@ Shanara (31.07.2020, 01.17h)



>>Verdandi: kannst du mir eine Übersicht geben, woher und wohin wir in diesem Thread gegangen sind?<<

Du weißt ja, dass wir uns hier nicht in einem Philosophie-Seminar, sondern auf einer Plattform für die Suche nach Partnern und Freunden befinden – und sämtliche Foren und Blogs hinter diesem Zweck nur dem lockeren in der Sache laienhaften Austausch dienen. Den der eine auf seine, die andere auf ihre Weise bedient, je nach Interesse, Engagement und Vermögen.

Ein Thread-Eröffner (TE) gibt das Thema vor und kann versuchen, mit den eigenen Beiträgen immer mal wieder Anregungen zu geben, es unter verschiedenen Aspekten neu zu beleuchten und ggf. einen abweichenden Verlauf wieder in die s.E. richtige Spur zu bringen – muss das aber alles nicht tun. Er hat weder administrative Rechte noch Moderatoren-Pflichten, kann Hetzer und Trolle nicht außen vor halten, muss aber andererseits auch nicht stets zur Stelle sein und Fragen zum Thread beantworten, denn er ist ja „nur“ der TE.

... Wenn ich letzterem trotzdem nachkomme, dann nur, wenn und solange ich es gern tue.

Jetzt zu Deiner Frage: Es sind bis jetzt 1.080 Beiträge! Die zudem nicht bloß einer einzigen Richtung folgten, sondern je nach Lust und Laune der Verfasser in alle möglichen Richtungen ausschwärmten (sogar in die Sphären der Astrologie, wie man hier jüngst sehen konnte), mäanderten und meist wieder versiegten.

Trotzdem begrüße ich Deine Anregung und habe auch selbst Interesse daran, zumindest mal einige Schwerpunkte meiner eigenen Beiträge in einer Übersicht zu erfassen. Ich versuche das mal in den nächsten Tagen und komme dann ggf. darauf zurück.


>>Zum Ursprung: Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts... Die Wirklichkeit soll wohl das als wahrgenommene real Existierende sein, das Mögliche jedwede vorstellbare Alternative dazu, von der aus meiner Sicht die nicht vorstellbare Alternative oder das Unmögliche abweicht und das aber keinen Gegenpol zu dem Nichts darstellt, das nämlich wiederum eine vorstellbare Alternative zu dem Vorhandenen darstellt und somit möglich ist. Alles was vorstellbar ist, ist möglich, nur seine Verwirklichung möglicherweise nicht... Soweit so gut...<<

Da es keinen wissenschaftlichen, sondern einen auf subjektives Wissen und Erfahrung beruhenden Ansatz für die Idee und den Eröffnungsbeitrag, also zum „Ursprung“ dieses Threads gibt, kann das, was ein anderer daraus für sich zu erkennen und gewinnen mag, weder richtig noch falsch, sondern ebenfalls eine Sache sein, die wiederum letztlich nur subjektive Einsichten widerspiegelt.

Unter dieser Prämisse wende ich gegen Deine Vermutung folgendes ein:

Zum einen glaube ich nicht an eine „real existierende“, also objektiv erfassbare Realität, die für alle die gleiche(rmaßen erfahrbare) wäre. Sondern an eine Außenwelt, deren Existenz sinnlich vermittelt wird über Vorstellungen, also nur subjektiv begreifbar ist ...

(Die scheinbar objektive Realität ist in allen Fällen, in denen mehr als eine Person beteiligt sind und dies behaupten, das Ergebnis einer Vereinbarung, eine Absprache. In einfachen, schon oft sich bewährt habenden Fällen des Alltags wird ein solcher Common Sense schon längst stillschweigend als gegeben hingenommen und nicht mehr hinterfragt.)

... Zum anderen lehne ich die These ab, dass der Mensch in seinen Entscheidungen nicht frei, sondern determiniert sei – so dass die freie Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten grundsätzlich bewirkt, dass diese im Vorfeld der jeweiligen Entscheidung allesamt Teil der Wirklichkeit sind - als deren Potenz.

(Ich glaube, auch in der „Viele-Welten-Theorie“ spielt eine solche Auffassung von Realität eine entscheidende Rolle: Demnach manifestiert sich mit jeder nicht gewählten Möglichkeit eine alternative Welt.)

Beim Nichts wiederum habe ich unterschieden zwischen dem, was nicht ist aber vorstellbar - also möglich - wäre. Und dem was nicht einmal vorstellbar - also unmöglich wäre. In Abweichung von Deiner Beschreibung, nach der das Nichts immer vorstellbar ist. – Ich differenziere das mal:

Man kann durchaus von etwas sprechen oder etwas berechnen, das nicht ist und nicht vorstellbar wäre. Beispiel: Das Nichts vor dem Urknall oder – falls man der Theorie anhängt, dass es kein Nichts davor, sondern stattdessen ein unendliche Folge von vorherigen jeweils entstandenen und vergangenen Universen gab und nach unserem Universum geben wird: Das Fehlen eines absoluten Anfangs erscheint uns doch ebenfalls wie ein unvorstellbares Nichts, eine Unmöglichkeit, weil in unserer Welt, die wir begreifen können, Unendlichkeit bzw. Zeitlosigkeit vollkommen unvorstellbar sind! Es besteht zumindest hier keine Relevanz mehr für unser (sinnlich vermitteltes) Vorstellungsvermögen.

Alle Arten von vorstellbaren bis unvorstellbaren Formen von Realität und Nichtrealität mit all den jeweils zuzuordnenden vorstellbaren bis unvorstellbaren Potenzialen spielen sowohl in der Quantenmechanik als auch in der Astrophysik eine wichtige Rolle.

Ich selbst habe gelegentlich auf diese Bereiche zurückgegriffen, um bestimmten Fragen auf den Grund zu gehen. – Aber letztlich haftet mein Interesse nur dem an, was für meine Lebenswirklichkeit relevant ist:

Was benötige ich an Wissen und Erfahrung, um die zu werden, die ich bin – in guter Koexistenz mit den anderen, mit denen zusammen ich diese Welt, in der wir gemeinsam leben, hervorgebracht habe? Da geht es dann weniger um das Nichts, als vielmehr um das Mögliche als Teil der Wirklichkeit.

(Der Tod als Schwelle zum vorstellbaren Nichts muss einfach hingenommen werden. Diejenigen, die an die postmortale Rettung des Geistes durch seine Loslösung von der Materie zwecks jenseitigen Überdauerns glauben, sind im eigens dafür geschaffenen Religionsforum wohl besser aufgehoben.)



>>Am Bereichernsten an allen von mir wahr genommenen Posts scheint mir die Aufforderung von verdandi, Realität nicht unipolar zu denken, sondern Alternativen mitzudenken, also eine multicausale Welt.<<

Vielen Dank für die Bestätigung! Darin hat mir hier bisher noch niemand zugestimmt.


