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Malaika
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BeitragVerfasst am: 31.01.2010, 20:16    Titel:

DIE LIEBE KAM AM FASCHINGSDIENSTAG

Kurzgeschichte






Tijana wuchs in einem kleinen Dorf auf, „am Ende der Welt“, so kam es ihr mindestens oft vor. Sie fühlte sich dort schon lange nicht mehr wohl. Eigentlich war es immer so gewesen, sie hatte bereits als Kind ständig von „der großen weiten Welt“ geträumt.
Je älter sie wurde, desto schlimmer empfand sie die Enge und die Eintönigkeit der ländlichen Idylle als nicht „ihre Welt“. Im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Clara, die sogar die große Liebe im Nachbarsjungen Tom gefunden hatte und niemals ihre Heimat hätte verlassen wollen.
Tijana gelang es nicht, ihren Mann fürs Leben im Dorf zu finden. Vielleicht weil sie zu wählerisch war, keiner hatte ihr gepasst, keiner entsprach ihren Vorstellungen, nach dem Muster „König Drosselbart“ wählte sie aus, dachte nach und blieb dann doch lieber allein. Vielleicht auch weil sie nur davon träumte, in die Stadt zu ziehen, nach München, wo das „wahre Leben“ auf sie wartete.
Nachdem sie ihren vierundzwanzigsten Geburtstag hinter sich hatte, entschloss sich Tijana, dem Schicksal ein bisschen nachzuhelfen. Sie fing an in den Zeitungen die Bekanntschafts- und Heiratsanzeigen zu lesen. Zusammen mit Clara, die großen Spaß dabei hatte ihr behilflich zu sein, studierte sie die „Angebote“ und schrieb sogar die „Auserwählten“ an. Doch so einfach war das auch wieder nicht. Entweder waren die unterschiedlichen Interessen schuld daran dass nichts daraus wurde, oder die Lebensumstände – ein verheirateter Mann kam nicht in Frage für Tijana, doch genau auf einige solche war sie geraten. Oder genau so schlimm – manche schwärmten vom Landleben, hatten nicht vor sie in die Stadt einzuladen, sondern umgekehrt, sie wollten zu ihr aufs Land ziehen. Nie im Leben!
Dann kam der Brief, auf den sie glaubte schon die ganze Zeit gewartet zu haben. Nett, weltoffen, erfolgreich schien ER zu sein, und das Wichtigste – er lebte in München in einem eigenen Haus. Ein Traummann? Fast. Erst nach wochenlanger Korrespondenz ließ er die Katze aus dem Sack: Er war Wittwer mit vier kleinen Kindern. Tijana liebte Kinder, doch, sie fühlte sich nicht reif genug für so eine große Verantwortung. Aus der Traum!

Frust breitete sich in Tijana aus, sie verlor langsam die Hoffnung und sah sich bereits in der Rolle einer „alternden Jungfer“, die entweder irgendwann den Erstbesten heiraten würde, oder für immer allein bliebe.
Mit keiner dieser beiden Vorstellungen konnte sie sich abfinden, also schrieb sie fleißig weitere Briefe.

Es war an einem sonnigen aber kalten Vormittag im März – Mitten in der Faschingszeit, auch in ihrem Dorf verkleidete man sich und feierte man ausgelassen – sie ging in das kleine Wäldchen gleich hinter ihrem Elternhaus, setzte sich an einen Baumstumpf und fing an zu beten. Für den richtigen Mann in ihrem Leben, dafür, dass sie nicht allein bleiben muss, für die Zufriedenheit, egal wo dies auch sein sollte – doch am liebsten in München. Und bitte, ER darf nicht dumm sein, nicht geizig, und wenn es geht auch nicht arm. Und natürlich auch nicht hässlich. Und…
Sie war mit ihren Bitten und Erklärungen an Gott noch mitten drin, da sah sie Clara auf sie so zueilen, dass ihre langen blonden Haare flatterten. In der Hand hielt Clara einen weißen Briefumschlag und wedelte lebhaft mit ihm.
„Deine Mutter hat mir gesagt, du wärst hier“, rief die Freundin schon vom Weiten. „Ich habe etwas für dich“.
Es war wieder mal ein Schreiben von der Zeitung und drin befand sich ein einziger Brief - von einem „Heiratskandidaten“. Ungeduldig und aufgeregt riss Tijana den Briefumschlag auf. Ihre Augen leuchteten plötzlich wie zwei Sterne. Sie las es der Freundin laut vor. Es war ein sehr sympathisch geschriebener Brief, zum ersten Mal wieder etwas, was ihr Herz höher schlagen ließ.

Der Mann beschrieb sich als unternehmungslustig, weltoffen, vielseitig und – er lebte in München. Doch das Schönste kam zum Schluss: er lud sie für einen Tag nach München ein, sie würden sich am Faschingsdienstag ins Getümmel hineinstürzen, am Marienplatz und Viktualienmarkt – so würde sie, das Mädchen vom Lande, im Herzen der Stadt alles hautnah erleben können. Selbstverständlich wollte er sie auch zum Essen einladen.

„Das ist er. Ganz bestimmt“, rief Tijana aus. „Das ist der, auf den ich gehofft und gewartet habe“.
„Das kannst du doch nicht wissen“, dämpfte Clara, die immer die vernünftigere aber auch die kühlere von beiden war, die Euphorie ihrer besten Freundin. „Du kennst den Mann noch gar nicht.“
„Das ist der Richtige, ich bin mir sicher, Gott hat meine Gebete erhört“, ließ sich Tijana nicht beirren.

Sie antwortete dem Mann, der sich Peter nannte und bald war es dann auch so weit. Tijana fuhr mit dem Zug nach München, voll von schönster Träume und Zukunftspläne.

Sie trafen sich am Hauptbahnhof. Tijana war sehr hübsch, dunkelhaarig, mit den großen grünen Augen und mit den ebenmäßigen Gesichtszügen, sie musste keinesfalls befürchten abgewiesen zu werden. Als sie aber ihrem „Traummann“ am Hauptbahnhof von München gegenüberstand, fragte sich Tijana sofort, ob die vier Kinder nicht doch eine bessere Wahl gewesen wären. Der Mann der sie überschwänglich und mit größter Begeisterung begrüßte, passte in keiner Weise zu dem lieben Brief, der sie so glücklich gemacht hatte. Er war klein und rundlich, sah außerdem nicht besonders gepflegt aus. Das Haar klebte strähnig an seinem Kopf, sein Mantel hätte eigentlich in die Reinigung gehört – oder weggeworfen. Und die Schuhe waren ungeputzt. Das alles registrierte Tijana auf den ersten Blick und ärgerte sich nun darüber, mit diesem Mann den Tag verbringen zu müssen.
„Na, was machen wir heute, Süße?“ fragte er und Tijana überlegte sich ernsthaft, ob sie nicht doch in den nächsten Zug nach Hause einsteigen sollte. Was sollte sie darauf antworten? Sie war in München, der Stadt ihrer Träume, es war Faschingsdienstag und auch wenn sie keinen Mann fürs Leben gefunden hatte, wollte sie sich mindestens ein wenig amüsieren.
Es war noch ziemlich früh, so gingen sie zu Fuß bis zum Karlsplatz-Stachus, setzten sich im Restaurant des Hotels Königshof ans Fenster, von wo man einen wunderbaren Blick auf Münchens Zentrum hatte, und bestellten Kaffe und Kuchen.
Tijana fragte sich warum es gerade Königshof sein musste, da passte der Mann mit seinem „bescheidenen“ Outfit gar nicht hin – sie selbst hatte einen eleganten roten Mantel an und schwarze, glanzpolierte Stiefeln – sie schämte sich geradezu für ihn.

Peter zerstörte auch Tijanas letzte Hoffnung auf einen einigermaßen guten Tag. Er wurde aufdringlich. Sie wehrte ihn ab, die Stimmung sank ziemlich schnell in den Keller.
Dann, ganz plötzlich, wie wenn ein Lichtstrahl die dunkle Wolkendecke durchbricht, sah sie IHN. Er saß allein an einem Tisch in der Ecke, eine Tasse Kaffee und eine kleine Flasche Mineralwasser vor sich. Irgendwie sah er entrückt aus, oder bedrückt? Gelangweilt? Traurig???
„Er sieht so aus, wie ich mich fühle“, der Gedanke schoss Tijana wie ein Blitz durch den Kopf.
So ungefähr hatte sie sich ihren Mann fürs Leben vorgestellt: attraktiv, elegant, sympathisch aussehend.
Da saß der Unbekannte, nur ein paar Tische weiter und lächelte sie auf einmal auf eine liebenswürdige Art an. Sie musste ihre Meinung „die Liebe auf den ersten Blick existiert nicht“ revidieren. Doch, was für ein Unglück! So etwas geschieht in der Regel höchstens einmal im Leben - und sie war dieses eine Mal in Begleitung eines unmöglichen Herrn, von dem sie sich fast ein wenig angewidert fühlte. Tijana war der Verzweiflung nahe.

„Wir gehen jetzt“, entschied Peter und Tijana war darüber fast erleichtert. Den Anderen die ganze Zeit nur anzustarren, das würde nichts bringen, außer ein gebrochenes Herz.

Es war bereits unglaublich viel los auf den Straßen von München. Ein Gedränge überall, laute Musik tönte von allen Seiten, laute Stimmen, Lachen. Wo man hinsah, phantasievolle Masken und durch die Luft flogen die Papierschlangen und Konfetti. Peter und Tijana bahnten sich mühsam ihren Weg durch die Menge in Richtung Marienplatz. Er versuchte noch ein paar Mal mit einigen Umarmungen, gab aber bei ihrem energischen Widerstand endgültig auf.
Als sie die Ecke einer kleinen Querstraße passierten, merkte sie plötzlich dass sie allein war. Sie sah sich nach allen Seiten um, doch Peter war nirgendwo zu sehen. Sie ging einige Schritte zurück und schaute um die Ecke. Da sah sie ihn: ihr „Traummann“ lief davon. Tatsächlich ging er nicht, sondern lief so schnell, als ob er vor tausend Teufeln fliehen würde. Eigentlich hätte Tijana eher Grund gehabt davonzulaufen. Da Peter bei ihr nicht landen konnte, wollte er sich also aus dem Staub machen, um es bei einer Anderen zu versuchen. Sie fand die Situation überaus komisch und musste laut lachen. Er drehte sich kurz um und sie winkte ihm fröhlich. Er blieb für einen kurzen Augenblick stehen, verdutzt – oder beschämt? -da machte Tijana kehrt und jetzt lief sie davon. Das hätte ihr noch zu ihrem Glück gefehlt, dass dieser Typ sich anders überlegte und doch noch zu ihr zurückkehrte!

Tijana musste noch länger über den „armen Dummen“ lachen, der den Fasching für ein kurzes Abenteuer nutzen wollte. Doch dann kam ihr in den Sinn, dass sie nun mutterseelenallein in München war. Sie fühlte sich inmitten der fröhlichen Menschenmenge einsamer und trauriger als je zuvor.
Da fiel ihr der gutaussehende, sympathische Mann in dem Café ein und sie ging zurück so schnell sie konnte. Er war noch da und schaute durch das Fenster mit einem trübsinnigen, leeren Blick in die Ferne.
Plötzlich drehte er den Kopf zur Tür und als er Tijana erblickte, allein, hellte sich sein Gesicht schlagartig auf. Er stand sofort auf und kam ihr entgegen. „Darf ich Sie an meinen Tisch einladen?“ fragte er mit einem einnehmenden Lächeln.
Nichts lieber als das, antwortete sie in Gedanken. Laut sagte sie aber nur „Gerne“.

Der Tag war gerettet. Es war eins der schönsten Tage in ihrem Leben. Tijana und Manfred, so hieß er, blieben zusammen, an diesem Tag, am nächsten und auch am übernächsten Und für immer.
Sie hatte ihre „Faschingsliebe“ gefunden, zwar nicht so wie sie sich das vorgestellt hatte, sondern auf kleinen Umwegen, doch dieses Erlebnis blieb für sie beide eine überaus heitere Erinnerung. Eine Erinnerung, über die sie noch oft lächeln mussten, und die sie Jahre später ihren Kindern und auch noch ihren Enkelkindern erzählten.

