Hallo @Hauke (28.02.2021, 12:13),

Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar!

Ich möchte jetzt nur auf einen Punkt eingehen wollen:

„Hilfe zur Selbsthilfe“

Das klingt in der Theorie alles sehr gut und ist sicher auch ein Weg, der langfristig zum Erfolg führen kann.

Aber – und das erscheint mir sehr wichtig – der erste und alles entscheidende Schritt ist doch der unbedingte Wille, seine Lage selbst verändern zu wollen.

Du hast es damals geschafft – gratuliere!

Ich bin mir sicher, dann weißt Du sehr gut, was ich mit „Fighting Spirit“ und „No Pain – No Gain“ Mentalität als Voraussetzung dafür meine….

Aber nicht jeder kann diese Einstellung haben – insbesondere dann nicht, wenn man schon länger in der sich immer schneller drehenden Abwärtsspirale gefangen zu sein scheint.

Manchmal habe ich allerdings das bedrückende Gefühl, dass es da eine „Point of no return“ gibt, den manche vielleicht schon erreicht oder gar überschritten haben, oft ohne eigene „Schuld“.

Ich finde es übrigens absolut toll, dass Du dem Pflegepersonal mit Achtung und Respekt Deinen Dank zeigst – das ist heutzutage auch nicht mehr unbedingt „normal“…..
Wer sich mit Obdachlosigkeit und nicht Sesshaften weiter beschäftigen will, dem kann ich nur das Buch "Der Sandler" von Markus Ostermair empfehlen. Ostermair hat fast zwei Jahre einen Obdachlosen auf seinem Weg in München begleitet und dabei einen tiefen Einblick gewonnen.
Ich muss gestehen, nachdem ich das Buch gelesen hatte, ist mein Blick auf Bettler und Obdachlose ein anderer geworden.
[quote="Patriarch"]
Manchmal habe ich allerdings das bedrückende Gefühl, dass es da eine „Point of no return“ gibt, den manche vielleicht schon erreicht oder gar überschritten haben, oft ohne eigene „Schuld“.

Ich denke, dass dich dein Gefühl nicht täuscht, Patriarch. Auch unter den Nichtsesshaften gibt es - wie unter allen Gruppen - "solche und solche". So traurig es ist, aber allen Gestrandeten wird - aus den unterschiedllichsten Gründen - leider keine Hilfe zuteil kommen. Das gilt es auszuhalten, auch in unserem ansonsten doch so reichen Staat. Wobei in vielen Fällen womöglich Empathie hilfreicher wäre als Geld. Denn diejenigen, die den "Point of no return" bereits überschritten haben, betteln nur noch in den allerwenigsten Fällen.
Ich habe 16 Jahre in einer Kreisverwaltung im ländlichen Raum gearbeitet. Auch dort gab es Wohnungslose und auch Bettelei. Die politische Gegenstrategie lautete: Niemand bleibt hier auf der Straße, jede/r bekommt ein Angebot. Das Angebot bestand in einer Übergangseinrichtung sowie einer aktiven Unterstützung zur Anmietung einer Wohnung. Für besondere Fälle hielten die Ämter angemietete Wohnungen vor, in denen die Obdachlosen erstmal einziehen konnten. Das waren keine Gemeinschaftsunterkünfte, sondern reguläre Wohnungen. Kein Luxus, aber erträglich.
Weitere Hilfen wie Schuldnerberatung und Unterstützung bei der Arbeitssuche gab es ebenfalls. Für viele war das ein langer Weg, der zuweilen Jahre dauerte.
Es gab nur ganz wenige, die die Angebote nicht angenommen haben. Die zogen dann meist auch weiter in andere Gebiete.

In Großstädten ist das sicher schwerer umzusetzen, aber auch dort gibt es viele Angebote. An sich muss niemand auf der Straße leben, aber wenn jemand einmal in dieser Schiene drin ist, fällt der Weg zurück oft schwer.
Meine Tochter betreut in einer niederösterr. Kreisstadt als Dipl.Sozialarbeiterin ein Übergangs-Wohnheim und macht genau die Tätigkeiten, die du beschreibst.
Hallo @SvenGlueckspilz (02.03.2021), hallo @Hawaii.75 (02.03.2021, 17:53),

Vielen Dank für Eure Kommentare.

Die Hinweise zu den Maßnahmen, wie man Bettelei und ihre Auswirkungen begrenzen kann sind zweifellos beachtenswert – allerdings gehen sie etwas an dem eigentlichen Thema, das ich ansprechen möchte, vorbei.

