filofaxi hat geschrieben:

„Werde (in der stofflichen Realität), wie du (es in deiner geistigen Vorstellung bereits) bist“ gilt als „Zielvorstellung zur Selbstoptimierung“ für jeden Idealisten, der sich nicht mit dem begnügen will, was er bereits geworden ist, ...


Werde, der du bist

...heißt es und nicht „Werde, wie du bist“. Wer – wie auch immer – den Satz abwandelt, greift daneben, erfasst nicht seinen wahren Sinn.

Da wir nicht mehr dem alten cartesianischen Weltbild anhängen, unterscheiden wir auch nicht mehr zwischen Materie und Geist, sondern nehmen beides als – jeweils weitere Dimension des anderen, oder gleich als – zusammengehöriges und untrennbares Ganzes wahr.


>>Jedes Tun ist Erkennen
und jedes Erkennen ist Tun.<<


(Humberto Maturana und Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bern, München, Wien: Scherz-Verlag, 1987, S. 31)


Wir existieren nur in der Gegenwart des Hier und Jetzt, die niemals abreißt, sondern sich immerzu fortsetzt von Moment zu Moment, in einem ewigen Strom des Seins, den wir „Zeit“ nennen. Alles was sich außerhalb unseres gegenwärtigen Erlebens befindet, können wir dank der Abstraktionskraft unseres Geistes zwar gedanklich darstellen und anhand der Darstellung bearbeiten, um damit eine Aufgabe zu erfüllen (z.B. aus vergangenen Fehlern lernen, Ressourcen verwalten, Ziele formulieren usw.), aber wir müssen uns unterdessen bewusst halten, dass diese abstrakten Bereiche nicht das Leben selbst, sondern nur Hilfskonstruktionen dafür sind, um in der Gegenwart gute Entscheidungen treffen zu können.

Die optimale Perspektive für solche Rück- bzw. Voraus-Schauen nimmt ihren Standort daher immer in der gegenwärtigen Aufgabenstellung ein, die sich um das Wohl der Menschheit als Ganzes zu kümmern bereit ist.

Eigentlich ist es gar nicht so schwer, sich das nicht-lineare Denken als einzig wirklich optimal für den Umgang mit komplexen Systemen vorzustellen. Denn alles, was wir sind und was uns umgibt ist komplex. Manche haben das schon in der Antike erkennen können, andere wollen es heute noch nicht einsehen. Da kann man nichts machen. Aber wer es erkannt hat und es weiß, ist in der Lage, seine Wirklichkeit und seine Möglichkeiten, diese zu gestalten, neu wahrzunehmen – und danach zu handeln. Das trifft natürlich auch auf soziale und gesellschaftliche Systeme zu.

Besonders beeindruckend finde ich es, dass die betreffenden Forschungsergebnisse der zeitgenössischen Physik und anderer Wissenschaften, wie zum Beispiel die der Neurobiologie, mit den Inhalten uralter Weisheiten korrelieren!

Mir bleibt dann völlig unverständlich, dass manche stattdessen lieber auf völlig unwissenschaftliche esoterische Glaubenssysteme (Numerologie, Astrologie, Geisterbeschwörung usw.) oder auf einzelne Bestandteile exotischer religiöser Glaubenssysteme (Reinkarnation aus dem Hinduismus usw.) zurückgreifen, die ihre Wurzeln in ganz anderen Zeiten und Kulturen, in eher beschränkten Erfahrungsbereichen, Riten und religiösen Vorstellungen haben.

Ich denke zwischen beiden Phänomenen – der Leugnung des nicht-linearen Denkens und der Vorliebe für einfache Symbolsysteme wie der Astrologie – existiert eine Verbindung:

Die Betreffenden machen sich die Welt einfacher und überschaubarer, als sie in Wirklichkeit ist, um (vermeintlich) besser mit ihr und sich selbst darin klar zu kommen.

Sich vorzustellen, dass es nur 12 Menschentypen gäbe und dass jedes individuelle Schicksal vorausbestimmt wäre und aus astronomischen Konstellationen unseren Sonnensystems abgelesen werden könnte, scheint den Betreffenden eine gewisse Überschaubarkeit über das Leben an sich und damit eine Sicherheit zu vermitteln, die für sie offenbar gut als Ersatz für die manchmal in der Tat beängstigen könnenden Einsichten in die eigentliche Komplexität alles Seienden fungiert.