>>Quantenlogik zeigt uns doch, dass es das eine und das andere gleichzeitig geben kann.. also die Gesamtheit aller Möglichkeiten... Wohin wir doch nur mit dem Fühlen aber nie mit dem Denken gelangen können.<<

Leider reißt Du Dein schönes Gebäude aus dem ersten Teil dieses Satzes mit dem letztem Teil wieder ein! Denken & Fühlen sind untrennbar. Sie ergänzen und bedingen einander und bringen nur in ihrem harmonischen Zusammenwirken das Menschliche hervor.
Die selbstlose Liebe, als Beispiel für eines der höchs(bewertet)en Gefühle, hätte ohne Selbstreflexion, geistige Entwicklung und Reifung sicher keine verlässliche (belastbare) Chance.



>>Quantenlogik zeigt uns doch, dass es das eine und das andere gleichzeitig geben kann.. also die Gesamtheit aller Möglichkeiten...<<

Die Besonderheit einer Quantenmessung ist nicht die, dass ein Messwert gleichzeitig verschiedene Ergebnisse aufweisen würde, sondern dass das Ergebnis - anders als in der klassischen Physik - trotz der exakt gleichen Versuchsanordnung und Präparation des Versuchsobjektes auf verschiedenen Wegen zustande kommen kann * – und somit bei Wiederholungsmessungen andere Messdaten anzeigt, die nicht vorherberechenbar sind.

Die unter den gleichen Bedingungen erzielten unterschiedlichen Ergebnisse streuen innerhalb eines Bereichs von möglichen Ergebnissen, so dass aufgrund dessen vorher nur eine Wahrscheinlichkeit innerhalb der durch die Streuung sich ergebende Bandbreite berechnet werden kann.

*Das ist eine schöne Analogie zu den verschiedenen Wegen, die ein Mensch gehen kann (Möglichkeiten als Teil der Wirklichkeit, die einem Menschen offenstehen), um zu einem Ziel zu gelangen (seine Wirklichkeit zu gestalten).

Ein Beobachter, der Daten über den Weg des Probanden (z.B. die Zeit, die er benötigt) mit exakter Gewissheit vorhersagen soll, muss alle möglichen Wege in Betracht ziehen und kann nur einen statistischen Durchschnittswert oder die Bandbreite aus allen möglichen Werten berechnen.

Selbst ein Beobachter, der davon ausgeht, dass alle Entscheidungen eines Menschen aufgrund des Zusammenwirkens aller möglichen Lebensdaten und -erfahrungen an sich determiniert seien, müsste bei der Vorhersage passen, weil die angeblich relevanten Daten insgesamt ihm als Außenstehenden, der nicht alle inneren Prozesse des Probanden kennen kann, nicht zur Verfügung stehen.

Allerdings hat @ Filofaxi Recht, wenn er sagt, im Nachhinein ist nur ein möglicher Weg von mehreren möglichen verwirklicht worden, so wie auch jede einzelne Quantenmessung nur ein definitiv gemessenes Ergebnis von mehreren vorher möglich erscheinenden anzeigen kann. (Worin ich @ Filofaxi nicht Recht gebe, ist die Behauptung, der tatsächlich gewählte Weg sei im Nachhinein betrachtet, der einzig mögliche, weil notwendige und daher richtige gewesen. Und bei der Quantenmessung wissen wir nicht, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt nur das gemessene Ergebnis möglich war.) ...

(Der Clou an Schrödingers Katze ist nicht die Gleichzeitigkeit beider Zustände an sich, sondern, dass sich der tatsächliche Zustand erst offenbart, wenn wir nachschauen – und solange wir das nicht tun, beide Zustände potenziell möglich sind. Dieser „Schwebezustand“ des Seins oder Nichtseins verdankt sich allein der Unberechenbarkeit des Prozesses, der zum Ergebnis führt.)

... Die Unvorhersehbarkeit des exakten Ergebnisses kann in beiden Fällen sowohl im Objekt begründet sein, weil es sich aus noch unbekannten Gründen einer Voraussage entzieht – als auch im Beobachter, der (noch?) nicht die Fähigkeit (die Apparatur) besitzt, um der Komplexität der Aufgabe gerecht zu werden. Beides lässt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Ich halte es für möglich, dass die Objekte in beiden Fällen (der menschliche Geist – und in der Analogie das Objekt der Quantenmessung) letztlich in ihren noch unerforschten Eigenschaften aufgrund verborgener (eingefalteter) Dimensionen auf Dauer unfassbar bleiben.



>>Deshalb: Fühlt doch lieber, als Euch so geistig zu verwirren.<<

Wir können einander nicht erfühlen bzw. füreinander etwas fühlen, weil wir einander nicht kennen! Wir können nur einen uns persönlich einigermaßen bekannten und sympathisch erscheinenden Menschen einigermaßen in seiner gesamten Persönlichkeit erfassen und beginnen, dazu beizutragen, einander durch gegenseitiges Vertrauen emotional zu öffnen ...

Hier in den Foren als virtuelle Begegnungsstätte trifft unser Avatar nur auf andere Avatare mit ihren mehr oder weniger wohlüberlegten schriftlichen Äußerungen zu vorgegebenen Themen. Wenn es dann mal zivilisiert, also höflich und sachlich zugehen sollte, ohne persönliche Angriffe mit Beleidigungen, Verleugnungen oder hirnlose Rüpeleien, kann man schon von Glück sagen!

Wer hier mehr erwartet als einen geistigen Austausch, sich allerdings vernünftigerweise in der Öffentlichkeit seelisch nicht entblößen will, sollte stattdessen unbedingt den persönlichen Kontakt suchen. Dann kann man auch gefühlsmäßig zumindest ausprobieren, ob die „Chemie stimmt“.

Hier in den Foren können wir uns aber zumindest darum bemühen, anderen mit Respekt zu begegnen. Man ist allerdings nicht gezwungen, auf jeden einzugehen – insbesondere dann nicht, wenn die Welt des anderen uns als zu befremdlich erscheint.

Die Erfahrung lehrt, dass die wenigsten offen für neue Argumente und bereit für Veränderungen sind – mich selbst vermutlich eingeschlossen.

Daher funktionierte eine Annäherung in etlichen Fällen wohl nur auf einer anderen Ebene, abseits destruktiver Gefühle und strittiger Themen, wo Koexistenz mittels Minimalkonsens trotz Einschränkungen möglich wäre (s. meine diesbezüglichen Zitate von Maturana/Varela).


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@ Verdandi

….die Behauptung, der tatsächlich gewählte Weg sei im Nachhinein betrachtet, der einzig mögliche, weil notwendige und daher richtige gewesen. ….

