Ich mach dann mal weiter
Die Hauptperson in dieser Geschichte ist ein Fluß. Ein kleiner Fluß. Und ein kurzer Fluß obendrein.
Der Fluß heißt "Bühler" und ist nur 50 km lang.
Die Bühler. Die Schimmernde.
Die Bühler entspringt bei Pommertsweiler im Württembergischen und mündet bei Geislingen, ebenfalls Württemberg, in den Kocher.
Ganz in der Nähe der Kochertalbrücke.
Die Bühler wird auch gerne als sehr romantischer Fluß bezeichnet. Warum weiß ich auch nicht.
Doch das alles wußte Hans nicht. Und es hätte ihn auch gar nicht interessiert. Später vielleicht.
Im Moment hatte er ganz andere Interessen.
Hans war die Bühlertalstrasse, die durch Oberscheffach und Unterscheffach hindurchführte,
entlang gefahren bis zu diesem Parkplatz oberhalb des Pfaffengumpens.
Es war früher Nachmittag und es war sehr warm.
Hans öffnete die Kofferraumklappe, tauschte seine Sandalen gegen Badeschlappen aus, schulterte den kleinen Rucksack und schloß die Heckklappe wieder. Er schloß sein Auto ab und ging über den Platz, bis zu der Stelle wo ein schmaler Feldweg durch den Laubwald hinunter zum Fluß führte.
Dieser Weg war total verkrautet und zugewachsen und wenn nicht ab und zu
Traktoren den Weg befahren würden, hätte man ihn nur mit Mühe gehen können.
Das nächste Mal würde er eine Machete mitnehmen, dachte Hans. Speziell die vielen Brennnesseln hatten es ihm angetan.
Mein Gott ist das warm, dachte Hans, während er den Weg hinunterging. Über 30 Grad.
Der Weg endete auf einer saftigen Wiese, die sich zwischen Bühler und der höhergelegenen Straße erstreckte.
Wäre Hans nun nach rechts gegangen, wäre er zur Abbruchkante gelangt und hätte den Pfaffengumpen von oben betrachten können.
Aber dichtes Brennnessel-Dickicht machte dieses Unterfangen unmöglich. Egal, dachte Hans. Es geht auch anders.
Hans umrundete das Brennnessel-Dickicht und ging dann am Ufer entlang etwa 30m flußaufwärts. Bis zur "Einstiegsstelle".
Hier konnte man einigermaßen bequem in den Fluß einsteigen. Und so hangelte sich Hans unter zuhilfenahme von Ästen und Wurzeln das Ufer hinab,
bis seine Füße endlich in das klare, kühle Wasser eintauchten.
Bis knapp zu den Knien stand er im Wasser.
Hans watete zur Mitte des Flußes. Das Wasser war hier nicht ganz so tief.
Über ihm bildeten die Uferbäume ein dichtes, grünes Gewölbe aus Ästen, Zweigen und Blättern.
Das Sonnenlicht drang an vielen Stellen durch das Blätterdach und zauberte ständig wechselnde Lichtinseln auf die Wasseroberfläche. Reflexionen, Lichtblitze, das Rauschen des Wasser - eine magische, grünschimmernde Welt. Green River.
Langsam watete Hans weiter und genoß es hier sein zu dürfen.
Nur wenige Meter voraus sah er den Gumpen, den Strudeltopf. Hört sich gefährlicher an als es ist, dachte Hans.
Nun ja, dachte er, bei Hochwasser möchte ich hier nicht unterwegs sein. Aber jetzt ist kein Hochwasser.
Dieser Gumpen hatte sich gebildet, weil die Bühler hier fast im 90 Grad Winkel nach links abknickt.
Das Wasser prallt also erstmal auf die etwa 3 Meter hohe Uferwand, bis es dann nach links abfließen kann. Diese Uferwand ist deshalb ständigen Veränderungen unterworfen. Jedes Jahr sieht es hier anders aus. Irgendwand wird der Fluß die Straße unterspülen. Irgendwann ...
Auf der linken Flußseite hatte sich eine Kiesbank gebildet, die mit angeschwemmten Ästen und Aststückchen übersät war.
Hans watete gemächlich aus dem Wasser, hinaus auf die Kiesbank, und legte seinen Rucksack ab.
Dann zog er sein Poloshirt aus, seine Jeansshorts und zum Schluß seine Unterhose. All das legte er fein säuberlich auf seinen Rucksack.
Hans schlüpfte aus den Badeschlappen und Nackt wie Gott ihn geschaffen hatte, ging er zurück in den Fluß, hinüber auf die rechte Uferseite.
Dort gab es eine Zone tiefen Wassers, eine Art Pool und dort wollte Hans baden.
Er bespritzte sich mit Wasser und langsam, ganz langsam, tauchte er ein in das klare, kühle, tiefe Wasser. Deutlich spürte er die Schichtung - oben angenehm warm, unten kühl. Bis zum Hals tauchte er ein ... Brrrr.
Lange konnte man es nicht aushalten. Er schwamm ein paar Züge, drehte sich um die eigene Achse,
legte sich auf den Rücken und lies sich ein bißchen treiben. Hans plaschte mit den Händen auf das Wasser, strampelte mit den Beinen und
benahm sich wie ein kleines Kind.
