Wirklichkeit ... und Poesie (3)
am Beispiel eines Gedichtes von Ingeborg Bachmann
(Österreichische Dichterin, 1926 – 1973)


Nebelland
Ingeborg Bachmann

(1956, aus dem Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“)

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Tieren des Waldes.
Daß ich vor Morgen zurückmuß,
weiß die Füchsin und lacht.
Wie die Wolken erzittern! Und mir
auf den Schneekragen fällt
eine Lage von brüchigem Eis.

Im Winter ist meine Geliebte
ein Baum unter Bäumen und lädt
die glückverlassenen Krähen
ein in ihr schönes Geäst. Sie weiß,
daß der Wind, wenn es dämmert,
ihr starres, mit Reif besetztes
Abendkleid hebt und mich heimjagt.

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Fischen und stumm.
Hörig den Wassern, die der Strich
ihrer Flossen von innen bewegt,
steh ich am Ufer und seh,
bis mich Schollen vertreiben,
wie sie taucht und sich wendet.

Und wieder vom Jagdruf des Vogels
getroffen, der seine Schwingen
über mir steift, stürz ich
auf offenem Feld: sie entfiedert
die Hühner und wirft mir ein weißes
Schlüsselbein zu. Ich nehm’s um den Hals
und geh fort durch den bitteren Flaum.

Treulos ist meine Geliebte,
ich weiß, sie schwebt manchmal
auf hohen Schuh’n nach der Stadt,
sie küßt in den Bars mit der Strohhalm
die Gläser tief auf den Mund,
und es kommen ihr Worte für alle.
Doch diese Sprache verstehe ich nicht.

Nebelland hab ich gesehen,
Nebelherz hab ich gegessen.



Mehr als ein Wintergedicht… Von der Vergeblichkeit der Sehnsucht? Von der Unvereinbarkeit von Wunsch und Wirklichkeit? Von der Desavouierung des Unerreichbaren…? Oder von der wahren Liebe, die durch jeden „Nebel“ dringt? Die aber so selten nahe scheint – oder nein: Die mit einem Mal so nahe scheint wie selten?

Die Natur erscheint uns oft als unnahbar – aber in ihr verborgen liegt die Quelle unserer Lebenskraft… Oder denken wir das bloß? …Wer weiß?

Verdandi, 2015


Bild

Ingeborg Bachmann: Graffito von Jef Aérosol am Musilhaus in Klagenfurt (Wikimedia Commons)





Es ist schon so lange her, dass ich ein Gedicht von Ingeborg Bachmann auf mich wirken ließ.
Ihre tiefe Verbundenheit mit der Natur..., als Kraftquelle für ihr schweres Leben reichte sie leider nicht...-

Danke für den anregenden Beitrag!!

Liebe Migranda, vielen Dank für Deinen Beitrag!

Ich würde ein wenig differenzieren zwischen Schwere und Schwierigkeit in Bezug auf das Leben von Ingeborg Bachmann.

Einer ihrer engsten Freunde, mit dem sie sich tief verbunden fühlte und zeitweise ein inniges Liebesverhältnis hatte, war der Dichter Paul Celan, der tatsächlich ein schweres Leben hatte: Er kam nie über den Holocaust hinweg, bei dem auch seine Eltern von den Nazis umgebracht worden waren. Das berühmteste seiner Gedichte „Todesfuge“ zeugt eindringlich davon.

Die Beziehung zu ihm machte ihr Leben sicher sehr schwierig – aber im Vergleich zu seinem war es nicht wirklich schwer.

Bei aller Intellektualität und künstlerischen Schaffenskraft liebte sie auch das mondäne Leben im Kreise öffentlich anerkannter Persönlichkeiten und den damit einhergehenden vielen anregenden Kontakten – zum Beispiel an der Seite von Max Frisch.

Aber sie war niemals wirklich souverän, sie wollte Mittelpunkt für die Männer sein, die sie liebte – und das waren nicht die einfachsten, sondern selbst starke, kreative Persönlichkeiten, die sich durch ihre Zuwendung zwar gehörig geschmeichelt fühlten, die sie sicher jeweils auf ihre Weise auch liebten, sich aber selbst irgendwann nach einer Partnerin sehnten, für die sie selbst der Mittelpunkt sein konnten und von der sie keine Konkurrenz in Bezug auf ihr Werk befürchten mussten.

