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Forum der Regionalgruppe Düsseldorf

Moderator: sananjana

Beitragvon sananjana » 07.02.2010, 11:55

Hereinfall

Ein Mensch, gewillt sich zu erholen,
Kriegt Paradiese gern empfohlen.
Er liest in manchem Werbeblatt
An Bergen sich und Bädern satt,
Um, qualvoll hin- und hergerissen,
Erst recht nicht mehr: wohin? zu wissen.
Entschluss hängt oft an einem Fädchen.
In diesem Fall entschied ein Mädchen,
Das aus dem schönsten der Prospekte
Die Arme sehnend nach ihm streckte.
Der Mensch, schon jetzt in es verliebt
Und überzeugt, dass es es gibt,
Fährt, nicht mehr länger überlegend,
In die dort selbst verheißne Gegend
Und sieht inmitten sich von Leuten,
Die auch sich auf das Mädchen freuten,
Doch keinesfalls ihrerseits
Ersetzten den versprochnen Reiz.
Im Kurhaus, im Familienbad
Ist ohne es es äußert fad;
Der Mensch, vom Mädchenbild bestochen,
Hat sich im voraus für vier Wochen
Vertrauensselig schon verpflichtet.
Nun steht er einsam und vernichtet.

Eugen Roth
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Beitragvon sananjana » 09.02.2010, 16:55

Sie erlischt

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
Und Herrn und Damen gehn nach Haus.
Ob ihnen auch das Stück gefallen?
Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.
Ein hochverehrtes Publikum
Beklatschte dankbar seinen Dichter.
Jetzt aber ist das Haus so stumm,
Und sind verschwunden Lust und Lichter.

Doch horch! ein schollernd schnöder Klang
Ertönt unfern der öden Bühne; -
Vielleicht, dass eine Seite sprang
An einer alten Violine.
Verdrießlich rascheln im Parterr
Etwelche Ratten hin und her,
Und alles riecht nach ranzgem Öle.
Die letzte Lampe ächzt und zischt
Verzweiflungsvoll und sie erlischt.
Das arme Licht war meine Seele.

Heinrich Heine
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Beitragvon sananjana » 10.02.2010, 6:37

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weiß du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr beim Namen nennst,
Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

Hermann Hesse
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Beitragvon Grafka » 12.02.2010, 5:49

[center]
Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.
Wie war (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in Bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht -?
Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht sein darf.

Christian Morgenstern
[/center]
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Beitragvon sananjana » 12.02.2010, 11:15

Nun der Tag mich müd gemacht

Nun der Tag mich müd gemacht,
Soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht
Wie ein müdes Kind empfangen.

Hände lasst von allem Tun,
Stirn vergiss du alles Denken,
Alle meine Sinne nun
Wollen sich in Schlummer senken.

Und die Seele unbewacht
Will in freien Flügen schweben,
Um im Zauberkreis der Nacht
Tief und tausendfach zu leben.

Heinrich Heine
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Beitragvon Grafka » 18.02.2010, 11:11

[center]
O wär im Februar doch auch,
Wie`s ander Orten ist der Brauch
Bei uns die Narrheit zünftig!
Denn wer, so lang das Jahr sich mißt,
Nicht einmal herzlich närrisch ist,
Wie wäre der zu andrer Frist
Wohl jemals ganz vernünftig.


Theodor Storm 1817-1888[/center]
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Beitragvon sananjana » 19.02.2010, 11:58

Im Rosenbusch

Im Rosenbusch
Im Rosenbusch die Liebe schlief.
Der Frühling kam, der Frühling rief.
Die Liebe hört's, die Lieb' erwacht,
schaut aus der Knosp' hervor und lacht,
und denkt zu zeitig möcht's halt sein,
und schläft drum ruhig wieder ein.

Der Frühling aber läßt nicht nach,
er küßt sie jeden Morgen wach.
Er kost mit ihr früh bis spat,
bis sie ihr Herz geöffnet hat,
und seine heiße Sehnsucht stillt
und jeden Sonnenblick vergilt.

