Kurzgeschichte
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[/center]Tijana wuchs in einem kleinen Dorf auf, "am Ende der Welt", so kam es ihr mindestens oft vor. Sie fühlte sich dort schon lange nicht mehr wohl. Eigentlich war es immer so gewesen, sie hatte bereits als Kind ständig von "der großen weiten Welt" geträumt.
Je älter sie wurde, desto schlimmer empfand sie die Enge und die Eintönigkeit der ländlichen Idylle als nicht "ihre Welt". Im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Clara, die sogar die große Liebe im Nachbarsjungen Tom gefunden hatte und niemals ihre Heimat hätte verlassen wollen.
Tijana gelang es nicht, ihren Mann fürs Leben im Dorf zu finden. Vielleicht weil sie zu wählerisch war, keiner hatte ihr gepasst, keiner entsprach ihren Vorstellungen, nach dem Muster "König Drosselbart" wählte sie aus, dachte nach und blieb dann doch lieber allein. Vielleicht auch weil sie nur davon träumte, in die Stadt zu ziehen, nach München, wo das "wahre Leben" auf sie wartete.
Nachdem sie ihren vierundzwanzigsten Geburtstag hinter sich hatte, entschloss sich Tijana, dem Schicksal ein bisschen nachzuhelfen. Sie fing an in den Zeitungen die Bekanntschafts- und Heiratsanzeigen zu lesen. Zusammen mit Clara, die großen Spaß dabei hatte ihr behilflich zu sein, studierte sie die "Angebote" und schrieb sogar die "Auserwählten" an. Doch so einfach war das auch wieder nicht. Entweder waren die unterschiedlichen Interessen schuld daran dass nichts daraus wurde, oder die Lebensumstände - ein verheirateter Mann kam nicht in Frage für Tijana, doch genau auf einige solche war sie geraten. Oder genau so schlimm - manche schwärmten vom Landleben, hatten nicht vor sie in die Stadt einzuladen, sondern umgekehrt, sie wollten zu ihr aufs Land ziehen. Nie im Leben!
Dann kam der Brief, auf den sie glaubte schon die ganze Zeit gewartet zu haben. Nett, weltoffen, erfolgreich schien ER zu sein, und das Wichtigste - er lebte in München in einem eigenen Haus. Ein Traummann? Fast. Erst nach wochenlanger Korrespondenz ließ er die Katze aus dem Sack: Er war Wittwer mit vier kleinen Kindern. Tijana liebte Kinder, doch, sie fühlte sich nicht reif genug für so eine große Verantwortung. Aus der Traum!
Frust breitete sich in Tijana aus, sie verlor langsam die Hoffnung und sah sich bereits in der Rolle einer "alternden Jungfer", die entweder irgendwann den Erstbesten heiraten würde, oder für immer allein bliebe.
Mit keiner dieser beiden Vorstellungen konnte sie sich abfinden, also schrieb sie fleißig weitere Briefe.
Es war an einem sonnigen aber kalten Vormittag im März - Mitten in der Faschingszeit, auch in ihrem Dorf verkleidete man sich und feierte man ausgelassen - sie ging in das kleine Wäldchen gleich hinter ihrem Elternhaus, setzte sich an einen Baumstumpf und fing an zu beten. Für den richtigen Mann in ihrem Leben, dafür, dass sie nicht allein bleiben muss, für die Zufriedenheit, egal wo dies auch sein sollte - doch am liebsten in München. Und bitte, ER darf nicht dumm sein, nicht geizig, und wenn es geht auch nicht arm. Und natürlich auch nicht hässlich. Und…
Sie war mit ihren Bitten und Erklärungen an Gott noch mitten drin, da sah sie Clara auf sie so zueilen, dass ihre langen blonden Haare flatterten. In der Hand hielt Clara einen weißen Briefumschlag und wedelte lebhaft mit ihm.
"Deine Mutter hat mir gesagt, du wärst hier", rief die Freundin schon vom Weiten. "Ich habe etwas für dich".