Ende




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Malaika
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Malaika
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BeitragVerfasst am: 08.02.2010, 23:20    Titel:




LARISSAS TRAUMMANN


Eine Kurzgeschichte



Die Sonne schien strahlend vom Himmel an jenem überaus schicksalhaften Tag, als Larissa sich entschlossen hatte, zusammen mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Alisa und ihrer Freundin Iris in den Münchner Westpark zu gehen, in dem ein Rockkonzert stattfinden sollte. Drei bekannte Münchner Bands standen im Programm, die Larissa unbedingt sehen und hören wollte.

Larissa hatte seit einer kurzen Zeit das Gefühl, sie würde mit ihren 38 Jahren zum ersten Mal richtig leben, wirklich leben. Ihre Scheidung lag erst seit einigen Monaten hinter ihr. Ihr ganzes bisheriges Leben war sie von irgendjemandem abhängig. Zuerst von den Eltern, dann von ihrem launischen, dominanten Ehemann, der sie zudem ständig belog und betrog. Dann war da die Tochter, die sich an sie klammerte und sie fast rund um die Uhr beanspruchte. Nun war Larissa endlich frei. Frei und unternehmungslustig. Besonders da auch Alisa sie nicht mehr so sehr brauchte. Das junge Mädchen zog langsam die Gesellschaft ihrer Freundinnen der ihrer Mutter vor.
Manchmal unternahmen sie noch Einiges zusammen, so wie an jenem sonnigen, längst vergangenen Nachmittag Ende Juli.
Larissa hätte fast als eine ältere Schwester oder Freundin der Mädchen gelten können. Sie hatte sich trotz viel Stress und Ärger der letzten Jahre ihre Jugendlichkeit und Frische bewahrt. Für jenen Nachmittag machte sie sich besonders sorgfältig zurrecht, um mit den zwei hübschen Mädchen mithalten zu können. Sie wählte eine weiße Hose, weiße Schuhe, eine sommerlich bunte Seidentunika und die großen silbernen Ohrhänger. Ihr blondes langes Haar glänzte in der Sonne wie pures Gold. Die großen grünen Augen erschienen die dezente aber wirkungsvolle Schminke noch größer.
Alisa betrachtete ihre attraktive Mutter nach dem vollendeten Werk fast ein bisschen neidisch, dann machte sie sich über sie lustig: „Mama, du kommst wieder ins Teenegeralter, einen Pickel hast du schon!“
Dieser winzige, kaum sichtbare „Schönheitsfehler“ auf der ansonsten reinen, hellen Gesichtshaut wurde mit Hilfe eines Abdeckstifts ganz schnell und vollkommen aus der Welt geschafft.

Im Westpark war nicht viel los, wahrscheinlich zogen die Menschen ein Bad im See dem Bad in der Menge vor. Auf dem Weg durch den Park zum Theatron – eine Art griechisches Theater in Miniform – kam ein Polizeiwagen ihnen entgegen und als er sie erreicht hatte, hielt er an.
Der Polizist welcher am Steuer saß, öffnete das Seitenfenster und sprach Larissa mit einer ernsten Stimme an: „Lassen Sie die Mädchen in keinem Fall allein durch den Park gehen, besonders nicht wenn es dunkel wird. Hier treibt sich ein Messerstecher herum. Er ist immer noch auf freiem Fuß, es könnte gefährlich werden ihm zu begegnen. Am besten verlassen Sie in einer Gruppe den Park nach dem Konzert.“
Larissa wäre am liebsten umgekehrt. Sie hatte unter diesen Umständen die Lust an der Musik verloren. Alisa und Iris wollten aber nichts davon wissen. Also fügte sie sich der stimmlichen Übermacht.
So saßen sie dann zu dritt an der Steinernen Treppe, neben einigen anderen Konzertbesucher die sich hier eingefunden haben. Ganz vorne war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der die Musiker aller drei Gruppen standen und sich unterhielten. Die Instrumente waren bereits aufgebaut.
Dann sah sie IHN!
Larissa kannte die Liebe auf den ersten Blick bisher noch nicht. Das waren für sie nur Worte aus Romanen und Liebesgeschichten, selbst hatte sie so etwas noch nie erlebt und sie glaubte auch nicht so recht daran. Bis zu jenem Nachmittag. Vielleicht war es auch nicht die Liebe auf den allerersten Blick – doch sicher auf den zweiten…oder dritten. Und IHM schien es ähnlich zu gehen. Es war ein gut aussehender Mann, mit dunklem Haar und braunen Augen, schätzungsweise in ihrem Alter. Ihre Blicke trafen sich, er lächelte, sie auch. Und wie magisch angezogen, tauschten sie die Blicke immer wieder.
Er stand bei den Musikern, also musste er einer von ihnen sein.

Das Warten zog sich in die Länge, die Musiker standen noch immer untätig auf der Bühne, obwohl sie schon längst hätten anfangen sollen. Vielleicht warteten sie, dass sich das Theatron ein bisschen mehr mit Menschen füllte. Es sah aber nicht danach aus.
Alisa und Iris wurde es langweilig, sie entschlossen sich, zu gehen. Larissa wurde ungehalten, die Mädchen durften nicht allein durch den Park gehen. Sie versuchte sie zum bleiben zu überreden, doch umsonst. Also musste sie schweren Herzens mitgehen. Sie drehte sich beim Ausgang noch einmal zur Bühne um und gerade in diesem Moment sah ihr „Traummann“ nicht zu ihr, er kehrte ihr den Rücken zu und unterhielt sich mit einem Anderen. So ein Pech!
Die Mädchen waren schon draußen, Larissa eilte ihnen nach. Sie war wütend und traurig zugleich.

Es vergingen einige Tage und der Mann aus dem Westpark spukte immer noch in Larissas Kopf herum. Es wurde immer schlimmer statt besser, sie war sich sicher, ihn nicht mehr vergessen zu können. Also entschloss sie sich, nach ihm zu suchen.
Sie wusste wie die Bands hießen. Das musste ein Leichtes sein zu erfahren, wo sie in der nächsten Zeit spielten. Sie holte sich die Zeitschrift „In München“ und suchte nach den drei Gruppen. Die erste, die sich „High Spirits“ nannte, spielte schon an einem der nächsten Tage auf dem Königsplatz.
Larissa ging voll schönster Erwartungen zum Rockkonzert, diesmal allein. ER war nicht dabei. Nicht so schlimm, dachte sie sich, also musste er zu einer der anderen Bands gehören. Sie genoss den Abend trotzdem, es war keine vergeudete Zeit, im Gegenteil. Die Gruppe spielte Hardrock und sie war wirklich gut. Larissa liebte Rock, fühlte sich dabei jung und lebendig. Nach vielen Jahren der „Haussklaverei“ ging ihr diese Musik durch und durch, sie konnte ihr nicht laut genug sein.
Die zweite Band, The Idols, spielte eine Woche später im Backstage, auch Rock, doch etwas sanfter, überwiegend Rockbaladen. Auch nicht schlecht, doch ER war wieder nicht dabei. Diesmal war Larissa schon ein wenig enttäuscht, sie amüsierte sich trotzdem, unterhielt sich und scherzte mit den vorwiegend jugendlichen Konzertbesuchern und vergaß völlig, warum sie überhaupt hier war und ganz besonders wie alt sie war.

Auf die letzte Gruppe, die sich Why not nannte, musste Larissa länger warten. Es dauerte ein paar Wochen, als sie in „In München“ die Ankündigung von Why not entdeckte. Sie sollten an einem Samstag auftreten – in Murnau. Das stellte für sie natürlich ein großes Problem dar. Murnau war nicht so einfach zu erreichen, das ging eigentlich nur mit dem Auto und sie besaß keinen Wagen. Noch nicht, obwohl sie schon lange mit dem Gedanken spielte, sich einen anzuschaffen. Schnell sich einen Wagen zu kaufen, nur um IHN finden zu können, das erschien ihr nicht sehr vernünftig. Sie musste aber hin! Unbedingt!
Ihr Exmann, Lorenz, hatte einen Wagen, sogar einen, mit dem man sich sehen lassen konnte. Also entschloss sich Larissa schweren Herzens ihrem Ex einen Besuch abzustatten. Sie waren nicht im Streit auseinander gegangen, trotz seinen Eskapaden. Auch wenn Larissa so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben wollte, sie gehörte zu Menschen, die nicht nachtragend waren. Keinen Groll, keinen Hass verspürte sie, nur eine große Erleichterung, ihn losgeworden zu sein.
Lorenz war hocherfreut, sie zu sehen, er hegte offensichtlich immer noch die Hoffnung, sie würde irgendwann wieder zu ihm zurückkehren. Als sie ihm aber ihren Wunsch vortrug, er möge ihr für ein paar Stunden den Wagen leihen weil sie etwas sehr sehr Wichtiges zu erledigen hätte, änderte sich seine Stimmung schlagartig.
„Nein, nein, geht nicht. Heute ist Samstag, ich brauche den Wagen selbst.“
Sie versuchte im Guten, das funktionierte jedoch absolut nicht. Also polterte sie und schimpfte, er könnte mindestens ein bisschen was gut machen, dafür, was er ihr alles angetan hatte.
„Es geht um Leben und Tod!“ schrie sie zum Schluss. Damit kriegte sie ihn klein.
Sie hatte den Wagen, nun würde sie ihrem Traummann endlich gegenüber stehen. Er konnte nur zu dieser letzten Rockgruppe gehören.
Larissa hatte sich für diesen Abend besonders sorgfältig zurechtgemacht. Sie hatte einen weißen Hosenanzug an und ihr von natur aus glattes, volles Haar umrahmte ihr ebenmäßiges Gesicht in weichen Wellen. Die silbernen Ohrringe, ein Geschenk von Alisa, waren fast bis zu den Schultern lang.
Je näher sie ihrem Ziel kam, desto aufgeregter wurde sie. Das Konzert fand auf einer großen Wiese außerhalb des Ortes statt. Sie hatte sich verspätet, bereits vom Weiten hörte sie die Klänge der Rockmusik. Hektisch besorgte sie sich eine Eintrittskarte und eilte in Richtung der großen Bühne. Hier war sehr viel los, kein Vergleich zu damals im Westpark. Die, auch diesmal vorwiegend jungen Leute bewegten sich im Rhythmus der Musik, manche saßen oder lagen auf der Wiese, andere spazierten in verschiedenen Richtungen.
Als ein junger Mann ihr entgegen kam, hielt Larissa ihn an. „Haben Why not schon gespielt?“ fragte sie mit Bange.
„Why not? Nein, Why not haben abgesagt“, antwortete er leichthin.
Larissa muss ihn völlig entgeistert angeschaut haben, denn der junge Mann lachte laut auf und sagte: „So schlimm ist das auch wieder nicht. Die andere sind genau so gut.“
Für sie war es schlimm! Und wie! So viele Umstände und dann war es alles umsonst gewesen. Sie drehte sich um und fuhr wütend nach Hause. Ihr war absolut nicht mehr zum Vergnügen zumute.

