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Kurzgeschichten

95 Beiträge

Beitragvon hansolafpaul » 23.07.2011, 21:54

Was mir ein bißchen fehlt bei 50plus sind "handgemachte" Kurzgeschichten oder Ähnliches.
Dieses hin- und her in den diversen Foren bringt's auf Dauer auch nicht so. Und Blogs sind nach spätestens 24 Stunden in der Versenkung verschwunden. Schade eigentlich.

Ich mach' einfach mal den Anfang. Vielleicht geht's auch total in die Hose.
Aber Versuch macht klug.
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Beitragvon hansolafpaul » 23.07.2011, 21:55

Wieso versteht mich keiner?

Ich sitze auf der See-Terrasse des Hotels Malcesine in Malcesine am Gardasee.
Über mir wölbt sich ein gnadenlos azurblauer Himmel. Die Luft ist angenehm warm.
Vorsaison am Gardasee.
Ich habe gerade mein opulentes Mittagsmahl beendet - große Pizza und ein halber Liter Rotwein.
Außer der harten Kruste ist von der Pizza nichts übriggeblieben; vom Rotwein nur noch der Bodensatz.
Und genauso fühle ich mich auch - wie mein eigener Bodensatz. Reduziert auf das Wesentliche. Weinstein.

Die mittägliche Rush Hour ist vorbei und ich bin fast der einzige Gast. Was mir lieb ist.

Ich verschränke die Hände hinter dem Kopf und fröhne meinem Hobby - Chair Rocking.
Der Schaufelraddampfer "Italia" hat gerade abgelegt in Richtung ... keine Ahnung ... und zieht eine weiße Gischtspur hinter sich her.
Proud Mary ... natürlich ... was sollte mir dazu auch sonst einfallen.
Immer wenn ich einen Schauffelraddampfer sehe denke ich an die "Stolze Maria". Immer.

Ich könnte jetzt aufstehen und meinen Liegestuhl am anderen Ende der Seeterrasse in Beschlag nehmen. Aber ich fühle mich so herrlich träge. Es ist mir nahezu unmöglich aufzustehen.

Ich registriere eine Bewegung am Eingang zur Seeterrasse. Wie aus heiterem Himmel ist dort eine Frau aufgetaucht.

Träge drehe ich den Kopf. Oh nein Herr, denke ich, bitte nicht!
Automatisch und im Bruchteil einer Sekunde nehme ich die für mich relevanten Daten auf:

Etwa 1,65m groß.
Rotbraune, lange Haare.
Schmales Gesicht, blaßer Teint.
Schlanke Figur. Schmaler Oberkörper.
Das Taille-Hüft-Verhältnis ist allerdings hervorrangend.

Das THV, denke ich, ein kaum bekannter und doch so wichtiger Wert, zumindest für den männlichen Teil der Weltbevölkerung *grins*

Bekleidet ist sie mit einer verwaschenen Jeans und ... häh ... ihr Oberteil gehört eindeutig zu einem Badeanzug.
Der untere Teil steckt in der Jeans. Neongelb. Der Badeanzug.
Einer von der Sorte, der bei Berührung mit Wasser durchsichtig wird.
Darüber trägt sie noch eine weiße Strickjacke. Unglaublich.

Sie bleibt am Eingang stehen. Schaut sich um. Ihre Hände spielen mit einer Digital-Kamera.
Unsere Blicke kreuzen sich. Nur kurz. Aber es reicht. Manchmal weiß man das sofort. Nicht immer.

Mit lasziven Schritten geht sie den Catwalk in Richtung Liegestuhl-Terrasse.
Lautstark denke ich vor mich hin: "Mensch Mädel, spar dir doch die Show. Setzt dich doch gleich hin. Es ist doch eh keiner da. Außer mir. Und ich bin nicht interessiert."

Doch sie dreht sich. Sie wendet sich. Knipst digital.

Ich denke: "Fertig? "

Sofort nimmt sie den Catwalk der zu mir führt. Also fast zu mir. Eher zum Nachbartisch. Es sind 10 Tische frei! Wieso gerade mein Nachbartisch?