Es war wieder mal ein Schreiben von der Zeitung und drin befand sich ein einziger Brief - von einem "Heiratskandidaten". Ungeduldig und aufgeregt riss Tijana den Briefumschlag auf. Ihre Augen leuchteten plötzlich wie zwei Sterne. Sie las es der Freundin laut vor. Es war ein sehr sympathisch geschriebener Brief, zum ersten Mal wieder etwas, was ihr Herz höher schlagen ließ.
Der Mann beschrieb sich als unternehmungslustig, weltoffen, vielseitig und - er lebte in München. Doch das Schönste kam zum Schluss: er lud sie für einen Tag nach München ein, sie würden sich am Faschingsdienstag ins Getümmel hineinstürzen, am Marienplatz und Viktualienmarkt - so würde sie, das Mädchen vom Lande, im Herzen der Stadt alles hautnah erleben können. Selbstverständlich wollte er sie auch zum Essen einladen.
"Das ist er. Ganz bestimmt", rief Tijana aus. "Das ist der, auf den ich gehofft und gewartet habe".
"Das kannst du doch nicht wissen", dämpfte Clara, die immer die vernünftigere aber auch die kühlere von beiden war, die Euphorie ihrer besten Freundin. "Du kennst den Mann noch gar nicht."
"Das ist der Richtige, ich bin mir sicher, Gott hat meine Gebete erhört", ließ sich Tijana nicht beirren.
Sie antwortete dem Mann, der sich Peter nannte und bald war es dann auch so weit. Tijana fuhr mit dem Zug nach München, voll von schönster Träume und Zukunftspläne.
Sie trafen sich am Hauptbahnhof. Tijana war sehr hübsch, dunkelhaarig, mit den großen grünen Augen und mit den ebenmäßigen Gesichtszügen, sie musste keinesfalls befürchten abgewiesen zu werden. Als sie aber ihrem "Traummann" am Hauptbahnhof von München gegenüberstand, fragte sich Tijana sofort, ob die vier Kinder nicht doch eine bessere Wahl gewesen wären. Der Mann der sie überschwänglich und mit größter Begeisterung begrüßte, passte in keiner Weise zu dem lieben Brief, der sie so glücklich gemacht hatte. Er war klein und rundlich, sah außerdem nicht besonders gepflegt aus. Das Haar klebte strähnig an seinem Kopf, sein Mantel hätte eigentlich in die Reinigung gehört - oder weggeworfen. Und die Schuhe waren ungeputzt. Das alles registrierte Tijana auf den ersten Blick und ärgerte sich nun darüber, mit diesem Mann den Tag verbringen zu müssen.
"Na, was machen wir heute, Süße?" fragte er und Tijana überlegte sich ernsthaft, ob sie nicht doch in den nächsten Zug nach Hause einsteigen sollte. Was sollte sie darauf antworten? Sie war in München, der Stadt ihrer Träume, es war Faschingsdienstag und auch wenn sie keinen Mann fürs Leben gefunden hatte, wollte sie sich mindestens ein wenig amüsieren.
Es war noch ziemlich früh, so gingen sie zu Fuß bis zum Karlsplatz-Stachus, setzten sich im Restaurant des Hotels Königshof ans Fenster, von wo man einen wunderbaren Blick auf Münchens Zentrum hatte, und bestellten Kaffe und Kuchen.
Tijana fragte sich warum es gerade Königshof sein musste, da passte der Mann mit seinem "bescheidenen" Outfit gar nicht hin - sie selbst hatte einen eleganten roten Mantel an und schwarze, glanzpolierte Stiefeln - sie schämte sich geradezu für ihn.
Peter zerstörte auch Tijanas letzte Hoffnung auf einen einigermaßen guten Tag. Er wurde aufdringlich. Sie wehrte ihn ab, die Stimmung sank ziemlich schnell in den Keller.
Dann, ganz plötzlich, wie wenn ein Lichtstrahl die dunkle Wolkendecke durchbricht, sah sie IHN. Er saß allein an einem Tisch in der Ecke, eine Tasse Kaffee und eine kleine Flasche Mineralwasser vor sich. Irgendwie sah er entrückt aus, oder bedrückt? Gelangweilt? Traurig???