Es vergingen wieder ein paar Wochen, bis Larissa endlich die letzte Band gefunden hatte, in einem bekannten Münchner Konzertsaal. Sie hatte diesmal Jeans an, und eine rote Tunika, über und über mit Pailletten übersät. Dazu lange rote Ohrhänger. Sie sah unglaublich jung aus.
Nun stand es fest: Sie würde ihren „Traummann“, ihre „Liebe auf den ersten Blick“ nicht wieder finden. Er stand nicht auf der Bühne, gehörte also nicht zu den Musikern. Vielleicht war er nur ein Freund gewesen, ein Verwandter, ein Bühnenhelfer oder sonst wer.
Larissa war niedergeschlagen, sie fühlte sich auf einmal einsam, aller ihren Hoffnungen beraubt. Nie, niemals mehr würde sie sich so in einen Mann verlieben können, wie in diesen Unbekannten, war sie sich in diesen Augenblicken sicher.
Doch dann, ganz plötzlich, sah sie ihn. Unweit entfernt stand der Mann – auch nicht so ganz passend zu dieser Versammlung von Teenegern – sah zu ihr herüber und lächelte auf eine sympathische, offene Art.
Larissa ging mit klopfendem Herzen auf ihn zu. So lange hatte sie nach ihm gesucht, dass sie jetzt keine Hemmungen mehr hatte, den ersten Schritt zu wagen. „Ich kenne Sie“, sagte sie und im gleichen Augenblick schämte sie sich zutiefst. Das war nicht der Mann vom Westpark! Eine gewisse Ähnlichkeit war vorhanden, der hier war aber eindeutig ein Anderer.
Er lächelte wieder. „Ja, ich kenne Sie auch“, war seine Antwort.
Sie sah ihn überrascht an. „Woher denn? Ich habe Sie eigentlich noch nie gesehen“.
Der Unbekannte lachte laut. „Aus meinem Traum“, sagte er.
Jetzt musste auch Larissa lachen.
„Doch, doch, ich weiß ganz genau, dass ich von Ihnen geträumt habe“, beteuerte er und schaute sie strahlend an.

Das war nicht ER, der Mann von Westpark, dies spielte nun aber gar keine Rolle mehr. Es ging etwas von ihm aus, etwas was sie sich nicht erklären konnte, es war aber gerade dieses Etwas, was ihr unmöglich machte zu gehen.
„Ich heiße Ronny“, stellte sich der Mann vor, der ungefähr in ihrem Alter sein musste, „Eigentlich Ronald, aber du darfst mich Ronny nennen“.
Es kam Larissa ganz selbstverständlich vor, dass er ungefragt auf DU übergegangen war. Und als er leicht ihre Schulter berührte, passierte es: der berühmte Funken sprang über. Also gab es sie doch – die Liebe auf den ersten Blick. Ihm schien es ähnlich zu gehen. Er schaute sie mit seinen Haselnussbraunen Augen an und sie sah in ihnen das, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatte – die Liebe.


Wochen später saßen Larissa und Ronny beim Frühstück in trauter Zweisamkeit auf der Terrasse seines kleinen Häuschens am Rande von München. Sie blätterte in der Zeitung, doch auf einmal gab sie einen Schreckenslaut von sich. Sie schaute unglaublich auf das Foto, das auf der ersten Seite groß abgebildet war. Der Mann von Westpark! Das war er, ohne Zweifel! Dies berührte sie aber nicht mehr sonderlich, ihr Herz gehörte inzwischen einem Anderen. Ihr Schreckenslaut hatte eine andere Ursache, nicht die, weil sie den Langgesuchten so plötzlich erblickte.
Über dem Bild war die Überschrift in fetten Buchstaben angebracht: Messerstecher vom Westpark gefasst!
Ronny kam besorgt zu ihr rüber: „Was ist los? Du bist ganz blass geworden?“
Als er das Foto sah und die Überschrift, ging ihm ein Licht auf. „Ist er das?“, fragte er. Er kannte inzwischen die Geschichte über Larissas Suche nach ihrem „Traummann“. Darüber hatten sie beide herzhaft gelacht.
Sie konnte nur mit dem Kopf nicken. Zu hart hatte sie die Erkenntnis getroffen, dass sie so intensiv nach einem Mörder gesucht hatte.
„Was für ein Glück, dass Du ihn nicht gefunden hattest“ sprach Ronny weiter und umarmte sie fest, was ihr augenblicklich ein Gefühl der Sicherheit und der inneren Ruhe vermittelte.

Es war ihr Glück in doppelter Hinsicht. Wer weiß was mit ihr geschehen wäre, wenn sie diesen Mann tatsächlich gefunden hätte. Außerdem hätte sie ihren „Traummann“, den Richtigen, nicht bekommen. Ja, Larissa hatte wirklich großes Glück gehabt!

Ende

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Malaika
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Malaika
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BeitragVerfasst am: 22.02.2010, 0:31    Titel:

SCHULDIG ODER NICHT SCHULDIG?

Kurzkrimi


Das Klingeln am Nachtkästchen riss Harald Wienert ganz unsanft aus seinem wohlverdienten Mittagsschlaf. Nein, es konnte nicht der Wecker sein, das lästige Geräusch war dafür viel zu kurz. Der Wecker nervte jedes Mal unendlich lang, mindestens kam es Harald stets so vor. Das Telefon? Ja, das war es wohl, es klingelte nämlich schon wieder. Harald griff im Halbschlaf nach dem Hörer, nicht sicher ob er träumte, oder ob das Klingeln die Wirklichkeit war.
Eine ihm unbekannte Stimme sprach im erschreckend ernsten Tonfall aus der Hörmuschel. Harald rieb sich mit der freien Hand die Augen. Es dauerte eine Weile, bis er sich endlich zurechtfand.
„Wer ist da bitte? Was haben Sie gesagt?“ fragte er, einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr werfend. So ein Pech. Er hatte kaum eine halbe Stunde geschlafen und heute Abend musste er wieder pünktlich zur Arbeit. Die Stimme am anderen Ende der Leitung wiederholte geduldig noch mal: „Hier ist das städtische Krankenhaus. Ist Helga Wienert Ihre Ehefrau?“
Harald wurde auf einen Schlag hellwach. „Ja, das ist richtig“, antwortete er angstvoll. „Ist meiner Frau etwas zugestoßen?“
Stille. Dann räusperte sich der Anrufer kurz. „Kommen Sie bitte gleich vorbei, wir reden darüber, wenn Sie da sind.“
„Sie müssen mir doch…“. Harald hörte ein Klicken. Die Verbindung wurde unterbrochen.
Helga! Sie wollte einkaufen gehen und Harald, der als Nachtportier in einer Bekleidungsfabrik beschäftigt war, schlafen lassen. Helga fuhr mit dem Bus ins nahe Einkaufszentrum, da Harald später den Wagen für einige wichtige Erledigungen brauchte. Somit konnte es sich nicht um einen Autounfall handeln. Was war denn dann passiert? Oder hatte Helga es sich anders überlegt und war doch mit dem Auto gefahren? In Windeseile zog sich Harald an und rannte in die Garage. Nein, da stand sein alter Wagen – merkwürdig dass ihm gerade in diesem Augenblick auffiel, wie dringend er eine gründliche Reinigung gebraucht hätte. Wahrscheinlich war das ein Versuch seines Unterbewusstseins, die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Zu groß war Haralds Sorge um seine Frau.

Harald hasste Krankenhäuser. Er selbst hatte Gottlob noch nie als Patient die Bekanntschaft eines Krankenzimmers machen müssen. Doch die paar Besuche im Laufe der Jahre, bei seinen Bekannten, die in der Beziehung weniger Glück hatten als er, haben ihm gereicht, um eine echte Aversion gegen die Krankenhäuser zu entwickeln.

Mit schnellen Schritten strebte Harald durch den reizvoll angelegten Klinikpark dem Eingang zu. Jener Frühlingsnachmittag, Anfang Mai, war sonnig und warm, es grünte und blühte allerseits und die schönsten Blumendüfte lagen in der Luft. Doch Harald bekam von alledem nichts mit. Für ihn hätte es regnen und stürmen können, das hätte ihn genau so wenig berührt. Mit seinen ganzen Sinnen war er bei seiner geliebten Frau.
Er eilte zum Empfang und fragte aufgeregt nach Helga Wienert. Darauf führte ihn eine junge Krankenschwester, mit hochgestecktem blondem Haar und mit wasserblauen Augen, ihn verstohlen musternd, auf die Intensivstation. Intensivstation! Angst schnürte Harald die Kehle zu.
Die Pflegerin machte Halt vor einem bestimmten Zimmer.
„Warten Sie bitte hier einen Augenblick. Der Arzt wird gleich kommen und sich um sie kümmern“, meinte sie mit einer kalten, unbeteiligten Stimme und ging in das Zimmer hinein.

Harald durfte nicht zu seiner Frau, sondern musste draußen warten. Was hatte das alles zu bedeuten? fragte er sich mit Bangen. Nichts Gutes, das war ihm klar. Er tigerte unruhig den langen Flur hin und her. Noch nie zuvor war ihm die Zeit so endlos lang vorgekommen. Nicht einmal, wenn er mutterseelenallein als Nachtportier in seinem Glaskasten am Eingang der Bekleidungsfabrik saß. Sein qualvoller Blick blieb immer wieder an der Tür des Krankenzimmers haften. Am liebsten wäre er hineingegangen, auch ohne die Erlaubnis der Krankenschwester. Doch, das traute er sich letztendlich doch nicht. Er wollte ja keinen Ärger mit dem Krankenhauspersonal haben.
Endlich erschien der Arzt – in Begleitung eines Polizisten. Mit einem ernsten Gesichtsausdruck zog der Doktor einen Stuhl heran und deutete Harald, sich hinzusetzen.
„Wie geht es meiner Frau? Wann darf ich zu ihr?“ Die Fragen sprudelten nur so aus Haralds Mund. Er schrie vor Ungeduld. Der Arzt und der Polizist wechselten auf eine merkwürdig finstere Art die Blicke, dann betrachteten sie stumm Herrn Wienert.
„Warum sagen Sie nichts? Was ist geschehen?“
„Das müssten Sie selbst eigentlich am besten wissen“, antwortete der Polizist, der sich hinter Harald postiert hatte.
„Ich verstehe nicht. Was soll das heißen? Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, was hier los ist.“ Harald drehte sich zum Polizist um und wollte aufstehen, er wurde aber ziemlich unsanft auf den Stuhl zurückgedrückt.
„Wo waren Sie heute um etwa vierzehn Uhr?“ fragte der Polizist an Stelle einer Antwort.
„Warum interessiert Sie das? Ich war zu Hause und habe geschlafen“, sagte Harald wahrheitsgemäß.
„Gibt es irgendwelche Zeugen dafür?“
Nun platzte Harald endgültig der Kragen. „Was für Zeugen? Wenn Sie unsere Katze als Zeugin akzeptieren, dann gibt es Zeugen!“
„Sie sollten sich mäßigen“, sagte der Polizist streng. „Ihre Frau ist in dem Park hinter dem Einkaufszentrum zusammengeschlagen worden. Sie war ohne Bewusstsein, als man sie eingeliefert hatte“.

Haralds Magen zog sich zusammen. „Nein! Wer tut denn so etwas?“
Er brachte nur mühsam die Worte hervor.
„In der Handtasche Ihrer Frau haben wir Ihre Telefonnummer gefunden, so konnte ich Sie anrufen“, ergänzte der Arzt, ohne auf die Unterbrechung einzugehen.
Der Polizist setzte die Erklärung fort: „Ganz kurz kam Ihre Frau zu Bewusstsein. Da hat sie Sie beschuldigt. Was haben Sie dazu zu sagen?“
Harald wurde weiß im Gesicht. Er sackte in sich zusammen. „Das ist nicht wahr“, stammelte er ganz verstört. „Ich war die ganze Zeit zu Hause, habe geschlafen. Ich liebe meine Frau, ich würde ihr niemals etwas antun.“
„Das sagen sie alle“, meinte der Polizist ungerührt. „Ihre Frau hat ziemlich deutlich geflüstert, „Es war mein Mann“, bevor sie wieder das Bewusstsein verlor. Außerdem gibt es Zeugen, die Sie identifizieren werden können. Im Park haben nämlich die Passanten, die Ihrer Frau zu Hilfe eilten, beobachtet, wie Sie weggelaufen sind. Haben Sie ernsthaft gemeint, Sie würden so einfach davonkommen?“
Harald saß mit dem hängenden Kopf da. Er verstand die Welt nicht mehr. War er nicht bei Verstand und wusste nicht mehr was er tat?“

In diesem Augenblick ging die Zimmertür auf und die Krankenschwester stürmte in den Flur hinaus. „Herr Doktor, kommen Sie schnell!“ rief sie aufgeregt. Der Arzt verschwand eiligst im Krankenzimmer. Harald sprang auf und wollte ihm nachlaufen. Doch der Polizist hielt ihn am Ärmel fest.
Nach einigen Minuten erschien der Arzt wieder, mit einem sehr ernsten Gesichtsaisdruck. Es schien fast so, als ob er nicht wusste, ob er diesem Häufchen Elend vor sich Mitleid oder Groll entgegenbringen sollte. Schließlich sprach er mit einer leiser Stimme: „ Ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihre Frau soeben verstorben ist.“

Harald ließ sich nun nicht mehr aufhalten. Er sprang von seinem Stuhl und stürmte in das Zimmer. Er näherte sich dann langsam, kraftlos, dem einzigen Bett, das neben dem Fenster zum Park aufgestellt war. Er blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Der Anblick der blassen Toten erschütterte ihn, doch vor Allem verspürte er eine unsagbare Erleichterung!