Mit singender, gutturaler Stimme fragt sie mich: "Wissen sie ob man um diese Uhrzeit noch Essen bekommt hier?"
Ich denke lautstark vor mich hin: "Nein, das weiß ich nicht. Ich bin hier auch nur Gast und nicht der Oberkellner. Und außerdem ... Wer zu spät kommt muß schon selber schauen wie er klar kommt. Mir hats geschmeckt und ich bin satt."

"Wie bitte? Ich habe sie nicht verstanden?", sagt sie fragend.

Ich zaubere ein diabolisches Grinsen auf mein Gesicht und sage: "Nein, das weiß ich leider nicht.
Da müßen sie mal den Chef fragen." Ich grinse in mich hinein.

Kaum hat sie am Tisch platz genommen, ruf Stephano, der Kellner, quer über den Platz: "Ich komme gleich bei ihnen".
*lol* Ich platze vor Lachen *lol* und wäre fast samt Stuhl nach hinten gekippt. Doch ich finde mein Gleichgewicht wieder.

"Der war gut, Stephano", rufe ich ebenfalls quer über den Platz.
Doch Stephano, der Kellner, schaut mich verständnislos an.

Stephano drückt die halbgerauchte Zigarette aus und kommt jetzt samt Speisekarte bei ihr. Längsseits. Die Frau bedeutet ihm zu warten. Sie hats gleich. *lol*

Lautstark denke ich vor mich hin: "Ein Salat mit Putenstreifen und ein Mineralwasser".
Die Frau schaut irritiert in meine Richtung: "Bitte?" "Nichts", sage ich.
Dann bestellt sie einen Salat mit Putenstreifen und ein Mineralwasser. Ein Kleines bitte. Stephano tänzelt davon.
Mir fällt auf, dass es erstaunlich viele italienische Kellner gibt, die Stephano heißen. Seltsam.

Mit singender Stimme und leicht verdrehter Satzstellung (Spanierin?) fragt sie mich: "Ob es wohl noch Zimmer gibt in Hotel?".

Ich denke lautstark vor mich hin: "Klar gibt es noch Zimmer.
Aber ob Eines davon frei ist, das ist eine ganz andere Frage. Außerdem möchte ich gar nicht, dass sie in MEINEM Hotel ein Zimmer beziehen.
Ich will meine Ruhe!"

Sie schaut mich verständnislos an: "Wie bitte? Ich habe sie nicht verstanden?"
Wieder zaubere ich ein diabolisches Grinsen auf mein Gesicht und sage: "Nein, das weiß ich leider auch nicht.
Da müßen sie mal den Chef fragen." Ich lache glucksend in mich hinein. Was für ein Tag.

Stephano, der Kellner, tänzelt herbei und Salat samt Putenstreifen und Mineralwasser laden sanft auf dem Tisch der Frau.

"Wissen sie ob noch Zimmer frei sind?", fragt sie ihn. "Da muß ich Chefe fragen", sagt Stephano und tänzelt davon.

Während einer Essenspause fragt sie mich: "Wissen sie vielleicht wann die nächste Fähre nach Limone geht?"

Wieder denke ich lautstark vor mich hin: "Nein, auch das weiß ich nicht. Ich bin doch kein Auskunftsbüro. Und außerdem hängt vorne am Landungssteg ein kilometerlanger Fahrplan! Wer lesen kann, hats leichter im Leben."

Sie schaut mich verständnislos an: "Wie bitte? Ich habe sie nicht verstanden?"
Und abermals zaubere ich ein diabolisches Grinsen auf mein Gesicht und sage: "Nein, das weiß ich leider auch nicht.
Da müßen sie mal den Chef fragen." Ich kann kaum noch an mich halten. *lol*

"Wissen sie dann wenigstens wie spät es ist", fragt die Frau. Wie aus der Pistole geschossen sage ich: "Es ist 23:45 Uhr".

