@ Verdandi

Denke gerade darüber nach, wer aus Deiner Sicht zur konservativ-kapitalististischen Ecke" gehören könnte...
Ob sie wirklich nur an sich selbst denken, und nicht auch an ihre Nachkommen, die die sehr Wohlhabenden ja meistens haben, können wir nicht wissen, finde ich, es sei denn, wir kennen sie persönlich...
Ein Manager von Siemens z.Bsp. ist vielleicht grundsätzlich davon überzeugt, dass man Verträge einhalten muss, auch bezüglich des Kohleabbaus in Australien...
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Von Wirtschaft hab ich keine Ahnung, aber aus meiner Sicht geht es nicht ohne Kompromisse, aus meiner Sicht gibt es keine Alternative zu einem gebändigten Kapitalismus, also zu Kompromissen zwischen Ökonomie und Ökologie (sozial-ökologischer).
Ich glaube wie Du, dass es ohne wirtschaftliche Einbußen durch die Umstellung auf Nachhaltigkeit nicht gehen wird, aber diese sollten ausschließlich die Wohlhabenderen hinnehmen müssen, und nicht die untere Mittelschicht, und diejenigen mit gering qualifizierten Jobs...Sonst wählen diese eine LePen, den Brutalo Salvini und unsere radikalisierte AfD...
Und lassen sich nie und nimmer davon überzeugen, dass wir alle unseren Lebensstil ändern müssen...
Auch ich hoffe sehr, wir könnten es ja irgendwie doch schaffen, denn ohne Hoffnung kann ich nicht leben, trotz meiner Skepsis...

Die Wirklichkeit holt die Wirtschaft ein


@ Migranda, es stimmt, auch die Kapitalisten sind nicht alle nur gierig – oder sagen wir mal so: Sie sind nicht alle so dumm, dass sie nicht erkennen würden, dass die Klimakrise bald auch eine Bedrohung für ihre Gewinnmargen darstellen wird – wie die neueste Verlautbarung von Larry Fink, Chef von Blackrock, vor zwei Tagen gezeigt hat.

Wahrscheinlich sollten wir am Ende sogar noch froh sein, dass die klügeren und weitsichtigeren Kapitalisten die dümmeren (und blanke Gewinnsucht ist einfach nur dumm) und kurzsichtigeren samt politischer Entourage mal kräftig an den Haaren gezogen und ihnen mit Liebesentzug gedroht haben?!

Einsicht ist jedenfalls wirksamer, als Restriktionen es sein könnten – und alles, was erstere fördert sollte begrüßt werden, auch wenn das manchmal nur zähneknirschend möglich scheint.

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Klimaschutz: Blackrock-Chef schreibt Brandbrief an Topmanager - DER SPIEGEL

https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/klimaschutz-blackrock-chef-schreibt-brandbrief-an-topmanager-a-fdab3783-6308-4cfe-b7ac-63d98457947e

Blackrock: Was vom Klimaschutz-Vorstoß der Fondsgesellschaft zu halten ist - DER SPIEGEL

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/blackrock-was-vom-klimaschutz-vorstoss-der-fondsgesellschaft-zu-halten-ist-a-bc4f8848-ac6d-4e85-b0ff-521b6c2183ee





Ausgerechnet Larry Fink von Blackrock als Retter der Welt zu sehen, ist kühn.
Der hats nötig!
Blackrock ist der größte globale Haifisch im Immobiliensektor.
Blackrock kauft alles, was zu kriegen ist - von privatisierten Kommunalbauten bis hin zu ganzen Fabriken und abgetaktelten Bürohäusern.

Diese Firma würde sich sehr freuen über eine Krise - in der Krise gewinnen solche Firmen Billionen.
Und um Billionen gehts bei dieser Firma.

Sie ist zur Zeit eine der Schlimmsten.
Sehr viel kann man über diese Geheimgesellschaft nicht ergoogeln - Blackrock ist sehr diskret und spielt sich auf als Mahner und Gönner.

Ihr Appetit auf fast eine Monopolstellung im globalen Immobiliensektor ist grenzenlos und ihre Besitzer sind gierig und verlogen wie kaum jemand anderer.

Du hast in fast allem Recht – nur, blöd sind die halt nicht.

Auch der Kommentar vom SPIEGEL ist recht pragmatisch, aber deshalb nicht falsch.