Werde, wer du glaubst, zu sein.
Oder - werde, wer zu sein du dir wünschst.

Der wahrhaftige Blick der Erkenntnis auf das Ich wäre zu schmerzhaft.
Da ist zuviel vom Affen und vom Schwein drin.

Da helfen 1000 Worte und zwanzig belehrende links nicht.

.. und wenn sie auch die Absicht hat, den Freunden wohlzutun, so fühlt man Absicht, und man ist verstimmt."

Was hast Du denn gegen Affen und Schweine? :wink:
Ob Affen, Schweine oder Menschen – wir sind alle hochkomplexe Wunderwerke.


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@ Fumaria1

….Wozu braucht man dann das FUTUR 2. das ja die Zukunft zu gewordener Relität erklärt? …


Es reicht bereits das einfache Futur, wenns um die geistig vorwegenommene, d.h. um die vermutete Zukunft geht. Dabei suggeriert die Vermutung etwa bei der Formulierung: „Nachdem ein spezieller Umstand eintreten wird, muss daraus unweigerlich folgendes entstehen....!“, dass der Umstand als Voraussetzung für die Folgerung bereits eine gesicherte Tatsache sei, was sie aber nicht sein kann, solange sie sich noch in der Zukunft befindet.

Also muss man dabei korrekterweise den Konjunktiv verwenden, indem man sagt: „FALLS ein spezieller Umstand eintreten wird, muss daraus unweigerlich folgendes entstehen...!“, wobei lediglich das Verhältnis einer ganz speziellen Ursache und ihre ebenso spezielle Folge geschildert wird, was nicht bedeutet, dass dieser Umstand auch tatsächlich eintreffen wird, und auch nicht, ob die vermutete Folge auch tatsächlich diejenige einzige Möglichkeit ist, die aufgrund dessen nicht nur zur Realität werden KANN, sondern sogar werden MUSS.

…..Und woher weiß das Rettende, wo das kommende Verderben sein wird?......


Das kann der Rettende nicht wissen, bevor das Verderben eingetreten ist, sondern nur vermuten. Da ein Weltuntergangsverkünder wohlweislich den Zeitpunkt des Weltuntergangs offen lässt, um nicht drauf festgenagelt werden zu können, kann er sich immer rausreden damit, dass es eben noch nicht so weit sei.

Die dazu gehörige Ursachenzuschreibung einer Sünde gegen Allah, Jahwe, Zeus oder sonstwen, wodurch die Sündflut angeblich ausgelöst wird, lenkt die Aufmerksamkeit vom Willen eines allmächtigen Schöpfers ab und statt dessen hin auf die noch mächtigeren Menschen, die angeblich so mächtig sind, mit ihrem eigenwilligen Ungehorsam entweder den Zorn ihres Schöpfers auf sich ziehen, oder aber ihn besänftigen zu können, indem sie sich in das fügt, was dessen Profeten stellvertretend für ihn selber von ihnen verlangen.

Ansonsten kann man als Gote auch prima Alles, was gut für Einen selber ist, mit dem Willen „Gottes“, bzw. seiner Priester rechtfertigen, während man das, was schlecht für Einen ist, mit dem Willen Allahs, Jahwes, oder Zeus etc, und deren Priestern begründet, um als der Stärkere nur nicht selber für seine eigenmächtigen Entscheidungen zum Nachteil der Schwächeren zur Verantwortung gezogen werden zu können.

Wie oft Vermutungen über die Zukunft, welche damals noch nicht da war, richtig oder falsch waren, kann man gut statistisch nachweisen, sodass eine nachträgliche Täuschung ausgeschlossen werden kann.