Und wie ein Kieselstein der übers Wasser hüpft so hüpft ein gutturales "Was?" aus ihrem Mund und landet an meiner Backe.

"Was? Das kann nicht sein." Sie schaut zur Sicherheit in den azurblauen Himmel.
Ich klopfe gegen meine Uhr. "Oh", sage ich, "die ist wohl stehen geblieben. Dann müßen wir mal den Chef fragen."


Dann bin ich leider aufgewacht denn meine Herzallerliebste brüllt mir ins Ohr: "Weißt du eigentlich wie spät es ist?"
Ich schaue sie verschlafen aber liebevoll an und sage: "Da mußt du mal den Chef fragen".
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Beitragvon Leeremeere » 23.07.2011, 23:11

Zikaden sitzen unentwegt an Nähmaschinen und schneidern sommerluftige Kleider aus den Blüten des Klatschmohns. Lavendelfelder bis zum Horizont. Trockenmauern schützen vor dem Absturz in den tiefblauen Himmel. Im Schatten der Zypressen und Buxbäume liege ich in trockenem Gras und erzähle den Mauereidechsen meine Geschichten.
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Beitragvon hansolafpaul » 23.07.2011, 23:24

@Leeremeere
Südfrankreich oder Toskana? :)
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Beitragvon Wolkenfeuer » 24.07.2011, 9:47

Also,.............
 net dass ma die Leut ausricht, ma redt ja bloß....
 (nicht daß man über Leute schlecht spricht, man unterhält sich ja nur über sie)

   meine Nachbarn...,
 die haben ja einen wunderschönen Märchengarten...
.und manchmal darf ich darin "lustwandeln" wie man so schön sagt.
 Angelegt wurde er nach vielen Gesichtspunkten wie:
 ---Kräuter und ihre Wirksamkeit als Haus-Heilmittel, zum Räuchern, fürs Wohlbefinden usw.
 ---Bäume und Sträucher als Schutz vor bösen Geistern, Heilmittel u.u.
u. und vor ALLEM für die Seele....
.zum Atmen, zum Erholen, zum Erfreuen und zum ÜBERLEBEN (natürlich mein ich jetzt nicht materiel, sondern eben für das Gemüt....!
 Da rankt EFEU, der sich seinen Weg suchen darf und wunderschön aussieht...eine Pflanze für die Ewigkeit..........
 HaselNUSSsträucher....ja, eine heilige Pflanze schon bei den Kelten und Wikingern,
Hauswurz oder auch Dachwurz genannt---zum Schutz gegen Unwetter vor allem Blitze... ja, in diesem Jahr müssen die sicher viel abhalten....weils ja andauern blitzt.........!
Zwischen unendlich vielen ROSENsträuchern -in allen Farben (nein, komischerweise keine gelben) blüht der SALBEI...
ja, der Salbei erinnert mich an was...
 und stehen Zypressen ..ich kann euch sagen...ein Bild für Götter...
.besonders, wenn die Dämmerung hereinbricht und so ganz besondere Lichtverhältnisse herrschen...na, ihr wißt schon, was ich sagen will....einfach romantisch halt...
Ja, so hab ich es auch schon in der Toskana gesehen...........einfach gigamäßig ..!
 Ganz zeitig im Frühjahr diese vielen schönen APFELBLÜTEN.....ein Traum
Die "WaldErdbeeren" darf ich natürlich nicht vergessen, die nicht nur als FRUCHT hinreissend sind, sondern dann übers Jahr ein schönes Blattwerk haben und sich als Bodendecker ganz toll eignen.
Auch der GOLDLACK sieht einfach megamäßig aus.....!
 Wenn ich dann den Garten wieder verlasse, dann fühl ich mich befreit, meine Seele konnte dort sich entfalten, meinen Gedanken konnte ich freien Raum lassen und ein bisschen träumen...........gemäß dem Motto: "ich träume mich zu dir..." ich konnte auch innehalten auf einem der vielen Stühle oder einer Bank, die immer wieder in verschiedenen lauschigen Ecken des Gartens zu finden sind und zum Verweilen einladen, konnte einfach nur in den Himmel gucken, den Wolken nachschauen, den Wind über meine Haut streichen lassen, den vielen Vögeln lauschen und ................ .
.ja, das alles kann ich in Nachbars Garten...!

