Ich würde gern ein Thema zur Diskussion stellen, das mich schon seit längerer Zeit beschäftigt.

Da ich bei Besuchen in Großstädten alle paar Minuten stehen bleibe um zu fotografieren, bin ich wahrscheinlich schnell als Tourist erkennbar und werde vielleicht gerade deshalb sehr regelmäßig von wahrscheinlich obdachlosen Mitbürgern angesprochen und um etwas Geld gebeten.

Bei Anreden in der Form „Haste mal `nen Euro?“ bin ich eher abgeneigt, etwas zu geben. Ganz anders sieht es aus, wenn mein Bauchgefühl signalisiert, dass hier vielleicht wirklich jemand vor mir steht, der verzweifelt ist und jetzt und sofort Unterstützung braucht. Das trifft vor allem dann zu, wenn es sich um Obdachlose meiner Altersklasse handelt. Hier fällt es mir schon sehr viel schwerer, nichts zu geben.

In letzter Zeit habe ich mir deshalb für jeden Tag ein finanzielles Limit gesetzt. Wenn dieser Betrag aufgebraucht ist, war es das dann eben für diesen Tag. Leider habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass mich dann hinterher Bedürftige angesprochen haben, die es möglicherweise viel dringender als die Vorhergehenden gebraucht hätten….

Mich würde einfach interessieren, wie ihr mit solchen Situationen umgeht.

Besten Dank,
Patriarch
Ich gebe nach Gefühl und dann gebe ich gerne.

Doch neulich kam auf einem Parkplatz ein junger Mann zu mir, als ich zu meinem Auto ging.
Er gab mir einen zerknitterten Zettel in die Hand, darauf stand so in etwa
"Ich bin arbeitslos, finde keine Arbeit, meine Familie ist arm, wir haben nichts zu essen."
Er schaute mich abwartend an.
"Keine Arbeit? Ihnen kann geholfen werden", antwortete ich und zeigte ihm das Gebäude einer Arbeitsvermittlung in 150 Meter Entfernung.
Beschrieb ihm noch ein Fenster, in dem etliche Stellenausschreibungen hingen.

Dem jungen Mann fiel offensichtlich die Kinnlade bis auf den Asphalt. Er ging seiner Wege.
Ich laufe oft durch die Stadt, es sind wirklich viele, die auf völlig unterschiedliche Weise ihre Bedürftigkeit zum Ausdruck bringen.
Manche machen Musik, manche sitzen still auf dem Boden und heben nicht mal den Blick, manche schleppen ihr Hab und Gut mit sich, ich habe da auch noch keinen Weg für mich gefunden, ich glaube ich entscheide immer spontan ob ich etwas gebe, meistens tue ich es, aber manchmal sind es junge Menschen die in der Lage wären die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, denen gebe ich nicht immer was.
Am Bahnhof treffe ich oft eine alte Frau, die sammelt Flaschen.
Sie will gar kein Geld, sie wartet immer bis man ausgetrunken hat und fragt dann nach der leeren Flasche.
Mit dem Flaschenpfand kauft sie in der Bäckerei Vortagsware und füttert damit die Tauben. Sie sagt es wäre ein Hobby, das ihre Einsamkeit lindert.
Ich mag es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die außerhalb der "Normalen" Gesellschaft agieren.
Ob das deine Frage beantwortet, keine Ahnung.
Hallo nette Stierfrau,

Solche wie von Dir geschilderten Beispiele gibt es sicher; ich will da auch gar nichts irgendwie schönreden. Ich glaube aber, dass es auch mehr als genug Fälle gibt, wo Leute mehr oder weniger unverschuldet in Schief-/Notlage kommen und dann in Folge einfach keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen.

Nicht jede/r findet eine Arbeit, aus welchen Gründen auch immer… Ich möchte einfach nicht von einer wahrscheinlich kleinen Minderheit auf alle schließen…. Und eines ist natürlich klar: Wenn ich etwas gebe, dann gebe ich es ebenfalls gern und nicht aus irgendwelchen „Schuldgefühlen“ heraus….


Hallo EmmaKlein,
Es sind vor allem die Bedürftigen, die – wie Du so treffend schreibst – still auf dem Boden sitzen und nicht einmal den Blick heben, bei denen ich mich oft in einem inneren Zwiespalt wiederfinde. Vielleicht sind es ja gerade diese Leute, die bereits jegliche Hoffnung verloren haben und dringendst jede noch so kleine Unterstützung brauchen könnten.

Ich habe – wahrscheinlich genau so wenig wie Du auch – noch keinen Weg gefunden, wie ich mit diesen Situationen umgehen sollte….

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Wenn ich um Geld angebettelt werde, frage ich für was es verwendet werden soll. In der Regel heißt es, ich habe Hunger, ich gehe dann ins nächstmögliche Lebensmittelgeschäft, kaufe etwas zu essen und eine Flasche Wasser und gebe es. Was nicht immer für Begeisterung sorgt.
Geld gebe ich nie.
Fragt man sich, was sollen sie denn auf ihre Schilder schreiben,
außer, daß sie Hunger haben, keine Wohnung, keine Arbeit, krank sind,
etc. etc. ????
Sollen sie schreiben, daß sie keinen Bock haben, daß sie zum Betteln gezwungen werden ? Dass sie dringend Alk brauchen ????

