Mir wurde augenblicklich übel.

"Hansi," hauchte ich, "das kann ich nicht essen.", während ich mit einem Erfrischungstüchlein meinen Teller abdeckte.

Irgendwie war meine gute Laune etwas verflogen. Ich spürte wie tief die Ablehnung des Verzehrs von Fleisch in mir bereits verankert war.
"Hansi, wirst Du mich bitte kurz entschuldigen?"

"Ja bitte, Trude, wo willst denn aber auch hin?", hörte ich ihn nur noch entfernt sagen, als ich schon vor der Tür des Restaurants stand.
Ich kämpfte stark mit mir um mich nicht nochmals übergeben zu müssen.
Hätte ich Hansi nur gesagt, dass ich kein Fleisch essen kann, schoß mir gerade durch den Kopf, als plötzlich der freundliche Consierge neben mir stand und sich nach meinem werten Befinden erkundigte.

"Danke, danke, es geht mir gut. Sehr freundlich ihre Nachfrage."

" Ich war etwas besorgt, als ich sie vorbeigehen sah, gnädige Frau. Ich hoffe, dass sie die herrlich frische Luft unserer Berge erfrischen wird."

Sagte es und zog sich genau so schnell wieder zurück wie er aufgetaucht war, sodass ich mich erst gar nicht nochmals bedanken musste.

Und Trude was nun? Du gehst zurück und lächelst deinen Allgäucharmeur mit dem freundlichsten Lächeln an, das dir jetzt noch möglich ist, dachte ich, als mich meine Füße flinken Schrittes zu den Toiletten und dann wieder zurück ins Restaurant trugen.

Die Kellner hatten die Teller mittlerweile abgetragen und Hansi empfing mich mit einem Blick, als wollte mich das linke Auge fragen: Haserl geht es dir gut und das rechte: ja mei, was hast denn Herzerl.

"Geht es dir wieder besser, Trude. Siehst etwas mitgenommen aus."

"Danke, Hansi, es geht mir gut."

"Darf dann der Ober die Nachspeise auftragen?", fragte er mit einer Unschuldsmiene, die mich schon wieder heimlich fragen ließ, ob dieser Mann überhaupt irgendwelche Möglichkeiten hatte, durch die ihm das Wesen Frau etwas verständlich werden konnte.

"Danke Hansi, ich kann kein Dessert mehr zu mir nehmen!", gab ich ihm etwas teilnahmslos zurück.

Warum, Trude, warum tust du dir und ihm das alles an, schoss es immer wieder durch meinen Kopf. Hättest Du ihm doch gesagt, dass dir ein Gläschen Wein und ein Stückchen Käse in einer zünftigen Jause viel besser gefallen hätte, als dieser total verkorkste Abend.

Nach dem Hansi die Rechnung abgezeichnet hatte, saßen wir relativ schnell wieder in seinem Oldtimer, den der Consierge hatte vorfahren lassen.

"Hansi, es tut mir leid, dass ich dir den Abend verpatzt habe. Du hast sicher sehr viel Geld ausgegeben, um mir einen Gefallen zu tun und ich habe nichts ausgelassen, um dies zu vermiesen."

"Lass gut sein Trude. Jetzt weiß ich dass Du Vegetarierin bist. Isst du dann auch keinen Käse?"

"Ich liebe Käse über alles. Eier esse ich auch und Kuchen, die mit Eiern gebacken sind."

"Käse isst Du also. Dann lass uns den Abend bei der Resi beschließen. Resi macht den besten Bergkäse weit und breit."

Plötzlich gab Hansi Gas und fuhr in rasanter Fahrt weiter den Berg hinauf. Ich staunte, welche Kraft im Motor dieses doch schon etwas älteren Autos steckte. Von ferne sahen wir noch ein spärliches Lichtlein in einer Almhüttenwirtschaft mit dem Orts typischen Namen "zur Greitner Resi".

Zu meinem Erstaunen stand hinter dem Tresen eine junge fesche Frau, der mein Hansi wohlbekannt war.

"Hallo Resi, hast noch a Stückerl Kas für uns?", fragte Hans sie mit einem prächtigen munteren Lächeln im Gesicht.

Nach kurzer Zeit fuhren wir mit einem großen Stück Bergkäse, einem Laib Brot, einem gesalzenen Radi, zwei Flaschen Südtiroler Rotwein, einem Obstler und zwei Flaschen Mineralwasser in einem Jausekorb talwärts bis zu einer Aussichtsplattform, auf der Hansi den Motor wieder abstellte.
Der volle Mond verlieh dem vor uns liegenden Allgäuer Hügelland einen ganz besonderen Zauber.