In der Klimakrise würde Ideologisches nur zusätzlich dabei behindern, die wichtigsten ersten großen Schritte zu unternehmen. – Deshalb ja das „Zähneknirschen“: Aber besser so als gar nicht!

Und ansonsten: Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass mein vorheriger Beitrag nicht ohne Ironie war. ;o)



@Verdandi

Danke für Deine Links, hab sie gerade gierig gelesen...
Auch im Newsletter der "Zeit" lautete es heute morgen so, dass die Wirtschaft schon umschwenkt auf den Klimaschutz...
Es geht doch nichts über den realistischen Pragmatismus der Kapitalisten...
Allerdings meinte der junge Journalist tatsächlich, die mächtigsten Konzerne könnten eine vernünftige Weltregierung bilden, das finde ich nun echt naiv, denn Konzerne sind ja leider schon viel zu mächtig...

@barbera

Deine Skepsis ist sicher berechtigt, und vermutlich ist er wirklich ein menschlich unsympathischer, gieriger und verlogener Typ...
Aber Hauptsache ist doch zunächst, er unterstützt nun das, was dem Klimaschutz dient, auch wenn unter dem "Heiligenschein" des Klimaschutzes
so mancher nun versuchen wird, finanziell zu profitieren...
Trotz realistischem Pragmatismus ist Skepsis immer angesagt im Zusammenhang mit mächtigen Großkonzernen...

Ach ja... Politik ist ein weites Feld, das die Lebenswirklichkeit eines jeden tangiert, in das man daher auch andauernd und überall hineingeraten kann. Es lassen sich auch nicht alle philosophischen Themen völlig freihalten von politischen Bezügen. Man sollte sich dennoch darum bemühen, sie in den bewusst davon abgegrenzten Bereichen doch mal außen vor zu halten – wie hier in diesem Thread, obwohl man dessen Begrifflichkeiten sehr leicht auch mit politischen verbinden kann, wenn man es darauf anlegt oder dazu herausgefordert wird – wie wir schon des Öfteren sehen konnten, jetzt gerade erst wieder... Was ich auch nicht immer generell ablehnen möchte, allerdings möchte ich dort nicht thematisch und argumentativ verharren und enden.

Außerhalb politischer Diskurse haben wir die Chance, unseren Kopf frei zu bekommen und zu halten, ohne gleich wieder in den Modus von Ideologien und Richtungskämpfen zu geraten und andere unversehens als Gesinnungsgenossen oder -gegner erfahren und erfassen zu müssen.

Neben dem ausdrücklich für politische Themen vorgesehenen Forum gibt es sogar hier im Philosophie-Forum einen politisch konnotierten Thread namens „Politische Philosophie“ (bei dem der ausdrücklich erwünschte philosophische Aspekt aber leider auch schon längst dem „Real-Politischen“ gewichen ist...), so dass die Krake Politik nicht noch den ganzen Rest, insbesondere nicht diesen Thread hier in Besitz nehmen sollte.

Jedenfalls wünsche ich mir das als Threaderöffnerin – und hoffe, diesem Trend zumindest selbst hier etwas entgegengesetzt zu haben und weiterhin entgegensetzen zu können. Was selbstverständlich nicht bedeutet, dass mich politische Themen nicht interessierten – aber man muss beileibe nicht jeden Gedanken davon infiltrieren lassen. Zumindest nicht in diesem Forum hier.





Die Kraft der (Doku-) Fiktion

Mir ist aufgefallen, dass TV-Beiträge zum Thema Geschichte heute mehr und mehr von doku-fiktionalen – also den historischen Ereignissen nachempfundenen – Spielfilmszenarien durchsetzt werden. Sendungen über die Römer oder Ägypter erscheinen einem im Gegensatz dazu, also ohne diese gespielten Szenen langweilig: Interviews mit Fachleuten, Einblendungen von freigelegten bzw. ausgegrabenen alten Fresken und Tonkrügen, auf denen Szenen des damaligen Lebens abgebildet sind usw., vermögen nicht im Entferntesten, die explizite Anschaulichkeit zu vermitteln, die mittels einer gespielte Szene möglich ist.