Den Weg, den man in der jeweiligen Gegenwart für richtig gehalten hat, musste man natürlich aufgrund des jeweiligen Informationszustandes auch für richtig halten, denn Niemand tut vorsätzlich Etwas, was seinen eigenen Zielen widerspricht, was aber NICHT heißt, dass es deshalb auch der richtig WAR, denn das weiß man erst, wenn er auch zum angestrebten Ziel geführt HAT. War das nicht der Fall, war es der falsche!

Es besteht offensichtlich immer noch das Problem, zwischen den geistigen VORSTELLUNGEN von der Wirklichkeit (als dem, was bewirkt worden ist) und der Wirklichkeit SELBER (so, wie sie tatsächlich bewirkt worden ist), zu unterscheiden, wobei die Vorstellungen ebenfalls zum geistig bewirkten Teil der Wirklichkeit dazugehören, wo selbst Dinge möglich sind, die in der Realität (materiellen Stofflichkeit) nicht möglich sind, weil sie den Grundsätzen widersprechen, nach denen die stoffliche Welt nun mal funktioniert.

Auch wenn man die Wirklichkeit trotz aller Offensichtlichkeit noch so sehr leugnet bzw ignoriert, weil sie nicht dem eigenen Selbstbild oder Weltbild entsprechen, welches man benötigt, um das, was in der Welt passiert, auch richtig verstehen zu können, verschwindet dadurch die Welt selber – genau wie Schrödingers Katze - höchstens in der eigenen Vorstellung, aber nicht in der Materie, sofern man sie nicht auch gleichzeitig dort beseitigt hat.

Richtig oder falsch sein kann daher nicht die „subjektive Perspektive“, und auch nicht die jeweils „durch die aktuelle Situation bedingte Meinung“, die man sich zwangsläufig daraus bildet, sondern lediglich die „allgemeingültigen Hypothesen“, die man davon ableitet, sofern sie nicht zu verallgemeinern sind, weil es zB zu viele Ausnahmefälle gibt, die eine andere Hypothese erfordern, um sie alle dort miteinbeziehen zu können.

Ebenso falsch können auch die Argumente dafür oder dagegen sein, sofern sie den Anforderungen der Plausibilität nicht entsprechen, nämlich: die der „wissenschaftlichen Folgerichtigkeit“ und der „sinngebenden Zielgerichtetheit“, weil im einen Falle die Folge nicht vor der Ursache stattgefunden haben kann, und im anderen Falle eine Handlung nicht als sinnvoll und damit notwendig zu begründen ist, wenn es keinen Anlass dafür gab und dementsprechend auch keine Zielsetzung.

Was die Vermutung betrifft, so hat sie nur insofern Etwas mit dem Glauben zu tun, wenn es um die Wahrhaftigkeit eines Zeugen vor Gericht geht, der persönlich am Tatort anwesend war, und daher auch sagen könnte, was er gesehen hat, sofern er es nicht vorzieht, lieber zu lügen, weil er selber der Täter war, um sich nicht selber verdächtig zu machen, was aber noch Garnichts mit dem zu tun hat, was tatsächlich geschah.

So gehen wir zwar Alle davon aus, dass eine Sache auch so sei, wie sie zu sein scheint, während wir sie unter einem speziellen Licht betrachten, was aber nicht heißt, dass das auch die einzige Seite ist, die man dabei erkennen kann, denn unter einem anderen Licht, zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort, KANN sie Einem nicht nur völlig anders erscheinen, sondern sie MUSS es notwendigerweise auch, wobei eine Sache keine Person ist, die sich dazu entscheiden könnte, so zu erscheinen, wie sie es gerade will, sondern das kann nur ein Lebewesen, wie der Mensch.

Insofern sind wir auch keine anonymen Avatare, die hier jahrelang schriftlich miteinander korrspondieren, sondern echte Menschen aus Fleisch und Blut, die sich zwar – je nach aktueller Befindlichkeit - im Laufe der Zeit auch verändern, sodass man sie irgendwann vielleicht gar nicht mehr als Diejenigen wiedererkennen kann, die sie früher mal waren, aber sie bleiben dennoch immer ein- und dieselben, ohne sich dabei zu verdoppeln, um gleichzeitig zwei verschiedene Wege zu gehen, was auch nur in der Fantasie möglich ist, aber nicht real.

@ Filofaxi



>>Es besteht offensichtlich immer noch das Problem,...<<

Ich sehe kein „Problem“ darin, dass wir völlig verschiedene Auffassungen haben. Auch nicht, dass Du als selbsternannte höchstrichterliche Instanz immer wieder über den Wahrheitsgehalt meiner Auffassung urteilst und diese als „falsch“ bezichtigst.

Mach das ruhig weiter so, aber Deine ständigen Wiederholungen ändern nichts an meiner Sicht, so dass Du das genauso gut auch bleiben lassen kannst, insbesondere aus dieser für andere enervierenden Pose der „Recht-Sprechung“.

Denn tatsächlich ist es ja so:

Betrachtet man beispielhaft andere Situationen mit anderen Bedingungen, als die von Dir beschriebenen, zielen Deine Schlüsse sofort ins Leere und es wird (zumindest mir) klar, wer hier eigentlich ein „Problem“ hat!

Stell Dir, vor Du musst Dich zwischen zwei Dingen entscheiden, die Dir sehr unterschiedlich, aber gleichwertig erscheinen, weil Du zu beiden eine Affinität spürst, weil Du innere Ressourcen in beiden Bereichen hast. Und es gelingt Dir nicht, eine der beiden Waagschalen mit einem deutlicheren und damit ausschlaggebenden Gewicht zu belegen.

Du entscheidest Dich für eine, weil Du Dich entscheiden musst – aus irgendeinem scheinbar vordergründigen, vermutlich aber verborgenen – vielleicht nur temporär gültigen Motiv heraus.

Und nicht etwa, weil Du überzeugt wärest, dass nur diese Sache die richtige sei! Weil Du es nämlich nicht wissen kannst. Weil Dein Drang (Zwang?), ALLES in „Richtig“ oder „Falsch“ einzuteilen, anderen (z.B. mir) nur als monokausaler Unsinn erscheint, der spätestens in multikomplexen Situationen offen zutage tritt.

Und Du wirst es auch später nie erfahren, ob es richtig oder falsch war – ganz einfach deshalb, weil Du die andere Sache nicht ausgewählt hast und den betreffenden Weg nicht gegangen bist und nicht erfahren konntest, wie es mit ihr weiter und letztlich für Dich ausgegangen wäre.

Um das besser zu verstehen, müsstest du erst einmal bereit sein, einzuräumen, dass Du zu keinem Zeitpunkt alles über Dich selbst wissen KANNST. Im großen Bereich des Unbewussten liegt vieles verborgen, dass dennoch stets wirksam ist und Entscheidungen, sozusagen aus dem „Hinterhalt“, mit beeinflusst.
Siehe dazu meinen Thread / Link: „Lügen, um sich selbst zu erklären?“

Aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus weiß ich sehr gut, dass die Zweifel darüber, ob so manche Entscheidung im Leben letztlich tatsächlich die bessere als die Alternative war, die man ausgeschlagen hatte – oder ob sich die vermeintlich falsche Entscheidung, die man leider getroffen hat, einem schließlich doch noch trotz jahrelanger Zweifel als passend erschließt, nachdem man sich selbst mehr und mehr auf die Spur kommen ist, also mehr Selbsterkenntnis gewinnen konnte...