Nur schade, dass meine Nachbarn, den Garten nicht nutzen...........
sie haben es verlernt ihn zu genießen und gemeinsam dort zu träumen...............schade!  

 
 http://youtu.be/sIGPUBg8Ts8
(Bette Midler- the rose) 
 http://youtu.be/DFhJUk7LNT0
some say love 
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Beitragvon ashoggi » 25.07.2011, 22:29

Das ist die Geschichte von Ingeborg

Wir lernten uns bei der Einschulung kennen, ich kann mich genau erinnern, wie sie da stand mit der Schultüte und an der Hand der Mutter Es muss eine Art von Sympathie gewesen sein, die alles andere übertraf. Denn andere Mitschüler sind mir nicht mehr in Erinnerung.
Damals spielte man auf dem Schulhof noch Völkerball und die Mannschaften wurden so zusammengestellt, dass zwei Kinder Fuß vor Fuß setzen. Der, der zum Schluss keinen Fuß mehr in den engen Spalt bekam, war der Verlierer und er durfte erst als zweiter aus der im Kreis Stehenden, jemanden für seine Truppe auswählen.
Ingeborg wurde immer gewählt, aber nie als erste und sie kam auch nicht als Spielführer infrage, das sind die Erinnerungen an die Grundschulzeit. Ich gehe so weit zurück, weil Ingeborgs Leben so sehr von meinem abwich, in der Folgezeit.
Auf dem Gymnasium trafen wir uns nur während der Pause – wir hatten unterschiedliche Sprachen gewählt und befanden uns daher in Parallelklassen. Aber Ingeborg blieb immer meine Freundin. Trotz eines guten Abiturs wollte sie nicht studieren, sie traute sich das irgendwie nicht zu. Sie lernte in einer Bank, wechselte aber nach der Lehre in eine Anwaltskanzlei, der sie treu blieb. Noch heute ist sie dort – arbeitet zuverlässig als Bürovorsteherin.

Privat drifteten wir auseinander. Während ich heiratete und in schneller folge drei Kinder bekam, blieb Ingeborg ledig. Ihre Eltern starben beide, da war sie noch keine 50 und Geschwister hatte sie nicht. Liebschaften – die längste hielt acht Jahre – gingen in die Brüche, sie zweifelte an sich selbst.
Ihr Selbstwertgefühl - ohnehin nicht sehr ausgeprägt – wurde immer weniger. Sie litt unter Haarausfall, fand sich selbst hässlich oder unattraktiv und so gestimmt hatte sie natürlich auch keine Ausstrahlung. Der Tag im Büro war anstrengend und am Abend versuchte sie in Internetcommunities wenigstens Abwechslung und Entspannung zu finden – im Grunde galt die Suche aber einem Mann, vielleicht einem, der scheu war, der sensibel wahrnahm, dass hier ein Mensch ungern allein ist.

Es wurde geflirtet und geplänkelt, aber es kam nichts dabei heraus. Irgendwie trafen sich immer die, die eben nicht für einander geschaffen waren.
Dafür entschädigte sich Ingeborg mit Reisen. Sie buchte Kurzreisen übers Wochenende, sah sich die Städte im Osten Deutschlands an – alles aber diente mehr der Tatsache, dass sie eben nicht allein in Ihrer Wohnung sein wollte.

Und dann passierte etwas Unheimliches – ich empfinde es jedenfalls so.