Hätte Ingeborg Bachmann realistischerweise ihrer Liebes- und Lebenssehnsucht – und auch ihrem hehren Anspruch an die Welt (ein anderes großes Thema) im Großen und Ganzen abgeschworen und sich ganz auf ihr dichterisches Potential entworfen, wäre ihr Leben sicher robuster und möglicherweise freier von Süchten gewesen, so dass sie noch bis in hohe Alter hinein ihr Werk hätte vollenden und erfolgreich damit sein können.

... So hätte ich es mir jedenfalls für sie gewünscht. Aber sie konnte – wie jeder Mensch – nur die werden, die sie war. Und wer sie wirklich war, kann kein anderer letztlich an ihrer Stelle entscheiden.

Aber in all ihren Widersprüchen, die sich offenbart hatten – im Spannungsfeld ihrer großen Potentiale und ihrer Schwächen – ist sie, d.h. ihr Werk, mir näher und damit mehr wert als das all der bedeutenden Männer in ihrem Leben – z.B. als das von Celan oder Frisch... Das macht sie mir unsterblich!




Entschuldigung, ich bin erst auf 17/75 das ist ätzend, denn mich drängt´s: mit meinem Senf.
Das Mögliche in Bezug auf menschliches Handeln ist der ethische Imperativ:
Handle stets so, dass die Grundlage deiner Entscheidungen jederzeit unter der Bedingung des Möglichen nacherzählt werden kann.
Das Mögliche an sich ist die Vorstellung einer unendlichen Formbarkeit der Realität, welche vorwiegend aus Machbarkeitsfantasien resultiert. Ist die Idee von Raum gegeben, dann ist das Mögliche an sich die Erreichbarkeit jedes Punkts in diesem Raum. So lassen sich Phänomene wie Genschere „Crisp“ und Bilder vom Ereignishorizont eines Millionen Lichtjahre entfernten schwarzen Loches erklären.
Ist die Idee der Zeit gegeben, dann ist Wirklichkeit eine Ausprägung des Möglichen an sich in einem Bewusstsein.
Zeit und Raum entspringen als Idee einem Seinshorizont, dessen Anfang mit den ersten fetalen intrauterinen Bewegungen bestimmt ist. Das Nichts kann als Idee nicht begriffen, eher als Ableitung einer dualen Sicht auf die Welt verstanden werden. Das Nichts ist dann die Abwesenheit von Sein. Die andere Seite derselben Münze, was mitnichten oder tanten so sein kann. Aus dieser Tatsache heraus, hat sich im 19.Jhrd Prentice Mulford dazu genötigt gefühlt das Buch „Unfug des Lebens und des Sterbens“ zu schreiben. Er ist zwar tot, aber Vorstellungen von ihm leben und wirken heute noch. So sind m.E. die Grundlagen der Dianetik bei L.Ron Hubbard in den Gedanken von P. Mulford auch schon gegeben. Was uns als „Spätersterbende“ übrig bleibt ist, z.B. der Frage nachzugehen, warum in der Idee vom Schöpferpaar Gott und Teufel das Nichts keinen Platz gefunden hat. Ach so: dann spürten die Sünder ja keine Pein, hä?
Ich will nicht zu weit abschweifen, deshalb schließe ich mit dem Gedanke, dass Nichts west, solange Universen den Gesetzen der Raumzeit unterworfen sind. Und erst wenn das Nichts in sich fällt, wenn Raumzeit divergiert, ist Feierabend, Schicht im Schacht und dann müssen wir uns um Singularität kümmern. (hä?wasch isch hä?)

Auch ein blindwütiges Spaßvögelchen erzielt manchmal einen Treffer... 

Abgesehen von all dem Scientologie-Schxxx, mit dem man mich hier bloß verschonen soll!

... Da war doch noch was – ich krame es hervor, genau:

Prentice Mulford (1843 – 1891), „Unfug des Lebens und des Sterbens“, bestehend aus vier Essays von 1855-90.

Ich schrieb 1988 in unter den Titel meiner Fischer TB-Ausgabe: „oder Unfug der Angst vor dem Leben und vor dem Sterben!“

Tja, nicht schlecht, Herr Specht – lange nicht mehr darin geblättert..., Anstreichung auf S. 144:


>>... Ich schob [die Schubkarre] zwölf Schritte weiter. Dann stand meine Lieblingsfurcht auf – schwarz wie ein Berggewitter, und ehrfürchtig umdüstert träumte meine Seele: 

„Alles wird schief gehen – immer geht alles schief. Bei meinem Pech. Ich bin in diese falsche Stellung geraten; niemand wird mir glauben! Was soll ich sagen! Was ...“

„Schubkarren - Schubkarren“, erklang es vom Mahner her.