Aber selbst wenn es dabei eine Überzahl von richtigen Prognosen gegenüber falschen gibt, sagt das noch gar Nichts darüber aus, WARUM die Vermutungen richtig waren, denn bekanntlich gibt es auch bei den Schafen oder Pflanzen in der Natur genügend Exemplare, die – weil sie eben auch nur von dem gegenwärtigen Zustand der Dinge ausgehen können – Entscheidungen treffen, die nicht zu der zukünftigen Realität passen, sodass sie kläglich zugrunde gehen müssen.
Zu "ich werde zu der, die ich bin" und der Religionskritik...Der Ursprung dieses Sinnsprüche hat seine Wurzel in der Religion, z. B. in der jüdisch/christlichen Spiritualität... Die Dinge nicht materiell zu begreifen, nicht eingegrenzt in einen Utilitarismus, in ein Werkzeug, das zu irgend etwas nutzt... im Zustand der absoluten Glückseligkeit fragt der Verstand mich nach dem gestern oder morgen, nach dem worum und wozu... es ist das unbegrenzte schwerelose Wohlgefühl. Das lehren uns die Mysterien verschiedener Religionen (vielleicht aller, wenn man sie versteht?), z. B. im Kabbalismus als Essenz sldes spirituellen Judentums, im Sufismus als Essenz des spirituellen Islam, im Buddhismus.... Jaweh bedeutet übersetzt "ich bin, die ich bin/oder ich bin, der ich bin" denn Jaweh ist männlich und weblich, ist universell. In ihm ist dein Spiegel, deine Selbstfindung enthalten, indem du erkennst, du bist, die/der du bist. Nicht mehr und nicht weniger. Gleichzeitig dienten Religionen dazu, Kulturen zu sortieren, das Miteinander zu regeln und sind aus der Geschichte zu betrachten... leider zu oft missbraucht oder missdeutet. In diesem Fall dann die Projektion des Menschlichen in ein mächtiges Gottesbild, der Beginn aller Kriege. Insofern gebe ich Euch in Eurer Kritik Recht und nicht Recht. Alles fließt, pantha rei... Wussten schon die Griechen.

@ Shanara

Vielen Dank für die interessanten Einblicke in die möglicherweise religiösen Zusammenhänge!

Der Ursprung des Sinnspruchs „Werde, der Du bist“ wurde hier einige Seiten vorher schon behandelt. Die Urquelle entspringt der Weisheit der griechischen Antike:  Er stammt von dem Dichter Pindar (522-446 v.Chr.) – entstand also lange Zeit vor Entstehung des  Christentums. Da das alte Testament des Judentums ab ca. 600 v. Chr. entstanden sein soll, könnte es hier allerdings zeitlich und zumindest theoretisch eine Korrelation gegeben haben. 

Allerdings besteht zwischen „Werde, der du bist“ und dem biblischen „Ich bin, der ich bin“ (eigentlich: „Ich bin der ICH-BIN-DA“) ein wesentlicher Unterschied: Während ersteres ein Appell an den Menschen ist, sein Potenzial auszuschöpfen, wird letzteres im AT als Selbstbekenntnis und Botschaft Gottes dargestellt. 

Die Bibelstelle mit dem brennenden Dornbusch, als Gott zu Moses sprach lautet so:

Ich bin der ICH-BIN-DA, wirklich und ganz da – für euch. Nicht irgendwann und irgendwo, sondern immer und überall, jetzt und hier. Ihr müsst mich nicht erst herbei beten, vor euren Gebeten bin ich schon bei euch. Das ist mein Name für immer.“

Sehr beeindruckend! 

Aber nun mal anders als das menschliche „Werde, der Du bist“.




Israelische Forscher haben herausgefunden, was Moses eingeworfen hatte, um einen brennenden Dornbusch zu sehen und die angebliche Stimme Gottes zu hören, als er damals Plagiate der viel älteren Gesetzgebung des Hamurabi erstellte. Jede Religion fußt auf schamanischen Trancetechniken und ihren Drogenberichten. Es gibt sogar ein Buch von einem hohen kirchlichen Repräsentanten der das belegt. Mythos eines Pilzkultes ist sein Titel. Die Wirklichkeit kann man erst erkennen wenn man durch das Nichts der eigenen Illusionen gegangen ist. Der Weg dazu ist ganz einfach und wird z. B. bei jeder Krebskrankheit angewendet.
Hochpotenen vom Fliegenpilz!!! Also einfach nur >>agaricus muscarius in D200<<
einwerfen und dann wird frei was bisher noch nicht aus uns werden konnte.
Suche nicht - SEI....synonym mit HIER - JETZT - WACH - BEWUSST


....aber darum macht der Intellekt/Verstand einen großen Bogen....das EINfache dient ihm nicht, bzw. dazu macht er sich wieder so seine Vorstellungen....um sich zu beschäftigen, behaupten und zu beweisen....