Die gespielten Szenen sind allerdings reine Fiktion. Alles was wir darin sehen, ist inszeniert und erfunden, insbesondere die auftretenden Protagonisten selbst: Ihr gesamtes Erscheinungsbild, ihre Physiognomie, Haltung, Stimmlage – alles.

Soll die Figur eine historische Persönlichkeit verkörpern, entsprechen ihre Existenz, ihr Name und das, was sie in Briefen anderen mitgeteilt hat, zwar der belegbaren Wirklichkeit. Aber die mündlichen Aussagen zu irgendwelchen Anlässen sind – falls nicht von zeitgenössischen Zeugen schriftlich protokolliert und daher ebenfalls wörtlich belegt – bereits der Persönlichkeit bloß nachempfundenes Füllmaterial für die betreffende Filmszene.

Ich gestehe, dass auch mir diese mittels nachgespielter Szenen produzierten Geschichtssendungen besser gefallen, als die so trocken erscheinenden rein dokumentarischen.

Woran liegt das? Haben wir uns schon zu sehr gewöhnt an die heutige Medienkultur mit all den optisch aufbereiteten und animierten Angeboten der Unterhaltungsbranchen in Form von Games und Spielfilmen aller Art? So, dass wir schon automatisch erwarten, dass die Wirklichkeit stets fiktional aufgepeppt dargeboten wird, um unsere bereits ausgereizte Aufmerksamkeit überhaupt noch erreichen oder gar fesseln zu können?

Die sich unmittelbar daran anschließende Frage ist die nach Nützlich- oder Schädlichkeit dieser Entwicklung. Das heißt: Müssten wir (wenn wir könnten) der Vermischung von Realität und Fiktion Einhalt gebieten und zu früheren, originären Formen der Adaption von Wissen zurückkehren – um den Realitätsbezug nicht zu verlieren? Wenn ja, was bedeutet es, wenn wir das nicht mehr aufhalten können?

Oder nein: Die Entwicklung kann nicht nur nicht, sondern sollte vielleicht auch gar nicht aufgehalten werden – denn darin liegt evtl. auch eine große Chance des Wandels zum Positiven, nämlich dazu, neue Bewusstseinsformen und -zustände zu erlangen und diese als bereichernd in das Leben wie wir es bisher als "wirklich" erfuhren, zu integrieren?

Könnte es nicht sogar ein Qualitätsmerkmal modernen Lebens sein, die Emotionalität des Menschen durch fiktionale Inszenierungen anzusprechen und dadurch für mehr Empathie unter den Menschen zu sorgen, z.B. um ein besseres Verständnis für die problematischen Lebenssituationen von anderen Menschen und Menschengruppen herbeizuführen, die unsere Hilfe benötigen?

Ein wichtiges Ziel kann auch sein, die Hintergründe und Zusammenhänge geschichtlicher Ereignisse zu vermitteln und die Tragweite politischen Handelns fassbar zu machen.

Ich erinnere mich gut daran, dass erst mit der Ausstrahlung des vierteiligen TV-Spielfilms „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ (USA 1978) im Januar 1979 in Deutschland die längst fällige, in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch vermiedene gesellschaftliche Diskussion über die NS-Verbrechen, insbesondere über den Völkermord an 6 Millionen Juden in Gang brachte.

Die nackten Fakten von statistischen Daten hatten dazu nicht ausgereicht. Erst die auf Tatsachen beruhende fiktionale Darstellung schaffte es, die Menschen emotional zu berühren und zum Nachdenken zu bewegen und damit eine breite Diskussion zu entfachen.

Ganz früher, als es noch keine Geschichtsschreibung gab, waren es die Erzählungen der Altvorderen an die nachfolgenden Generationen am heimischen Feuer, durch die die Geschichte lebendig gehalten wurde. Natürlich wurde auch dabei schon „die Wirklichkeit“ reichlich aufgefüllt und ergänzt, halt anschaulich gemacht durch Fiktion. Am Ende bildeten sich daraus Sagen und Legenden, die gar nicht mehr die Aufgabe hatten, die tatsächlichen Ereignisse 1:1 nachzubilden, sondern die Essenz dessen, was das Leben die Menschen einst gelehrt hatte, weiterzugeben – und zwar in der gut nachvollziehbaren Form einer erzählten Geschichte. Fiktion war dabei das Füllmaterial und der Kitt, der alles zusammen hielt, unverzichtbar.