„Zum Henker mit dem Schubkarren“, rebellierte ich. „Ich will doch in Frieden über meine Unannehmlichkeiten nachdenken dürfen, sonst habe ich doch gar nichts von ihnen und überhaupt. Was für eine skurrile Idee, alle Aufmerksamkeit auf eine so untergeordnete Sache wie diesen zwecklosen Karren richten und darüber die großen Angelegenheiten des Lebens vernachlässigen!“

„Heiliger Mumpitz“, sprach hinwiederum der Mentor. „So lassen Sie sich denn sagen, dass die großen Angelegenheiten des Lebens das sind, was sie die kleinen nennen. 'Großzügig' das Pracht-und Glanzwort des Dilettantismus. An die 'Zukunft denken', eine wohllautende Umschreibung für die Unfähigkeit, 'in der Gegenwart' zu denken. Jetzt gleich... JETZT... JETZT... JETZT, das ist die einzige Wirklichkeit, die wir kennen - die einzige, die wirkt. Aus den Maschen des Alltäglichen,  Allstündlichen webt sich das Schicksal. ...“<<



... usw. usw. – sehr schön ... fast völlig vergessen. Damals schon 100 heute 130 Jahre alt. – Wirkt veraltet im Sinne von verstaubt. Aber dennoch ist es – mal abgesehen vom Fraglichen und Allzufraglichem – hier und da anscheinend immer noch zeitlos aktuell. Wassenichsaachst! ... Okay.


Ach ja, das noch:

>>... z.B. der Frage nachzugehen, warum in der Idee vom Schöpferpaar Gott und Teufel das Nichts keinen Platz gefunden hat. ...<<

Die Antwort ist ganz leicht zu geben: Das einzig wahre Nichts – die Abwesenheit, nein: Niedagewesenheit jeglicher Schöpfung – fand aus ganz pragmatischen Gründen in der menschlichen Vorstellungswelt keinerlei Halt: „Wer wär' ich denn, wenn's mich gar nicht gäbe?“

:wink:



Wäre schade, wenns dich nicht gäbe, Verdandi, denn du verstehst es wirklich, die Sache auf den Punkt zu bringen, so wie "beim Spaßvögelchen".
Aber eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass du mit deinem vorigen Beitrag über Ingeborg Bachmann ihr Wesen, ihre Einmaligkeit wunderbar erfasst hast.
Aber sind wir nicht alle einmalig, so oder so.
Wenn P.Mulford von mir angesprochen wurde dann deshalb: wenn das Nichts, anders als die Raumzeit, als Idee nicht begriffen werden kann, bleibt es doch jedem Individuum unbenommen den Verstandesweg einzuschlagen, um etwas unbegreifliches immerhin verstehend darzustellen. P.Mulford tat das indem er den Tod negiert in der Vorstellung der Unsterblichkeit. Ich will das nicht beurteilen, das sollen andere bewerten. Nur soviel: den Tod überwinden war im 20.Jh. ein russisches Forschungsprogramm, was ich auch nicht bewerte, auch nicht darüber urteilen will.
Zentralthema bei Mulford ist die Macht der Gedanken. Das drückt er in Der Unfug des Sterbens- Wer sind unsere Verwandten?“ so aus: „Keine Kraft arbeitet subtiler, keine ist mächtiger Resultate zu wirken im Guten wie Bösen, als jener gleichmäßige Gedankenstrom, der, aus mehreren Menschen zugleich strahlend, sich vereint, um an einer Person gewünschte Wirkungen hervorzurufen.“ Auch hier statt Bewertung die Betrachtung, wie einer, der sich Gedanken macht, auf seinem Weg zum unendlichen Bewusstsein. Aber - auf die Gefahren der Anwendung derartiger Gedanken sollte hingewiesen werden. Gerade im Begründer der Church of Scientology, des Romanciers und Do-it-yourself-Psychologen L.Ron Hubbard manifestierten sich zur „Seite des Bösen“. Diese Gefahren sind mit Scheibtruchengeschichten nur verharmlost.
Die Frage nach der Idee vom Schöpferpaar Gott und Teufel statt Gott und Nichts war rein rhetorisch gestellt. Und das Übrige wurde überlesen. C’est la vie.
Ciao, ciao

@ Weeny2
Scientology-Schrott werde ich hier nicht unbekämpft dulden, egal von wem und unter welchem Vorwand der in diesen Thread hinein geschaufelt wird.