Den Zauber einer ganz besonderen Nacht, dachte ich noch kurz, als Hansi mich auf der massiven Holzbank wärmend und beschützend in seine kräftigen Arme schloss.
Doch ich spürte, wie ich mich innerlich zurückzog.
Im Alltag, zu Hause. war ich die Macherin, sagte + bestimmte, wo's lang ging.
Und hier wurde einfach die Regie von diesem -allerdings sehr sympathischen und charmanten- Urgestein übernommen.
Und ich ließ mich darauf ein !
Aß Fleisch ! Nun gut - nicht ganz,
Ließ mich umarmen - was nicht unangenehm war.
Als heute Hermine dabei war, war ich mutig, flirtete, schäkerte mit ihm,
aber jetzt -
hier oben in der Dunkelheit...
Will der mich betrunken machen ? fuhr es mir durch den Kopf.
2 Flaschen Rotwein + einen Obstler hat er sich einpacken lassen.
Auf leeren Magen reicht bei mir nur der Blick auf ein Sektglas und ich liege unter'm Tisch.
Er kann das ganze Zeug ja wohl nicht allein trinken wollen
schließlich muß er noch Autofahren
oder muß er mich schön-trinken ?
Ich fand mich gutaussehend, aber meine herben Züge sind ja nicht jedermanns Sache
es gibt Männer, die ziehen tatsächlich die pfannkuchige Hermine vor
verzeih, Hermine, ich wollt' nicht schlecht über Dich reden
aber bei Männern (und Geld) hört die Freundschaft auf.
...hansis spürte wohl meine Sperrigkeit und murmelte: "fei, trudchen, gefallt`s dir net? Lass doch einfach mal das Denken sein..." und drückte mich etwas fester gegen den kratzigen Stoff der Jacke, reine Allgäuwolle. Und ich konnte es nicht ändern, wie ein lähmendes Gift floss die Anziehungskraft durch meine erschlafften Glieder und ich ließ einfach los und genoss das Gefühl von Geborgenheit. Warum denn auch nicht. Ich war hier und jetzt und nach einigen Fehlschlägen fühlte ich mich doch wohl. Wieviele derartige Gelegenheiten würde es noch geben - und was er dachte - was kümmerte es mich? Sollte er die Führung übernehmen.
Und das tat Hansi dann auch, ich überließ mich ihm, ließ die Zärtlichkeit hochkommen und murmelte dummes Zeug, was mir gerade so in den Sinn kam. Zum Beispiel "meine kleine Stopfleber...."
Jetzt war es an Hansi, sich zu versteifen. "Was sagst da - Stopfleber? Wie kommst denn jetzt auf sowas? "

"Ach Hansi, das klingt einfach so schön - Stopfleber - mir war halt danach...."

"Bist schon ein verrücktes Huhn...." meinte Hansi, jetzt doch verunsichert über meinen Geisteszustand.

Schade, er verstand mich nicht. Er verstand nicht meine Freude an Lautmalereien. "Stopfleber".....wie zärtlich das klang.
"Schau Hansi, da war eine Sternschnuppe!", versuchte ich die Diskussion über die Stopfleber Romantik zu beenden.

"Wo denn ......?", hauchte mir Hansi in mein rechtes Ohr und kam mir dabei mit seinen Lippen ganz nahe.

Ich drückte mich wortlos und mit sanftem Druck an seine Brust und nistelte dabei mit meinen Schultern ein wenig an Hansis Oberkörper herum.

"Du duftest sehr fein, Trudchen .....!", lispelte mir eine angenehme Männerstimme erneut in mein Ohr.

"Ach Hansi, außen dufte ich nach Rosen, aber innen drin, wonach glaubst du, werde ich da wohl duften?", gab ich ihm leicht seufzend zurück.

"Innen, liebe Trude, rieche ich den Duft von edlen Hölzern, von fernöstlichen Gewürzen, in dir höre ich das Meer rauschen und die Sehnsucht singen."

Nach dieser Offenbarung meiner Seele löste ich mich von Hansi, drehte mich ihm zu, hockte mich auf der Bank vor ihm hin und küsste ihn auf sein Gesicht.