Wenn allerdings Fiktion von bestimmten Gruppen missbräuchlich dafür benutzt wird, um andere zum eigenen Machtvorteil über die Wirklichkeit zu täuschen, sieht die Sache ganz anders aus.

Daher besteht die Aufgabe der im medialen Zeitalter aufwachsenden und lebenden Menschen insbesondere darin, stets trotz aller Vorteile ihrer Vermischung letztlich zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden zu können und dies vor allem auch zu wollen, also immer auch damit zu rechnen, dass ggf. Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Nur wenn einem die möglichen Problematiken bewusst bleiben, kann man der Wahrheit als Fixpunkt der Selbstvergewisserung auf der Spur bleiben.



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(Pixabay, gemeinfrei)

@Verdandi

Kann nur sagen, dass ich Deinem sehr klugen und durchdachten Essay voll zustimme.(Lese Deine Beiträge immer mit Gewinn!)
Skeptisch vorsichtig wie ich bin, befürchte ich jedoch, die Nachteile dieser Entwicklung sind größer als die Vorteile, wegen dieser großen Gefahr des Missbrauchs von Fiktion durch Machthungrige...

(Sorry für OT: Hatte im Thread "polit. Philosophie" nicht auf Deinen Beitrag über das Verbot von Kinderarbeit reagiert, es hätte zu sehr gestört, da es gerade um ein ganz anderes Thema geht. Du hast natürlich recht, Kinder sollten nicht arbeiten müssen, aber...)

@ Migranda,

vielen Dank!

Wenn ich es mal so platt sagen darf: Es gibt nichts Positives, was nicht falsch angewendet oder gar missbraucht werden kann – und dann natürlich auch seine Schattenseiten offenbart.

Aber wir wollten die Menschen, die die potenziellen Gefahren noch nicht erkennen können, nicht wie Unmündige behandeln und ihnen alle aus dem Weg räumen, sondern sie dazu befähigen, diese selbst zu erkennen und danach selbstständig zu handeln und damit umzugehen.

(OT-Beiträge werde ich hier tatsächlich nicht mehr kommentieren.)




Die Kraft der (Doku-) Fiktion / 2

Nacht-Träume sind auch eine Art von Fiktion, die dem besseren Verständnis der Wirklichkeit dienen – allerdings in der Regel ganz außerhalb unserer Ich-Kontrolle, eine Aktion des Unbewussten.

Ein allnächtlicher „Hausputz“, bei dem der Hauseigentümer nur sein eigener Gast sein darf. Was ihm dabei ins Bewusstsein dringt, hat dann mit seinen Tag- und Wunschträumen meist so gar nichts zu tun, sondern damit, auf irgendwelche Alltagssituationen verdonnert gewesen zu sein, deren Bezug zur Wirklichkeit im Nachhinein zwar völlig verdreht und verfremdet war, im Traumgeschehen selbst aber von höchster Wichtigkeit schien.

Man „bröselte“ gefühlt stundenlang an einem Problem herum – das sich erst beim Erinnern als völlig banal herausstellt. Da wir solche „Doku-Fiktionen“ beileibe nicht für sinnvoll oder gar notwendig erachten, vergessen wir diese meistens sofort wieder, bevor wir auch nur einen Fuß aus der nächtlichen Ruhestätte hinaus auf den Boden der Tatsachen gebracht haben.

Man fragt sich manchmal, wenn man sich dennoch dann und wann später an das sinnlos erscheinende Zeugs erinnert, weshalb das unbewusste Ich nicht die Chance ergreift, all die wunderbaren Dinge zu tun, die das wahre Leben nicht (mehr) für einen bereit hält. Im Traumland wären der Fantasie keine Grenzen gesetzt, die in der Funktion eines Zauberstabes jeden nur denkbaren Zustand des eigenen Selbst und seiner Umwelt und jede beliebige, nur vorstellbare Situation herbeiführen könnte ...

Aber das wäre reines Wunschdenken, das im Unbewussten keinen Raum hat. Die Funktion unseres Unbewussten ist auf Gedeih und Verderb auf die Wirklichkeit ausgerichtet. In das Traumgeschehen und dort mittels Erinnerung dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden all die „unerledigten Geschäfte“ unseres gelebten, nicht die des bloß (am Tag) erträumten Lebens.