Ingeborg befand sich auf einer Türkei-Reise. Da klingelte ihr Handy, aber nicht mit der Melodie, die eingegeben war. Deshalb reagierte sie auch anfangs nicht. Doch dann sagten Mitreisende, es ist ihre Tasche, aus der der Ton kommt. Gerade in diesem Moment bat der Busfahrer alle Leute auszusteigen. Ingeborg hielt das Handy in der Hand, konnte aber die Worte, die gesprochen wurden nicht verstehen. Sie ging aus diesem Grund etwas weiter weg.
Aber auch dort konnte sie nicht eindeutig feststellen, dass der Anruf aus Deutschland kam, die Stimme sprach kauderwelsch – türkische Brocken waren auch dabei aber keine kompletten Sätze.
Dann gab sie auf – drückte die Taste für Beenden und sah den Bus nur noch von hinten.
Völlig erschrocken sprach sie zwei Männer an, die in der Nähe standen. Der eine hatte ein Fahrrad und sprach von einem Bruder mit einem Taxiunternehmen, den könne er anrufen, er würde sicher einen fairen Preis machen und Ingeborg zum Bus bringen.
In ihrer Not nahm Ingeborg dieses Angebot an. Alles in allem war doch eine halbe Stunde vergangen, bis das Taxi kam, auch musste sich der Fahrer erst bei der Reisegesellschaft erkundigen, welche Route vorgesehen war. Dann aber ging es los mit ziemlichem Karacho.
Im Radio spielte Musik – bis zu einer Sondermeldung. Und diese hieß, dass kurz vor Pamukale die Straße gesperrt werden musste, da ein Bus verunglückt ist und die Bergung der Verletzten vorrangig sei. Der Fahrer erschrak und er fragte Ingeborg, wo soll ich sie jetzt absetzen, dort können wir nicht lang fahren, es gab ein Busunglück.

Ich möchte es kurz machen, es war der Bus, den Ingeborg verlassen hatte. Nur fünf Menschen kamen mit dem Leben davon. Alle anderen waren sofort tot oder starben an den schweren Verletzungen.

Ingeborg, nun völlig am Ende wurde vom Taxifahrer wieder mitgenommen und sie übernachtete an diesem Abend in dessen Familie, die sich rührend ihrer annahm.

Nachforschungen von wem das Telefongespräch gekommen war, gingen alle ins Leere.
Angeblich hatte sie nie einen Anruf erhalten.

Von da ab änderte sich Ingeborgs Leben rapide, sie ist heute eine moderne optimistische Frau, der das Leben auch ohne Partner genügend gibt.
Und gerade, weil es so ist - wird sie irgendwann jemandem äußerst positiv auffallen….
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Beitragvon Biggi. » 25.07.2011, 22:42

ashoggi, eine richtig schöne Geschichte, die ich gerne gelesen habe.
hansolafpaul, bei deiner Geschichte habe ich ordentlich geschmunzelt.
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Beitragvon hansolafpaul » 26.07.2011, 21:42

@ashoggi, deine Geschichte hat mich sehr berührt. Danke.
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Beitragvon Freysine » 26.07.2011, 22:25

Danke Ashoggi und HOP, zwei unterschiedliche Geschichten , die mir sehr gefallen haben . :)
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Beitragvon ashoggi » 27.07.2011, 8:37

Liebe Mitstreiter hier, ich hoffe auch von Euch mal was zu lesen und da der thread hier ja vielleicht erfolgreich weitergeht nur noch die Bemerkung, dass das "ich" in meinen Geschichten nur eine Erzählfigur ist, und nicht ashoggi :wink:

und wer macht weiter ?
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Beitragvon hansolafpaul » 28.07.2011, 22:08

Ich mach dann mal weiter :wink:

Die Hauptperson in dieser Geschichte ist ein Fluß. Ein kleiner Fluß. Und ein kurzer Fluß obendrein.
Der Fluß heißt "Bühler" und ist nur 50 km lang.
Die Bühler. Die Schimmernde.

Die Bühler entspringt bei Pommertsweiler im Württembergischen und mündet bei Geislingen, ebenfalls Württemberg, in den Kocher.
Ganz in der Nähe der Kochertalbrücke.
Die Bühler wird auch gerne als sehr romantischer Fluß bezeichnet. Warum weiß ich auch nicht.

Doch das alles wußte Hans nicht. Und es hätte ihn auch gar nicht interessiert. Später vielleicht.
Im Moment hatte er ganz andere Interessen.