„Das ist nicht Helge“, sprach er nun mit einer festen Stimme. „Das ist nicht meine Frau.“
„Das ist nicht Ihre Frau?“ fragte Polizist, der ihm gefolgt war, ungläubig.
„Nein, diese Frau habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.“
Harald wurde hinausgeführt, er setzte sich wieder auf den Stuhl „Rufen Sie bei mir zu Hause an“, bat er den Arzt. „Meine Frau ist bestimmt schon längst zu Hause vom Einkaufen.“
Nach einigen Minuten kehrte der Arzt zurück und er sprach, mit einem Blick auf den Polizisten: „Herr Wienert hat die Wahrheit gesagt. Seine Frau war tatsächlich zu Hause, sie wird gleich hier sein.“
Der Polizist kratzte sich ratlos am Kopf. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Als Helga Wienert zögernd in den Flur trat, in Begleitung der gleichen jungen Krankenschwester, die auch schon Harald auf die Station geführt hatte, stürzte Harald ihr entgegen und schloss sie fest in die Arme. Die schwere Last der letzten Stunden fiel nur langsam von ihm ab, er konnte seine Frau gar nicht mehr loslassen. Da kam ihnen die Stationsschwester mit einer kleinen Handtasche aus schwarzem Leder entgegen.
„Meine Tasche!“, rief Helga freudig. „Wie kommt sie denn hierher? Sie wurde mir im Kaufhaus gestohlen, als ich ein paar Schuhe anprobiert hatte.“
Nun ging Harald ein Licht auf. „Zu dem Pech, dass jemand deine Tasche mitgenommen hatte, kam es noch dazu, dass sie von einer Frau gestohlen wurde, die anscheinend die größten Probleme in ihrer Ehe hatte. Sie wurde kurz danach im Park von ihrem Mann so brutal zusammengeschlagen, dass sie an den Folgen eben gestorben ist.“
„Wie furchtbar“, rief Helga entsetzt. „Und weil das Krankenhauspersonal bei ihr meine Tasche mit unserer Telefonnummer drin gefunden hat, nahm man an, ich wäre das.“
„Das alles tut mir sehr leid“, meinte der Gesetzeshüter bedauernd. „Aber, wie hätte ich das wissen sollen? Und wer ist jetzt eigentlich die Tote, die dort im Zimmer liegt?“
„Also, mein Herr, das herauszufinden ist wirklich nicht unsere Angelegenheit“, meinte Harald müde und wandte sich an seine Frau. “Komm Helga, wir gehen nach Hause. Für heute war es wirklich genug.“
Nach ein paar Schritten drehte er sich ein letztes Mal um: „Wenn Sie uns brauchen sollten, Sie wissen nun, wo wir zu finden sind.“



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BeitragVerfasst am: 02.03.2010, 1:17    Titel:

SCHLAFLOSE NÄCHTE

Krimigeschichte


Wie konnte sie so einfältig sein, so naiv? All jene unerklärlichen Ereignisse hatte sie bedenkenlos hingenommen, ohne sich nur einen Augenblick lang ernsthaft zu fragen, wie es überhaupt zu so etwas kommen konnte. Ihr Schutzengel hatte mit ihr wahrhaftig alle Hände voll zu tun… und nicht nur der.

Nadines Eltern waren nach wie vor der Meinung, ihre Tochter, die sie immer so überhaus sorgfältig beschützt und vor allem „Bösen“ abgeschirmt hatten, sollte etwas besseres bekommen, als diesen Lebenskünstler Thorsten. In ihren Augen war er nichts weiter als ein… ein… Türeklopfer, ein kleiner, ziemlich erfolgloser Vertreter für eine Versicherungsfirma. Zwar war er äußerst attraktiv, mit seinem dunklen Haar und mit den tiefblauen Augen, er war aber kein bisschen ehrgeizig und ganz sicher nicht treu. Doch darüber konnte man mit Nadine nicht debattieren. Wenn ihre Mutter es manchmal ganz vorsichtig versuchte, blitzten Nadines, sonst so sanften, rehbraunen Augen sofort kampflustig und sie schüttelte ihren Kopf so heftig, dass die goldblonden Locken nur so rumflogen.
„Ich habe meine Wahl getroffen und damit basta!“ schimpfte sie. „Thorsten ist mein Mann fürs Leben, daran könnt ihr nichts ändern.“
Schluss der Diskussion!
Dass sie nicht mehr in einem vornehmen Haus lebte, wie vor ihrer Heirat, sondern in einer Etagenwohnung, störte sie offenbar kein bisschen. Auch nicht, dass sie wesentlich kürzer treten musste, als früher bei ihren wohlhabenden Eltern.
Es war keinesfalls so, dass sie seit dem verlassen des Elternhauses bettelarm war. Nadines Eltern hatten der einzigen Tochter, trotz der Missbilligung ihrer Wahl des Ehegatten, einen ansehnlichen Teil der Erbschaft als Hochzeitsgeschenk übergeben. Dieses Geld ruhte aber nun auf einem Bankkonto, von ihr und ihrem Mann völlig missachtet.
„Ich bin in der Lage, die Familie selbst zu ernähren und brauche keine Hilfe meiner Schwiegereltern, die mich weder mögen noch respektieren“, argumentierte Thorsten seine Weigerung, auch nur einen Cent vom Konto abzuheben.
„Wir könnten uns wenigstens einen kleinen Zweitwagen anschaffen“, wagte Nadine bei einer günstigen Gelegenheit ihre Meinung zu äußern. „Für mich, dann brauche ich nicht so oft dein Auto zu nehmen. Außerdem bist du viel unterwegs, ich muss da immer zu Fuß laufen.“
„Nein, nicht von diesem Geld“, hatte Thorsten ganz entschieden geantwortet. „Du wirst dein Auto schon bekommen, aber von mir.“
Tatsächlich stand bald ein kleiner Gebrauchtwagen vor ihrem Haus, ein gelber Cinquecento, den sie ihr Eigentum nennen durfte. Das missbilligende Urteil ihres Vater fiel wie erwartet aus: „Die reinste Schrottkarre.“
Nadine wollte nichts dergleichen hören. Hauptsache war es doch, dass der Wagen lief. Und ganz so schlecht sah das Fahrzeug gar nicht aus, fand sie. Na ja, einige kleine Macken hatte es und im Inneren roch es immer ein wenig nach Benzin. Doch das würde Thorsten mit der Zeit schon in Ordnung bringen, dessen war sie sich sicher.

Ihren erster Unfall, der tödlich hätte enden können, hatte Nadine als Zufall abgetan.
Es war Mittwoch, ihr Waschtag. Mittwoch früh war eine gute Zeit, um die Wäsche unten im Keller aufzuhängen. Die meisten Nachbarn gingen ihren Beschäftigungen außer Haus nach – etwas was ihr in ihrer Ehe erspart geblieben war. Thorsten war von Anfang an dagegen, dass seine Frau arbeiten geht.
Nadine hätte gerne einen Trockner in der Wohnung gehabt, für ihren Mann war das aber kein Thema. „Wozu denn das? Du hast ja genug Zeit, um die Wäsche im Keller aufzuhängen.“ So hatte er ihr Anliegen seinerzeit abgeschmettert.
Als Nadine an jenem Mittwoch, um die gleiche Zeit wie immer, mit ihrem Wäschekorb die Treppe im ersten Stock betreten wollte, sah sie unten in der Eingangstür einen jungen Mann stehen, den sie vom Sehen kannte. Es war der Sohn ihrer Nachbarin im Erdgeschoß. Herr Manfred Stolz kam fast täglich vorbei, um seine Eltern zu besuchen, er wohnte im Haus genau gegenüber. Nadine sah ihn öfter von ihrer Wohnung aus auf seinem Balkon stehen und manchmal begrüßte er sie mit einem Wink, den sie jedes Mal genau so freundlich erwiderte.
„Bleiben Sie stehen!“ schrie Manfred plötzlich mit einer sich vor Aufregung überschlagenden Stimme. Die Warnung kam aber zu spät. Nadine schritt bereits die ersten Stufen hinab, ihren vollen Wäschekorb fest umklammernd.


Fortsetzung folgt



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BeitragVerfasst am: 04.03.2010, 1:05    Titel:

SCHLAFLOSE NÄCHTE

Fortsetzung


Auf einmal merkte sie, wie sie auf etwas Glattem, wie Seife, rutschte, ihre Füße gehorchten ihr nicht mehr. Sie ließ den Korb fallen, sah entsetzt wie ihre saubere Wäsche samt dem Korb die Stufen hinunterpurzelte, doch sie schaffte es trotzdem nicht, ihr Gleichgewicht wieder zu finden. Bei dem vergeblichen Versuch, das Schlimmste zu verhindern, spürte Nadine, wie ihr rechter Fuß knackste. Der kaum zu ertragende Schmerz durchfuhr ihren ganzen Körper wie ein Stromschlag. Von Panik erfasst, angesichts der Tatsache dass sie überhaupt nichts tun konnte, fiel sie…
Doch plötzlich fühlte sie einen kräftigen Arm, der entschlossen ihre Teile umfasste. Manfred Stolz war ihr blitzschnell entgegen gerannt, mit dem einem Arm hielt er sie fest, mit dem anderen umklammerte er das Treppenhausgeländer, um den Halt nicht zu verlieren. Vorsichtig half er ihr die paar Stufen hinunter, wobei Nadine bei jedem Schritt vor Schmerz aufstöhnte.
„Sind sie OK?“ fragte Manfred sorgenvoll, als sie unten angekommen waren.
„Ja… nein… ich weiß es nicht. Mein Fuß, es tut höllisch weh.“
„Es ist Öl.“
„Wie bitte?“
„Jemand hat auf der Treppe eine Menge Öl verschüttet. Ich frage mich nur, wie so etwas passieren konnte. Und warum hat der Lump das Öl nicht wieder beseitigt.“
Nadine sah ihn verstört an. „Öl? Auf der Treppe? Oh Gott, ich verdanke Ihnen wahrscheinlich mein Leben.“
„Kommen Sie“, meinte Manfred statt einer Antwort. „Sie bleiben bei meiner Mutter, wir rufen den Arzt an. Ich werde inzwischen die Treppe sauber machen, dann können sie wieder in Ihre Wohnung zurückgehen. Falls der Fuß nicht gebrochen ist. Die Wäsche werden Sie, befürchte ich, noch einmal waschen müssen.“

„Der Fuß ist Gottlob nicht gebrochen, aber ordentlich verstaucht“, meinte der behandelnde Arzt nach der gründlichen Untersuchung. Er sah sie über den Rand seiner Brille lächelnd an. „Sie müssen sich schonen. In der nächsten Zeit kein Bergsteigen, kein Tanzen.“
Manfreds Mutter begleitete Nadine in ihre Wohnung zurück und tat alles für ihre Bequemlichkeit, schaltete sogar die Waschmaschine ein, nachdem sie die Sachen hineingestopft hatte.
„Die Wäsche aufhängen wird wohl Ihr Mann müssen, wenn er heimkommt. Denken Sie daran, was der Arzt gesagt hat“, meinte sie zum Abschied.