Hoffmann von Fallersleben
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Beitragvon sananjana » 21.02.2010, 9:28

Weltverkehrt

Horch! Eine Stimme aus dem Radio rief:
"Ich bin der unbekannte Fisch Plattunde.
Ich lebe auf dem Meeresgrunde
So schätzungsweise fünfzehntausend Meter tief.
Ihr Menschen hört, ich möchte gar zu gern
Einmal den Flieger Udet kennenlern."
In einer Höhe von genau zwölftausend
Elfhundert Metern durch dir Lüfte sausend,
Erwiderte Herr Udet so:
"Mein lieber, unbekannter Fisch im Meere,
Ich habe ihren Wunsch vernommen.
Auch ich ersehne ein Zusammenkommen.
Auf meiner Seite wäre ja die Ehre.
Bestimmen sie per Radio
Nur bitte wann? und wie? und wo?
Kaum war dies Zwiegespräch gesprochen,
So ward das Meeresspiegelglas
Von einem kleinen Fisch durchbrochen,
Der eine Fliege schnappte und sie fraß.

Joachim Ringelnatz
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Beitragvon sananjana » 22.02.2010, 14:36

Der Preis

Es ist kein hoher Berg so hoch,
so tief kein tiefes Tal,
es dringt hinauf kein Vögelein,
hinab kein Sonnenstrahl .

Und wärst du selbst die Perl' im Meer,
und wärst das Alpengold,
so hoch und tief hätt' ich dein Herz,
kostbares Kind, geholt.

Johann Georg Fischer
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Beitragvon sananjana » 23.02.2010, 10:59

Versäumt

Zur Arbeit ist kein Bub geschaffen,
Das Lernen findet er nicht schön;
Er möchte träumen, möchte gaffen
Und Vogelnester suchen gehn.

Er liebt es, lang im Bett zu liegen.
Und wie es halt im Leben geht:
Grad zu den frühen Morgenstunden
Kommt man am leichtesten zu spät.

Wilhelm Busch
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Beitragvon sananjana » 24.02.2010, 10:36

Diät

Gern hört man, abends eingeladen,
Dass gute Dinge uns nicht schaden.
So will der Hausherr, dieser Schurke,
Uns überzeugen, dass die Gurke,
Wie er sie anmacht, leicht verdaulich,
Die Hausfrau teilt uns mit, vertraulich,
Wie sie an Magensäure litte;
Sie wolle uns nicht drängen, bitte,
Das sei gewiss nicht ihre Art -
Doch diese Tunke sei so zart ...
Auch wird uns auch dringend angeraten
Der fast nicht fette Schweinebraten.
Der Weißwein kann, im allgemeinen
Sei`s zugegeben, schädlich scheinen.
Doch dieser, ein gepflegter Franke,
Sei grade gut für Magenkranke.
Der also überzeugte Gast
Hätt es auch gut vertragen - fast!


Eugen Roth
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Beitragvon Grafka » 01.03.2010, 20:43

[center]Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.
Wisst ihr
weshalb?
Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:
Das raffinierte Tier
tat's um des Reimes willen.

Christian Morgenstern[/center]
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Beitragvon Grafka » 07.03.2010, 19:56

[center]
Die Christrose

In der schweigenden Welt,
Die der Winter umfangen hält,
Hebt sie einsam ihr weißes Haupt;
Selber geht sie dahin und schwindet
Eh" der Lenz kommt und sie findet,
Aber sie hat ihn doch verkündet,
Als noch keiner an ihn geglaubt.

Trojan, Johannes (1837-23.11.1915)
[/center]
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Beitragvon Grafka » 13.03.2010, 18:31

[center]Schneeglöckchen

Horch, liebliches Läuten!
Was will es doch sein?
O selig Bedeuten,
Ei, Frühling soll`s sein!
Und hast du im Herzen
Noch Eis und noch Schnee,
Noch Sorgen und Schmerzen,
Nun fort mit dem Weh!

Schneeglöckchen rührt helle
Die Glöcklein so fein.
Wie ist`s, du Geselle,
Du stimmst doch mit ein?
Muth, Franz Alfred (1839-1890)
[/center]
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Beitragvon sananjana » 23.03.2010, 12:11

Ich möchte still am Wege stehn

Ich möchte still am Wege stehn
und möcht' es Frühling werden sehn,
ich könnt' noch immer wie ein Kind
bei jeder kleinen Knospe säumen!
Und klänge in den kahlen Bäumen
ein Vogeltriller … ach, ich könnt',
mir einen langen Sommer träumen
voll Klang und Glanz und Sonnenschein
und glücklich sein!

Cäsar Otto Hugo Flaischlen - Pseudonym Cäsar Stuart
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