hansolafpaul hat geschrieben:Erinnerung an Karl
Es war einmal - vor ein paar Tagen - da wollte ich eine schöne Geschichte schreiben. Eine rührselige Geschichte. Eine Geschichte, die das Herz der Menschen berührt und sie zum Tempo-Taschentuch greifen lässt. Eine Geschichte über einen Gutmenschen und seine Wohltaten, eine Rosamunde Pilcher Geschichte.
Aber es hat nicht funktioniert. Mein Computerbildschirm glotzte mich blöde an, und die Tastatur verweigerte die Annahme der Buchstaben - return to Sender.
So blieb mir nichts anderes übrig als neu nachzudenken. Was ich dann auch getan habe. Nein, eigentlich habe ich nicht nachgedacht, aber ich schenkte mir ein Glas Rotwein ein. Und rauchte eine, zwei, drei Zigaretten. Und irgendwann zu später Stunde wusste ich plötzlich, warum die Geschichte als schöne Geschichte nicht funktionieren kann. Weil Karl's Geschichte keine schöne Geschichte ist! Karl's Geschichte ist eine tragische, eine grausame Geschichte. Denn alle Geschichten, die mit dem Krieg zu tun haben, sind letztendlich grausam.
Karl. Ja, so nannte man ihn. "Des isch dr' Karle", erhielt man als Antwort auf die Frage: "Wer ist dieser Mann".
Karl - der Russland-Heimkehrer.
Als Karl aus diesem Krieg heimkehrte, da war ich noch gar nicht geboren. Und ich weiß auch nicht, ob meine Heimatstadt auch seine Heimat war, oder ob er hier nur gestrandet ist.
Aber irgendwann ist er wohl in meinem Geburtsort, einer schwäbischen Kleinstadt, aufgetaucht.
Schwer traumatisiert und vielleicht etwas wirr im Kopf. Aus der Bahn geworfen durch diesen Krieg wie so viele. Man weiß nicht mit Bestimmtheit, ob er sich alleine durchgeschlagen hat, oder ob man ihn, wie viele andere auch, in einen dieser Viehwaggons gepfercht und dann über Polen zurück nach Deutschland transportiert hat.
Karl war ein großer, ein stattlicher Mann. Der Traum jeder Schwiegermutter - etwas mager vielleicht.
Er hatte dunkle Haare und rote Wangen und immer war er in Bewegung, immer in Eile, immer noch auf der Flucht. So wie er auch aus Russland geflüchtet war, aus dem Krieg, aus der Hölle - soweit die Füße tragen. Und dort, in Russland, da hatte Karl vor sich und vor seinem Gott ein Gelübde abgelegt: Falls es ihm gelingen sollte, der Hölle dieses Krieges zu entfliehen, dann, ja dann würde er die Kleider und die Stiefel, die ihn auf dem langen Weg zurück in die Heimat "bekleidet" hatten, die nächsten 20 Jahre nicht mehr ablegen. Und er würde den Armen und Hilfsbedürftigen dienen - so sagten die Leute.
Und Karl hat sich an sein Gelübde gehalten.
Und so huschte Karl fortan, Tag um Tag, Jahr um Jahr und ja - Jahrzehnt um Jahrzehnt - durch die Straßen meiner Heimatstadt. Bekleidet mit seiner verschlissenen Wehrmachtsuniform, die von Jahr zu Jahr fadenscheiniger wurde und bald nur noch aus aufgenähten Flicken bestand - Patchwork. Und damit die Hose nicht rutschte band er sich eine grüne Gärtnerschürze um, die gut mit dem graugrün der Wehrmachtsuniform harmonierte.
Karl erledigte Botengänge, Karl kaufte ein, und die Einkaufstaschen hingen dann am Lenker seines alten, klapprigen Drahtesels. Karl brachte Wäsche in die Mangstube der Frau Brenner und holte die fertige Wäsche wieder ab.
Oft sah man Karl auch mit einer Schubkarre, in der Hacke und Schaufel lagen, wenn er auf dem Weg zu einem Garten war, dessen Pflege er übernommen hatte. Und im Winter sah man Karl mit einer Kohlentrage auf dem Rücken, schwerbeladen mit Kohlebriketts. Und wenn es bitter kalt war, hüllte er sich in seinen löchrigen Wehrmachtsmantel.