...Dass also all diese berechtigten aber meist vergeblichen Zweifel nach einer Entscheidung, die dem weiteren Leben eine unumkehrbare Richtung gegeben hat, zumindest belegen, dass es in den allermeisten Fällen kein eindeutiges „Richtig“ oder „Falsch“ geben kann!

Ich weiß zum Beispiel bis heute nicht und werde es wohl nie wissen, ob meine Entscheidung für meinen Beruf „richtig“ war. Die Alternative – die Entscheidung für eine künstlerische Betätigung – hätte Ressourcen in mir herausgefordert, die ich aufgrund meiner Entscheidung nie exzessiv einsetzen musste. Ich habe also nie erfahren, ob ich daran gescheitert wäre, hätte ich mich anders entschieden. Stattdessen verlief das Leben in ruhigeren, sichereren Bahnen, unterdessen ich nützliche Aufgaben erfüllte, ohne je wirklich an meine Grenzen zu stoßen. Manchmal bedaure ich das zutiefst...

Aber meist bin ich doch im Reinen mit mir, weil ich mich als unvollkommenen Menschen akzeptiert habe – inklusive der einen und anderen nicht gern eingestandenen Schwächen. So dass ich – in diesem Beispiel bleibend – letztlich sogar froh darüber sein kann, im Alter ein finanziell auskömmliches Leben führen zu können. Was natürlich auch nur wieder eine Rationalisierung ist, mit der ich allerdings wiederum gut leben kann.

So hat so manche Entscheidung sehr unterschiedliche bis widersprüchliche Seiten und Konsequenzen und spiegelt damit – abseits von „Richtig“ oder „Falsch“ – die ganze Bandbreite menschlicher Komplexität wider.

Zurück zum Thema: Nicht ich habe also ein Problem damit, etwas, das Du ständig aufs Neue behauptest, nicht verstehen zu können. Sondern Du hast m.E. ein Problem mit Deiner apodiktischen Sichtweise, stets bei allem zwischen schwarz und weiß, richtig und falsch, stark und schwach usw. unterscheiden zu müssen und keinen Blick für die Grauzonen, kein Ohr für die Zwischentöne und keinen Sinn für das nicht monokausale sondern vielschichtige Zusammenwirken der Komponenten komplexer Systeme zu haben.

Allein, wenn Du einen emotionalen Impuls, ein Gefühl, das in Dir aufsteigt, „verstehen“ willst, um zu erfahren, wie Du am besten damit umgehen kannst, eröffnet sich Dir eine Vielzahl von Möglichkeiten: Es raus lassen und ausleben oder zurückhalten, Ursachen erkennen und bearbeiten, auf andere Ebenen übertragen, sublimieren oder als Signal für notwendige Maßnahmen erkennen, dämpfen, überbrücken oder ersatzweise anderswo abreagieren?

Hier gibt es kaum je ein „Richtig“ oder „Falsch“ zu bedenken, sondern hier kommt es drauf an, binnen kürzester Zeit ein Geschehen mit komplexen Ursachen, Zusammenhängen und möglichen Auswirkungen zu erfassen, zu verstehen und handlungsfähig zu werden bzw. zu bleiben, um zeitnah (reaktionsschnell) nur einigermaßen adäquat damit umgehen zu können. Mit nur-linearem Denken in Kausalketten schafft man so etwas nicht.


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>> Insofern sind wir auch keine anonymen Avatare, die hier jahrelang schriftlich miteinander korrespondieren, sondern echte Menschen aus Fleisch und Blut... <<

Das habe ich auch nicht in Abrede gestellt, denn ich weiß ja tatsächlich sehr gut, dass ich hinter meinem Avatar ein Mensch „aus Fleisch und Blut“ bin. :wink: Ich schrieb etwas anderes:

>> Hier in den Foren als virtuelle Begegnungsstätte trifft unser Avatar nur auf andere Avatare... <<

Wir schicken unseren Avatar ins Feld, wo er auf die der anderen trifft. Die Schöpfer der Avatare sitzen unterdessen jeder für sich zu Hause und jeder hält sein „Fleisch und Blut“ von dem der anderen fern. Er tritt nicht in seiner Körperlichkeit und Sinnenhaftigkeit auf, sondern lässt ausschließlich den Ausfluss seiner Gedanken in Form von geschriebenen Worten durch seinen Avatar denen der anderen auf dem virtuellen Tummelfeld präsentieren.
... DAS (!) habe ich gemeint.

Und ich habe mich damit keineswegs beklagen wollen, denn das ist nun mal die Realität virtueller Kommunikations-Räume, in denen ich mich ja auch ganz gern (durch meinen Avatar vertreten) äußere. Auch die hier übliche Anonymität der Klarnamen-Identität ist mir meistens sogar sehr recht.

Nein, der Anlass dieser Äußerungen war die Aufforderung @ Shanaras, uns einander hier „fühlend“ zu begegnen. Das erforderte eine Klarstellung aus meiner Sicht – nämlich darauf zu verweisen, was auf der Ebene der digitalen Foren unter Ausschluss persönlicher Begegnungen möglich ist und was nicht.

Die Preisgabe von Gefühlen im Zusammenhang mit der Erwähnung persönlicher Lebensumstände ist eine heikle Sache in öffentlich zugänglichen Foren wie diesem. (Man muss dafür noch nicht einmal beim 50plus-Treff angemeldet sein, um hier alles lesen zu können!) Trotzdem riskiere ich das ab und zu und versuche dabei, allzu privates außen vor zu lassen. So wie oben zum Thema Zweifel in Bezug auf getroffene Lebensentscheidungen.

... Von Dir habe ich übrigens in all den Jahren in all Deinen Beiträgen unter Deinem Avatar „Filofaxi“ ausschließlich thematische Ausführungen – niemals irgendeinen auch nur geringsten persönliche Bezug zu Deiner Person („aus Fleisch und Blut“) und Dein Leben lesen können. ...

Ich wollte also @ Shanara nur vermitteln, dass „Gefühle“ hier wohl kaum am Platze sind. Denn dazu gehört ein Minimum gegenseitiger persönlicher Offenbarung.

(Aber dafür gibt es hier ja – abseits der Öffentlichkeit – die Möglichkeit, private Nachrichten auszutauschen. :) )





@ Verdandi

…..all diese berechtigten aber meist vergeblichen Zweifel nach einer Entscheidung, die dem weiteren Leben eine unumkehrbare Richtung gegeben hat, zumindest belegen, dass es in den allermeisten Fällen kein eindeutiges „Richtig“ oder „Falsch“ geben kann!....