Manchmal erscheint uns ein bestimmter Traum in besonderer Klarheit wie ein Schlüsselerlebnis. Wir erkennen schnell die große Symbolkraft und den Umstand, dass er nicht bloß ein Alltagsproblem bearbeitet, sondern von tieferer Bedeutung zu sein scheint. Solche Träume können in Phasen von Lebensumbrüchen (zum Beispiel nach der Trennung von einem langjährigen Partner) häufiger vorkommen, als jenseits davon.

Die noch unbewältigte seelische Verarbeitung spiegelt sich in den Träumen wieder. Und wenn man Glück hat, zeigt einem das Unbewusste in plötzlich klaren Bildern den weitere Weg auf – oder auch die Konsequenzen, wenn man sich nicht lösen mag. So einen Schlüsseltraum hatte ich einmal und ich war ziemlich verblüfft über die Wirkung: Mir fiel plötzlich meine bisherige Verblendung wie Schuppen von den Augen und ich wusste genau, was ich zu tun hatte.

Seit damals schreibe ich zumindest die Träume auf, an die ich nach dem Aufwachen im Laufe des folgenden Tages mehrmals zurückdenke. Nicht jeder dieser Träume gibt mir seinen Schlüssel gleich preis. Oft bleibt die Lösung auch weiterhin verborgen – dann bin ich nicht soweit, mir die Wahrheit einzugestehen. Oder der Sinn lag ganz woanders, im Naheliegenden, doch wieder eher Banalen. Man muss sich auch davor hüten, alles mit zu viel Bedeutung zu überfrachten.

Also, wenn man diesen vom Unbewussten produzierten und in das Bewusstsein „entsandten“ Schlüsselträumen das richtige Maß an Aufmerksamkeit zukommen lässt, können sich diese als „Doku-Fiktionen“ auch als sehr hilfreich bei der Bewältigung des Lebens erweisen.


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(Pixabay, gemeinfrei)


Die nützliche Fiktion

Die Philosophie des „Als Ob“ von Hans Vaihinger (1852 - 1933)



Das wichtigste Werk des deutschen Philosophen Hans Vaihinger lautet:

Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus; mit einem Anhang über Kant und Nietzsche. Reuther & Reichard, Berlin 1911.


Zunächst die Definition:

>>Das Buch stellt eine Erkenntnistheorie sowie lebenspraktisch orientierte Welt- und Lebensanschauung auf. Vaihinger beschreibt menschliches Wissen als irrtumsbehaftet und widersprüchlich und stellt die Frage, wie die Tatsache zu erklären sei, dass man ausgehend von diesen falschen Annahmen dennoch zu Richtigem gelangen könne. Vaihingers Antwort ist, dass die Annahmen eine praktisch nützliche Fiktion darstellen, und dass das Wissen folglich nur pragmatisch begründet werden könne, durch den Erfolg, der sich bei der Anwendung einstellt. Religiöse und metaphysische Ansichten seien wie die Logik nicht in einem objektiven Sinne wahr, da dies nicht festgestellt werden könne. Stattdessen sei die Frage zu stellen, ob es nützlich sei, so zu handeln, „als ob“ sie wahr seien.<< (Wikipedia)


Meine Überlegungen dazu:

Wenn das „Als Ob“ jedoch nicht im Vordergrund des Bewusstseins steht, also nicht bewusst als bloß vorläufiges Instrument der Wahrheitsfindung genutzt wird, die Fiktion somit nicht nur als ein möglicherweise richtiger Weg, sondern als Teil der Wirklichkeit gehalten wird, spielt der fiktionale Charakter selbstverständlich keine Rolle mehr. Das „Als Ob“ ist in dem Fall für den Betreffenden zum Faktum geworden.

Derjenige aber, der das „Als Ob“ für sich zu nutzen weiß, wird den fiktionalen Charakter seiner Annahmen nicht verdrängen und daher in der Lage bleiben, dieses Instrument bei nächster passender Gelegenheit gegen ein noch besser nützliches auszutauschen.

Diese Methode des Denkens ermöglicht es also, bestimmte Thesen ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes als Vehikel zur Wahrheitsfindung zu nutzen – so wie Brücken, die einmal begangen zum Ziel führen können, auch wenn sie sich als auf Dauer unbelastbar erweisen und hinter einem zusammenbrechen sollten. – Man muss sie nur einmal genutzt haben können, um auf ihnen ein Stück weiter zu kommen.