Daß die Familie darbt, weil EINER keine Arbeit hat ?
Lach, in Deutschland nicht möglich.
Daß man in Deutschland verhungert ?
Auch nicht möglich.

Ich finde, man sollte die Leute so akzeptieren, wie sie sind,
oder es lassen.

Gebt ihnen Geld,
aber versucht nicht, sie zu erziehen, in dem ihr ihnen Lebensmittel kauft.

Keiner von euch weiß, wer zu Bettlerbanden gehört und wer nicht.
Aber wohl sehr, sehr viele. Die tun mir aber trotzdem leid.

Und wer Zweifel hat,
warum nicht einfach weitergehen und ignorieren ????

Will man sein eigenes Gewissen beruhigen ???

Und Gespräche führen und zu versuchen, in ihre Welt einzutauchen ?
Dient auch nur der eigenen Gewissensberuhigung.

Wie leicht ist es, jemand am Rande der Gesellschaft Ratschläge zu erteilen ?
Das kann vermeintlich jeder, denn jeder meint, er steht über dem Bettler und hat das Recht dazu.


Die stillen Bettler sind manchmal still, weil sie des Platzes verwiesen werden, wenn sie aktiv betteln.
Wenn ich etwas geben will, dann gebe ich es, ohne zu fragen.
Und diese neunmalklugen Umerzieher, die gehen mir auf die Nerven. :roll:
Ich glaube nicht, daß es einen Sinn hätte, nach dem Grund für das Betteln zu fragen.
Gerade die Leute aus den Bettlerbanden haben sicher Antworten parat.
Aber auch sie sind sicher arm dran.
Ich gebe auch aus dem Bauchgefühl heraus,
wobei ich die Bettler, die gar so aufdringlich sind meide.


Vor einiger Zeit ist mir oft eine Frau begegnet, sehr krumm und mühsam
am Rollator gehend. Ich hatte angenommen, daß sie Bewohnerin
des in meiner Nähe gelegenen Altenheims wäre, bis ich
sie mehrmals am anderen Ende der Stadt gesehen habe,
wie sie nach Flaschen (nur nach Flaschen?) in den Mülltonnen gesucht hat.
Ich hätte ihr gern geholfen, aber wie, ohne ihren Stolz zu verletzen?
Sie hat auch nie hoch geschaut.
Jetzt ist sie verschwunden, ohne daß ich etwas für sie getan hätte,
und ich überlege manchmal, wie ich hätte besser reagieren können.
Was meint Ihr?
Niemandem steht auf der Stirn geschrieben, ob er/sie wirklich der Hilfe bedarf oder aber nur auf Abzocke aus ist.

Es gibt Situationen, da spreche ich mir fremde Menschen an und frage, ob ich helfen kann.
Manche verneinen, einige sind erstaunt, andere dankbar.

Nicht jedem kann ich gerecht werden, meine Möglichkeiten sind so wohl finanziell als auch empathisch begrenzt.

Ich weiß nur, dass etliche Mitmenschen, die aus welchen Gründen auch immer der Hilfe wirklich bedürften, für sich ein Betteln ablehnen.
Ich fing an, über dieses Thema unterschiedliche Gedanken zu hegen, als wir Ende der 70er Jahre nach München zogen und mir dort und auch in umliegenden Städten bis nach Italien immer wieder bettelnde Frauen auf den Straßen sitzen sah, die ein Kleinkind auf dem Schoß sitzen hatten und deren Gliedmaßen zitterten.

Mir war schlagartig klar, dass nicht so viele junge Mütter zur selben Zeit dieselbe Krankheit haben können und dann auch noch ohne familiäre Hilfe dastehen.

Von persönlich realisierten Notlagen abgesehen, habe ich mich darauf beschränkt, denen zu geben, die z.B. Obdachlosenzeitungen verkaufen und dann 'optimiere' ich den Betrag. Die Freude in den Augen ist einfach toll!
ich finde, medianne, da hast du ein Thema angesprochen, halt das organisierte Betteln...

da würde ich im Leben keinen Cent in irgendeinen Becher werfen...

auf der anderen Seite gebe ich gerne, wenn ich das Gefühl habe, das ist richtig. Ich lass mich da einfach vom Bauch leiten.

Ich war vom Eingangsthread ein bisschen irritiert... ich habe kein tägliches Budget, das ich zum Spenden einplane... ehrlich, das habe ich so noch nie gehört. Hut ab, wenn man das so einplant
ich bin sehr wenig in großen Städten, in denen man stille oder aktive Bettler häufig trifft und habe deshalb auch nicht viel Erfahrung.

Aber wenn in unserer kleinen Stadt auf der Einkaufsstraße Menschen an den Hausmauern sitzen lasse ich immer im vorbeigehen ein Geldstück in den Teller fallen, schaue demjenigen in die Augen und grüße.