Die Scientology-Gruppierung ist beileibe keine „Kirche“, wie Du sie nennst (und gilt bei uns zum Glück auch keineswegs als eine solche), sondern ist eine miese, ausbeuterische und gemeingefährliche, weltweit operierende Menschenfänger-Sekte, die schon über viele – oft junge – Menschen und ihre Familien großes Unglück gebracht hat!

Hier ist also in Bezug auf irgendwelche mehr oder weniger verdeckten Anfänge durchaus nicht bloß „Betrachtung“, sondern rechtzeitige Erkenntnis, Bewertung und Gegenwehr angesagt.

Sorry, wenn ich Dir – den ich um Übrigen gar nicht kenne – mit dieser Ansage zu nahe getreten sein sollte. Aber ich kann nicht erkennen, worin genau Dein Interesse an dieser Sekte besteht, was Dich also dazu brachte, sie ohne erkennbaren Anlass wiederholt in diesem Thread zu erwähnen. Ich verzichte aber auf weitere Erklärungen. Bleib am besten (für uns beide) einfach hier weg!



Luisa. hat geschrieben:

Wäre schade, wenns dich nicht gäbe, Verdandi, denn du verstehst es wirklich, die Sache auf den Punkt zu bringen, so wie "beim Spaßvögelchen".
Aber eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass du mit deinem vorigen Beitrag über Ingeborg Bachmann ihr Wesen, ihre Einmaligkeit wunderbar erfasst hast.
Aber sind wir nicht alle einmalig, so oder so.

@ Luisa
Ich danke Dir! :D

Ja, jeder Mensch ist einzigartig, wobei nicht sein Sein, sondern sein Bewusstsein von sich selbst diese Eigenschaft erst relevant macht.

Einzigartigkeit bringt es auch mit sich, dass nicht alle solche Höhen für ihr Werk erreichen, wie z.B. Ingeborg Bachmann, deren Name dadurch (zumindest in einem für uns nicht absehbaren Zeitraum) unsterblich wurde. – Aber der zu werden, der er ist, kann jeder zu realisieren lernen ... Und Glücklichsein (-können) ist sowieso eine ganz andere Nummer, die wiederum mehr mit Selbstvergessenheit zu tun hat.






@ weeny2

….Was uns als „Spätersterbende“ übrig bleibt ist, z.B. der Frage nachzugehen, warum in der Idee vom Schöpferpaar Gott und Teufel das Nichts keinen Platz gefunden hat. ….

Zwischen einem Gott als dem „personifizierten Ideal des Besten“ und einem Teufel als dem „personifizierte Ideal des Schlechtesten“ als zwei Extreme befinden sich auf der ablesbaren Werteskala auch noch das Gute und der Schlechte, sowie auch das Bessere und das Schlechtere, die sich Alle in der Mitte in einem Punkt der Wertneutralität treffen, der Nichts von Beiden beinhaltet – genauso, wie die abstrakte Gegenwart den Punkt auf der Zeitskala darstellt, der weder Vergangenes noch Zukünftiges beinhaltet, aber so unendlich kurz ist, dass er nicht mehr definiert werden kann, und somit – genau genommen – genauso wenig existiert, wie abstrakte Extrempunkte, bei denen konkret immer noch eine Steigerung möglich ist.

Bei den Katholiken schaffte man in der Zeit der Aufklärung den Teufel jedoch ab, um die Taten, die in seinem Namen begangen wurden, als den Willen eines Gottes darzustellen, dessen scheinheilige Söhne angeblich nur die Funktion von schicksalhaften Erfüllungsgehilfen innehatten, um zu verschleiern, dass es sich dabei um dieselben machtgierigen Despoten handelte, die sich schon immer vom ungebildeten Volke als "grundgütige Gottkönige höchstselbst" verehren ließen.

Einige intellektuelle Revoluzzer wie Nietzsche und Sartre, die aufbegehrten, weil sie die ihnen verheißene gesellschaftliche Machtposition (zu Rechten Gottes) nicht bekleiden durften, welche sonst immer den Mitgliedern der geistigen Elite gewährt wurde, erklärten daher – nach dem Motto: „Die Trauben sind mir viel zu sauer!“ - jeglichen „Gott als das personifizierte Gute“ in nihilistischer Weise für tot, um damit stattdessen einem „liberalistischen Naturrecht auf herrschaftsfreie Verwirklichung der eigenen Machtbestrebungen für die Stärksten – notfalls auch auf Kosten Schwächerer„ zur Geltung zu verhelfen.