Ein neutraler Beobachter hätte ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt.
Dann begann er zu frösteln. Unglaublich.
Hans watete zurück in die Flußmitte und schüttelte sich wie ein nasser Hund.
Er strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtet minutenlang die Szenerie.
Hans fühlte sich wie ein junger Gott. Und - um ehrlich zu sein - genauso sah er auch aus. *g*
Gottseidank verflog dieses göttliche Gefühl relativ schnell wieder. Sonst hätte man sich ernsthaft Sorgen um Hansens Psyche machen müßen.
Hans ging zurück auf die Kiesbank, holte ein Handtuch aus seinem Rucksack und rubbelte sich trocken.
Er legte das Handtuch auf die Kiesel, setzte sich hin und lies sich von der Sonne wärmen.
Plötzlich mischte sich ein fremder Klang in das Murmeln, Glucksen und Rauschen des Flußes. Hans lauschte ...
Eine Stimme ... eine Frauenstimme ... ein Lied? Die Akustik war nicht schlecht hier unter dem grünen Gewölbe.
"Drunt' in der schönen Au ..." Eine Frau watete den Fluß herunter. "... steht ein Birnbaum so blau ..."
Mit der einen Hand hatte sie ihr Kleid zusammengerafft, in der anderen Hand hielt sie einen Holzrechen. "... Juche."
Diese Frau, wahrscheinlich eine Bäuerin, dachte Hans, kam geradewegs auf ihn zugewatet.
Hastig zog er das Handtuch unter seinem Hintern hervor und bedeckte damit seine Blöße.
Die Bäuerin blieb direkt vor Hans stehen, schaute auf ihn herab und betrachtete Hans ausgiebig. "Habe ich sie endlich erwischt", meinte sie lachend.
"Erwischt? Bei was denn?", sagte Hans reserviert. Hans mochte es überhaupt nicht, wenn er beim Alleinsein gestört wurde. Noch weniger mochte er es, wenn man auf ihn herabschaute. Und auf Konversation hatte er als begnadeter Schweiger schon gar keine Lust.
Hans stand auf, wobei er mit einer Hand krampfhaft das Handtuchknäuel vor seine Leibesmitte hielt.
"Ich kenne sie", sagte die Bäuerin. "Das ist doch ihr Auto da oben". Hans nickte: "Ja."
"Sie waren schon öfter hier. Ich habe sie gesehen", sagte sie. "Wo haben sie mich denn gesehen", fragte Hans. "Beim Baden. Sie baden immer nackt. Aber sie sind nicht der Einzige." Die Bäuerin lachte herzhaft und freute sich über seinen bedröppelten Gesichtsausdruck.
Ihre direkte Art lag im gar nicht.
"Kommen sie mit!", sagte die Bäuerin. "Wohin", fragte Hans. "Na ins Wasser, abkühlen", sagte sie. "Ich bin schon abgekühlt", sagte Hans.
"Gefalle ich ihnen nicht?", sagte die Bäuerin. Mit einer fließenden Bewegung zog sie ihr Kleid über den Kopf und stand splitternackt vor Hans. Kein Slip, kein BH. Einfach nur nackt.
Dieses blaue Kopftuch, dachte Hans, also dieses blaue Kopftuch paßt hervorragend zu ihren kastanienbraunen Haaren. Er atmete tief, sehr tief, und noch tiefer, ein. Und aus. Einatmen - Ausatmen.
"Und lassen sie doch endlich das Handtuch los", sagte die Bäuerin mit vibrierender Stimme. Und Hans lies das Handtuch los.
Doch seltsamerweise widersetzte sich das Handtuch den Gesetzen der Schwerkraft und fiel nicht auf den Boden. Im Gegenteil. Fast schien es, als ob es noch weiter nach oben steigen würde.
Als die Bäuerin Hansens "Notlage" erkannte, schlug sie in einer überaus anmutigen Bewegung beide Hände vor das Gesicht und sagte mit kindlicher, heiserer Stimme: "Oh, das wollte ich nicht."
Sanft nahm Hans ihre Hände und zog sie von ihrem Gesicht. Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und schaute tief in ihre rehbraunen Augen.
Dann sagte er: "Vielleicht sollten wir die Abkühlung auf später verschieben?"
Nun, über den Rest der Geschichte können wir getrost das Handtuch des Schweigens breiten.
Jeder kann sich selber ausmalen was dann geschah.
Nur soviel noch: Zu dem Glucksen, Murmeln und Rauschen des Wasser gesellten sich neue Geräusche. Gurrendes Lachen, z.B. Oder eine Männerstimme die erschöpft sagte: "Was, Nochmal?"
Doch als die Sonne sank am Pfaffengumpen war die alte Ordnung wiederhergestellt und alles ging seinen gewohnten Gang.
Es ist anzunehmen, dass Hans die Bäuerin noch nach Hause gefahren hat. Ganz sicher sogar.
Ebenso sicher ist leider auch, dass die Beiden sich nie mehr wiedergesehen haben.
Und wie jedes gute Märchen könnte auch diese Geschichte mit dem Satz enden: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute"
Könnte. Muß aber nicht.
Warum der Pfaffengumpen so heißt wie er heißt? Nun, im Mittelalter wurden dort unliebsame Pfaffen ertränkt. Noch Fragen? *g*