Der zweite Unfall überlebte Nadine zwar auch, diesmal kam sie aber nicht mehr so glimpflich davon, wie bei ihrem Treppensturz. Ein gebrochener Arm, Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung waren die Folgen des Autounfalls. Aus einem unerklärlichem Grund war ihr Wagen von der Straße abgekommen und auf einen Baum geprallt. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie überhaupt noch lebte. Den Cinquecento ließ Thorsten von einem Automechaniker herrichten.
„Mit meinem Wagen stimmt noch immer etwas nicht“, beklagte sich Nadine, nachdem sie zum ersten Mal wieder durch die Gegend herumkutschierte. „Der Bremsweg ist zu lang, außerdem geht das Lenken ziemlich mühsam.“
„Ich bringe den Wagen in den nächsten Tagen wieder in die Werkstatt. Bitte sei bis dahin vorsichtig“, meinte Thorsten.

Als Thorsten am nächsten Abend nach Hause kam, begrüßte ihn Nadine strahlend.
„Danke“, sagte sie, mit einer innigen Umarmung. „Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann.“
Thorsten musterte sie völlig irritiert.
„Wofür bedankst du dich denn? Ich verstehe nicht…“
„Die Bremsen. Die Bremsen an meinem Wagen!“
„Was ist damit?“ Thorstens Blick wurde finster.
„Tue doch nicht so bescheiden. Du hast sie doch richten lassen. Dafür danke ich dir.“
„Ich soll mich um deine Bremsen gekümmert haben?“ Er sah verstört aus. „Wann denn? Ich hatte doch gar keine Zeit dazu.“
Nadine sah ziemlich ratlos drein. „Warum sagst du das? Die Bremsen funktionieren tadellos. Wenn du es mir nicht glaubst, gehen wir zum Auto und du siehst dir das an.“
Manfred setzte sich hinter dem Steuer des Wagens, der auf der Straße vor dem Haus geparkt war, und fuhr ein paar Mal vor und zurück.
„Du willst mich auf den Arm nehmen, oder? Die Reparatur hast du selbst durchführen lassen. Oder war es mein lieber Schwiegervater?“ meinte er sarkastisch.
Nadine presste die Lippen fest zusammen. Sie sagte kein Wort mehr.

Als sie am nächsten Mittwoch wieder mit ihrer Wäsche aus der Wohnung ging, stand Manfred am Fuße der Treppe und beobachtete sie aufmerksam.
„Passen Sie auf, dass mir nichts passiert?“ fragte sie lachend.
„Sie sollten auf sich tatsächlich ein wenig besser aufpassen“, meinte er mit einem ernsten Gesicht.
„Denken Sie an meinen Autounfall? So etwas kann jedem passieren.“
„Sie scheinen besonders unfallgefährdet zu sein…“
Es sah ganz danach aus, als er ihr noch etwas sagen wollte, doch dann verabschiedete er sich freundlich, drehte er sich um und verschwand in der Wohnung seiner Mutter.

Nach einigen harmonischen Tagen stellte Nadine erneut etwas Merkwürdiges fest.
„Bitte sag mir doch die Wahrheit“, sprach sie Thorsten an. „Hast du das Lenkrad an meinem Wagen repariert?“
Der Gesichtsausdruck von Thorsten, nach diesen Worten, jagte ihr Schauer über den Rücken.

Fortsetzung folgt

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BeitragVerfasst am: 07.03.2010, 2:12    Titel:


SCHLAFLOSE NÄCHTE

Fortsetzung


„Du bist es nicht gewesen.“ Das war keine Frage, eher eine Feststellung. Nadine konnte es nicht verstehen, warum leugnete er? Wollte Thorsten sie verrückt machen, war das seine Absicht? Das konnte sie eigentlich nicht glauben. Er liebte sie doch.
„Ich glaube“, sagte Thorsten nach einer Weile, als er sich wieder gefasst hatte „du hast Dir das mit dem Lenkrad und mit den Bremsen nur eingebildet. Das sind vielleicht die Nachwirkungen Deines Unfalls. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Nun scheint es doch so, als ob alles in Ordnung ist, das ist die Hauptsache.“ Sein Gesichtsausdruck blieb aber merkwürdigerweise äußerst finster.

***

Der Tod kam völlig unvorhergesehen. Der Motor hatte ein wenig gestottert, er sprang aber nicht an. Anschließend die Explosion, das Auto ging in Flammen auf. Die Teile flogen nur so durch die Luft, da gab es kein entkommen…
Der schöne Flitzer… „In meinem Beruf muss man einen repräsentativen Wagen fahren“, hatte Thorsten damals die Anschaffung des teuren Fahrzeugs für sich selbst argumentiert, während Nadine sich mit der alten Klapperkiste zufrieden geben musste.

„Es könnte ein Sprengsatz gewesen sein“, meinte der zuständige Kriminalkommissar, als die Untersuchungen abgeschlossen waren. „Wenn dem so ist, es muss ein absoluter Experte am Werk gewesen sein. Es ist nicht mehr genug übrig, um es wirklich beweisen zu können.“
Er schaute Nadine an, die ganz verstört an ihrem Küchentisch saß. „Hatte Ihr Mann Feinde?“
„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortete sie leise.
Dass ihre Eltern Thorsten nicht nur ausstehen konnten, sondern aus tiefsten Herzen verachteten, tat nichts zur Sachen. So weit würde der Vater niemals gehen. Oder doch? Dieser Gedanke kam Nadine in den Sinn, sie behielt ihn aber für sich.
„Wussten Sie dass er eine Geliebte hatte?“
Nadines entsetzter Blick wirkte auf den Kommissar echt und er betrachtete sie mitleidig.
„Nein“, flüsterte sie nach einer Weile. Mein Vater muss aber etwas geahnt haben, dachte sie es bei sich. Das sagte sie aber nicht laut. Er sprach ständig davon, dass Thorsten ein Luftikus wäre.

Thorstens Tod blieb ungeklärt. Man hatte die Geliebte im Verdacht, es gab aber keine Anhaltspunkte dafür.

Nadine ging täglich im herbstlichen Park spazieren, mit dem kleinen Mischlingshund, den sie sich angeschafft hatte. Auch eine süsse weiße Katze gehörte neuerdings zu ihrer Hausgemeinschaft.
Nach einer Weile leistete Manfred ihr bei den Spaziergängen Gesellschaft, er wurde zu ihrem ständigen Begleiter. Von ihm ging etwas aus, was sie in ihrer Ehe, trotz der Verliebtheit, schon immer vermisst hatte: Vertrauenswürdigkeit, Offenheit, Humor.
Sie redeten und lachten bald so ungezwungen, wie gute alte Freunde. Mit der Zeit wurde es mehr daraus.
„Nadine, ich muss mit dir reden“, sagte Manfred eines Tages unvermittelt und zog sie zu einer Bank. Lucky, der Hund, setzte sich zu ihren Füßen. „Ich kann unsere Beziehung nicht weiter fortsetzen, wenn du nicht die Wahrheit erfährst. Wenn sie mit einem Geheimnis belastet ist.“
Nadine sah ihn ängstlich an. Nicht schon wieder! Sie hatte genug von Geheimnissen. Nun gab es allerdings kein Zurück mehr, sie musste sich das, was ihr Manfred zu sagen hatte, wohl oder übel anhören.
„Für den Tod deines Mannes bin ich verantwortlich, eigentlich indirekt.“
Nadine wurde leichenblass. „Nein“, hauchte sie erschrocken und wich zurück.
„Nadine, ich bin kein Mörder, eigentlich warst du Diejenige, die sich ständig in der Lebensgefahr befand.“
Fassungslos, mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen, sah Nadine ihn an.
„Dein Mann wollte dich umbringen, das wusste ich schon eine ganze Weile.“
„Warum hast du nichts gesagt, oder die Polizei geholt?“ meinte Nadine ungläubig.
„Weil es keine Beweise dafür gab. Bevor man deinem Mann etwas hätte nachweisen können, wärst du wahrscheinlich tot gewesen.“
Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Zuerst kam der Treppensturz. Nach dem Autounfall bin ich stutzig geworden, deinen Mann hatte ich aber noch nicht im Verdacht. Rein zufällig kam ich ihm auf die Schliche.“
Es folgte wieder eine kleine Pause. Eine junge Frau schob den Kinderwagen an ihnen vorbei und als sie außer Hörweite war, fuhr Manfred fort: „Ich sitze manchmal abends lange auf dem Balkon. In einer dieser Nächte sah ich plötzlich unten auf der Straße deinen Mann am gelben Cinquecento werkeln. In Erinnerung an deine Unfälle, schrillten bei mir sämtliche Alarmglocken. Ich rief meinen guten Freund an, er ist vom Beruf Mechaniker, und ich bat ihn, das Fahrzeug gründlich durchzuleuchten. Rudi und ich, wir kennen uns seit den Kindheitstagen. Er bestätigte meinen Verdacht. Dein Mann hatte die Bremsen manipuliert. Mit ziemlicher Sicherheit hättest du die nächste Fahrt mit dem Wagen nicht überlebt. Mein Freund brachte die Sache in Ordnung. Er meinte, die bremsen würden wieder einwandfrei funktionieren.“
Trotz der haarsträubenden Geschichte lächelte Nadine plötzlich. „Die Bremsen hatten vorher keinesfalls einwandfrei funktioniert“, meinte sie. „Ich hatte angenommen, Thorsten war für die Ausbesserung verantwortlich. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als ich mich bei ihm bedankt hatte.“
Manfred lachte laut auf. „Echt schade, dass ich nicht dabei sein konnte. Er muss fast verrückt geworden sein, weil alles ganz anders verlief als von ihm eingefädelt. Mir standen aber daraufhin ziemlich schlaflose Nächte bevor. Ich hatte furchtbare Angst um dein Leben. Ich besprach die Sache mit meinem Freund. Wir waren beide ratlos. Rudi war genauso wie ich der Meinung, dein Mann würde mit Sicherheit davonkommen, ihr beide galtet als ein überaus glückliches Ehepaar. Was, wenn es kein Motiv gab? Ich hatte ja keine Ahnung von der Geliebten. Geld? Davon wusste ich auch nichts. Nein, ich wollte lieber aufpassen und mir ganz schnell etwas einfallen lassen.
Schon einige Nächte später hatte dein Mann erneut versucht, dich aus dem Weg zu räumen. Diesmal war die Vorderachse dran“.
„Das Lenkrad…“ fiel ihm Nadine ins Wort.
„Rudi vereitelte wiederum sein Vorhaben. Diesmal war ich fest entschlossen, Polizei zu verständigen, Rudi meinte aber, es wäre zu spät, das hätten wir tun sollen, bevor er die Sache in Ordnung gebracht hatte. Er meinte aber, dein Mann würde es nicht aufgeben. Offensichtlich war er fest entschlossen, dich umzubringen und das könnte jederzeit passieren, vielleicht schon am nächsten Tag. Wir beide können dich nicht rund um die Uhr beschützen, meinte Rudi. Doch hatte er eine Idee, wie man diesem Treiben ein für allemal ein Ende setzen könnte. Was das für eine Idee war, das erfuhr ich aber erst am drauffolgenden Tag. Über sein plötzliches Interesse am Fahrzeug deines Mannes wunderte ich mich zwar, maß dem aber keine Bedeutung bei. Es sah sich den roten Sportwagen genau an, dann verabschiedeten wir uns und ich ging schlafen.
Erst als ich in der Früh die Explosion hörte, wusste ich, dass mein Freund etwas Schlimmes getan hatte. Da konnte ich es nicht mehr ändern. Hätte ich ihn verraten sollen? Das konnte ich nicht. Dieses Geheimnis schweißte uns noch fester zusammen. Und ich musste nicht mehr um dein Leben fürchten.“
Manfred blickte Nadine ins Gesicht, sie schaute aber wie gedankenverloren, blass und verspannt, in die Ferne.
„Vielleicht hätte ich mit dir sprechen sollen. Aber, hättest du es mir geglaubt? Wenn du es der Polizei melden möchtest, würde ich Verständnis dafür haben“ meinte Manfred tonlos. „Ich liebe dich, und werde dich immer lieben, egal wie du dich entscheiden solltest.“
Sie drehte den Kopf zu ihm und sah ihn mit einem undefinierbaren Lächeln an. Dann entspannten sich ihre Züge.
„Ich sollte meinen Schutzengel verraten? Auch wenn du mit mir gesprochen hättest, ich bin mir nichtganz sicher, ob dies etwas an der Sache geändert hätte.“ Nadine lächelte wieder. „Man sagt, jeder bekommt das was er verdient. Wir können jetzt nichts mehr tun. Wir können nur versuchen, die Angelegenheit zu vergessen…“
„Willst du mich also trotzdem haben, jetzt, nachdem du die Wahrheit kennst?“ fragte Manfred mit Bangen.
Statt einer Antwort fasste Nadine seine Hand, stand auf und zog ihn mit. „Komm, wir gehen nach Hause.“
Wortlos schritten sie durch den leeren Park, Lucky mit sich führend. Die Stille wurde nur vom sanften Rascheln des Herbstlaubes im Wind unterbrochen.