Nachdem auf nihilistische Weise jedoch Normen, die bisher von Menschen im Namen eines Götzen gemacht worden sind, für Null und Nichtig erklärt worden sind, um statt dessen ein „Vorrecht der Herrschaftsfreien“ einzuführen, hat jedoch letztlich doch wieder der Stärkere die Nase vorn, wie es bei allen Revolutionen der Fall ist, sodass man letztlich dadurch doch nur immer wieder zurück zur altbewährten Hierarchie gelangt, weshalb es ja auch nicht E-Volution heißt, sondern Re-Volution.

….So sind m.E. die Grundlagen der Dianetik bei L.Ron Hubbard in den Gedanken von P. Mulford auch schon gegeben. ….

Ob es sich bei Ron Hubbard um einen ähnlichen Freigeist gehandelt hat, wie Mulford, wage ich zu bezweifeln, weil der sich nicht damit begnügte, Monopolisten wie Rockefeller als „Inkarnation des Bösen“ zu verunglimpfen, sondern sich selber als eine Art gottgesandten Messias betrachtete, dessen Mission es war, die verirrten Schafen auf den rechten Weg zu bringen, indem er sie „clearte“ - in dem Bestreben, die Erinnerungen an ihre Untaten mittels von Hypnose auszulöschen, sodass es ihnen so erschien, als hätte es diese niemals gegeben.

Ein solches - durch eine künstliche Demenz bewirktes - „Nichts von Unrecht“ im Bewusstsein von Politikern, die ihre Untaten so weit verdrängt haben, dass da nur noch ein schwarzes Loch zu erkennen ist, wenn sie geistig in ihrer Vergangenheit zurückgehen, ähnelt dem verdrängten, schlechten Gewissen eines Rockefellers, der sich selber für einen Günstling Gottes hielt, welcher ihn angeblich für frühere Wohltaten zu Recht mit Reichtum gesegnet hatte.

Die gnostische Vorstellung, füsikalisch wiedergeboren zu werden, um den gerechten Lohn oder die Strafe für seine Wohl- oder Missetaten in einem zukünftigen Leben nach dem Tode doch noch zu empfangen, nachdem Dieses vor dem Tode nicht möglich war, stellt ebenfalls eine Verdrängung der Vorstellung dar, dass man genauso sterben muss, wie bisher jedes andere Lebewesen auch.

Dieses Verfahren dient der wirkungsvollen Bekämpfung der Angst vor der Vernichtung jeglichen posthumen Ansehens, welches man bei den Weiterlebenden auch noch nach seinem Tode innehat, und die durch den Fall in die völlige Bedeutungslosigkeit erfolgt, sodass es am Ende so aussieht, als hätte es Einen selber niemals gegeben, was natürlich auch nicht mit der Realität übereinstimmt, in der jede Ursache auch eine Folge hat – ganz gleich, ob sie nun vom Menschen willentlich bewirkt wurde oder aber ohne sein Dazutun stattfand, und ob der sich nun dran erinnert, oder nicht.

Ansonsten ist das schwarze Loch, welches man vor dem hellen Sternenhintergrund zu sehen vermeint, natürlich kein füsikalisches, und damit auch im filosofischen Sinne kein „Nichts von allem Stofflichen oder Dinglichen, was die Realität ausmacht“, sondern lediglich ein „Nichts von sichtbarem Licht“, weil die Masse und damit auch die Gravitation eines Sterns so groß ist, dass das Licht von ihm festgehalten wird, und die Materie, aus dem dieser Stern besteht, somit als schwarz oder dunkel bezeichnet wird.

Jetzt dürfen die Neunmalklugen sich wieder über meine neue teutsche Rächtschreipunk moqieren, wenn das das Einzige ist, was sie an diesem Beitrag interessiert, schmunzel...

Wirklichkeit ... und Poesie (4)
am Beispiel eines Gedichtes von Joseph Brodsky
(Ausgebürgerter Russischer / seit 1977 eingebürgerter US-Amerikanischer Dichter, 1940 – 1996)


Liebe
Joseph Brodsky
(1971)

Ich schreckte heute zweimal aus dem Schlaf
und ging ans Fenster, wo die Straßenlampen
den Halbsatz, der im Traum gefallen war,
mit Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen weiterspannen,
um auch nicht einen Funken Trost zu lassen.

Ich träumte von dir, du seist schwanger. Seltsam,
obwohl wir längst nicht mehr zusammen leben,
stand ich doch schuldbewusst, und meine Hände,
die freudig nach dem runden Leib sich streckten,
die angelten in Wahrheit nach dem Hemd

und suchten Licht. Als ich ans Fenster ging,
da wusste ich genau: ich lass dich dort
allein, im Traum, in dieser Finsternis,
wo du geduldig ausharrst, bis ich komm,
mich nicht beschuldigst ob der absichtsvollen

Unterbrechung. Denn was bei Licht zerbricht,
all das geht weiter in der Finsternis.
Dort sind wir Mann und Frau, sind jenes Tier
mit den zwei Rücken, selig, so dass Kinder
als Vorwand bloß für unsre Nacktheit dienen.

In irgendeiner zukünftigen Nacht,
da kommst du wieder zu mir: mager, elend.
Da werde ich den Sohn, die Tochter sehen,
die ohne Namen sind, und ziehe nicht
die Hände fort und greife nicht zum Licht,

wer gäb mir diesmal denn das Recht, euch beide
allein zurückzulassen dort im Reich
der Schatten, wortlos vor dem Wall der Tage,
die sich doch richten nach der Wirklichkeit
und die mich wachend finden, unerreichbar.




Nichts wird einfach „überwunden“, alles Erlebte sucht sich seinen angestammten und doch wandelbaren Platz im – wenn wir Glück haben – harmonisch abgestimmten Gesamtgefüge unseres wogenden Seins in Raum & Zeit. Belässt uns einen Zugang zu sich im Wachen & Schlafen, Wollen & Träumen. Erinnerungen verdichten sich zu Geschichten, greifen uns voraus in die Zukunft, erhalten unsere Utopien lebendig. – Auch die von der wie auch immer gearteten Tilgung aller Schuld.

Verdandi / 2016





Wie der Ruhrgebietler so schön sagt: „Von Nix kommt Nix“ – und damit auch kein Bewirken von Schuld oder deren Tilgung - , und „für Nix gibbet auch Nix“ – nämlich auch keine Befreiung von der bereits bewirkten Schuld ohne deren Tilgung, wozu auch die Bringschuld gehört, die in der Erfüllung seiner Pflichten besteht, um es nicht mit Anderen zu verderben.

Oder anders gesagt: „Et gibt Nix Schlechtet oder Gutet, außer man tutet!“. Dabei ist - frei nach Wilhelm Busch - das "Gute - das steht fest - bereits das Schlechte, was man bleiben lässt", denn so, wie allem Bewirkten eine Absicht und eine Wirkung in Raum und Zeit zugrunde liegt, so hat auch alles Unbewirkte seine Ursache und seine Folge in Raum und Zeit.

Ein vorgestelltes Paralleluniversum der Fantasie voller Frieden, Freude und Eierkuchen mag da noch so verlockend erscheinen, um den erbärmlichen Zustand der tatsächlich existierenden Beziehungen zu anderen Lebewesen nicht erkennen zu müssen - mit der Begründung, dass sie gar nicht existierten, weil man sie nicht mit den füsikalischen Händen anfassen und begreifen kann - , stellt jedoch nur eine selbstbewirkte, geistige Flucht vor der Erkenntnis der Dinglichkeit (dem faktischen Vorhandensein) von Tatsachen dar, die mehr sind, als nur ihre stoffliche Erscheinungsform.

Die Erkenntnis der Beziehung zwischen sich selber und Anderen - oder auch der Beziehungen zwischen Anderen untereinander - ist durch die nicht voneinander zu trennende Kombination des materiellen Körpers mit dem geistigen Organ des gesunden Menschenverstandes (sanskr. buddhi) ebenfalls möglich – auch wenn man den Verstand, mit dem man versteht, und die Vernunft, mit der man entscheidet, selber nicht mit natur- sozial- oder geisteswissenschaftlichen Mitteln erkennen kann, sondern lediglich die mit deren Hilfe bewirkten materiellen, sozialen oder geistigen Auswirkungen oder Werke, welche wiederum die günstigen oder ungünstigen Voraussetzungen (Karma) für eigene zukünftige Werke, sowie auch für die Werke Anderer bilden.

Bei der Begründung, dass Etwas nur existieren könne, wenn man dessen Ursache kennt, wird die tatsächliche Ursache, die man nicht kennt, mit der vorgestellten Ursache verwechselt, welche lediglich eine plausible Hypothese darüber darstellt, wie es entstanden sein könnte, womit noch nicht bewiesen ist, dass es tatsächlich so war – nur, um nicht zugeben zu müssen, dass man es eben nicht genau weiß, und somit noch nicht mal im Geiste so mächtig ist, sich als Schöpfer von Wirklichkeit zu betätigen, die man nach Belieben sogar rückwirkend noch ändern kann, wenn man es nur will.

Also bleibt Einem nur noch die immer wieder neue, kurze Gegenwart, um Berge zu versetzen, die man bisher noch nicht versetzt hat, um das scheinbar Unmögliche damit zu erreichen – und sei es auch nur in der geistigen Vorstellung des Wollens, wie Udo Jügens in seinem Lied "Ich weiß, was ich will!"

https://www.youtube.com/watch?v=Im7EKX75-j8

Subkutan

Manche Menschen können nur begreifen, was sie mit Händen greifen können. Dabei sitzt das Ungreifbare oft direkt unter der Haut – in allen Poren spürbar, und unablässig seine Wirkung vollziehend – wie ein Schwelbrand in der Asche vergangener Ereignisse, den bloßen Blicken verborgen. Nur wer dem kühlen Augenschein trotzt, kann die Hitze erahnen, die in ihm wirkt.

Verdandi / 17.10.2020


Bild


>>...
„Ich weiß, dass ich vorm Abgrund steh. Und mein
Bewusstsein kreist gleich einem Schaufelrad
um seine Achse, die unbiegsam ist.“

Und bei all diesem ist seine Lyrik letztendlich auch ein Versuch der Abbildung von Welt als einer Erfahrung, die wir alle, wenn auch oft in unbewussten Momenten verkapselt, bereits erlebt haben oder wenn nicht, dann doch als Existenzzustände erkennen können – nur sind sie eben oft konkav und nicht immer nur an ein äußeres Bild, sondern auch an Prozesse im Innern gekoppelt. Sie gehen über dieses Innere hinaus, in die Spiegel, zwischen die Spiegel, den Horizont nach Erkenntnis filternd – und bleiben, verharren doch darin; verschwinden darin.

Aber dennoch: Es steckt oftmals der Kern einer sehr menschlichen Regung oder Beobachtung in ihnen.
...<<

Quelle: Über Joseph Brodsky | Babelsprech.org
http://www.babelsprech.org/rezension-ueber-joseph-brodsky/



Genauso, wie die Lyrik, so ist auch die Prosa ein Mittel, die erlebte Realität beispielhaft an Andere zu vermitteln, die sie selber nicht erlebt haben, damit sie nicht extra auch erst leidvolle Erfahrungen machen müssen, um zu lernen, wie man unnötige Fehler auf dem Weg zum selbstbestimmten Ziel vermeidet, sofern sie denn dazu in der Lage sind, auch aus den schlechten Erfahrungen Anderer zu lernen.

Die reine Vermittlung eines Erlebnisses jedoch, welches keine Lehre enthält, sondern nur einen Ersatz für Selbsterlebtes darstellt, muss bruchstückhaft bleiben, weil man selbst mit den schönsten Worten eben nur Fragmente eines Gesamteindrucks abzubilden vermag, und somit auch nur ein ganz spezielles Klientel mit lyrisch oder episch gestalteten Klischees erfreuen kann.

Die können jedoch niemals das Original auf die selbe Weise erleben und es wesenhaft als solches erkennen, wie der Vermittler selber, um sich mit ihm gemeinsam dran zu erfreuen, oder um es ihrerseits an Andere weiterzuvermitteln, was sie selber erlebt haben, sondern höchstens das Klischee, weil Etwas auch dann, wenn es zwei Personen auf die gleiche Weise erlebt haben, für sie noch lange nicht das Selbe ist.

So beruht die subjektiv erlebte Realität immer in großen Teilen auf einem selbstgeschaffenen, geistigen Abbild von der materiellen und sozialen Realität, welches dieser nicht nur übergestülpt wird, um sie klischeehaft in ihrem Wesen als „echt“ - oder beim Menschen als „authentisch“ - wiedererkennen zu können, sondern auch, um sie qualitativ daran zu bewerten, bevor man sie als unangenehme (hässliche) Erfahrung ins Unterbewusste verdrängt, oder sie als angenehme (liebliche) Erfahrung zu seiner Lieblingsgeschichte macht, mit der man - Kraft der Macht seiner Fantasie - Alles bisher Erlebte in einem golden Schimmer erstrahlen lässt, in welchem schließlich das ganze Leben als von Vorneherein selbst erwählt und daher auch als selbstbestimmt erscheint.

Hiermit flüchtet der Träumer jedoch nicht in eine selbst bewirkte Wirklichkeit, sondern blendet lediglich die Teile der bereits erkannten Realität - die er zum Einen nicht selber bewirkt hat, sondern die von alleine oder durch das Einwirken Anderer entstanden ist, und die er zum Anderen nicht als selbst bewirkt anerkennen mag, weil sich das nicht mit seinem falschen Selbstbild der Allmacht vereinbaren lässt - , nachträglich geistig wirksam aus.

So erscheint dem Realitätsleugner sein selbstgemachtes Selbstbild im Spiegel der Selbstbetrachtung auch dann immer noch von seiner schönsten Seite, wenn er sich tatsächlich in einer selbst bewirkten Miesere befindet, ohne dass dabei die geringste Aussicht besteht, aus den erkannten Fehlern zu lernen, wie er sie in Zukunft vermeiden kann, indem er diese nicht mehr wiederholt.

Damit wird wirksam die Möglichkeit verhindert, sein Leben auch nur ansatzweise frei von Illusionen (falschen Vorstellungen von der Realität) erfolgreich selber zu gestalten, sodass es für den Träumer ein Buch mit sieben Siegeln bleibt, während er auf Gedeih und Verderb Denen ausgeliefert ist, die ihm diese Träume als Alternative für die Erkenntnis der Realität verkauft haben, damit er diese niemals als solche erkennen möge.

Don Juan, der spirituelle Lehrer von Carlos Castaneda, bezeichnete es als den Weg eines Kriegers, der seinen Weg beherzt geht, indem er immer wieder aufs Neue seine Angst davor bekämpft, was ihm im Leben Alles noch einmal widerfahren könnte, aber der sich dennoch gewiss ist, dass der eigene Tod ihn stehts als guter Ratgeber begleitet, und ihn dazu mahnt, sein Leben nicht im Übermut der Selbstüberschätzung leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Kunst ist Kunst !

https://www.50plus-treff.de/forum/kunst-ist-kunst--t75314.html


Lyrik und Prosa dienen nicht der „Lebenshilfe“, sondern der Kunst. Die Kunst ist nur sich selbst verpflichtet. Sie entspringt den Intentionen des Künstlers und verweigert sich von vornherein jeder Art von nützlichem Gebrauch. Jemand, der sich die Kunst eines anderen als Rezipient aneignet, wird diese an sich – für das was sie ist – zu schätzen wissen, als eine außergewöhnliche, zusätzliche, also bereichernde Perspektive bzw. Interpretation des Seins, und keineswegs als eine Sache, die er selbst zu schaffen versäumt hätte.

Im Gegenteil: Wäre der Rezipient selbst Kunstschaffender, müsste er seinen eigenen Intentionen folgen und etwas Authentisches schaffen, das von niemand anderem geschaffen werden könnte.

Die Aneignung der Kunstwerke anderer ist also ein ganz anderer Vorgang, um sich mit dem Sein auseinander zu setzen, und kann in dieser Weise unterschiedlichsten Richtungen und Tendenzen folgen, dabei verschiedenste Quellen aufspüren und sich diese zu eigen machen, ohne sich ganz und gar damit zu identifizieren.

Die Rezeption eines Kunstwerkes ist überhaupt nicht vergleichbar mit eigenem Kunstschaffen. Wer so etwas behauptet, kann künstlerischen Formen des Schaffens als einen Ausdruck individuellen Seins wohl nicht verstehen.

Niemand kann sich das Kunstwerk eines anderen in einer Weise aneignen, dass in ihm der Eindruck entstünde, es stamme von ihm selbst. Niemand kann ein anderer sein – und niemand kann das wirklich wollen, weil er dadurch seine Identität verlieren würde.

Nein, eine jede Adaption eines Kunstwerkes eines anderen stellt einen Prozess der Umwandlung dar – in das eigene Sprach-, Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen – und eine Eingliederung in das eigene Wertesystem. Und wer die Chance dazu nutzt, wird das eigene Erleben hierdurch keineswegs ersetzen müssen, sondern bereichern können!