Etwas mehr fällt in einen Teller wenn es sich um Straßenmusiker handelt und es kann auch sein, dass ich ihnen auch sage wenn es mir sehr gut gefallen hat.

Ein Budget muss ich mir nicht setzen. Dazu sehe ich das nicht häufig genug.
Aber auch ich denke, dass diese Menschen, egal ob richtig bedürftig oder bandenbettelnd unterwegs sin immer mit Respekt zu behandeln sind.
Es sind Menschen wie Du und ich, lediglich in einer Situation, die unserer unterlegen ist. Also sollte man nicht noch "nachtreten".

Vielleicht noch ein kleines positives Beispiel, leider nicht repräsentativ:
samstags morgens bin ich immer gleich um 8 Uhr an unserem großen "E.." Markt gestanden um einzukaufen. Dann war mit viel Parkplatzfläche, wenig Käufern und viel Ruhe beim Einkauf zu rechnen. Dort stand neben einigen anderen Frühaufstehern immer ein Fahrradbesitzer mit etlichen Taschen an seinem Fahrrad. Flaschensammler. Er war zwar sauber gekleidet, aber man sah ihm schon an, dass das Sammeln der Flaschen seinen Grund hatte.
Wenn man nach der Ankunft an die noch geschlossene Eintrittstür kommt, grüßt man hierzulande. Der Gruß wird erwidert und gut ist.
Und über die Zeit von einigen Jahren grüßen wir uns auch falls wir uns an anderer Stelle begegnen. In der Zwischenzeit hat sich in seinem Leben m.E. positives verändert. Er ist jetzt in nicht nur sauber, sondern gut gekleidet und ich glaube entdeckt zu haben, dass auch sein eigenes Selbstwertgefühl erwacht ist.
Ich freue mich für ihn und lächele beim grüßen.
Vielen Dank für Eure Meinungen und Hinweise zu diesem Thema!

Ich befürchte allerdings, ich habe mich etwas missverständlich ausgedrückt, was mein „tägliches Budget“ angeht:

Das ist bei weitem nicht so generös, wie es vielleicht klingen mag.

Einerseits wohne ich in einer Gegend, in der es schlichtweg keine stille Bettelei gibt, so dass ich wirklich nur bei den erwähnten Städtereisen (alle ausschließlich in Deutschland) damit in Berührung komme.

Andererseits setzt sich dieses „Budget“ – der Begriff ist wirklich unglücklich gewählt, das merke ich jetzt selbst – zusammen aus Kleinigkeiten, auf die ich dann eben verzichte (z.B. den abendlichen „Absacker“ in der Hotelbar oder das zweite Glas Wein beim Mittagessen oder so). Also nichts, was in irgendeiner Hinsicht bemerkenswert wäre.

Übrigens, „stilles Betteln“ bedeutet nicht, dass die bettelnde Person nicht auch durch eine dezente Anrede auf ihre Bedürftigkeit aufmerksam machen kann – es ist die in Deutschland erlaubte Form des Bettelns im Gegensatz zur „aufdringlichen Bettelei“ (Anfassen, in den Weg stellen, ..), die dann auch eine Ordnungswidrigkeit darstellt.

Bettelei im Ausland bei Urlaubsreisen ist für mich ein völlig anderes Thema. Da habe ich auch schon genug Lehrgeld bezahlt und verhalte mich dementsprechend.

Es sind eher die Situationen, wie sie z.B. Flesermutzel mit der alten flaschensammelnden Frau („sehr krumm und mühsam am Rollator gehend“) beschreibt, die mich berühren.
Aber genau hier habe ich Hemmungen, diese Leute aktiv anzusprechen und zu versuchen, etwas für sie zu tun. Zu groß wäre mir das Risiko, überheblich oder arrogant ´rüberzukommen und beleidigend zu wirken.

Melissa, ich sehe es ähnlich wie Du: Ich würde mir auch nie anmaßen, ungefragt irgendwelche Ratschläge geben zu wollen. Und ich gebe Dir absolut recht – das Ganze hat viel mit der „eigenen Gewissensberuhigung“ zu tun...

Nochmals vielen Dank für Eure Antworten! Es ist immer wieder interessant, sich mit unterschiedlichen Auffassungen auseinanderzusetzen.

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@Flesermutzel

Ich habe schon häufiger Menschen einfach angesprochen, ob ich ihnen mit
diesem Geldschein, den ich dann schon immer parat hatte, weiterhelfen könne.
Alle haben mit einem strahlenden Lächeln angenommen.
Sollte jemand mal nicht einverstanden sein, entschuldigte ich mich und ginge meines Weges.
In diesem Fall hätte ich damit Hemmungen gehabt, Gepardin.
Es war mir nicht einmal möglich, Blickkontakt aufzubauen.
Diese Frau war nicht nur körperlich sehr gebeugt.
Da geht es mir so, wie Patriarch schreibt, ich hatte Angst, ihren Stolz
zu verletzen. Ich habe auf eine passende Gelegenheit gewartet,
aber jetzt ist es wohl zu spät.
Manchmal ist es trotz gutem Willen schwer zu helfen.