Hans war die Bühlertalstrasse, die durch Oberscheffach und Unterscheffach hindurchführte,
entlang gefahren bis zu diesem Parkplatz oberhalb des Pfaffengumpens.
Es war früher Nachmittag und es war sehr warm.

Hans öffnete die Kofferraumklappe, tauschte seine Sandalen gegen Badeschlappen aus, schulterte den kleinen Rucksack und schloß die Heckklappe wieder. Er schloß sein Auto ab und ging über den Platz, bis zu der Stelle wo ein schmaler Feldweg durch den Laubwald hinunter zum Fluß führte.
Dieser Weg war total verkrautet und zugewachsen und wenn nicht ab und zu
Traktoren den Weg befahren würden, hätte man ihn nur mit Mühe gehen können.
Das nächste Mal würde er eine Machete mitnehmen, dachte Hans. Speziell die vielen Brennnesseln hatten es ihm angetan.

Mein Gott ist das warm, dachte Hans, während er den Weg hinunterging. Über 30 Grad.

Der Weg endete auf einer saftigen Wiese, die sich zwischen Bühler und der höhergelegenen Straße erstreckte.
Wäre Hans nun nach rechts gegangen, wäre er zur Abbruchkante gelangt und hätte den Pfaffengumpen von oben betrachten können.
Aber dichtes Brennnessel-Dickicht machte dieses Unterfangen unmöglich. Egal, dachte Hans. Es geht auch anders.

Hans umrundete das Brennnessel-Dickicht und ging dann am Ufer entlang etwa 30m flußaufwärts. Bis zur "Einstiegsstelle".
Hier konnte man einigermaßen bequem in den Fluß einsteigen. Und so hangelte sich Hans unter zuhilfenahme von Ästen und Wurzeln das Ufer hinab,
bis seine Füße endlich in das klare, kühle Wasser eintauchten.
Bis knapp zu den Knien stand er im Wasser.
Hans watete zur Mitte des Flußes. Das Wasser war hier nicht ganz so tief.

Über ihm bildeten die Uferbäume ein dichtes, grünes Gewölbe aus Ästen, Zweigen und Blättern.
Das Sonnenlicht drang an vielen Stellen durch das Blätterdach und zauberte ständig wechselnde Lichtinseln auf die Wasseroberfläche. Reflexionen, Lichtblitze, das Rauschen des Wasser - eine magische, grünschimmernde Welt. Green River.

Langsam watete Hans weiter und genoß es hier sein zu dürfen.

Nur wenige Meter voraus sah er den Gumpen, den Strudeltopf. Hört sich gefährlicher an als es ist, dachte Hans.
Nun ja, dachte er, bei Hochwasser möchte ich hier nicht unterwegs sein. Aber jetzt ist kein Hochwasser.

Dieser Gumpen hatte sich gebildet, weil die Bühler hier fast im 90 Grad Winkel nach links abknickt.
Das Wasser prallt also erstmal auf die etwa 3 Meter hohe Uferwand, bis es dann nach links abfließen kann. Diese Uferwand ist deshalb ständigen Veränderungen unterworfen. Jedes Jahr sieht es hier anders aus. Irgendwand wird der Fluß die Straße unterspülen. Irgendwann ...

Auf der linken Flußseite hatte sich eine Kiesbank gebildet, die mit angeschwemmten Ästen und Aststückchen übersät war.
Hans watete gemächlich aus dem Wasser, hinaus auf die Kiesbank, und legte seinen Rucksack ab.
Dann zog er sein Poloshirt aus, seine Jeansshorts und zum Schluß seine Unterhose. All das legte er fein säuberlich auf seinen Rucksack.