Ende



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BeitragVerfasst am: 21.04.2010, 23:41    Titel:

ENTSCHEIDUNG IN WIEN


„Schicke Jürgen doch in die Wüste!“ Daniella kam richtig in Fahrt, bei dem Versuch, ihre Freundin vor dem Untergang zu bewahren.
Carina sah auf die Uhr. 18 vorbei. Um 17 Uhr wollte Jürgen sie abholen um mit ihr ins Kino zu gehen. Nun saß sie da, bei einer Tasse Kaffee mit der besten Freundin, in ihrer gemütlichen Küche, und sie war den Tränen nahe.
Carinas Blick verlor sich nach draußen, in die Ferne. Der Frühling kämpfte sich mühsam durch, die Sonne lugte immer nur kurz durch die dahinjagenden dunklen Wolken.
„Er vernachlässigt Dich“, redete Daniella weiter auf sie ein. „Und er flirtet ungeniert mit den anderen Frauen. Du liebst ihn doch gar nicht mehr. Gib es doch zu.“
Natürlich liebe ich ihn, wollte Carina aufbrausen und stellte plötzlich erschrocken fest, dass sie kein Wort über die Lippen brachte.
„Siehst du? Ich habe recht, du kannst mir nicht mal widersprechen!“
„Nein, so ist es nicht“, begehrte Carina auf, es klang aber nicht sehr überzeugend. „Ich kann ihn nicht einfach aufgeben.“
„Und ob du das kannst. Du hast nur nicht Mut dazu. Benjamin liebt dich wirklich, er würde dich für immer auf den Händen tragen, wenn du ihm nur die Chance dazu geben würdest.“
Benjamin! Carina musste lächeln, bei Erwähnung seines Namens.
Carina war schon immer eine große Träumerin gewesen. Als Kind lebte sie in ihrer eigenen Märchenwelt, als eine Prinzessin, und sie war sich so sicher gewesen, irgendwann würde sie ihren Traumprinzen bekommen. Im letzten Frühjahr glaubte sie, sie hätte gleich zwei gefunden. Sie musste sich nur richtig entscheiden, zwischen dem stillen, tiefsinnigen Benjamin oder dem lebhaften Jürgen, der so herzhaft lachen konnte und stets guter Laune zu sein schien. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie die Beiden ganz plötzlich in ihr Leben traten, im letzten Frühling. Sie hatte durch die Straßen der Innenstadt geschlendert, als ein heftiger Wolkenbruch sie ganz plötzlich überraschte. Und im nächsten Augenblick fand sie sich gut beschirmt, zwischen diesen zwei sympathischen Männern, die ihr den Schutz boten. Sie lachten, luden sie in ein Cafe ein… Beide waren an der hübschen Carina interessiert gewesen, sie wankte am Anfang hin und her. Bis sie sich dann für Jürgen entschied. Er schaffte es immer wieder, sie zum Lachen zu bringen. Seine unbekümmerte, jungenhafte Art beeindruckte sie sehr.
Nun waren sie bereits seit einem Jahr zusammen und Jürgen wurde zunehmend unzuverlässig.
Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Das fragte Carina sich bisweilen, doch sie schob diesen Gedanken schnell wieder von sich fort.
Mit Benjamin traf sie sich auch oft, rein freundschaftlich. Ihm fiel natürlich auf, wie sie manchmal litt.
„Du kannst immer auf mich zählen“, meinte er beim letzten Treffen vor ein paar Tagen lebevoll.
Carina ertappte sich dabei, wie ihre Gedanken manchmal unkontrolliert um Benjamin kreisten, dann erfasste sie ein warmes Gefühl, eine Sehnsucht danach, sich ihm anzuvertrauen, ihr Kopf auf seine Schulter zu lehnen und sich auszuweinen.
„Du denkst an Benjamin“, stellte Daniella fest. „Er liebt dich wirklich. Und ich glaube, du empfindest auch etwas für ihn.“
Langsam gab Carina ihren Widerstand auf.
„Es wäre möglich dass du Recht hast. Ich weiß es noch nicht. Ich werde mich aber von Jürgen trennen, nur auf Zeit, bis ich mir im Klaren bin, wie es mit uns weiter gehen soll.“
„Na endlich wirst Du vernünftig…“
In diesem Moment ging die Wohnungstür auf. Jürgen hatte den Zweitschlüssel, er kam und ging, ganz wie ihm beliebt.
„Ich gehe dann“, flüsterte Daniella. „Lass Dich nicht erweichen, bleib standhaft.“
Leichter gesagt als getan! Als Jürgen die Küche betrat, mit einem Blumenstrauß, mit seinem charmanten Lächeln und seiner reumutigen Art um Verzeihung bittend, geriet sie fast ins Wanken. Doch, sie fasste ihren ganzen Mut zusammen und sagte so abweisend, wie es ihr möglich war:
„Jürgen, ich habe es satt. Ich verlasse Dich. Nimm bitte Deine Blumen und geh sofort. Ich will nicht mehr.“
Jürgen schien echt erschüttert zu sein.
„Nein, nicht doch. Schick mich nicht einfach weg“, bettelte er. „Lass uns darüber reden. Ich werde mich ändern, ich will dich doch nicht verlieren.“
„Nein, ich brauche Abstand, ich muss nachdenken. Lass mir Zeit.“
Ihre Stimme wirkte bei diesen Worten aber bereits nicht mehr ganz so selbstsicher, was Jürgen nicht entging.
„Wir wollten schon so lange gemeinsam nach Wien reisen, bitte lass uns das am Wochenende tun. Wir versuchen, uns wieder näher zu kommen, sprechen uns aus. Wenn wir zurück sind, kannst du immer noch entscheiden, ob du dich von mir trennen willst. Bitte, gib mir noch diese letzte Chance, dir zu beweisen, wie viel du mir bedeutest.“
Er legte seine Arme um ihre Teile und sah sie treuherzig an. Warum musste sie in diesem Moment an Benjamin denken? Doch nur für den Bruchteil einer Sekunde.
Jürgen lächelte sie auf die verführerische Art, mit der er damals ihr Herz erobert hatte und sie konnte gar nicht anders, als ja zu sagen.
„Warum, Carina?“ Daniella schimpfte mit ihr. „Es hat doch keinen Sinn.“
Benjamin schaute sie nur sehr traurig und nachdenklich an, als sie ihm erzählte, dass sie mit Jürgen eine Versöhnungsreise plante.

Wien, was für eine herrliche Stadt! Sie besichtigten die Hofburg, schlenderten durch die Innenstadt und schlemmten beim Zuckerbecker Demel.
„Wir gehen zum Heurigen“, entschied Jürgen am Abend, ohne sich darüber mit Carina abzusprechen. Sie willigte trotzdem ein.
Als sie aber in einem großen Weinkeller landeten, der zwar sehr schön und gemütlich eingerichtet war und gute Weine und viele Schmankerl anbot, war sie doch enttäuscht. Das Lokal war voll, der Lärm erlaubte keine richtige Unterhaltung. Sie hätte sich etwas Romantischeres gewünscht.
Kaum saßen sie an einem Tisch in der hintersten Ecke des Lokals, läutete Carinas Handy. Nur mit Mühe konnte sie sich mit Daniella verständigen.
„Wie geht es dir, ich mache mir Sorgen um dich“, fragte die Freundin.
„Brauchst du nicht“, antwortete Carina laut. „Mir geht es gut.“
„Wo bist du denn? Vielleicht kenne ich das Lokal“, fuhr Daniella fort. „Ich war schon oft in Wien.“
Carina nannte ihr den Namen der Gaststätte. „Ach, Mitten in Wien! Ja, da ist es immer ziemlich laut.“
Als sie das Gespräch beendete, stellte Carina mit Bitterkeit fest, dass Jürgen ungeniert mit zwei Damen am Tisch flirtete. Außerdem trank er zu viel, lachte laut und benahm sich total daneben. Der Abend wurde zu einem einzigen Fiasko. Sie musste weg, egal wohin. Sie packte ihre Tasche und stand auf.
„Wohin gehst du, meine Süße?“ fragte Jürgen lachend.
„Ich komme gleich wieder“, meinte sie und entfernte sich langsam. Sie drehte sich noch einmal um und sah, dass Jürgen schon wieder mit den beiden Damen beschäftigt war. Nein, sie hatte nicht vor, noch mal zu ihm zurückzukehren. Als sie dem Ausgang zustrebte, fühlte sie sich einsamer und trauriger denn je.
Plötzlich, als sie schon fast am Ende des Lokals angelangt war, packte sie jemand am Arm.
„Wohin willst du denn?“
Die Stimme kannte sie doch! Eine merkwürdige Wärme breitete sich in ihrem Innern aus, das Herz wollte ihr zerspringen.
„Wie… wie kommst du denn hierher…“ stotterte sie als sie in die liebevollen Augen von Benjamin blickte.
Dann ging ihr ein Licht auf. „Daniella, sie hat dich hierher gelotst. Hat sie dich nach Wien geschickt? Hinter uns her?“
„Nein, das war meine Idee, ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich kenne doch Jürgen.“

Sie gingen Hand in Hand dem Ausgang zu, zwei Menschen, die endlich zusammengefunden haben. Das Glücksgefühl, von dem Carina voll und ganz ergriffen wurde, war für sie etwas noch nie Gekanntes. Etwas ganz Anderes, als was sie für Jürgen empfunden hatte, das wurde ihr erst jetzt klar. Nun hatte sie endlich den richtigen Traumprinzen bekommen. Dessen war sie sich sicher.
Kurz vor der Ausgangstür kam ihnen der Kellner entgegen, der am Carinas Tisch bedient hatte. Er sah sie überrascht an.
„Typisch Frau, typisch Frau“, sagte er in seinem charmanten Wiener Dialekt laut. „Mit einem Mann kommen und mit dem anderen gehen!“
Sie lachten alle drei, und der Kellner ging belustigt weiter.
Die zwei Verliebten entschwanden in das nächtliche Wien, weit weg vom Lärm und Menschengewühl, um ihr Glück für sich ganz allein zu genießen.



