Willi:
Heute ist der 9. April (wie gestern, wir können jetzt jeden Tag sagen, es sei der 9. April).
Heute morgen habe ich ein ganz aufgestelltes "Schätzli". Sie konnte wieder einmal ohne Schmerzen schlafen (das war schon ein paar Nächte nicht mehr der Fall). Sie hat zum ersten Mal von diesen Schmerztropfen genommen und es geht ihr blendend. Sie ist daran, das Zimmer einzuräumen, macht Sachen, die sie vorher nicht mehr so gut machen konnte, und ist richtig aufgestellt und glücklich. Sie denkt immer wieder ans gestrige Telefongespräch und an die schöne Fruchtschale. Ich muss sagen, es war wirklich eine schöne Idee vom Hotel, dass sie nicht einfach eine Banane und eine Orange in eine Schale gelegt haben, sondern dass sie ganz frisch eine Schale geflochten haben. Wir hoffen natürlich, dass wir diese Schale mitnehmen können. Im Moment ist sie noch grün, aber ich nehme an, dass sie dann einmal braun werden wird. Wir werden heute von diesen Früchten essen und mit dem Champagner werden wir noch schauen. Heute nachmittag gehen wir noch einmal zum Arzt und vielleicht haben wir anschliessend einen Grund zum feiern.
Das Wetter ist super schön und der Himmel ist schön blau. Vielleicht gibt es am Nachmittag, oder am Abend wieder Gewitter, denn wir sind in der Regenzeit. Das ist wie bei uns im Sommer, wenn es am Abend Wolken gibt, kurz regnet und dann gleich wieder die Sonne scheint. Gestern hat es um 16.00 Uhr einmal geregnet, aber die Leute haben mit dem Volleyball-Spiel nicht einmal aufgehört und auch der Tauchkurs ging weiter.
Wir haben auch ein Tagesprogramm ins Zimmer bekommen und es ist sehr angenehm so. Es ist jeden Tag etwas organisiert, aber er gibt überhaupt keinen Zwang. Die Animation ist überhaupt nicht aufdringlich, man kann mitmachen, oder man kann es auch sein lassen. Von 09.00 bis Uhr 16.30 Uhr ist immer etwas los. Heute machen sie sogar eine "Night Club Tour", wo sie 6 verschiedene Bars und 2 Night Clubs besuchen.
Die ganze Hotelanlage erinnert mich stark an Jamaika. Es sind auch 2-stöckige Häuser und es gefällt mir besonders, dass wir im oberen Stock durch das Giebeldach einen höheren Raum haben (das Zimmer ist am höchsten Punkt 4 bis 5 Meter hoch). Die Aussicht kann man fast nicht beschreiben. Vor uns hat es Sand, Meer und ab und zu einen Baum, das ist schon traumhaft. Wir werden uns dann schon wieder umstellen müssen, zwischen Strassen und Autobahnbrücken zu wohnen.
Erika: Heute morgen gab es ein Früchte-Frühstück. Wir haben uns auf den Balkon gesetzt und haben gemütlich gefrühstückt. Es ist super schön.
Danach haben wir Tischtennis gespielt, haben an der Bar etwas getrunken und haben die Hotelanlage fotografiert.
Dann haben wir ein Taxi bestellt und es war etwas mühsam, bis er endlich gekommen ist. Zweimal hat die Dame an der Rezeption gesagt, er komme gleich und beim dritten Mal haben sie dann gesagt, sie hätten ihn noch gar nicht bestellt. Wir sind dann eine viertel Stunde zu spät gekommen, aber der Arzt war noch an einer Operation (er ist 20 Minuten zu spät gekommen und wir waren froh darüber). Er hat einen Ultraschall gemacht. Er hat gesehen, dass ich ca. 5 Liter Wasser in meinem Bauch habe und hat dann ca. 2 Liter abgesaugt. Er macht uns einen sehr guten Eindruck und er hat uns empfohlen, Amerika auszulassen. Wir sollen diese Woche hier noch geniessen und dann langsam daran denken, nach Hause zu reisen (er meinte, dass die Strapazen langsam zu gross werden). Ich fühle mich wieder wie ein junger Hund, so weit bin ich schon lange nicht mehr gelaufen, und das ohne Beschwerden.
Heute konnte ich sogar zu abend essen (sogar einen normalen Teller). Der Magen ist wieder etwas freier und ich fühle mich jetzt nur noch wie im 4. oder 5. Monat schwanger (nicht mehr im 7.). Der Arzt hat gesagt, dass dieses Wasser vom Krebs käme und es immer wieder auftreten werde. Eigentlich sind wir zufrieden mit diesem Bericht, denn Willi hat befürchtet, dass ich jetzt auch noch Darmkrebs habe, aber das ist zum Glück nicht der Fall (das konnte man auf dem Ultraschall sehen).