Hans schlüpfte aus den Badeschlappen und Nackt wie Gott ihn geschaffen hatte, ging er zurück in den Fluß, hinüber auf die rechte Uferseite.
Dort gab es eine Zone tiefen Wassers, eine Art Pool und dort wollte Hans baden.
Er bespritzte sich mit Wasser und langsam, ganz langsam, tauchte er ein in das klare, kühle, tiefe Wasser. Deutlich spürte er die Schichtung - oben angenehm warm, unten kühl. Bis zum Hals tauchte er ein ... Brrrr.
Lange konnte man es nicht aushalten. Er schwamm ein paar Züge, drehte sich um die eigene Achse,
legte sich auf den Rücken und lies sich ein bißchen treiben. Hans plaschte mit den Händen auf das Wasser, strampelte mit den Beinen und
benahm sich wie ein kleines Kind.
Ein neutraler Beobachter hätte ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt.
Dann begann er zu frösteln. Unglaublich.

Hans watete zurück in die Flußmitte und schüttelte sich wie ein nasser Hund.
Er strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtet minutenlang die Szenerie.
Hans fühlte sich wie ein junger Gott. Und - um ehrlich zu sein - genauso sah er auch aus. *g*
Gottseidank verflog dieses göttliche Gefühl relativ schnell wieder. Sonst hätte man sich ernsthaft Sorgen um Hansens Psyche machen müßen.

Hans ging zurück auf die Kiesbank, holte ein Handtuch aus seinem Rucksack und rubbelte sich trocken.
Er legte das Handtuch auf die Kiesel, setzte sich hin und lies sich von der Sonne wärmen.

Plötzlich mischte sich ein fremder Klang in das Murmeln, Glucksen und Rauschen des Flußes. Hans lauschte ...
Eine Stimme ... eine Frauenstimme ... ein Lied? Die Akustik war nicht schlecht hier unter dem grünen Gewölbe.
"Drunt' in der schönen Au ..." Eine Frau watete den Fluß herunter. "... steht ein Birnbaum so blau ..."
Mit der einen Hand hatte sie ihr Kleid zusammengerafft, in der anderen Hand hielt sie einen Holzrechen. "... Juche."
Diese Frau, wahrscheinlich eine Bäuerin, dachte Hans, kam geradewegs auf ihn zugewatet.
Hastig zog er das Handtuch unter seinem Hintern hervor und bedeckte damit seine Blöße.

Die Bäuerin blieb direkt vor Hans stehen, schaute auf ihn herab und betrachtete Hans ausgiebig. "Habe ich sie endlich erwischt", meinte sie lachend.
"Erwischt? Bei was denn?", sagte Hans reserviert. Hans mochte es überhaupt nicht, wenn er beim Alleinsein gestört wurde. Noch weniger mochte er es, wenn man auf ihn herabschaute. Und auf Konversation hatte er als begnadeter Schweiger schon gar keine Lust.

Hans stand auf, wobei er mit einer Hand krampfhaft das Handtuchknäuel vor seine Leibesmitte hielt.
"Ich kenne sie", sagte die Bäuerin. "Das ist doch ihr Auto da oben". Hans nickte: "Ja."
"Sie waren schon öfter hier. Ich habe sie gesehen", sagte sie. "Wo haben sie mich denn gesehen", fragte Hans. "Beim Baden. Sie baden immer nackt. Aber sie sind nicht der Einzige." Die Bäuerin lachte herzhaft und freute sich über seinen bedröppelten Gesichtsausdruck.
Ihre direkte Art lag im gar nicht.

"Kommen sie mit!", sagte die Bäuerin. "Wohin", fragte Hans. "Na ins Wasser, abkühlen", sagte sie. "Ich bin schon abgekühlt", sagte Hans.
"Gefalle ich ihnen nicht?", sagte die Bäuerin. Mit einer fließenden Bewegung zog sie ihr Kleid über den Kopf und stand splitternackt vor Hans. Kein Slip, kein BH. Einfach nur nackt.
Dieses blaue Kopftuch, dachte Hans, also dieses blaue Kopftuch paßt hervorragend zu ihren kastanienbraunen Haaren. Er atmete tief, sehr tief, und noch tiefer, ein. Und aus. Einatmen - Ausatmen.