Für mich ist es interessant und wichtig zu diskutieren, wie wir uns verhalten, wenn wir Bettelnden körperlich gegenüber stehen. Also gewissermaßen der „moment of truth“…

Noch interessanter wäre es, wenn wir die Motive, die uns zu dieser oder jener Verhaltensweise bewegen, ansprechen könnten.

Für mich selbst habe ich bisher kein nachvollziehbares „Muster“ erkennen können und mein Verhalten hängt möglicherweise mehr von meinen eigenen aktuellen Befindlichkeiten als von der aktuellen Situation des Bedürftigen ab….
Bei mir ist es so, dass ich manchmal gerne gebe, ja geben muss, um mich nicht unwohl in meiner Haut zu fühlen. Da empfinde ich großes Mitleid und Bedauern, dass Menschen in solch schlechter Situation leben müssen. Da denke ich auch nicht darüber nach, ob es vielleicht von Banden in Bussen hergebrachte Menschen sind, die den Großteil ihres erbettelten Geldes abgeben müssen.

Ich kaufe auch fast jedes Mal den Augustin, das ist eine Zeitung, welche von Obdachlosen gestaltet und auf der Straße verkauft wird.

Aber manchmal fühle ich mich auch genervt von den vielen Bettelnden. Ich gebe es zu. Wenn ich dreimal am selben Supermarkt vorbeikomme und dreimal werde ich überfreundlich von der dort stehenden Bettlerin gegrüßt, oder es wird mir das Einkaufswagerl fast aufgedrängt, nervt mich das ein wenig.
Es hängt jedoch auch davon ab, ob ich gerade gestresst oder müde bin, oder nicht.

Einmal kam ich an einer am Gehsteigrand sitzenden Frau mit einem Baby im Arm vorbei. Sie fütterte es mit einem Fläschchen. Die Augen des Babys waren sehr vereitert. Ich fühlte mich in dieser Situation sehr hilflos. Am liebsten hätte ich beide in das nächste Krankenhaus begleitet. Ich habe nichts dergleichen getan, nur etwas Geld gespendet, die Bilder gingen mir jedoch tagelang nicht aus dem Kopf.
Ich finde, das ist ein schwieriges und sehr umfassendes Thema. Vieles das ihr da beschreibt habe ich auch erlebt. Ich selbst, scheine ein Magnet für Bedürftige zu sein. Dabei war ich schon amal mit einem Bein in der Obdachlosigkeit. Keine gute Sache mit Kind & Kegel.

Insgesamt bin ich der Ansicht, dass es ein Armutszeugnis im 21. Jahrhundert ist, dass es immer noch nicht zu einer effizienteren Umverteilung gekommen ist. Stichwort: Lebensmittel werden vernichtet um Preise hoch zu halten usw.

Eine Gesellschaft kann es sich meiner Meinung nach "leisten", vulnerable Gruppen zu versorgen und mit an Bord zu nehmen. Ich halte alles andere für Neid induzierende Propaganda. Ich frage mich seit der frühesten Kindheit, wo das echte handelnde Mitgefühl bleibt. 70iger und 80iger: Ein (illegaler) Krieg folgte dem andren und das alles hat im vergangenen Jahrhundert unfassbares Leid verursacht.

Off Topic, sorry. Bei mir ist es mittlerweile so, dass ich einer Ansprache auf der Straße aus dem Weg gehe. ich habe früher viel Zeit mit Reden und Zuwendung verbracht. Mit Alkoholikern, Drogenkranken usw. Bei mir ist heute die Luft leider raus.
Gerade gestern , in Bad Homburg , bin an 3 Bettler vorbei geganden, als ich nach der Arbeit, müde, sehr sehr hungrig , zum Japaner wollte , mir was zu essen holen. Ich erzählte im Restaurant über die Bettler, der Geschäftsführer teile mir mit, daß Abends werden sie abgeholt , es gibt eine Gruppe von organisierte Bettler . Ich arbeite und wohne dort unweilt, ich kenne der Stadt seit über 30 Jahre , zum ersten Mal gestern habe ich dort Betteln gesehen.

Ich war schokiert .

Für das Jahr 2019 muss ich an das Finanzamt über 1000€ zurück zahlen - ein Fehler von mir- sogar Bad Homburg, und trotzdem , habe ich vom Becker ihn 2 Brezel und ein Tee To Go gekauft , weil gestern hier 2 Grad waren nur, windig, Regen -

Wie reagieren auf Bettler ? Wie reagieren auf Armut ? Wie reagieren auf Menschen die die Kraft nicht haben , um sich über das Wasser zu halten ?
Immer helfen ! wenn die Zeit reicht, wenn etwas zu viel zuhause und nicht benutzt wird , weiter geben !!