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BeitragVerfasst am: 20.05.2010, 21:23    Titel:

FRÜHSTÜCK INS GLÜCK


Auf seinem Weg ins Büro, morgens früh um sieben Uhr, kehrte Andy Klein zwei bis drei mal in der Woche in das kleine, geschmackvoll eingerichtete Bistro „Frühstück im Paradies“ ein, wo er sich stets einen Kaffee und zwei Croissants genehmigte und dabei die Zeitung las.
Er saß stets an seinem üblichen Platz nahe der Theke. Hier würde er am schnellsten bedient werden, bildete sich Andy ein. Dabei waren die zwei Kellnerinnen, beide im mittleren Alter, flink, und ließen nie jemanden lange warten, obwohl das Lokal meistens gut besucht war.
„Wie immer, mein Herr?“ fragte ihn jedes Mal die fröhliche, etwas füllige Bedienung, die an ihrem blauen Kittel das Schildchen mit dem Namen „Martha“ trug. Sie merkte sich die Gesichter ihrer Stammgäste und behandelte sie besonders zuvorkommend.
„Ja bitte“, war Andys Standardantwort. „Kaffe und Croissants“.
Die freundliche, fast häusliche Atmosphäre, nicht zuletzt dank Martha, war es, was Andy an diesem Bistro so gut gefiel.
Auch an diesem verregneten Maimorgen fand Andy einen Platz an „seinem“ Tisch und vertiefte sich in die neuesten Nachrichten der Tageszeitung, während er auf die Bedienung wartete.
„Was wünschen Sie bitte?“
Die sympathische, junge Stimme über ihn und die ganz anders formulierte Frage als sonst ließ ihn überrascht aufsehen.
Er glaubte, in das hübscheste Gesicht zu schauen, das er je gesehen hatte. Sie war tatsächlich noch sehr jung, er schätzte sie so um die zwanzig, das dichte, glänzende Haar fiel ihr in weichen wellen bis zu den Schultern und die blauen Augen musterten ihn aufmerksam. Ihr voller Mund mit dem rosa Lipgloss drauf war zu einem freundlichen Lächeln geformt.
„Ich...“ fast wurde er rot, weil er ins Stottern kam. „Kaffe und Croissants bitte, zwei Stück.“
Andy legte die Zeitung beiseite. Er konnte seine Augen nicht von der hübschen Kellnerin abwenden. Als sie zurückkam, las er auf dem Schildchen an ihrem Arbeitskleid den Namen „Verena“.
Andy war mit seinen 25 Jahren in seiner Firma, einem Computerinstitut, ziemlich erfolgreich. Sein Chef, Werner Auermann, hatte ihm erst vor ein paar Tagen auf die Schulter geklopft und gesagt:
„Herr Klein, Sie werden bei uns noch sehr weit bringen.“
So selbstsicher, wie Andy bei seiner Arbeit als Computerfachmann war, so unsicher war er im Bezug auf Frauen. Er ärgerte sich selbst über seine Schüchternheit dem weiblichen Geschlecht gegenüber, konnte aber nichts daran ändern. Er war kein Draufgänger. Seine Beziehung zu Karin, seiner Jugendliebe, scheiterte daran, dass sie einfach nicht zu ihm passte. Sie fing an, mit anderen Männern zu flirten, nächtelang allein auszugehen, sie wollte noch „etwas erleben“, wie sie es zu erklären versuchte. Jetzt war Andy wieder allein und sehnte sich nach einer lieben Frau, nach einer eigenen Familie.
Nun saß er jeden Morgen beim Frühstück im kleinen Bistro und konnte kaum erwarten, dass hübsche Verena ihn bediente. Er übte sich in Gedanken darin, wie er sie ansprechen könnte.
„Hätte Sie heute Abend Zeit für mich?“
Nein! Das war zu plump!
„Das Wetter ist aber wirklich schlecht“, passte schon besser, da es in diesen trüben Maitagen einen Dauerregen gab.
Das war aber auch nicht das Richtige, zu langweilig. Andy versuchte, durch verschiedene Gästen af sich aufmerksam zu machen. Er ließ sein Besteck fallen und tat reumutig.
„Bitte entschuldigen Sie meine Unachtsamkeit“.
„Das macht doch nichts“, ertönte ihre klingende Stimme und sie kam lächelnd mit neuem Besteck zu seinem Tisch. Bildete er sich ein, dass sie ihn genau so heimlich beobachtete, wie er sie? Ab und zu begegneten sich ihre Blicke und sein Herz schlug Purzelbäume. Nun glaubte er zu wissen, wie sich die Liebe auf den ersten Blick anfühlte.
„Andy, du Idiot, jetzt mach den ersten Schritt!“ schimpfte er sich selbst in Gedanken. Er bereitete sich dauernd darauf vor, als sie dann vor ihm stand, war er aber wie gelähmt.
Dann musste Andy für zehn Tagen auf Dienstreise fahren, wie schon so oft. In dieser Zeit litt er Höllenqualen. Zehn Tage ohne Verena zu sehen! In dieser Zeit wuchs sein Wunsch, sie endlich näher kennen zu lernen zum Übermaß und damit auch sein Mut, sie anzusprechen. Er würde einfach fragen „Könnten wir nach Ihrem Feierabend noch irgendwo anders etwas zusammen trinken?“
Ja, er wird über seinen Schatten springen, so bald er wieder zu Hause war. Was konnte er schon dabei verlieren?
Als Andy an jenem Morgen wieder an seinem Stammplatz im Bistro saß und Martha plötzlich vor seinem Tisch stand, stürzte für ihn eine Welt ein. Er sah sich um, doch von Verena gab es keine Spur.
„Entschuldigung“, sagte er und spürte selbst, wie zittrig sich seine stimme anhörte. „Ist Verena heute nicht da?“
„Nein, sie hat hier aufgehört“, hörte er die niederschmetternde Antwort. „Verena ist Studentin, das hier war nur ein kleiner Nebenjob für sie.“
Andy saß da wie ein Häufchen elend. Er hatte zu lange gezögert. Noch nie zuvor hatte er so einen Herzschmerz empfunden. Diese wunderschöne, so lieb lächelnde Frau wäre die Richtige für ihn gewesen, davon war er völlig überzeugt. Deswegen würde er es nie überwinden können, sie verloren zu haben.
Er trank seinen Kaffe aus, ließ Croissants stehen und ging niedergedrückt zum Ausgang. Der Liebeskummer nahm ihm jede Kraft.
Das war doch nicht möglich! Andy blieb wie angewurzelt stehen. Am Tisch direkt neben der Tür saß sie! Sie nippte an ihrem Kaffe und sah ihn mit ihrem warmen Lächeln an. Wie selbstverständlich, ohne Hemmungen, fragte Andy: „Darf ich mich zu ihnen setzten?“
„Aber ja“, antwortete sie. „Ich bin nur als Gast hier.“
Sie schauten sich an und Andy glaubte in ihren Augen das Gleiche zu lesen, was er fühlte.
„Ich sitze jeden Morgen da“, sprach sie als Erste „Ich dachte schon, Sie würden nie mehr hierher kommen.“
Vor lautem Glück konnte Andy sich nicht mehr zurückhalten. Er ergriff ihre Hand. „Du“ sagte er. „Du warst in allen meinen Gedanken, als ich auf der Dienstreise war. Als mir Martha sagte, du hättest hier aufgehört, wäre ich am liebsten gestorben.“
Sie lachte fröhlich. „Martha ist meine Mutter. Ich war für sie eingesprungen, da sie krank war.“ Verena erwiderte seinen Händedruck.
Andy glaubte, der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Verena liebte ihn, genau so wie er sie. Und in Martha würde er eine ganz liebe Schwiegermutter bekommen, daran hatte er gar keine Zweifel.

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BeitragVerfasst am: 28.07.2010, 12:48    Titel:

DIE KATZE AM FENSTER

Kurzkrimi von Malaika



„Die blöde schwarze Katze! Dass so ein Mistvieh tatsächlich Pech bringen soll, wer hätte es denn geglaubt?“
So schimpfte Fred unentwegt über das arme Kätzchen, das wirklich nichts dafür konnte, dass ihm seine Besitzerin aus lauter liebe ein Katzenhalsband mit echten Juwelen umgehängt hatte.
„Schwarze Katze, pah! Das ist doch nur etwas für abergläubische alte Weiber!“ So hatte Fred früher darüber gedacht.
Doch nun sah die Sache ganz anders aus. Das Kätzchen musste Fred nicht einmal über den Weg laufen, um ihn ins Unglück zu stürzen. Im Gegenteil, man könnte es fast so ausdrücken, Fred war derjenige, der der unschuldigen Katze „über den Weg“ gelaufen war. Hätte er es nur sein lassen! Diese Erkenntnis kam für Fred aber reichlich zu spät. Nun hatte er alle Zeit der Welt, um über die alten Weissagungen nachzudenken.

Fred und sein bester Freund Victor liebten die vornehmen Bezirke der Stadt – von Berufs wegen. Eigentlich waren sie nicht im Hauptjob Einbrecher, nein, das war eher ein gelegentlicher Nebenerwerb, um die Haushaltskasse auszubessern. Victor verdiente sich tagsüber seine Brötchen als Postbote, Fred war als Vertreter für eine bekannte Lebensversicherung tätig. Er konnte sich nicht damit rühmen, als Reisender besonders erfolgreich zu sein, doch dieser Beruf war ihm vom großen Nutzen für die kleine Nebenbeschäftigung. Nachts hatten die zwei Freunde bereits ein paar fremde Häuser ausgeräumt, nachdem sie das Terrain gründlich erkundschaftet hatten.
Doch Victor mochte nicht mehr. Bei ihm rührte sich plötzlich das Gewissen, er fand es nicht richtig, was sie taten, zu Freds großem Verdruss. Fred versuchte den Freund umzustimmen, umsonst. Victor wollte nun ein ehrlicher Bürger werden, er hatte sogar vor, seine Taten zu beichten. Für Fred völlig unfassbar. Nach langem Zureden, Betteln und an die gute Freundschaft seit den Kindertagen zu erinnern, schaffte Fred es doch, Victor zu einem letzten „Geschäft“ zu überreden. Zum allerletzten!

An einem sonnigen Samstagvormittag spazierten sie wieder mal durch eine überaus feine Gegend, in der sie bereits vor mehr als drei Jahren eins ihrer besten Geschäfte erfolgreich getätigt hatten.
„Sieh dir die Kleine da an“, machte Victor seinen Kumpel auf eine junge Frau aufmerksam, die gerade den Abfalleimer in die Mülltonne lehrte, neben dem Gartentor des herrschaftlichen Anwesens. Sicher die Wirtschafterin, oder das Hausmädchen. „Ist sie nicht hübsch?“
Fred kannte sich damit aus, wenn es hieß, Hilfe von irgendwelchen weiblichen Wesen in Anspruch nehmen zu müssen, um ihnen die Details zu entlocken, die für das Gelingen des geplanten „Geschäfts“ wichtig sein könnten.
Für Fred stellte es gar kein Problem dar, die junge Dame anzusprechen, sich nach einer nicht vorhandenen Adresse zu erkundigen und das Gespräch auf eine charmante Weise in die Länge zu ziehen. Schon war die Bekanntschaft mit Silvia in die Wege geleitet. Fred hatte eine Zusage von ihr, sich von ihm zum Essen ausführen zu lassen. Sie war tatsächlich als Hausmädchen in der schönen Villa beschäftigt.

Es wäre alles glatt gegangen. Nach so einem viel versprechenden Anfang wäre es sicher ein Bombengeschäft geworden, wenn… ja, wenn es nicht diese verdammte Katze gegeben hätte! Fred kochte noch immer vor Wut, wenn er nur daran dachte.
Die schwarze Katze saß am Fenster der gegenüberliegenden Villa und zog Freds Blicke magisch auf sich. Nein, eigentlich nicht die Katze selbst, sondern das glitzernde Halsband, dass sie trug. Fred hatte einen geschulten Blick dafür.
„Eine wirklich schöne Katze“, sagte er zu dem Mädchen. „Sie trägt ein so hübsches Halsband. Das sind doch keine echte Edelsteine, was meinen Sie?“
Silvia lachte. Sie dachte sich absolut nichts dabei, Fred, zu dem sie sich hingezogen fühlte, vertrauensselig zu erzählen, was die Sache ist.
„Oh, doch, das sind echte Brillianten, Rubine und Smaragde. Man sagt, das Halsband wäre von unschätzbarem Wert. Frau Kramer, die da wohnt, ist eine gute Freundin meiner Herrschaften, sie ist öfter bei uns als Gast und da bekomme ich so Einiges mit. Frau Kramer ist eine der reichsten Frauen in unserer Gegend und sie steht ganz ohne Familie da. Ihre Katze Bonnie ist ihr Ein und Alles. Für die ist der Frau Kramer nichts zu gut und zu teuer. Sie ist schon sehr alt, ich denke, sie wird zum Schluss alles ihrer Katze vermachen.“
„Nein, nicht alles. Das Halsband in gar keinem Fall, wenn ich es verhindern kann“, dachte sich Fred bei sich.
Seit jenem Augenblick, als Fred die Katze mit ihrem wertvollen Halsband erblickt hatte, waren Silvia und ihre Herrschaften in den Hintergrund getreten. Zu Victors Freude, da er ein Auge auf Silvia geworfen hatte.
„Dieses Haus wird nicht ausgeraubt“, bestimmte er. „Sie ist so ein nettes Mädchen, ich will nicht, dass ihr etwas passiert.“
Fred konnte nur mit dem Kopf schütteln. Aus seinem Kumpel war ein richtiges Weichei geworden. Da aber sein Interesse an der Villa von Silvias Arbeitgebern abgeflaut war, war es ihm eigentlich egal. Die Edelsteine, laut Silvia vom unschätzbaren Wert, welche die Katze um den Hals trug, haben es dem Ganoven richtig angetan.
„Gut, ich habe es mir anders überlegt, wir holen uns die Steinchen vom Hals der Katze. Was Silvia angeht, wenn du willst, kannst du zu dem Treffen mit ihr gehen, an meiner statt, wenn sie dir so gut gefällt.“
Victor war nicht abgeneigt, auch wenn er diese Abmachung dem Mädchen gegenüber nicht fair fand. Doch, sie Fred zu überlassen, das wäre sicher noch schlimmer. Also freute er sich auf das Treffen mit Silvia.

Die Sache mit der Katze verlief nicht ganz so glatt, wie die zwei Freunde sich das vorgestellt hatten. Nein, im Gegenteil, das Ganze entwickelte sich zum schwierigsten Geschäft von allen, die sie bis jetzt getätigt hatten.

Fortsetzung folgt



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BeitragVerfasst am: 29.07.2010, 11:46    Titel:

DIE KATZE AM FENSTER

Fortsetzung


Die Alarmanlage war für Victor ein Kinderspiel, wie immer. Mit einer Taschenlampe machten sich die beiden Freunde, mitten in der Nacht, auf die Suche nach der schwarzen Katze. Die Gesichter hatten sie mit den Halstüchern vermummt, sicherheitshalber. Sie fanden den Liebling der alten Dame, wie erwartet, im Schlafzimmer, in seinem Luxuskörbchen friedlich schlummernd. Die Sorge, die Katze würde das dünne, reich geschmückte Halsband in der Nacht nicht tragen, zeigte sich als unbegründet. Die Steine glitzerten im Schein der Taschenlampe äußerst verführerisch. In Ihrem großen Baldachinbett in der Ecke schnarchte die alte Dame laut. Ihr Hörgerät (darüber hatte Silvia auch gesprochen) lag, wie erwartet, auf dem Nachtkasten. Also drohte von ihr keine Gefahr, das nahmen die Ganoven in jedem Fall an.
Aber die verdammte Katze! Sie ließ sich das Halsband absolut nicht freiwillig abnehmen. Sie verkratzte die Hände der beiden Freunde und miaute laut, es half ihr aber nichts. Das wertvolle Stück landete schnell in Viktors Jackentasche. Doch die Katzenherrin schien nicht ganz so taub zu sein, wie es die Männer angenommen hatten. Als sie bereits in der Diele waren, nur noch ein paar Schritte von der Haustür entfernt, flammte plötzlich das Licht auf. Sie wirbelten herum und sahen sich der Hausherrin gegenüber, die sie mit entsetzt geweiteten Augen betrachtete. Sie hielt in einer Hand den eisernen Feuerhaken fest umklammert und mit der anderen langte sie bereits nach dem Telefonhörer, um die Polizei zu rufen. Victor reagierte sofort und griff nach einer großen Bodenvase, hob sie hoch und war im Begriff, sie auf dem Kopf der alten Frau zu zerschmettern.
„Nein“, rief Fred laut. „Wir sind keine Mörder!“ Er schlug die Vase dem Freund aus den Händen, sie fiel auf den Boden und zerbrach mit großem Krach.
„Bist du verrückt? Sie will anrufen, die Bullen werden schnell da sein“, antwortete Victor erbost.
Fred zog mit einem Ruck die Telefonschnur aus der Büchse und lief zur Tür. „Komm, wir verschwinden!“

Sie hatten mehr Glück als sie ahnten – das Halsband war noch wertvoller als erwartet. Es war zwar dünn, auch nicht sehr schwer, doch die Steine waren tatsächlich vom feinsten. Mit dem Geld das sie dafür bekamen – sie hatten so ihre Quellen, wo sie die heiße Ware zu Geld machten – hatten sie ausgesorgt.
Fred und Silvia kamen sich langsam näher, sie wurden ein glückliches Paar, und das Leben war wunderschön.
Doch, beinahe wäre alles anders geworden. Beinahe. Als Silvia beim ersten Treffen mit Fred die Kratzer an seinen Händen erblickte, wurde sie aufs äußerste misstrauisch. Sie erzählte vom Überfall auf die alte Dame und fragte Fred geradeheraus, ob er etwas damit zu tun hatte. Victor hatte gar nicht so unrecht gehabt, als er Fred ein Weichei nannte. Der naive Fred verliebte sich sofort über die beiden Ohren in die hübsche Silvia, er beichtete ihr die Tat und ergab sich in sein Schicksal.
„Du wirst jetzt die Polizei rufen, nicht wahr? Und mich verraten“, meinte er niedergeschlagen. Seine Überraschung war riesengroß, als sie lächelte und leichthin sagte : „Nein, das werde ich nicht tun. Wenn du mir hoch und heilig versprichst, dass du nie wieder krumme Sachen machst. Die reiche Dame und auch die Katze haben keinen Schaden davongetragen, außer dem Verlust des Halsbandes. Das ist aber für diese alte Frau keine Katastrophe, das hat sie bereits gut verkraftet. Und sie redet fast mit wohlwollen von diesem gutmütigen Räuber, der ihr das Leben gerettet hatte, weil er den Anderen am Zuschlagen gehindert hat.“ Da musste Silvia lachen. „Das warst du. Also bist du sozusagen ein Held.“
Da lachten sie beide amüsiert.
„Du wirst dich aber nie wieder in so etwas hineinziehen lassen, versprich mir das“, bedrängte Silvia ihn.
„Ich schwöre es“, versprach Fred und fühlte sich als der glücklichste Mann auf der Welt.

Victor schien auch zur Ruhe zu kommen. Geld hatte er genug, er hätte mit seinem Leben zufrieden sein können. Hätte. Wenn nicht diese unglücksbringende – so sah es Victor im Nachhinein - schwarze Katze gewesen wäre!

Fortsetzung folgt



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BeitragVerfasst am: 01.08.2010, 15:49    Titel:

DIE KATZE AM FENSTER

Fortsetzung



Victor und Fred hatten nur noch wenig Kontakt zueinander. Doch, die Freundschaft die seit der Kinderzeit bestand, konnte nicht einfach für immer zerbrechen. Also sahen sie sich immer noch ab und zu.
Als Victor einige Wochen nach der Tat Fred in die vornehme Gegend, auf dem Weg zu Silvia, begleitete, einfach weil er nichts Besseres zu tun hatte, sah er völlig überrascht zu der Villa, in die damals er und sein Freund eingebrochen waren. Am Fenster saß, so als nichts gewesen wäre, die schwarze Katze – mit dem Halsband, das dem anderen, den sie geraubt hatten, bis aufs Haar glich.
„Du, die Alte hat ihrer Katze schon wieder so ein wertvolles Stück verpasst“, sprach Victor zu seinem Freund aufgeregt. „Sie mal, das Halsband. Wenn wir uns den holen, dann sind wir nicht nur gut versorgt, sonder reich.“
Fred schaute ihn böse an. „Ich will kein Wort mehr darüber hören“, sagte er aufgebracht. „Wir hatten Glück und dafür müssen wir dankbar sein. Das Schicksal sollte man nicht herausfordern. Vergiss die Katze.“
Doch Victor konnte die Katze nicht vergessen. Sie spukte nun ständig in seinem Kopf herum. Er rechnete sich aus, was er alles anfangen könnte, mit dem Geld für das Halsband, und zwar mit dem ganzen Geld, ohne es mit Fred teilen zu müssen. Dass Fred nicht mitmachen würde, das war ihm endgültig klar.
Victor war sich sicher, dass für ihn alles glatt gehen würde. Kein Räuber kehrte an den gleichen Ort, in dem er einen Raub verübt hatte, zurück. Das war bekannt und keiner rechnete damit, dass er der Villa noch mal einen Besuch abstatten würde.

Also schlich Fred in einer verregneten dunklen Nacht zu dem Haus mit der Katze. Das allerletzte Mal, das schwor er sich.
Es war wieder kein Problem für ihn, in das innere des Hauses zu gelangen. Ganz vorsichtig wendete er sich dem Schlafraum zu, dann blieb er aber abrupt stehen. Merkwürdig. Die Katze saß am Fenster, sie schlief nicht in ihrem Körbchen, wie es sich um diese Zeit gehörte. Dann fiel ihm ein, die Katzen waren Nachttiere, sie wanderten also gerne in der Nacht umher. Leise schlich er zum Tier, das schwache Licht der Straßenleuchten erhellte ein wenig den Wohnraum, so dass er sich die Taschenlampe sparen konnte. Er sah gierig auf das funkelnde Halsband und packte die Katze ruckartig am Nacken. Da stimmte etwas nicht! Das Fell fühlte sich nicht so seidig an, wie das letzte Mal und die Katze wehrte sich nicht. Sie hatte sich nicht mal nach ihm umgedreht, obwohl sie ihn hätte hören müssen! Es kam noch schlimmer! Als das Halsband auch noch zu blinken anfing, ging Fred ein Licht auf. Doch viel zu spät. Das war keine echte Katze, genau so wenig, wie es auch die Steine um ihren Hals echt waren. Das war eine Falle! Eine Alarmanlage.

Der Raum wurde plötzlich hell erleuchtet. Ganz langsam drehte sich Fred um und er erblickte die alte Dame, nur ein paar Schritte von ihm entfernt – mit einer Pistole in der Hand.
„Wie kann man nur so dumm sein?“ fragte ihn die Frau mit einem ironischen Lächeln. Das fragte sich Fred nun auch.
Aus dem Schlafzimmer kam die echte schwarze Katze und schlich zu seinem Frauchen.
„Schön ruhig bleiben“, sprach die alte Frau wieder. “Die Polizei wird gleich da sein. Und ihre Beute, das Halsband, können Sie ruhig mitnehmen. Als Erinnerungsstück, sozusagen.“
Victor kochte vor Wut. Doch, er war machtlos.


„Die verdammte schwarze Katze!“ schimpfte Victor immer wieder bei sich in seiner Zelle. Sie hat sein ganzes Leben ruiniert.
Noch elendiger fühlte er sich, als sein Freund Fred ihn zusammen mit der ihm frisch angetrauten Ehefrau Silvia besuchte.
„Wir gehen fort“, eröffnete ihm Fred die „freudige“ Nachricht. „Wir wandern aus, nach Katalonien. Dort eröffnen wir ein kleines Restaurant. Schade, dass du nicht mitkommen kannst.“

Victor haderte mit seinem Schicksal. Er hätte die Warnung seiner Oma, eine schwarze Katze bringt Unglück, nicht einfach in den Wind schlagen dürfen. Er hatte stets darüber gelacht und konterte mit de Worten: „Ja, ja, ich weiß. Du hast Recht, die schwarzen Katzen bringen Unglück, aber nur den Mäusen.“
Nun hatte Victor nichts mehr zum Lachen. Nun hatte er alle Zeit der Welt, um über seine eigene Dummheit nachzudenken.

Ende



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