Hansi stand so auf, dass die Bank zwischen seinen Beinen war, hob mich auf, nahm mich wie ein junges Mädchen quer auf seine Arme und trug mich frei schwebend bis zum Rand dieser Plattform, schwenkte mein Gesicht unter den Mond und sagte mir: "Trude, einen Sohn kannst auch du mir nicht mehr schenken, aber würdest Du mit mir einen adoptieren?"

Diese Frage kam so unerwartet, dass sich meine Stimme der Kontrolle des Gehirns total entzog und ein laut vernehmliches "Ja" von sich gab.

Als ich kurz danach zu strampeln begann, stellte mich Hansi zwar wieder auf die Beine, zog mich aber gleichzeitig sanft doch bestimmt an sich, um mich auf den Mund zu küssen. Ich ließ ihn gewähren.

Irgendwie begann Hansi mich in seinen Armen zu wiegen und aus dem Wiegen wurde der schönste Walzer meines Lebens.
Die ganze Plattform war unser Tanzsaal und der Mond schaute milde lächelnd auf die zwei Herzen im Drei-Viertel-Takt.

Einige Zeit danach fuhr Hansi heiter und beschwingt das Tal hinunter, bog aber kurz vor der Auffahrt zu seinem Hofgut links in den Wald ein.

"Hansi, wo fährst du denn jetzt hin?"

"Gleich sind wir da, dann wirst es sehen! Trudchen, liebes Trudelein, komm und sei mein!", trällerte er mit lausbübischem Grinsen grad so vor sich hin.

Aus dem fahrenden Auto konnte ich nicht springen und der Südtiroler Rotwein hatte sein Übriges getan. Doch als ich die kleine Almhütte sah, schwante mir Schlimmes.

"Hansi, willst du etwas beenden, was gerade so wunderbar begann?", fragte ich plötzlich so laut, dass Hansi die Lust am Singen verging und sogar den Motor abwürgte.
Leicht erschrocken sah er mich an und meinte nur, dass ich ihm verzeihen möge, aber das läge bei ihm vermutlich so in den Genen.
Fahren wir also heim, stotterte er so vor sich hin, während er nach dem Autoschlüssel griff.

"Hansi, Dummkopf, ich wollte schon immer mal in einem Heuhotel übernachten."

Völlig verwirrt starte er den Motor, fuhr noch die paar Schritte bis zur Hütte weiter und trug mich wie ein junges Mädchen ins Heu.

"Spitzbub, Du, woher wusstest Du, dass ich lieber mit dir im Heu die Heimchen zirpen hören möchte, als in meinem Zimmer das Schnarchen von Hermine zu ertragen?"

Durch eine Ritze in der Wand fiel das gleißende Mondlicht auf Hansis Hand, als er gerade die oberen Knöpfe meiner Dirndlbluse öffnen wollte. Schnell griff ich danach und küsste sie gerade so, als wollte ich sie segnen, bevor sie ihr teuflisches Werk vollführte.

Hansi war so stillschweigend von mir ermahnt worden, meine Seele nicht zu verletzen indem er gewisse Grenzen zu überschreiten versuchte.
Schließlich hatten wir uns vor etwa zwölf Stunden zum ersten Mal gesehen, wenngleich es mir immer mehr so vorkam, als hätten sich da zwei Seelen getroffen, die sich schon vor geraumer Zeit gefunden hatten.

Hansi massierte mit einer Zärtlichkeit meinen Kopf und meine Stirn, dass ich nicht umhin kam, ihn für seine Feinfühligkeit liebevoll zu loben.
Als mir Hansi erklärte, dass alle Allgäuer Milchbauern solch feinfühlige Hände hatten, konnte ich einen lauten Brüller nicht unterdrücken.
"Und welche Kuh hast Du eben von ihrer Milch befreit, Hansi? Bin ich die Berta, mit dem 24 - Liter - Euter oder die zickige Resi, die sich einfach nicht gerne ans Euter fassen lässt?", scherzte ich zwischen zärtlichen Küssen im Heu mit einem Mann, in dessen Stimme ich mich schon längst verliebt hatte, bevor ich den Cowboy aus Amselschwang zum ersten Mal leibhaftig vor mir stehen sah.
Am nächsten Morgen weckte mich ein wahres Vogelkonzert.

http://www.youtube.com/watch?v=VDLUziZt4U8

Erste Sonnenstrahlen lukten durch die Ritzen der Wände und kitzelten mich in der Nase - vielleicht war es aber auch das Heu, weshalb ich niesen mußte und damit Hansi weckte.