Stets hatte er ein Lächeln im Gesicht. Ein scheues Lächeln. Fast schien es, als wollte er sich entschuldigen. Entschuldigen dafür, dass er da war, dass er nicht gestorben war in Russland, dass man ihn jetzt ertragen musste. Doch die Menschen in meiner tief katholischen Heimatstadt respektierten Karl und sein Gelübde - natürlich. Keiner zeigte mit dem Finger auf ihn oder machte sich lustig. Ein paar dumme Kinder vielleicht - wie Kinder eben sind. Und so verschwand dieses scheue Lächeln schon bald von Karl's Gesicht und wich etwas Anderem, Schönerem. So sehr ging er in seiner selbstgestellten Aufgabe auf und so zufrieden war er dabei, dass sein Gesicht von innen heraus zu leuchten begann.
Ja - und als die 20 Jahre vorbei waren, da machte Karl einfach weiter. Was hätte er auch sonst tun sollen.
Ich sah ihn damals oft - den Karl - als ich in die Grundschule am Schönen Graben, der grünen Lunge meiner Heimatstadt, ging und später dann in die neu erbaute Realschule. Der schöne Graben, das war Karl's Revier. Ein bisschen komisch kam er mir ja schon vor. Aber je älter ich wurde und je mehr ich verstand, umso größer wurde mein Respekt vor diesem Mann.
Irgendwann später und rein zufällig, sah ich Karl in einem schwarzen Anzug und mit Krawatte und - einem Blumenstrauß in den Händen. Gut sah er aus - der Karl. Er war wohl geehrt worden. Und dieses Leuchten in seinem Gesicht war an diesem Tage besonders stark.
Dann habe ich Karl aus den Augen verloren und wohl auch vergessen. Neulich fiel er mir wieder ein - dieser merkwürdige Mann und sein Gelübde. Und damit es mir nicht nochmal passiert, dass ich Karl vergesse, habe ich seine Geschichte, soweit sie mir bekannt ist, aufgeschrieben.
Gerne hätte ich ein paar Informationen aus dem Internet "gezogen". Aber - nun ja. Wie konnte ich auch erwarten, dort etwas über einen Mann wie den Karl zu finden. Die ruhmreichen Bürgermeister meiner Stadt - natürlich - die sind alle da.
So kann man also sagen, dass dieser 2. Weltkrieg auf geradezu perverse Art und Weise auch etwas Gutes bewirkt hat. Kann man das so sagen? Eigentlich nicht.
Ich glaube, wir alle hätten gerne auf Karl und sein Wirken verzichtet, wenn uns stattdessen der 2. Weltkrieg erspart geblieben wäre. Und auch Karl hätte gerne auf diesen Krieg verzichtet. Es wäre ihm vieles erspart geblieben.
Wie so viele (spätere) Väter damals, war auch mein Vater im Krieg. Und genau wie Karl war auch mein Vater in Russland.
© HOP
Die berührensten Geschichten HOPie, schreibt das Leben.
Schön hast Du deine Erinnerungen und Empfindungen die mit Karl, dem RusslandHeimkehrer zusammenhängen, wiedergegeben.
Danke!
Karl hatte, wie viele Überlebende großer Katastrophen, ein schlechtes Gewissen gegenüber den Toten. Für ihn war das Einlösen des Versprechens eine Art Buße, dafür, dass er überlebt hatte. Mit jedem Tag, den er seine Last „abtrug“ wurde er freier.
Heute würde Karl psychologisch betreut, er würde eine Traumatherapie oder eine Aufstellung

machen.
Karl hat für sich die passende Lösung gefunden. Ich verneige mich vor seinem Schicksal.
Ein wunderschöner Film, der in einer Nebenhandlung, ein ähnliches Thema berührt ist:
„Alles ist erleuchtet“. Falls Du mal eine Gelegenheit hast ihn anzuschauen…
http://de.wikipedia.org/wiki/Alles_ist_erleuchtetLiebe Grüße von der "Fallenstellerin"
