guckt das vielleicht nur dich an ?
Du konzentrierst dich auf die andere Wand, weißt aber genau, dass dich das Pferd jetzt von hinten anguckt, ist doch nur ein Bild, was soll’s, versuchst du dich zu beruhigen - hängt vielleicht mit dem Alter zusammen, denkst du.
Kann am Augendruck liegen oder vielleicht doch so was wie ein Sonnenstich?

Nichts wie zurück, aber rennen kannst du nicht, würde auffallen. Der Blickkontakt ist immer noch da, du kommst dir vor wie hypnotisiert - so was gibt’s doch nicht.

Erst mal ein Eis und dann muss ein Kontrastprogramm her, man ist schließlich lebenserfahren und weiß, wie man Verunsicherungen abbaut.

Klar doch, Goslar hat ja auch ein Puppenmuseum, hoffentlich haben die noch auf.
Sie haben nicht nur auf, sie haben auch drei Stockwerke in einem Fachwerkhaus, klein aber fein. Es riecht nach Mottenpulver, bisschen feucht und modrig, eben nach vergangenen Zeiten, Nostalgie pur - Kampfer scheint auch in der Luft zu sein.

Wunderschöne Puppen mit wunderschönen Kleidern. Puppen aus der Jahrhundertwende, aus der Zeit vorm ersten Weltkrieg, aus der Zeit vorm zweiten Weltkrieg, Käte Kruse-, Schildkröt- und auch Porzellan-Köpfe mit blonden Locken, häufig maritim gekleidet, umwerfend schöne Geschöpfe mit freundlichen Gesichtern, harmlosen Gesichtern und feststehenden Augen, die sich allenfalls bewegen, wenn man die Puppe in die Hand nimmt und schüttelt. Aber anfassen ist hier verboten, man kann sich nur vorstellen, dass die Augen sich bewegen könnten.

Eigentlich ein bisschen langweilig – sollte ich vielleicht doch noch mal - es ist tatsächlich eine Tageskarte, die ich da für die Kaiserpfalz gekauft habe…. Vielleicht lässt sich alles aufklären – eine optische Täuschung ? man könnte das Personal fragen….

Noch in Gedanken aber schon mit Ziel Kaiserpfalz, trete ich auf die Straße und höre ein Kind schreien, muss hinterm Haus sein, das Kind schreit jämmerlich schrill und als ob es ums Leben ginge, ich renne auf das Schreien zu und höre jetzt auch noch ein Knurren.

Kopfsteinpflaster, ein bunter Sonnenschirm, Tisch und vier Gartenstühle. Hinterm Sonnenschirm, an die Wand gepresst das Kind mit dem Hund. Der Hund hat sich am Arm des Mädchens festgebissen, er reißt daran.
Ich nehme den erstbesten Stuhl, hole aus, klappe ihn noch im Flug zusammen und schmettere ihm den Hund auf den Kopf, der bricht zusammen und das Mädchen läuft weg.
Das ist alles, was ich noch genau weiß.


Dann habe ich einen kurzen Filmriss und spüre mich selber erst wieder, als ich an eben diesem Tisch sitze, unter diesem bunten Sonnenschirm direkt hinter dem Puppenmuseum. Eine Frau spricht mit mir und hat mir ein Glas Wasser in die Hand gedrückt.

Kein Kind mehr da, kein Hund mehr da. Ein Mann kippt einen Eimer Wasser in die Blutlache auf dem Boden und holt einen zweiten Eimer, zum Nachspülen.

Ich trinke das Wasser aus und stehe auf. Bloß weg von hier, von den Pferden, den Puppen und den Hunden.

Am nächsten Tag steht in der Zeitung:


"Oma ging dazwischen

Kind außer Lebensgefahr – Hund erlag seinen Verletzungen"



Reporter müsste man sein, denen fällt immer was ein und die können Wörter einsetzen, da träumt unsereins nur von---
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Beitragvon Frigga54 » 17.08.2011, 1:41

Ich bin Mitglied einer kleinen, netten Gruppe, die sich 14 tägig trifft, reihum ihre, augenblickliche Lebenssituation, natürlich beschränkt auf das Wesentliche, mitteilt und falls jemand aus der Runde einen aktuellen Traum hat, den er/sie nicht deuten kann, kann er/sie diesen erzählen. Jeder aus der Runde kann seine Assoziationen dazu beitragen. So kommt es sehr oft, zu wirklich guten Traumdeutungen.

Gestern nun, habe ich einen ganz aktuellen Traum von mir erzählt…

..ich träumte, meine Nachbarn, eine Ehepaar mit 3 Kindern, möchte ihr Haus verkaufen..bzw. hat es schon verkauft und ich möchte mit Anderen zusammen, praktisch als WG, in diesem Haus einziehen. Ich schaue mir mehrere Zimmer an.. eines, das einem der Kinder gehörte, gefällt mir am besten. Es ist gemütlich, nicht zu gross und nicht zu klein und es strahlt so eine Geborgenheit und Gemütlichkeit aus, so dass ich am Liebsten gleich bleiben würde… dies erzähle ich meinen Mitträumern.. es gibt viele Deutungsvarianten, jeder hat so seine eigenen Assoziationen zum Traum, einige berühren mich, bei Anderen weiss, dass sie nichts mit mir zu tun haben… aber ein Vorschlag einer Teilnehmerin gefiel mir sehr… sie meinte ich solle doch diese Traumgeschichte, in meiner Phantasie zu Ende spinnen… und das tue ich hiermit.

Das Haus, ist für ich gleichbedeutend mit meiner Seele.. dort ist viel Platz für meine verschiedenen Persönlichkeitsanteile…

Dort gibt es z. B. das Zimmer, des kleinen Mädchens das ich mal war, dort sitzt meine Großmutter in ihrem Sessel, schaut mich freundlich an und wenn ich will, kann ich mich auf ihren Schoß setzen und ihre offenen Arme schmiegen. Dieses Zimmer ist eigentlich ein Glasanbau so etwas wie ein Wintergarten, hier duftet es nach Vanille und Zimt und Pflaumenmus… mittendrin im Wintergarten baumelt eine Hängematte und des Nachts, wenn der Himmel klar ist und das Sternenmeer über mir funkelt summe ich diese Lied: http://www.youtube.com/watch?v=U9cA3JaispI
Ich fühle mich glücklich und geborgen, sanft schauckelnd in meiner Hängematte unterm Sternenmeer…

..und dann gibt’s da noch das Zimmer in dem ich mich mit meinen Freundinne treffe.. ein runder Raum, mit vielen Pflanzen überall liegen dicke, bunte Sitzkissen, auf denen wir uns lümmeln können, von der Decke baumeln lustig klimpernde, glitzender Kristalllüster, Weingläser stehen herum und Teelichter und es duftet nach Orangenöl und die Beatles singen http://www.youtube.com/watch?v=lwS_YDzxH3M

..und dann gibt’s diesen sehr großen Raum in dem eine große Tafel steht mit vielen gemütlichen Stühlen drumherum… mindestens 20 an der Zahl.. an den Wänden hängen Fotos meiner Groß- und Urgroßeltern und die Ölgemälde meines Großvaters..ein großer, bunter Kachelofen spendet Wärme, auf den großen Tisch stehen 5-armige Kerzenleuchter, es duftet nach Kaffee und Hefekuchen.. und plötzlich sitzen sie am Tisch, meine Liebsten.. die Eltern, Bruder, meine Kinder, Schwiegerkinder und Enkel.. die, die schon da sind und die, die noch kommen…im Hintergrund spielt leise http://www.youtube.com/watch?v=i2sFn-8qosU
…das ist der Raum, in dem ich die Tochter, Schwester, Mama und Oma bin…ohh wie wohl ich mich hier fühle…

… dann gibt’s da noch einen sonnendurchfluteten Raum..hell und freundlich mit einem schönen, edlen Holzfussboden, darauf liegt ein hellgrüner, großer, weicher Schurwollteppich, an der Wand hängt ein schönes großes buntes Mandala, die Luft ist frisch und klar, ein kleiner Tisch steht im Raum und zwei gemütliche Korbstühle… das ist der Raum der Therapeutin, die ihre Klienten hier empfängt…unabgelenkt, zugewandt und liebevoll.. in diesem Raum ist es still.. nur das Vogelgezwitscher ist durch das geöffnete Fenster zu hören http://www.youtube.com/watch?v=v1HnwKqZggE


… dann gibt es noch den Raum der Geliebten.. den sie sich teilt, nur mit IHM, ihrem verlorengeglaubten, wiederentdecktem Seelenteilchen.. ein heller sonnenwarmer Raum mit einem großen, weissen Bett mit frischen, weissen Laken, die Luft duftet zart nach Rosen und himmlische Musik trägt beide, auf weiten Schwingen, in traumhafte Welten… http://www.youtube.com/watch?v=wivo94ylmhE hierher möchte sie noch ganz, ganz oft kommen…weil sie hier ganz einfach, eine glückliche Frau sein darf…

… und nicht zu vergessen der Raum, groß wie ein Tanzsaal…er nimmt das ganze Dachgeschoss des Hauses ein… glänzender Parkettfussboden… große Fenster, weit geöffnet.. an den Wänden stehen Trommeln… in der Luft ein Geruch aus Moos und Erde, Sonne und Meer und laut und wild lädt Santana zum tanzen ein http://www.youtube.com/watch?v=4zX-4RwZ ... =related...

…und dann gibt’s noch den stillen Raum… er ist nicht groß, ein kleiner Altar mt einem Buddha steht darin, ein paar wichtige Bücher, ein Meditationsbänkchen, Sandelholzräucherstäbchen verströmen einen beruhigenden Duft, Tina und ihre Freundinnen chanten und singen http://www.youtube.com/watch?v=p8oEwYKhYI8


Das ist mein Haus… meine Seele…so bin ich….
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Beitragvon flohbeisser » 17.08.2011, 11:42

@Frigga54.......wunderschön beschrieben.....Träume eben............!
Ein richtiger Traumdeuter sieht sich auch die Möbel, die Umgebung, die Räume, die Farben, die Stimmungen usw. an und wird dann seine Schlüsse daraus ziehen......

Ich bin zwar kein Traumdeuter, aber meine Gedanken hab ich mir mal darüber gemacht.............
gestört hat mich auf "Anhieb" nur die Tina Turner am Ende..(liegt aber an mir, da ich so dunkle Stimmen nur an Männern mag, bei Frauen hört sich das für mich immer irgendwie verrucht an..bitte jetzt keine Schläge, ist ja nur MEIN Empfinden).

Ich freue mich auf weitere so tolle Beschreibungen von Dir. :oops:
Ich wünschte, ich könnte auch so bildlich schreiben................................  
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flohbeisser
 

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