"Naaa, Schlafmützchen ?" neckte er mich, "du hast dich gestern abend ja schnenell 'verabschiedet ! "
"Moin, Hansi," Ich reckte und dehnte mich.
"Ich habe wunderbar geschlafen. Habe mir schon immer gewünscht, im Heu zu schlafen - Nächtigen in einem Heuschober - das hat 'was ! Ich wurde an meine Kindheit erinnert, als wir, auf der Fahrt nach Österreich, in Heuschobern bei den Bauern schlafen durften."
"Und am nächsten Morgen gab es dann ein kräftiges Bauerfrühstück ?"
"Ja genau ! Woher weißt du ... ?"
"Weil es das jetzt auch geben wird !"
...
Was war gestern denn n o c h gelaufen ?
Ich hatte von einem Baby geträumt. Du meine Güte, ich bin 60 und träume von einem Baby ! Ich sollte mit dem Kind englisch sprechen, doch ich konnte gar kein Englisch.
Gut, dachte ich in meinem Traum, dann fang' ich eben an, mit ihm gemeinsam Vokabeln zu lernen.
Adoption ! Ich hatte einer Adoption zugestimmt. Ach herrje. Konnte das rückgängig gemacht werden ? Unterschrieben hatte ich doch nichts...


Mittlerweile waren wir bei Hansis Hof angekommen. Schon draußen vor dem Haus, wo Hans den 300 SL abstellte, war der Kaffeeduft zu riechen. Aus der Wohnküche scholl uns Gelächter entgegen. Das waren aber mehr als 4 Stimmen oder konnten die sooo einen Radau machen ..?!
..
Das Herz schlug mir bis zum Halse, der Schweiß lief mir den Rücken herunter.
Nein, nicht jetzt, stöhnte ich innerlich, das kann ich nun gar nicht gebrauchen.

"Danke," krächzte ich wie eine alte Krähe, oh Gott, wo ist das nächste Mauseloch ? :(
Besorgt schaute mich ein braunes Augenpaar an. Augen, in die ich hätte versinken mögen. Und diese Wimpern ! Wie kann ein Mann nur dermaßen schöne Wimpern haben, dicht, buschig und schwarz... der wird sie doch nicht gefärbt haben...
Nein, Trude...

Kräftige Augenbrauen, im Farbton schwarz mit weiß
dazu ein Dreitagebart
sinnliche weiche, lächelnde Lippen, die leicht geöffnet sind.
Sind die Zähne echt ?
und Haare ... oder könnte man sagen, Glatze ? Das, was an Haaren zu sehen war, war ordentlich gestutzt auf 3 mm
Es war um mich geschehen. Keine Frage. Ich war verloren. Vom Blitz gestroffen sozusagen. Oh nein, wo sollte das hinführen... ?

Allmählich nahm ich die Stimmen um mich herum wieder wahr.
"Na, geht's wieder, Trude ?"
..
Und dann bemerkte ich den Schmerz :
der erste Schreck war vorüber, und nun breitete er sich aus. Strahlte vom rechten Knöchel die Wade hoch, dumpf, pochend - und mir wohlbekannt.
"Murphys Gesetz" : Wenn Du denkst, das war's, kommt's erst recht dicke (oder so ähnlich)

Ambrosius Mayer war sofort neben mir.
"Um Himmels Willen, liebe Frau Schilling, sie machens aber auch Geschichten", rief er, und half mir, mich aufzurichten.
Ein Blick auf meinen Knöchel bestätigte meine Vermutung: er war angeschwollen und begann, sich zu verfärben : 'Distorsion des Sprunggelenks'hörte ich seine (des Knöchels) Stimme.
Ein Foto meines Fußes könnt Ihr übrigens bei http://de.wikipedia.org/wiki/Verstauchung
ansehen - haben wir gemacht wegen der Versicherung. Wie kann man nur sooo einen Fußboden haben, ist ja lebensgefährlich !!

Und dann kniete Hansi an meiner Seite.
"Sie muß den Fuß den Fuß hochlegen," hörte ich die Stimme des alten Sepp.
"Ich hol Schwedenkräuter," rief Hansis Ex.
"Ehrentrude, musstest du uns jetzt den Spaß verderben ?" maulte das Pfannkuchengesicht.
'Hermine hat sich verändert' schoß es mir durch den kopf. 'Manchemal könnte ich sie zum Mond schießen.
..
Plötzlich fühlte ich mich hochgehoben: Hansi trug mich wie ein Baby auf kräftigen Armen und brachte mich in unser Zimmer.
Meine Freundin marschierte hinterher :"Na, das war's dann wohl mit Urlaub auf dem Bauernhof", maulte sie.

