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Forum der Regionalgruppe Düsseldorf

Moderator: sananjana

Beitragvon Gast » 21.01.2010, 8:28

[center]Lied aus dem Spanischen

Gestern liebt ich
Heute leid ich
Morgen sterb ich:
Dennoch denk ich
Heut und morgen
Gern an gestern.


Gotthold Epharim Lessing[/center]
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Beitragvon sananjana » 23.01.2010, 8:02

Ich liebe dich

Ich liebe dich,
du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz,
darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

Du hast dich so unendlich groß begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst,
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
dass du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.

Rainer Maria Rilke
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Beitragvon Gast » 23.01.2010, 9:15

[center]Vom Stundenzeiger des Lebens.

Das Leben besteht aus seltenen einzelnen Momenten von
höchster Bedeutsamkeit und unzählig vielen Intervallen,
in denen uns bestenfalls die Schattenbilder
jener Momente umschweben.
Die Liebe, der Frühling, jede schöne Melodie,
das Gebirge, der Mond, das Meer
alles das redet nur einmal ganz zum Herzen:
wenn es überhaupt je ganz zu Worte kommt.
Denn viele Menschen haben jene Momente gar nicht
und sind selber Intervalle und Pausen
in der Symphonie des wirklichen Lebens.


Friedrich Nietzsche[/center]
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Beitragvon Gast » 24.01.2010, 22:51

[center]DER ERSTE KUSS

Du hast mich geküsst.
Wann? Vor hundert Jahren?
Der Kuss war so süß,
ich tu' ihn noch immer
im Herzen bewahren.

Dein Kuss, so fern, so zart,
taucht in meinem Innern auf,
wie ein Windeshauch,
wie ein kleiner Lichtstrahl,
den ich manchmal brauch.
[/center]
[center]
Malaika

Bild[/center]
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Beitragvon sananjana » 26.01.2010, 20:47

Türmerlied
(aus: Faust II)

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.

Ich blick' in die Ferne,
Ich seh' in die Näh',
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.

So seh ich in allem
Die ewige Zier,
Und wie mir's gefallen,
Gefall' ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, wie es wolle,
Es war doch so schön!

Johann Wolfgang von Goethe
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Beitragvon sananjana » 27.01.2010, 16:20

Alles still!

Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht -
Heiße Tränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.

Theodor Fontane
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Beitragvon sananjana » 28.01.2010, 21:08

Tröste dich

Tröste dich, die Stunden eilen,
und was dich auch bedrücken mag,
auch die Schlimmste kann nicht weilen,
und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
wie der Schmerz liegt auch das Glück,
und auch heitre Bilder finden
ihren Weg zurück.

Harre, hoffe! Nicht vergebens
zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens,
und es kommt ein andrer Tag.

Theodor Fontane
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Beitragvon sananjana » 30.01.2010, 19:39

Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr.
Heißa, du lustiger Kieselstein!

Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen.
Doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen.
Doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wiederholen.

Christin Morgenstern
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Beitragvon sananjana » 31.01.2010, 11:53

Der Eislauf

Der See ist zugefroren
Und hält schon seinen Mann.
Die Bahn ist wie ein Spiegel
Und glänzt uns freundlich an.

Das Wetter ist so heiter,
Die Sonne scheint so hell.
Wer will mit mir ins Freie?
Wer ist mein Mitgesell?

Da ist nicht viel zu fragen:
Wer mit will, macht sich auf.
Wir geh'n hinaus ins Freie,
Hinaus zum Schlittschuhlauf.

Was kümmert uns die Kälte?
Was kümmert uns der Schnee?
Wir wollen Schlittschuh laufen
Wohl auf dem blanken See.

Da sind wir ausgezogen
Zur Eisbahn alsobald,
Und haben uns am Ufer
Die Schlittschuh angeschnallt.

Das war ein lustig Leben
Im hellen Sonnenglanz!
Wir drehten uns und schwebten,
Als wär's ein Reigentanz.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
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Beitragvon sananjana » 01.02.2010, 11:40

Das Dorf bei Nacht im Schnee

Sanft gebettet, wie in weichem Flaum,
Liegt das Dorf bei Nacht im weißen Schnee.
Feld und Wald liegt starr im Wintertraum,
Unterm Eis das Bächlein und der See.

Stille nächt`ge Ruh, soweit ich seh`.
Keinen lauten Ton vernimmt mein Ohr.
Mond und Sterne strahlen in der Höh`,
Und sie ziehen Herz und Aug` empor.

Von der Nachbarn weißbedecktem Dach
Schlängelt durch die Lüfte sich der Rauch,
Und mein Auge folgt ihm träumend nach,
Bis er aufgelöst im kalten Hauch.

Stilles Dorf, wie ruhst du weich und warm,
Wie ein Kind gebettet, sanft im Traum!
Luft und Freude, Gram und Sorg`und Harm
Liegt verschlossen in der Hütten Raum.

Karl Friedrich Mezger
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Beitragvon sananjana » 02.02.2010, 11:26

Die Alten

Wenn man jung ist und modern,
möchte man natürlich gern
alles neu und umgestalten,
doch, wer meckert dann? Die Alten!

Will dynamische Ideen
endlich man verwirklicht sehen,
zieh'n sich sorgenvolle Falten;
ja, so sind sie, unsere Alten!

Krieg und Elend, Hungersnot;
manchen Freundes frühen Tod;
doch sie haben durchgehalten,
ja, das haben sie, die Alten!

Was sie unter Müh' und Plagen
neu erbaut in ihren Tagen,
wollen sie jetzt gern erhalten:
Habt Verständnis für die Alten!

Bändigt Eure jungen Triebe,
zeigt den Alten Eure Liebe,
lasst Euch Zeit mit dem Entfalten,
kümmert Euch um Eure Alten!

Wozu jagen, warum hetzen?
Nach den ewigen Gesetzen
ist die Zeit nicht aufzuhalten.
Plötzlich seid ihr dann die Alten!

Und in Euren alten Tagen
hört Ihr Eure Kinder klagen;
ach, es ist nicht auszuhalten,
immer meckern diese Alten!

Ja, des Lebens Karussell
dreht sich leider viel zu schnell;
drum sollten sie zusammenhalten,
all die Jungen und die Alten!

Theodor Storm
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Beitragvon Gast » 03.02.2010, 9:50

[center]Der Leib erkrankt, gibt Schmerz-Alarm
ach hilflos, meistens, schweigt der Harm,
so dass er chronisch schon verstockt,
eh man der Seele ihn entlockt.
Und liegt der mangel gar an Glück
wie häufig, Jahre weit zurück,
so ist das Leiden arg verschleppt.
Zwar gibt's manch prächiges Rezept
das jeder Doktor gern verschriebe:
Es brauchte weiter nichts als Liebe.
Doch fehlts an Apotheken dann,
wo man es machen lassen kann.
Denn Liebe just wird auf der Welt
noch nicht synthetisch hergestellt.

Eugen Roth[/center]
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Beitragvon sananjana » 03.02.2010, 12:17

Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Heinrich Heine
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Beitragvon sananjana » 04.02.2010, 22:23

Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muss d o c h Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf,
Und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren,
Und lässt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll' auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muss d o c h Frühling werden..

Emanuel Geibel
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Beitragvon sananjana » 06.02.2010, 2:37

Selbstkritik

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es doch zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Wilhelm Busch
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