Nein, die belegen Garnichts, außer dass man die falsche Entscheidung getroffen hat, nachdem das nicht eingetroffen ist, was man sich davon erhofft hat, und was man vorher ja leider noch nicht wissen konnte, weil sie unter anderen Umständen genauso gut auch richtig hätte gewesen sein können.

Das, was für den Zweifel danach gilt, gilt auch für den Zweifel davor, wobei eine Entscheidung zwischen zwei scheinbaren Möglichkeiten, die vielleicht das Zeug haben, zur Wirklichkeit zu werden, sogar zwischen 4 Alternativen stattfindet, bei denen man sich immer notgedrungen für eine entscheidet – auch wenn man die scheinbar einzige Entscheidung zwischen den beiden vorliegenden Alternativen verweigert.

Wer sich z.B. dafür entscheidet, Diktator zu werden, und es am Ende auch wird, der hat sich richtig entschieden, nachdem er vorher lieber Künstler werden wollte, aber deshalb keiner wurde, weil er das Zeug nicht dazu hatte, oder weil die günstigen Umstände fehlten, sodass diese Entscheidung für das Künstlertum die falsche war – auch wenn Diejenigen, die später deswegen darunter leiden mussten, dass er kein Künstler geworden ist, das natürlich anders sehen müssen, wenn sie die Realität nicht komplett als das anzuerkennen bereit sind, wie sie nun mal war, weil sie mit der Gewissheit (in Bezug auf ihr eigenes Wohlergehen) irrtümlich den Falschen an die Macht gewählt zu haben, leben wollen.

…..hier kommt es drauf an, binnen kürzester Zeit ein Geschehen mit komplexen Ursachen, Zusammenhängen und möglichen Auswirkungen zu erfassen, zu verstehen und handlungsfähig zu werden bzw. zu bleiben, um zeitnah (reaktionsschnell) nur einigermaßen adäquat damit umgehen zu können. Mit nur-linearem Denken in Kausalketten schafft man so etwas nicht.....

So ist es, und daher liegt die Lösung eines scheinbar unlösbaren Problems, wodurch das Erreichen eines Zieles vereitelt wird, oft auf einer anderen Ebene, die man nur mittels von multidimensionalem Denken erreicht, und nicht, indem man stur mit dem Kopf geradeaus durch die Wand zu gehen versucht, um zu beweisen, dass man stark genug dafür ist, oder gar die reale Existenz dieser - mitunter sogar gerade erst spontan und ganz unwillkürlich errichteten - Wand selber komplett ignoriert.


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F U N D S T Ü C K

Von den chilenischen Biologen, Neurowissenschaftlern und Philosophen Humberto Maturana und Francisco Varela, "Der Baum der Erkenntnis" (1987), Schlusskapitel

1. Auszug:
https://www.50plus-treff.de/forum/die-wirklichkeit-das-moegliche-und-das-nichts-t75310-s1050.html#p5270533

2. Auszug:
https://www.50plus-treff.de/forum/die-wirklichkeit-das-moegliche-und-das-nichts-t75310-s1065.html#p5271029

3. Auszug (S.263- 265):


>> ... Als Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aßen, so sagt die Bibel, wurden sie in andere Wesen verwandelt, die nie mehr zu ihrer ursprünglichen Unschuld zurückkehren sollten. Vor dem "Sündenfall" kam ihre Erkenntnis der Welt in ihrer Nacktheit zum Ausdruck. In ihrer Nacktheit bewegten sie sich in der Unschuld des bloßen Kennens. Nach dem "Sündenfall" wussten sie, dass sie nackt waren; sie wussten, dass sie wussten, sie erkannten, dass sie kannten.

In diesem Buch sind wir zum "Baum der Erkenntnis" zurückgekehrt. Wir haben den Leser eingeladen, von der Frucht dieses Baums zu essen, indem wir ihm eine wissenschaftliche Untersuchung der Erkenntnis als biologisches Phänomen vorgelegt haben. Und wenn wir der Argumentation dieses Buches gefolgt sind und seine Konsequenzen verinnerlicht haben, stellen wir auch fest, dass diese unentrinnbar sind. Die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet.

Sie verpflichtet uns zu einer Haltung ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewissheit. Sie verpflichtet uns dazu einzusehen, dass unsere Gewissheiten keine Beweise der Wahrheit sind, dass die Welt, die jedermann sieht, nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen. Sie verpflichtet uns dazu zu sehen, dass die Welt sich nur ändern wird, wenn wir anders leben. Sie verpflichtet uns, da wir, wenn wir wissen, dass wir wissen, uns selbst und anderen gegenüber nicht mehr so tun können, als wüssten wir nicht.

Deshalb impliziert alles, was wir in diesem Buch gesagt haben (aufgrund unseres Wissens, dass wir wissen), eine Ethik, die unentrinnbar ist. Bezugspunkt dieser Ethik ist die Bewusstheit der biologischen und sozialen Struktur des Menschen. Es ist eine Ethik, die aus der menschlichen Reflexion entspringt und die die Reflexion, die das menschliche ausmacht, als ein konstitutives soziales Phänomen in den Mittelpunkt stellt. Wenn wir wissen, dass unsere Welt notwendig eine Welt ist, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, dann können wir im Falle eines Konflikts mit einem anderen menschlichen Wesen, mit dem wir weiterhin koexistieren wollen, nicht auf dem Beharren, was für uns gewiss ist (auf einer absoluten Wahrheit), weil das die andere Person negieren würde.

Wollen wir mit der anderen Person koexistieren, müssen wir sehen, dass ihre Gewissheit - so wenig wünschenswert sie uns auch erscheinen mag - genauso legitim und gültig ist wie unsere. Wie unsere Gewissheit ist auch die Gewissheit des anderen Ausdruck seiner Bewahrung der Strukturkoppelung in einem Existenzbereich - so wenig verlockend uns dieser Bereich auch erscheinen mag. Die einzige Chance für die Koexistenz ist also die Suche nach einer umfassenderen Perspektive, in einem Existenzbereich, in dem beide Parteien in der Hervorbringung einer gemeinsamen Welt zusammenfinden. Ein Konflikt ist immer eine gegenseitige Negation. Es lässt sich niemals in dem Bereich lösen, indem er stattfindet, wenn die beiden Parteien sich ihrer Sache "sicher" sind.

Ein Konflikt ist nur zu überwinden wenn wir uns in einen anderen Bereich bewegen, indem Koexistenz stattfindet. Das Wissen um dieses Wissen ist der soziale Imperativ jeder auf dem Menschlichen basierenden Ethik.