Zudem kann er mit Paradoxien nichts anfangen:

Ich bin - ich bin nicht.... :D
Richtig, du bist nicht.
Jahwe als ehemaliger Herr des Krieges bei den semitischen Wüstenvölkern, von denen das Volk der Israeliten nur einen verschwindend kleinen Teil darstellte, war keinesfalls zweigeschlechtlich, sondern repräsentierte ihre personifizierte, patriarchiale Volksseele.

Das weibliche Gegenstück – Astarte – wurde während der Eroberungszeiten der Israeliten in Palästina abgeschafft, bzw. als Astaroth dämonisiert, weil sie nach der Verehrung des goldenen Kalbes der ägyptischen Herrin des Reichtums Hathor und den in Ägypten gültigen Gesetzen in Verbindung gebracht wurde, die Moses ein Dorn im Auge waren, sodass er seine eigenen (im angeblichen Auftrag und mit dem Segen der Volksseele Jahwe) verfasste.

Die ursprünglich spirituelle Funktion dieser Volksseele, die natürlich nur Gutes für das Volk wollen kann, weil sie sich sonst selber schädigen würde – so, wie es aufgrund des Selbsterhaltungstriebes auch bei der Individualseele eines Individuums der Fall ist - , wurde schon früh von den Priestern zu machtpolitischen Zwecken missbraucht, indem sie sich als Priesterkönig zur Zeit der Richterkönige selber als eine Inkarnation der Volksseele im menschlichen Körper verherrlichen ließen, um sich ihre Taten und vor Allem Untaten, die bei der Unterdrückung des eigenen Volkes geschahen, vom Volk, bzw. seiner Seele selber legitimieren zu lassen.

Dass sich die Israeliten während und nach der babylonischen Gefangenschaft eine eigene, historisch wohlbegründete Identität zulegten, indem sie ihre Geschichte im alten Testament aufschrieben, hatte nicht nur den Grund, sich auf nationalistische Weise über ihre Nachbarvölker als das von Jahwe auserwählte Volk zu erhöhen, sondern diente vor Allem dem Zusammenhalt der in alle Welt verstreuten Israeliten, bis der erhoffte Messias kommt, und sie wieder in einem eigenen Staat vereinigt.

Dafür, dass Jesus das nicht getan hat, sondern nur als Moralprediger auftrat, der das Volk im Namen Jahwes die Geduld gegenüber den Römern predigte, wurde er auch mit der Zustimmung der Volksseele Jahwe, bzw der Priester als deren fleischgewordenen Söhnen, den Römern geopfert – als Zeichen dafür, dass man ihnen zu gehorchen hat, wenn man nicht bestraft werden will.

Mit dem Märtyrer, der sich angeblich selber geopfert hat, und im Geiste (d.h. in der Erinnerung) seiner Anhänger ewig (dh bis es keine mehr gibt) lebt, wurde der gnostische Mythos einer EWIG lebenden, körperlosen Seele als bewiesen angesehen, was nicht das Wesen von Spiritualität ist, sondern von Spiritismus.

Der wurde dann von den Goten im römischen Reich übernommen und in ganz Germanien weiterverbreitet und hat sich bis zum heutigen Tag hartnäckig gehalten - wobei mit dem Abbild des Märtyrers am Kreuze, welches man um Hilfe bittet, noch der Götzenkult hinzukommt, der im Islam später wieder abgeschafft wurde, weil das Leiden Christi allzumenschlich und damit erbärmlich wirkte, um es auch noch als heldenhaft verherrlichen zu können.
@filofaxi schreibt
>>Das weibliche Gegenstück – Astarte – wurde während der Eroberungszeiten der Israeliten in Palästina abgeschafft, bzw. als Astaroth dämonisiert, weil sie nach der Verehrung des goldenen Kalbes der ägyptischen Herrin des Reichtums Hathor und den in Ägypten gültigen Gesetzen in Verbindung gebracht wurde, die Moses ein Dorn im Auge waren, sodass er seine eigenen (im angeblichen Auftrag und mit dem Segen der Volksseele Jahwe) verfasste. <<