"Und lassen sie doch endlich das Handtuch los", sagte die Bäuerin mit vibrierender Stimme. Und Hans lies das Handtuch los.
Doch seltsamerweise widersetzte sich das Handtuch den Gesetzen der Schwerkraft und fiel nicht auf den Boden. Im Gegenteil. Fast schien es, als ob es noch weiter nach oben steigen würde.
Als die Bäuerin Hansens "Notlage" erkannte, schlug sie in einer überaus anmutigen Bewegung beide Hände vor das Gesicht und sagte mit kindlicher, heiserer Stimme: "Oh, das wollte ich nicht."
Sanft nahm Hans ihre Hände und zog sie von ihrem Gesicht. Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und schaute tief in ihre rehbraunen Augen.
Dann sagte er: "Vielleicht sollten wir die Abkühlung auf später verschieben?"

Nun, über den Rest der Geschichte können wir getrost das Handtuch des Schweigens breiten.
Jeder kann sich selber ausmalen was dann geschah.

Nur soviel noch: Zu dem Glucksen, Murmeln und Rauschen des Wasser gesellten sich neue Geräusche. Gurrendes Lachen, z.B. Oder eine Männerstimme die erschöpft sagte: "Was, Nochmal?"

Doch als die Sonne sank am Pfaffengumpen war die alte Ordnung wiederhergestellt und alles ging seinen gewohnten Gang.

Es ist anzunehmen, dass Hans die Bäuerin noch nach Hause gefahren hat. Ganz sicher sogar.
Ebenso sicher ist leider auch, dass die Beiden sich nie mehr wiedergesehen haben.

Und wie jedes gute Märchen könnte auch diese Geschichte mit dem Satz enden: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute"
Könnte. Muß aber nicht.

Warum der Pfaffengumpen so heißt wie er heißt? Nun, im Mittelalter wurden dort unliebsame Pfaffen ertränkt. Noch Fragen? *g*
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Beitragvon Frigga54 » 29.07.2011, 9:17

Mach weiter HOP... das gefällt mir :P :P :P

Beizeiten..wenn die Herrin der Hosen ihr Zepter vergräbt und sich in höhere Gefilde begibt, dorthin wo Sonnentropfen die glanzlosen Momente wegwaschen, dann ja dann... schreibt sie auch mal eine Geschichte.. eine, die sie im Herzen trägt, die dort reift und wächst, sich ausdehnt und geschrieben werden will, eine die randvoll gepackt ist mit Liebe und Sehnsucht, mit Schmerzen, Trauer und Versöhnung, eine die sie befreit von der Last des Gewesenen und die Platz schafft für die Weite des Himmels. Eine Geschichte, die ihre Kinder und Kindeskinder und deren Kinder.. zum nachlesen, mitfühlen und nachdenken anregt....
Bald ist es soweit, sie fühlt es.....täglich werden sie weniger, ihre lästigen Untertanen...sobald sie alle fort sind, wird sie laut seufzen, sich beim Schicksal für dessen Wohlwollen und Güte bedanken, den Stift in die Hand nehmen und schreiben...schreiben... schreiben...
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Beitragvon hansolafpaul » 29.07.2011, 18:32

Hallo Frigga, auch du solltest unbedingt weitermachen. Hoffentlich ist es bald soweit.
Ich freue mich schon darauf. :D
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Beitragvon signature » 29.07.2011, 20:29

Oh wie schön....alle Geschichten....grade erst entdeckt - bin begeistert ! :D :D :D

Frigga, bitte mehr von Dir ....Deine paar Zeilen sind so poetisch & fein, machen neugierig auf mehr. Du hast uns Dein Schreiben jetzt schon versprochen.
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Beitragvon nobody47 » 29.07.2011, 20:35

Das Garn des Seebären ist Fernweh, Sehnsucht nach den Weiten der Welt....
Was ich hier lese, ist ein Balsam in der hektischen, selbstbeweihräuchernden, egozentrischen Welt der Plattform Fifty...
Weit mehr, Fluchtpunkte für Emotionen und Träume...
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