"Er sieht so aus, wie ich mich fühle", der Gedanke schoss Tijana wie ein Blitz durch den Kopf.
So ungefähr hatte sie sich ihren Mann fürs Leben vorgestellt: attraktiv, elegant, sympathisch aussehend.
Da saß der Unbekannte, nur ein paar Tische weiter und lächelte sie auf einmal auf eine liebenswürdige Art an. Sie musste ihre Meinung "die Liebe auf den ersten Blick existiert nicht" revidieren. Doch, was für ein Unglück! So etwas geschieht in der Regel höchstens einmal im Leben - und sie war dieses eine Mal in Begleitung eines unmöglichen Herrn, von dem sie sich fast ein wenig angewidert fühlte. Tijana war der Verzweiflung nahe.
"Wir gehen jetzt", entschied Peter und Tijana war darüber fast erleichtert. Den Anderen die ganze Zeit nur anzustarren, das würde nichts bringen, außer ein gebrochenes Herz.
Es war bereits unglaublich viel los auf den Straßen von München. Ein Gedränge überall, laute Musik tönte von allen Seiten, laute Stimmen, Lachen. Wo man hinsah, phantasievolle Masken und durch die Luft flogen die Papierschlangen und Konfetti. Peter und Tijana bahnten sich mühsam ihren Weg durch die Menge in Richtung Marienplatz. Er versuchte noch ein paar Mal mit einigen Umarmungen, gab aber bei ihrem energischen Widerstand endgültig auf.
Als sie die Ecke einer kleinen Querstraße passierten, merkte sie plötzlich dass sie allein war. Sie sah sich nach allen Seiten um, doch Peter war nirgendwo zu sehen. Sie ging einige Schritte zurück und schaute um die Ecke. Da sah sie ihn: ihr "Traummann" lief davon. Tatsächlich ging er nicht, sondern lief so schnell, als ob er vor tausend Teufeln fliehen würde. Eigentlich hätte Tijana eher Grund gehabt davonzulaufen. Da Peter bei ihr nicht landen konnte, wollte er sich also aus dem Staub machen, um es bei einer Anderen zu versuchen. Sie fand die Situation überaus komisch und musste laut lachen. Er drehte sich kurz um und sie winkte ihm fröhlich. Er blieb für einen kurzen Augenblick stehen, verdutzt - oder beschämt? -da machte Tijana kehrt und jetzt lief sie davon. Das hätte ihr noch zu ihrem Glück gefehlt, dass dieser Typ sich anders überlegte und doch noch zu ihr zurückkehrte!
Tijana musste noch länger über den "armen Dummen" lachen, der den Fasching für ein kurzes Abenteuer nutzen wollte. Doch dann kam ihr in den Sinn, dass sie nun mutterseelenallein in München war. Sie fühlte sich inmitten der fröhlichen Menschenmenge einsamer und trauriger als je zuvor.
Da fiel ihr der gutaussehende, sympathische Mann in dem Café ein und sie ging zurück so schnell sie konnte. Er war noch da und schaute durch das Fenster mit einem trübsinnigen, leeren Blick in die Ferne.
Plötzlich drehte er den Kopf zur Tür und als er Tijana erblickte, allein, hellte sich sein Gesicht schlagartig auf. Er stand sofort auf und kam ihr entgegen. "Darf ich Sie an meinen Tisch einladen?" fragte er mit einem einnehmenden Lächeln.
Nichts lieber als das, antwortete sie in Gedanken. Laut sagte sie aber nur "Gerne".
Der Tag war gerettet. Es war eins der schönsten Tage in ihrem Leben. Tijana und Manfred, so hieß er, blieben zusammen, an diesem Tag, am nächsten und auch am übernächsten Und für immer.
Sie hatte ihre "Faschingsliebe" gefunden, zwar nicht so wie sie sich das vorgestellt hatte, sondern auf kleinen Umwegen, doch dieses Erlebnis blieb für sie beide eine überaus heitere Erinnerung. Eine Erinnerung, über die sie noch oft lächeln mussten, und die sie Jahre später ihren Kindern und auch noch ihren Enkelkindern erzählten.
[center]Ende[/center]
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