Nun die Geschichte mit dem goldenen Kalb kenne ich anders.
Die rechtgläubigen Israeliten merkten, dass ihnen auf ihrem Marsch ein geld- und goldgieriger Dämon folgte, der die Seelen der Menschen vergiftete. Als Moses auf dem Berg war wurde es so schlimm, dass sie in ihrer Not alles Gold zusammentrugen und ein goldenes Kalb bauten in das sie den Dämon einsperren und verbannen wollten. Während 3.000 an der Magischen Beschwörung teilnahmen und dafür um das goldene Kalb tanzten kam Moses vom Berg herunter und ließ alle umbringen.
So konnte der Dämon mit dem Namen Mammon mit seinem Volk hinaus in die Welt ziehen um dort als ""Money"" weiter zu herrschen. Und Moses durfte wegen dieser Schandtat der Ermordung von 3.000 Israeliten das gelobte Land nicht betreten.
@ Verdandi

…..Während ersteres ein Appell an den Menschen ist, sein Potenzial auszuschöpfen, wird letzteres im AT als Selbstbekenntnis und Botschaft Gottes dargestellt. …...

Von der ständigen Wiederholung wird eine unsinnige Formulierung, die entweder auf der dichterischen Freiheit Pindars beruht, oder auf einer schlampigen Übersetzung derselben, auch nicht verständlicher.

Daher wäre die Formulierung: „Werde der, der du werden kannst!“ wesentlich besser geeignet.

Im Gegensatz dazu kann die personifizierte menschliche Eigenschaft der Güte (auf gotisch goth oder god, bzw „Gott“ genannt) sich nicht von selber ändern oder muss erst zu dem werden, was sie sein soll, nämlich: „gut für Alle“, sondern sie ist das, was sie ist, was sie schon immer war und was sie auch immer sein wird.

Da die Güte (oder das Wohlwollen) aber keine Person ist, sondern nur die Personifikation einer menschlichen Eigenschaft, kann sie auch nicht selber entscheiden, Etwas Anderes zu sein, sondern das kann nur der Mensch als Ganzes, sodass man es auch von ihm per Strafgesetz verlangen kann, die Güte in seinem Sozialverhalten gegenüber seinen Mitmenschen zu praktizieren.

Hier ist die Ausrede des Bösen, sich nicht gütig gegenüber Anderen verhalten zu können, oder auch nicht sein zu wollen, weil Andere auch nicht gütig Einem selber gegenüber sind oder waren, nicht stichhaltig genug, um ihm im Namen der Allgemeinheit zuzugestehen, so böse bleiben zu dürfen, wie er es gerade ist, weil man davon ausgeht, dass er die Freiheit der Wahl habe, auch gütig sein zu können, wenn er es nur genügend sein will, bzw. wenn er es notwendigerweise sein muss, um in der Gemeinschaft geduldet zu werden.

Dabei muss man aber auch die Zwangsläufigkeit des böse oder gütig Gewordenseins berücksichtigen, um zu begreifen, wieso Jemand so geworden ist, und nicht anders, was nicht heißt, dass er auf ewig nun auch gütig oder böse gegenüber seinen Mitmenschen bleiben muss, sondern es kann auch sein, dass es eine Notwendigkeit gibt, anders zu werden.

Das Problem jedoch, dass man nicht so werden kann, wie es sein Potenzial unter speziellen Umständen hergibt, wenn man erstens nicht weiß, was das sein soll, und zweitens, wenn man noch gar nicht weiß, ob diese speziellen Umstände überhaupt eintreten werden, unter denen es unvermeidlich ist, dass man so sein muss, wie es das Potenzial hergibt, um zu überleben.

Insofern ist das zwar gut gemeint, dass man als kluger Mann für alle erdenklichen Fälle vorbauen sollte, und man es auch tut, aber es kann dennoch immer sein, dass ausgerechnet der Fall eintritt, den man nicht bedacht hat, und dann waren alle Vorbereitungen für die Katz, denn da, wo die Güte schamlos ausgenutzt wird, ist sie der Gemeinschaft keineswegs mehr förderlich, und damit für Alle gleichermaßen gut.