Wir haben dann die Kinder angerufen und Claudia wird nun eventuell nach Los Angeles kommen, damit ich die Reise nach Santa Domingo nicht mehr machen muss. Ich hätte zwar gerne gesehen, wie sie lebt und wo sie arbeitet, aber ich muss nun doch auf meine Gesundheit achten.
Wir haben bei Kerzenlicht zu Abend gegessen, als uns jemand fragte, ob wir Roth heissen. Sie hat etwas von Champagner erzählt und wir haben gar nicht verstanden, was sie meinte. Sie hat uns dann erzählt, dass sie den Champagner und die Fruchtschale organisiert habe (den Korb habe sie selber gemacht). Sie war überhaupt nicht aufdringlich, sondern hat sich einfach über die Idee gefreut und wollte uns mitteilen, dass sie es gemacht hat. Das war ganz nett.
Wir haben uns dann noch etwas an den Strand gelegt. Es windet zwar etwas stark, aber d‘Erika "likes" das (wenn es nicht zu "hot" ist).
Morgen geht Willi Schnorcheln und ich werde mich in den Schatten legen, da ich 3 Tage nicht baden darf.
Willi: Was heisst Schnorcheln auf Englisch?
Erika: "snorkling"! Mit Delphinen an den Füssen. Ich habe den Mann heute gefragt, ob er "Delphine" habe und er hat mir dann tatsächlich Flossen gebracht. Ich war mir nicht sicher, ob es "Wal" oder "Delphin" heisst, aber ich glaube, "Delphin" war richtig.
Willi:
Es ist schon fast schade, dass wir bald nach Hause gehen müssen, jetzt wo Erika beinahe perfekt Englisch spricht. Sie hat seit Australien schon viel gelernt.
Ich möchte noch einmal auf den Arztbesuch zurück kommen. Wir waren nach diesem Besuch sehr erleichtert, denn ich habe eigentlich das Schlimmste befürchtet. Er hat mit dem Ultraschall begonnen und hat dabei ein ziemlich grimmiges Gesicht gemacht. Ich nehme an, dass er aus einer Operation gekommen ist, die nicht gut gelaufen ist. Zuerst ist ein anderer Arzt an uns vorbei gelaufen, der richtig verärgert geschaut hat und auch er war nicht mehr wie am Tag zuvor. Er war freundlich und korrekt, aber man hat es ihm trotzdem angemerkt. Er hat sich aber zusammen genommen und hat den Ultraschall seriös durchgeführt. Ich durfte zuschauen und es war schon etwas anderes als in Sion, wo sie mich immer hinaus geschickt haben (Erika tut es einfach gut, wenn ich bei ihr sein darf). Er hat gefragt, ob er das den anderen Ärzten zeigen dürfe, die hätten das noch nie gesehen. Wir können jedoch ohne weiteres "nein" sagen. Wir haben zugestimmt, denn es ist ja eigentlich sinnvoll, wenn diese Ärzte etwas dazu lernen können. Er hat diese Ärzte dann geholt und es gab eine etwas komische Situation. Wir sind seit 1½ Jahren mit dieser Krankheit konfrontiert und haben gelernt, damit zu leben und plötzlich stand eine junge Ärztin vor uns, die beinahe weinte. Sie hat sich dann aber zusammen genommen und hat beim absaugen geholfen. Sobald sie arbeiten konnte, war sie wieder ganz anders, hat sich wieder beruhigt und war konzentriert (aber vorher hat sie uns beide angeschaut und man hat gemerkt, dass es ihr weh tat). Der Arzt hat mir sehr gut gefallen. Er ist sachlich und ruhig, nicht herzlos, aber auch keine "Jammertasche" (ähnlich wie Doktor Reich). Es ist angenehm, wenn man jemanden gegenüber hat, mit dem man direkt und offen sprechen kann und das hat er auch gemacht. Ich wollte noch etwas mehr aus ihm heraus holen, was er mit dem nach Hause gehen meint, aber er liess sich nicht in die Enge treiben. Er sagte genau, war er sagen wollte, und nicht mehr. Eigentlich haben wir verstanden, was er sagen wollte, aber manchmal versucht man einfach, ob man noch eine Information mehr heraus holen kann. Er hat mich insofern beruhigt, dass der Darm in Ordnung ist. Als er beim Ultraschal den Darm angeschaut hat und dann die anderen Ärzte holen wollte, war es mir nicht mehr wohl, und ich bin froh, dass es kein Darmkrebs ist. Er hat mit den anderen Ärzten englisch gesprochen, aber ich habe einiges verstanden, da er als Deutscher ein Englisch spricht, dass für uns leichter zu verstehen ist. Bei der Leber kann man den schwarzen Fleck nicht mehr erkennen, es muss sich irgendwie verteilt oder aufgelöst haben. Er hat uns dann verschiedene Varianten erklärt. Er könnte noch mehr Wasser absaugen, was er aber nicht machen möchte, weil sich das Wasser dann umso schneller wieder bildet. Dann gäbe es eine Hormonbehandlung, die wir aber bereits machen, und dann gäbe es noch eine Chemotherapie, die direkt in den Bauch gespritzt wird und das Bilden des Wassers hemmen soll.
Man wird bescheiden und lernt, auch mit wenig zufrieden zu sein, und die 2 Liter Wasser, die er abgesaugt hat, bedeuten doch, 2 Kilogramm weniger zu haben; das ist auch etwas. Er hat es dann auch mit Humor genommen und hat gesagt, jetzt sind sie wieder schlank, und ich habe gesagt, er könne bei mir auch gleich absaugen (ich habe nämlich einen grässlichen Ranzen bekommen). Am schlimmsten sind die Spiegel in den Hotels. Ich muss immer ganz heiss duschen, damit die Spiegel anlaufen und ich mich nicht mehr sehe, wenn ich aus der Dusche komme. Wenn wir wieder zu Hause sind, werde ich wieder mehr Sport machen und wieder mehr für meinen Körper sorgen.
Erika hat immer noch einen Bauch, wie wenn sie schwanger wäre. Es ist nicht wie bei mir ein Schwimmgurt, sondern gerade nach vorne. Es hat sie natürlich stark belastet und als dann ca. 1 Liter draussen war hat sie gesagt: "Das tut gut." Der Arzt hat gesagt, man werde Bescheiden und das stimmt. Erika war überglücklich wieder etwas besser atmen zu können und etwas weniger Rückenschmerzen zu haben, und viele "Tötsch", die wir kennen, meinen sie seien die Ärmsten auf dieser Welt. Sie müssten eigentlich wirklich einmal etwas ärmer dran sein, damit sie wüssten, was eigentlich entscheidend ist und was nicht.
Es gefällt uns super gut hier und wir sind überglücklich. Wir haben noch einmal mit Claudia telefoniert sie war total verschlafen und überrascht, und hat gesagt, weisst du eigentlich wie spät es ist (ich habe sie dann nicht daran erinnert, zu welchen Zeiten sie uns jeweils von Amerika angerufen hat). Sie hat gemerkt um was es hier geht und hat gemerkt, dass es entscheidender wäre, s‘Mami noch einmal zu sehen, als später zu einer Beerdigung nach Hause zu fliegen. Wir hoffen nach wie vor, dass sie s‘Mami im Oktober wieder sehen wird, aber es würde uns beruhigen, wenn wir Claudia jetzt noch einmal sehen könnten.
Erika: Ich möchte hier auch noch festhalten, dass Claudia sehr tapfer war.
Willi:
Sie war seht tapfer am Telefon und das war auch schön. Wir kommen nun in eine Phase, in der wir zum Teil sehr sachlich sagen müssen, was sie machen soll. Das heisst nicht, dass man dazwischen nicht auch einmal weinen kann, es geht uns auch nicht immer super, aber es bringt manchmal einfach nichts. Wenn ich mir vorstelle, von Los Angeles nach Florida 6 Stunden zu fliegen, 4 Stunden nach Santa Domingo und dann noch 2 Stunden im Bus bis zum Hotel zu fahren, da sind wir mit den Wartezeiten auf einer Reisezeit von 16 Stunden, und das sind Strapazen, die ich Erika nicht mehr zumuten möchte. Claudia hat Begriffen, dass wir das nicht mehr auf uns nehmen möchten. Es ist für sie natürlich schwierig, eine neue Stelle anzutreten und dann gleich Sonderwünschen anzubringen, wir würden uns aber trotzdem sehr freuen, wenn es klappen würde. Es gäbe einfach eine gewisse Ruhe. Es könnte nachher komme was wolle, wir müssten nicht mehr das Gefühl haben, schade, dass wir sie nicht mehr gesehen haben.
Gute Nacht.