Was die Biologie uns zeigt, ist, dass die Einzigartigkeit des Menschseins ausschließlich in einer sozialen Strukturkoppelung besteht, die durch das In-der-Sprache-Sein zustande kommt. Dadurch werden einerseits die Regelmäßigkeiten erzeugt, die der menschlichen sozialen Dynamik eigen sind, wie zum Beispiel individuelle Identität und Selbstbewusstsein. Andererseits wird die rekursive soziale Dynamik des menschlichen Lebens erzeugt, zu der eine Reflexion gehört, welche uns in die Lage versetzt zu sehen, dass wir als menschliche Wesen nur die Welt haben, die wir zusammen mit anderen hervorbringen -ob wir die anderen mögen oder nicht. ...<<



[Die unterstrichenen Stellen sind im Buch kursiv hervorgehoben.]





Sehr möchte ich danken für dieses so anregende Fundstück!!!
Tja, lustig. Ganz lange habe ich dir geantwortet, dann hat mich diese Seite einfach ausgeloggt und alles war weg. Sollte wohl so sein. Das Paradoxon. Nicht das Viel, sondern das Nichts kann ich dir entgegenstellen. :D

@ Migranda, vielen Dank!



@ Shanara, 
das finde ich sehr schade!

Für die Zukunft empfehle ich Dir, Deine Forenbeiträge immer erst im eigenen 
Schreibprogramm zu entwerfen, als Datei abzuspeichern und dann erst als Beitrag zu posten. Falls letzteres misslingen sollte, ist der Text nicht verloren, so dass Du jederzeit darauf zurückgreifen und den Vorgang  wiederholen kannst.




Den folgenden Beitrag hatte ich zunächst einem anderen Thread mit dem Titel: „Moral?“ zugedacht, wohin er mir aber doch nicht ganz zu passen scheint. Nicht wegen des Titels, bei dem noch gar nicht klar wird, wonach eigentlich gefragt wird, sondern wegen des Eröffnungsbeitrags mit seinem Link zu einem Artikel, der „Dunkles“, gar „Böses“ heraufbeschwört, was absolut nicht meine Sache ist.
Ich verwende den Beitrag stattdessen für diesen Thread, weil ich das, worüber ich schreiben möchte, wunderbar mit meiner Auffassung von Wirklichkeit und ihren Potenzialen verbinden kann.


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„Moral“? – Ich bevorzuge die „Ethik“!

... Weil die Ethik einen Bereich der „Praktischen Philosophie“ darstellt, der der Moral übergeordnet ist und sich kritisch mit ihr befassen kann. Auch ist mit diesem Begriff zu allen Zeiten weniger Schindluder getrieben worden, als mit dem der „Moral“.

Eine treffliche Formulierung für die Unterscheidung der Bedeutungen beider Begriffe habe ich hier gefunden:

https://www.quellonline.de/ethik-als-philosophische-disziplin/

Auszug:

>> ...Ethik [als philosophische Disziplin] bedeutet das grundsätzliche Wissen um das richtige Handeln und Tun und das Ausüben derselben in der Praxis. Die Moral dagegen zielt auf den Einzelfall ab und hat auch immer die Umwelt im Blick. Die Ethik steht sozusagen über der Moral.

Die Moral besteht aus Normen, die Ethik aus Werten, die über der Moral stehen. Moral ist in Bezug auf andere (was sollen denn die Leute sagen?) während Ethik die reine Handlung ist.

D.h. ethisch kann man auch dann handeln, wenn uns gerade niemand beobachtet. Moralisch handelt man, wenn wir Zeugen unseres Handelns haben.
Ethisch handelt man, wenn eine Handlung grundsätzlich erfolgt oder nicht erfolgt. In diesem Sinne steht die Ethik über der Moral. ...<<


Und hier meine eigenen weiteren Gedanken zur Ethik:

Freiheit als Voraussetzung selbstverantwortlichen Handelns

Bei der Ethik geht es um die Selbstverantwortung!

Ich bin allerdings tolerant, auch mir selbst gegenüber und gehöre bestimmt nicht zu denjenigen, die sich wegen jedes kleinen Fehlverhaltens schuldig (verantwortungslos) fühlen und selbst zerfleischen.

In mir toben die Vielfalt und die Gegensätzlichkeit – ohne dass mir dabei das Ruder aus der Hand rutscht. Das halte ich mir zugute. Das ist aber für mich wie sicher jeden als Ergebnis eines mehr oder weniger gelungenen, langen Erkenntnis- und Lernprozesses im Leben zu sehen und zu verstehen.

Ich kenne den Widerspruch zwischen Anspruch an sich selbst und zuwiderlaufendes Handeln. – Immer dann, wenn mir das zu einem bestimmten Anlass passiert ist und bewusst wird, konzentriere ich mich bald einmal wieder auf meine Möglichkeiten in der nahenden Zukunft, mein Verhalten zu verbessern, anstatt mich für das Vergangene selbst zu geißeln. – Da bin ich Pragmatikerin. Ich übertrete allerdings nach Möglichkeit keine gesetzlichen Normen in unserem demokratischen Rechtsstaat, weil ich um ihren Wert und ihre Wichtigkeit für den Zusammenhalt der Gesellschaft weiß und weil ich sehr zu schätzen weiß, dass ich hier leben darf.

Worauf ich mich in Bezug auf Ethik berufe? Dazu brauche ich erst einmal und grundsätzlich niemand anderen. Wenn ich im Nachhinein schauen soll, wessen Vorstellungen von Ethik ich am ehesten akzeptieren kann, muss ich mich erst mit den betreffenden Vordenkern unter diesem Aspekt beschäftigen. ...

... Wenn ich allerdings zunächst von den Werten selbst ausgehe, die mir am wichtigsten und erstrebenswertesten erscheinen, dann ist das vor allem die individuelle FREIHEIT. Nur wenn diese von jedem - jeden anderen betreffend - respektiert wird, können auch alle anderen Werte gemeinsam realisiert werden, insbesondere dann, wenn man es so sieht:

>>Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.<<
Albert Camus

oder so:

>>Macht ist Pflicht – Freiheit ist Verantwortlichkeit.<<
Marie von Ebner-Eschenbach

Da komme ich allmählich auch der Philosophie dieses Existenzialisten sehr nahe:

>>Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.<<
Jean-Paul Sartre

Ja, die unbedingte Aneignung des eigenen Schicksals und die Selbstverantwortlichkeit des eigenen Handelns im Rahmen der individuellen Freiheit stellen für mich die wichtigsten Stützpfeiler der Ethik dar.

Und was ist mit der (Nächsten-) Liebe? Liebe kann man nicht verordnen, weder sich selbst noch anderen. Die geschieht einfach, wenn man die eigene Fähigkeit dazu aufmerksam pflegt, beschützt und fördert. Aber Liebe ist es m.E. schon, andere vollkommen zu respektieren, sie möglichst zu unterstützen und sorgfältig darauf zu achten, ihnen nicht zu schaden. Mehr kann man nicht erwarten, alles darüber hinaus ist eine Gabe (lieben zu können) und ein Geschenk (sich lieben lassen zu können).


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Aristoteles begründete die Ethik als eigenständige philosophische Disziplin.





(Ein bisher noch nicht veröffentlichter Text vom 27.05. / 29.05.2020 ...)

Ü b e r t r e i b u n g !
... als Methode, Neues zu entdecken



Eine Möglichkeit, am Gegenstand seiner Überlegungen bisher verborgene Eigenschaften sichtbar zu machen, ist das Spiel der Übertreibung. Der Gegenstand wird in eine Situation gebracht, die ihn extrem beansprucht.

Beim Materialprüfungsamt NRW in Dortmund gehört das zum Alltag, nur, dass dieses Vorgehen dort nicht als „Spiel“, sondern als fachspezifische professionelle Anforderung dafür gesehen wird, um Prüfprozesse ablaufen lassen zu können.

Das Ziel der Messung ist die Feststellung der konkreten maximalen Belastbarkeit des Materials bzw. Werkstoffs.

Zum möglichen Einwand: Unter normalen Bedingungen liege die Beanspruchung weit darunter, so dass nur die maximale tatsächliche Belastung ausgetestet werden müsse – könnte entgegnet werden: Dass es zum einen unwirtschaftlich wäre, vor jeder neuen Belastungssteigerung wiederum neue Tests durchführen zu müssen. Zum anderen wäre es zu gefährlich, die maximale Belastungsgrenze gar nicht zu kennen und somit unwissentlich an ihre Grenzen gelangen zu können, die dann unter veränderten Bedingungen, z.B. bei Materialermüdung oder Änderung anderer Nutzungsparameter, leicht überschritten werden könnten. Ohne einen vorgesehenen und einzuhaltenden Sicherheits-Toleranzbereich wäre jeder Einsatz höchst riskant und letztlich unverantwortlich.

Ein drittes Pro-Argument berücksichtigt mögliche neue zukünftige Nutzungen, die eine höhere Belastbarkeit als die bisher übliche erfordern, so dass die Entwickler auf vorhandene Testergebnisse zurückgreifen können, ohne erst alle evtl. infrage kommenden Werkstoffe vor einer Auswahl selbst testen zu müssen.

Kann man aber dieses materielle Beispiel auch als passende Metapher für die Welt der gedanklichen Vorstellungen und Ideen mit ihren abstrakten „Gegenständen“ anwenden?

Was wäre das Äquivalent einer sinnvollen „Übertreibung“ bei der Materialprüfung zur Feststellung der Höchstbelastbarkeitsgrenze für – sagen wir mal – eine Idee?



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Moderne biaxiale servohydraulische Prüfmaschine mit vier Zylindern; die Probe im Kreuzungspunkt ist im Moment nicht eingespannt (Wikimedia Commons)


(Die Fortsetzung mit einem konkreten Beispiel folgt in meinem nächsten Beitrag.)





(Fortsetzung meines o.a. Beitrags am 18.08.2020 ...)


Eine „Übertreibung“ im übertragenen Sinne des vorherigen Beitrags könnte auch darin bestehen, einen radikalen Perspektivenwechsel vorzunehmen – die Dinge sozusagen „auf den Kopf zu stellen“.


Beispiel:

Der Begriff und die Bedeutung von „Integration“ versus „Desintegration“


„Integration“ gilt ja allgemein als etwas Positives. Aber ist sie das wirklich? Kann man das in heutigen Zeiten der international wirkenden gesellschaftlichen Betätigungen in Kultur, Politik und Wirtschaft und der angestrebten Völkerverständigung nicht auch umgekehrt sehen:

Integration wäre dann bloß der horizontverengende Versuch einer allgemeinen Gleichmacherei unter Verlust all der Eigenarten und Besonderheiten der verschiedenen Kulturen, die eine Gesellschaft vielschichtig und reichhaltig sein lassen würden, wenn man das nur wollte und zuließe.

Statt eine Integration eine „Desintegration“ in diesem Sinne zu befürworten hieße nämlich ganz und gar nicht, „Fremde“ aus einer homogenen Gesellschaft auszuschließen – sondern, ganz im Gegenteil: anzuerkennen, dass Homogenität nie wirklich existiert – auch nicht unter „Einheimischen“, ohne dass hierfür die Besonderheiten von Individuen, die einer (der jeweiligen) Mehrheit nicht „passen“, unterdrückt werden müssten.

„Desintegration“ in diesem Sinne bedeutete anstelle einer zwanghaften Gleichmacherei, der individuellen und kulturellen Diversität den nötigen Raum zur jeweiligen Entwicklung zu lassen – und aus dieser grundlegenden Toleranz heraus ein friedliches und fruchtbares Neben- und Miteinander anzustreben.

In diesem Sinne halte ich den inzwischen leider sehr verpönten „grünen“ Begriff „Multi Kulti“ (der eine Utopie zu vermitteln versuchte, die ihrer Zeit offenbar viel zu weit voraus war), für sehr passend und daher wiederbelebungs-würdig in unseren heutigen und zukünftigen Gesellschaften!

Ich gestehe, dass ich für dieses Beispiel eines radikalen Perspektivenwechsels und die dann eigenen neuen Gedanken dazu zunächst einen Anstoß erhielt – und zwar von dem jungen Sachbuchautor, Lyriker und Politologen Max Czollek, der seine interessanten und unbequemen Thesen in diesem Interview auf DLF Kultur geäußert hat (die angehört, aber im Script auch nachgelesen werden können):


Max Czollek über „Gegenwartsbewältigung“ – Eine Gesellschaft, die alle schützt – Beitrag zur Reihe „Sein und Streit“ vom 16.08 2020

https://www.deutschlandfunkkultur.de/max-czollek-ueber-gegenwartsbewaeltigung-eine-gesellschaft.2162.de.html?dram:article_id=482362

Auszug:

>> ... „Wenn man ‚Integration‘ sagt oder ‚Leitkultur‘ sagt“, so der studierte Politologe, „dann sagt man: Das größte Problem einer Gesellschaft ist ihre Vielfalt. Die müssen wir bewältigen, die müssen wir managen. Deswegen müssen sich die Leute an der Leitkultur orientieren, deswegen müssen sich die Leute, die hier sind, integrieren, weil eine Gesellschaft nur dann funktioniert, wenn sie relativ harmonisch und relativ ähnlich ist.“

Diese Auffassung hält Czollek jedoch für „nicht mehr angemessen, um die radikale Vielfalt der Gesellschaft abzubilden“, mit der wir es heute zu tun haben. Eine Gesellschaft, die sich an einem solchen, auf Homogenität abzielenden Leitbild orientiere, könne letztlich auch keinen Schutz bieten „gegen das Wiederaufkommen von rechten und völkischen Politiken“, so Czollek.