Geld gebe ich niemals, ich könnte nicht verantworten, daß ein Bettler statt Essen, sich Alkohol kauft. Aber was zu essen , ja .

In Oberursel , gibt es schon seit mehere Monate eine Frau die dort auf dem Boden haust, jetzt mit ein Zelt ! ich und meine Freundin waren entsetzt ! wir sind zu Polizei , und einer von der Polizei Oberursel, hat uns mitgeteilt, " manchen Bettler wollen draussen leben " !! die Frau lag den Ganzen winter unter einer Plane ... unfassbar ! gegenüber ist Tschibo, ich konnte mich auf 1 € trennen, und ihr ein Kaffee geben. Und das soll jeder von uns mal - vor allem diejenigen von uns, die emphatisch sind. Es kann jeder treffen !
Einfach geben,!!!
was jeder hat , möchte , und kann, .......äm..." auch wenn den Kühlschrank voll ist " .....

Für mich, anderen Menschen helfen , vor allem die sich selber nicht helfen können, ist indiskutabel.

Ich bin atheist (in) - ich tue um mich herum gutes, aus der Ethikgründen - es ist auch schön , zu sehen, wie sich die Menschen freuen !! -

Auf den Ellend anderen kann man selber nicht glücklich werden , auch wenn wir nicht das Ganze Armut der Welt retten können, ein kitze kleinen Beitrag können wir aber immer leisten- ob alte Klamotten sind, oder mal ein alter Teller , voll mit diversen drauf, mal eine Seife, und soooo viel Zeug was wir alle zuhause anhäufen. Zuwendug, die nur 2 minuten dauert, und (vielleicht) Schmerz lindert , bissl Freude bringt , für die schwachen und vergessenen dieser Gesellschaft !
In unserer Fußgängerzone steht oft ein Mann mit vollgepacktem Einkaufswagen, auf Krücken und mit unendlicher Leidensmine. Eines Tages ging ich zum Backwerk und trank dort einen Kaffee. In einer Ecke saß ein jüngerer Mann, ohne irgendetwas zu essen oder zu trinken. Auf einmal kam der Mann mit der Leidesnime die Treppen hochgesprungen ohne Krücken, ohne jegliche Gehbehinderung, setzte sich zu dem jungen Mann und sie zählten Geld. Er hatte auf einmal gar keine Leidesmine mehr. Er lachte und fühlte sich sichtlich wohl.

In einer anderen Fußgüngerzone hat eine Frau mit Hund, ihr Lager aufgeschlagen. Ich weiß wie schwer obdachtlose Frauen es haben. Ich habe ihr 5,00 € in die Hand gedrückt. Sie stand da, war völlig überrascht. Ich habe mich gefreut, dass ich ihr etwas Gutes tun konnte.

Es gibt ein Buch von Gerhard Trabert, "Der Straßen-Doc", unterwegs mit den Ärmsten der Gesellschaft. Sehr interessant.
Leider wurde das Bettelverbot in Basel letzten Juli aufgehoben.
Seither sind Roma Bettler unterwegs und es wird immer schlimmer.
War heute in der Stadt und habe auf 2 km 46 Bettler gezählt. Zum Teil sind
sie sehr aggressiv oder kommen mit einer Rose, natürlich nicht geschenkt!

Habe auch schon gesehen wie sich Bettler gestritten haben und die Polizei einstreiten musste. Eine unschöne Sache.
Ich gebe nichts. Die sollen nach Hause.
Hallo @KindaChola (04.03.2021, 11:27),

Ich kann gut nachvollziehen, wenn Du schreibst, dass jetzt bei Dir „die Luft raus“ ist.

Im Gegensatz zu Dir habe ich wohl nie besonders viel Zeit „mit Reden und Zuwendung verbracht. Mit Alkoholikern, Drogenkranken usw“.

Für mich war eher der jeweilige Moment wichtig – also etwas dazu beizutragen, dass der Bedürftige „jetzt und hier“ etwas zu Essen bekommt oder einen Platz zum Schlafen bezahlen kann.

Diese „Hilfe zur Selbsthilfe“, die Du offenbar geleistet hast, habe ich in dieser Art und in Bezug auf Bettelei nie auf die Reihe gebracht.

Ich gebe unumwunden zu, dass es viel einfacher ist, eine Geldspende mit ein paar unverfänglichen Worten zu geben als sich mit den Betreffenden über ihre „richtigen“ Probleme zu unterhalten und da Hilfe anzubieten und dann auch zu leisten, wenn sie angenommen würde…