F U N D S T Ü C K

Von den chilenischen Biologen, Neurowissenschaftler und Philosophen Humberto Maturana und Francisco Varela, "Der Baum der Erkenntnis" (1987), Schlusskapitel

1. Auszug (S. 259-261)


>>... Wieder müssen wir auf einem Grat wandern und vermeiden, in eines der Extreme - das repräsentationistische (Objektivismus) oder das solipsistische (Idealismus) - zu verfallen.

Ein weiteres Ziel dieses Buches war es, einen solchen Mittelweg zu finden: die Regelmäßigkeit der Welt, die wir in jedem Moment erfahren, zu verstehen, ohne einen Bezugspunkt vorauszusetzen, der unabhängig von uns ist und der unsere Beschreibungen und kognitive Annahmen als Gewissheiten erscheinen lassen könnte.

In der Tat: der ganze Mechanismus der Erzeugung unserer selbst als Beschreiber und Beobachter sagt uns, dass unsere Welt - als die Welt, die wir in Koexistenz mit anderen hervorbringen - immer genau jene Mischung von Regelmäßigkeit und Veränderlichkeit aufweisen wird, jene Kombination von Festigkeit und Flüchtigkeit, die so typisch ist für die menschliche Erfahrung, wenn wir Sie genauer unter die Lupe nehmen.

Es ist also offensichtlich, dass wir aus diesem Kreis nicht heraustreten können und somit nicht aus unserem kognitiven Bereich. Alles andere wäre so, als wollten wir wie mit einem göttlichen "fiat!" die Natur des Gehirns, der Sprache und des Werdens, also die Natur der Natur, verändern. Von Interaktion zu Interaktion befinden wir uns ständig in diesem Kreis verwoben, dessen Ergebnisse von der Geschichte abhängen. Wirksames Handeln führt zu wirksamem Handeln: Das ist der kognitive Kreis, der unser Sein in einem Werden charakterisiert, welches Ausdruck unserer Weise ist, autonome lebende Systeme zu sein.

Durch diese ständige Rekursivität verbirgt jede hervorgebrachte Welt ihre Ursprünge. Wir existieren in der Gegenwart; Vergangenheit und Zukunft sind Weisen, jetzt zu sein. Biologisch gesehen ist es unmöglich, dass wir das vor uns liegen haben, was uns beim Zustandebringen der uns so gewohnten Regelmäßigkeiten der Welt geschehen ist, ganz gleich ob es sich dabei um Werte, Vorlieben, Farbtöne oder Gerüche handelt. Der biologische Mechanismus zeigt uns, dass die operationale Stabilisierung der Dynamik eines Organismus den Weg ihres Entstehens nicht verkörpert.

Leben ist ein Geschäft, das keine Aufzeichnungen über seine Ursprünge bewahrt. Alles, was wir tun können, ist, Erklärungen zu erzeugen - durch die Sprache -, die den Mechanismus der Hervorbringung einer Welt enthüllen. Indem wir existieren, erzeugen wir kognitive "blinde Flecken", die nur beseitigt werden können, indem wir neue blinde Flecken in anderen Bereichen erzeugen. Wir sehen nicht, was wir nicht sehen und was wir nicht sehen, existiert nicht.

Nur wenn irgendeine Interaktion uns aus dem Lot bringt - wenn wir zum Beispiel plötzlich in einer andere kulturelle Umgebung versetzt werden - und wir darüber reflektieren, dann bringen wir neue Konstellationen von Relationen hervor und erklären das damit, dass wir "ihrer vorher nicht bewusst gewesen" seien oder sie für selbstverständlich gehalten hätten. ...<<



[Fortsetzung folgt]




@ Filofaxi,

nur weil Du den Kern der Aussage „Werde, der du bist“, die genauso wie sie dasteht, richtig ist, nicht verstehst, soll sie unsinnig sein? Okay, für Dich funktioniert es offenbar nicht anders. Aber ich bin nicht hier, um Dein eigensinniges Weltbild zu unterstützen, wenn es meinem dermaßen zuwiderläuft. – Da können wir uns im Grunde nur aus dem Weg gehen und jede(r) ihr (sein) Ding machen. Okay?



Shekinah hat geschrieben: Richtig, du bist nicht.




Du hast zwar nicht mitbekommen, worum es geht....aber das macht nix.... :wink:

....dabei sein ist ALLes.... :lol: