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Manfred - aus der Konserve
52 | 383 Aufrufe | 08.02.2018, 21:17

Späte Reue

12-jährige Beine rennen über den Platz wo die Musik spielt, hin zum Autoscooter.
Die letzten 50 Pfennig zusammengekratzt für eine Fahrt, das wird die Fahrt, DIE FAHRT überhaupt.
Manfred nimmt neben mir Platz, der hat nie Geld, nie. Er ist aber immer da, jeden Tag,
wenn Kirmes ist.
Und Manfred kann Autoscooter fahren wie kein anderer, der ist rückwärts schneller als alle anderen vorwärts. Frontalzusammenstöße sind neben Manfred ein Hammer. 

 

Während der Fahrt wechseln wir die Plätze, Manfred greift mir hie u. da ins Steuer u. zeigt mir wie es geht.
"Morje zeisch isch derr Rickwärtsfahrn", schreit er, um uns dröhnt die Musik. Was für ein Leben.


Die 50 Pfennig sind verbraucht, eine Zeit lang stehen wir noch am Rand des Autoscooters u. schauen den Großkapitalisten bei ihren Fahrversuchen zu. 
Manfred lächelt nur überlegen, ich werde langsam traurig - Taschen leer - drehe dem Scootertreiben den Rücken zu u. schlappe weg vom Ort des Glücks.

 

Nach ein paar Metern rennt Manfred an mir vorbei, haut mir dabei auf die Schulter  ......"komm, auf zum Zuckerstand".
Manfred kann sauschnell rennen, ich trotte.
Da kommt er mir schon wieder entgegen.
"Willst de enn Kaugummi?"
"Wo hast Du denn den her?"
"Ei geklaut."   Ich  schiebe den Kaugummi ein, die Laune wird besser.
"Iss gonz oafach" sagt Manfred, "komm isch zeigs derr". 

 

Eine große Treppe führt hinunter zum Platz wo der Zuckerstand steht.
Manfred wartet bis vorm Stand ein kleines Gedränge ist, dann geht er, ich bleibe oben.
Manfred steht gelassen an der Ecke des Süßigkeitenturms in der Menge der Kunden - ich, weniger gelassen, oben an der Treppe - jetzt winkt er mir sogar.
Sein Interesse scheint mehr den unteren Stufen der Süßigkeitenturmtreppe zu gelten, sehr hoch kann er auch nicht reichen, bei ca. einsvierzig. Die Anderen  fuchteln mit ihren Armen über ihm herum, zeigen auf Nougatstückchen, Mohrenköpfe, Waffeln u. sonstige Hochgenüsse.
Die wunderschöne, blondgelockte, freundliche Standbetreiberin mittleren Alters nickt nach Blickkontakten mit ihren Kunden immer wieder u. packt Köstlichkeiten in Papiertüten, habe Manfred ganz aus den Augen verloren.
Da steht er auch schon wieder neben mir, eine bunte Zuckerstange in der Hand.

 

Er teilt, gibt mir eine Hälfte . "Auf, jetz kimmst du", sagt er, "nemm halt de Kaugummi, der iss omm oafachste, hebe merr uff for morje". Die Zuckerstange schmeckt schon gut, aber jetzt plötzlich anders, den Kaugummi habe ich vorhin vor Aufregung ausgespuckt.
Eine unsichtbare Hand schiebt mich die Treppe hinunter. In meinen Ohren übertönt etwas die Musik des Autoscooters, das Dröhnen kommt von links,  aus meiner Brust.
Nach endloser Zeit bin ich wieder oben bei Manfred, öffne zögernd die Hand in der der Kaugummi ist. 

Manfred haut mir wieder, diesmal wortlos, auf die Schulter.

 


Gut über 50 Jahre später stehe ich wieder vor einem Zuckerstand auf einem Volksfest.


Lust auf was Süßes, Nougat u. Mohrenköpfe mit Kokosraspel. Ich wähle aus.
Schaue nach oben.............., Verblüffung - das ist ja die Verkäuferin von damals, 

von vor über 50 Jahren - oder vielleicht ihre Enkelin?
"2 Euro fünfundneunzig" sagt sie. Ich gebe 3,50. Sie schaut irritiert. 
"Stimmt so, Rest sind Zinsen", sage ich.


Habe ein Loch in ein 50 Cent Stück gebohrt u. es an die Wand genagelt.
Ich werde es Manfred nennen.

 

Kategorie: Allgemein | 13 Kommentar(e)

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