Johanna Hintermayer kam mit der Flasche Schwedenkräuter (nach einem Rezept von Maria Treben) und Geschirrtüchern.
"Keine Sorge, Frau Schlageter," beruhigte sie fröhlich meine Freundin, während sie mir die angefeuchteten Tücher um den Knöchel wickelte,"dieses Zeug wirkt Wunder ! "

Ambrosius hatte währenddessen ein paar Schmerztabletten besorgt, die er mir mit einem Glas Wasser reichte.
Soviel Aufmerksamkeit gefiel mir, vor allem konnte ich in dem ganzen Gewusel heimlich Ambrosius beobachten. Diese Augen...
Und dann schloss ich die meinen. Mit diesem Bild von einem Mann würd' ich gern einmal...ja, was denn ? Ach Leute, verschwindet doch alle...Nein, du nicht, Ambrosius...Wenn ich jetzt aber ganz fest dran glaube + es mir ganz doll wünsche, sagte das kleine Mädchen in mir...
ich bemerkte, dass meine Gedanken durcheinander gerieten, lies sie laufen, übereinander stolpern und sich verheddern, sollten sie doch, schlafen in Ambrosius Armen....
Wabbernde Dunkelheit umnebelt mich, von irgendwo erklingen Töne, Musik, ein hämmernder Rhythmus,
wam wamm wamm
Mein schönes Kind aus der Dunkelheit
Mein Blut kocht unter der Haut
Du trägst die Nacht wie ein Hochzeitskleid
Komm zu mir denn du bist meine Braut

wo bin ich
was ist denn jetzt los ?
Wirklichkeit und Traum vermischen sich.

Und dann mischte sich ein Duft, ein Aroma in meine Wahrnehmung...
an was erinnerte mich das ?
Braune Agen, dichte Wimpern....Amborius !
Ambrosisch bedeutet unsterblich, göttlich, von göttlicher Natur....
Dieser Gott von einem Mann saß neben mir, auf meiner Bettkante, hielt seine Hände über meinem rechten Fuß...
"Was tust Du, äh was machen Sie ?"
"Wie geht es dir," wollte er wissen und ignorierte meine Frage.
"Was tun Sie da?" wiederholte ich.
"Reiki" entgegnete er schlicht.
"Wie ?"
"Ich schenk dir Energie. Ich hoffe, du bist damit einverstanden."
"Ich könnte ganz woanders Energie gebrauchen..." Kaum wach, wurde ich schon wieder keck
"Soooo ? Wo möchtest Du denn noch Energie bekommen ?"
Seine dunklen Augen waren dicht über mir.
Verschämt drehte ich den Kopf zur Seite. "Reiki ist schon ok", murmelte ich.
Reiki - einige meiner Freundinnen konnte Reiki, was immer das war. Sie hatten Kurse an der Volkshochschule besucht, auch Astrologiekurse, Klangschalenmassage und Selbsterfahrungsgruppen. Mir ging leider der Sinn dafür ab - ich musste schließlich Geld verdienen. Mich durchschlagen. Stark sein. Ja, ich konnte mit zahlungsunwilligen Kunden verhandeln, meine ständig wechselnden wenigen Angestellten zu einer Gehaltskürzung und Überstunden überreden, das Finanzamt betrügen. Das konnte ich.
Aber vor dieser gelassenen Ruhe, diesem freundlichen, wenn auch etwas bohrenden Blick fühlte ich mich schwach. Schwach und alt. Alt - wie sah ich überhaupt aus? Von der Wimperntusche konnte ich nicht mehr viel übrig sein, das Make-up wahrscheinlich brüchig wie alter Bilderfirnis, ganz zu schweigen von der Haut darunter. Von einer Frisur konnte sicherlich keine Rede sein, dazu ein geschwollener Knöchel, die Besenreiser darüber nicht zu verleugnen.

Wie kam ich überhaupt darauf, dass er etwas von mir wollte? Er war einfach nur nett. Nett und edel - edelmütig, fast ein Heiliger. Ich raffte meinen letzten Rest Würde zusammen und fragte: "du kannst Reiki? Brauchst du das beruflich? - Ich meine, bist du Heilpraktiker?"

"Trude, entspann dich einfach, ok?" lächelte Ambrosius.
cron