In seinem neuen Essay mit dem Titel „Gegenwartsbewältigung“ zeichnet er nach, auf welcher Denktradition „die Konfiguration eines deutschen Nationalismus“ fußt, „also der Vorstellung, wer wir sind, wo die Grenzen dieses Wirs liegen, und was Menschen tun müssen, um Teil dieses Wirs zu werden.“

Die Vorgeschichte dieses deutschen Selbstbilds reiche 200 bis 250 Jahre zurück und mache deutlich, dass die Idee einer homogenen Volksgemeinschaft „mitnichten nur ein Phänomen des Nationalsozialismus ist, sondern eigentlich die Art und Weise, wie sich der deutsche Nationalismus konfiguriert und auch abgrenzt von Frankreich oder England im 18. Jahrhundert.“ ...<<



Über den Autor:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Max_Czollek



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Sehr lesenswert!!

Vielen Dank, Migranda. :D
Hättest Du nicht mal wieder Lust, hier etwas beizutragen?




Ein Beitrag von @ Andre (vom 25.08.2020, 09.07h) im Thread „Politische Philosophie“ ...

https://www.50plus-treff.de/forum/politische-philosophie-t77452-s2685.html#p5286747

... hat mich zu folgenden Überlegungen angeregt, die ich hier im Thread über „Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts“ für passender halte:



Der kreatürliche Mensch und seine Idealvorstellungen von seiner Wirklichkeit


Der Erdenmensch ist nur der Erdenmensch und kein Wesen, das er selbst als himmlisch in seiner Vollkommenheit bezeichnen würde. Er ist das was er ist, innerhalb des Spektrums der Unvollkommenheit – also abseits seiner Idealvorstellungen, ganz in der schlichten Wirklichkeit.

Die Chance des Menschen besiegelt leider im Bewusstsein vieler zugleich seine Tragik: Er hat mit seiner Intelligenz und Bewusstwerdung etwas Wesentliches erworben, das es im Tierreich nicht gibt: Eine ungeheure Vorstellungskraft und die Idee von Vollkommenheit. Leider zugleich Stolz und Verblendung, die ihn daran hindern, konsequent ehrlich sich selbst gegenüber zu sein und demutsvoll angesichts seiner eigenen tatsächlichen Unvollkommenheit, die im Kreatürlichen wurzelt.

Die Idee der Vollkommenheit wird leider oft nicht einfach nur dafür genutzt, um sich selbst zu verbessern, sondern um sich über seinesgleichen zu erheben und über sie zu beklagen.

Andere sehen in der Vorstellung von Vollkommenheit nicht die Chance eines nicht wirklich erreichbaren Abstraktums als bloßes Mittel, die eigenen Kräfte zu mobilisieren, um sich stets zu verbessen, sondern sehnen sich danach, dass es bereits ganz ohne ihr Zutun für sich existieren möge – als himmlische Gottheit, die ihnen alle Mühen der Selbstverantwortlichkeit abnehmen soll. Sie erhoffen sich von ihm zumindest im Jenseits einen Platz an seiner Seite.

Viele benutzen diesen Glauben auch nur dafür, um ihren Vorteil auf Erden daraus zu gewinnen. Der harmlosere Vorteil ist noch der, halbherzig der Tradition zu folgen in der diffusen Hoffnung, dass es ja nicht schaden könne, sich eine wie auch immer verschwiemelte Option zum Besseren – zumindest im Jenseits – offenzuhalten. Gefährlicher und folgenschwerer für die Gemeinschaft ist das Treiben derjenigen, die den Glauben der Vielen an himmlische Wesen und deren Vollkommenheit als Machtinstrument missbrauchen, um ihre eigene Position der Stärke auf Erden zu manifestieren.

Die atheistischen Ideologen haben diese Vorstellungen von Vollkommenheit eines überirdischen Wesens zerstört, aber leider nicht die Idee von einer Vollkommenheit an sich. Sie sind dazu übergegangen, sich die Vollkommenheit als idealen Menschen verkörpert vorzustellen und die Parole auszugeben, dass jeder von ihnen ein solcher werden könne, wenn er sich nur auf dieses Ziel entwerfen und dessen Verwirklichung betreiben würde. – Die Schuld daran, nicht bereits vollkommen sein zu können, wurde kurzerhand den durch die Herrschaft der „Klassenfeinde“ verursachten Verhältnissen gegeben, die fortan zu bekämpfen seien.

Aber alle Ideologen – ob die religiösen, kapitalistischen oder die atheistischen, kommunistischen – haben eines gemeinsam: Der Mensch in seinem Sein, so wie er durch die Evolution dem Tierreich entwuchs, genügt ihnen nicht.

Sie streben nach Höheren, nach Vollkommenheit – ungeachtet ihrer wirklichen Natur. Sie setzen von oben an durch Verleugnung ihres widersprüchlichen wahren Wesens, anstatt von unten durch Selbsterkenntnis, Verständnis für sich und andere – und Demut angesichts ihrer aller Unvollkommenheit.

Die Väter der Ideologien waren – so viel sollte man ihnen zugestehen – nicht identisch mit denen, die ihre Kinder für deren Zwecke missbrauchten. Aber sie haben in ihrem Streben nach Vollkommenheit dennoch die Saat für Hochmut und Machtmissbrauch derjenigen ausgebracht, die in jedem System ihre Maßnahmen zum „Überleben“ zu rationalisieren wissen.

Denn der Mensch ist im Grunde noch ein Tier, das ums nackte Überleben kämpft und diesen kreatürlichen Trieb nicht beherrschen und bewusst aufgeben kann, sobald die Grundbedürfnisse befriedigt sind.

Fortschritt bedeutet für ihn zugleich, die ursprünglich natürlichen Grenzen seiner Bedürfnisse zu überschreiten und fortan keine Grenzen mehr vorfinden zu können, außer denen, die er sich selbst setzen würde. Aber dafür ist ihm seine Natur wiederum im Wege – so, dass aus Bedürfnis schnell Habgier wird. Er ist nicht vollkommen genug seinen kreatürlichen Kinderschuhen entwachsen, um tatsächlich sein eigener Schöpfer sein zu können, um sich in eigener Vollkommenheit selbst zu erschaffen.

Aber der Mensch hat ein riesiges Potential dazu, sein unvollkommenes So-Sein auszuhalten und von allen oben ansetzenden Idealvorstellungen abzulassen, um seine Möglichkeiten von unten aufzurollen und Schritt für Schritt – immer im Status einer demutsvollen Selbsterkenntnis verbleibend – zu verwirklichen.


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ja - der Mensch strebt nach Vollkommenheit....
doch Vollkommenheit ist - wie Perfektion - ein Endzustand....
d.h. eine Steigerung ist nicht mehr möglich, denn mehr als vollkommen oder perfekt sein - das geht nicht....

die Natur will das nicht .....bei keinem Lebewesen.....
die Natur will Veränderung und mit der Veränderung ein Wachstum....
ich glaube an eine positive Veränderung.....von Generation zu Generation....