Wozu aber könnte es gut sein, mit fiktionalen Annahmen zu arbeiten? Weshalb und wozu können Sie nützlich sein? Um es drastisch auf einen Punkt zu bringen: Warum sollten falsche Wege zu richtigen Erkenntnissen führen? Das fällt mir ein Beispiel ein:

In der Theologie gibt es viele interessante Fragestellungen, mit denen ich mich als Atheistin allerdings ohne die Anwendung der Philosophie des „Als Ob“ logischerweise nicht beschäftigen dürfte, weil sie grundsätzlich irrrelevant sind für eine Nichtgläubige.

Ich ahne allerdings, dass die theologischen Fragestellungen in ihrem Kern bzw. abgewandelt auch in einem nicht religiösen Zusammenhang relevant sein könnten. Um aber dort hinkommen zu können, wo ich das letztlich beurteilen könnte, muss ich zunächst den religiösen Kontext mit übernehmen – so „als ob“ ich gläubig wäre!

So kann ich zunächst in der Logik der theologischen Argumentationen bleiben und mir die benötigten Erkenntnisse innerhalb dieses Bereichs aneignen – bevor ich den religiösen Kontext wieder verlasse, um herauszufinden, ob sich und ggf. welche Antworten auch außerhalb der Religion, also in einem allgemeineren Sinne auf die Lebenswirklichkeit anwenden lassen.

Diese Methode würde sich vielleicht auch gut dafür eignen, sich auf die Argumente von politischen Gegnern zunächst einzulassen und diese wie „von innen“ – aus der anderen Gesinnung – heraus zu untersuchen.

Das erfordert keineswegs, den Abstand zu ihnen zu verlieren – denn dann wäre es ja keine Methode des „Als Ob“ mehr. Hier käme es auch darauf an, nicht einmal den Eindruck dazu nach außen hin entstehen zu lassen – was allerdings schnell der Fall wäre, würde ich alle Schritte meines Vorgehens nach dieser Methode in einer bestimmten Frage öffentlich machen.

Die Methode, mit der Fiktion zu arbeiten, als ob sie der Wirklichkeit entspräche, um näher an Wahrheiten – hier z.B. an die Motivationen politischer Gegner – heranzukommen, birgt keine Gefahr der Vereinnahmung durch diese, wenn man selbst den Überblick behält und sowohl die notwendige innere als auch äußere Distanz zur Fiktion wahrt.

Natürlich könnte es aber auch passieren, dass man Dank dieser Methode ggf. über eigene Denkfehler und falsche Annahmen stolpert. Dafür sollte man dann aber sehr dankbar sein!

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Bei Vaihinger gibt es sehr interessante Querverweise zu anderen Philosophen und philosophischen Denkschulen (die z.B. heute zum Pragmatismus und Neopragmatismus zählen) aber auch zum Dichter Friedrich Schiller, …
… denen ich evtl. noch nachgehen werde – so dass evtl. noch eine Fortsetzung folgen wird.


Bild

Der Philosoph Hans Vaihinger (Wikimedia Commons, gemeinfrei)


Die „Fiktion“ rangiert bei Schopenhauer als „eine Vorstellung von der Re-alität, dh von dem, was „der Fall ist“ (also der filosofischen „Dinglichkeit“ von lat res = "Ding", bzw. "Sache" oder "Sachverhalt", und nicht etwa bloß die materielle „Stofflichkeit“).

Hierbei stellt die „Wirklichkeit“ nur den (künstlichen) Teil der Realität dar, die von Jemandem physisch, sozial oder geistig bewirkt worden ist, und der daher nicht unabhängig von einem lebendigen Schöpfer als dessen Verursacher entstanden sein kann.

Der ontologische Beweis, dass es überhaupt Etwas gibt, wovon gerade die Rede ist, kann sich also nur auf die Erkenntnis beziehen, dass es sich dabei entweder um etwas Geistiges handelt, welches noch nicht in die Tat umgesetzt worden ist - also eine Idealvorstellung von dem, was man damit bezwecken will - , oder aber bereits das fertige Produkt einer Verwirklichung des geistigen Planes im sozialen oder materiellen Bereich der Realität.

Die planerische Vorwegnahme kann man nun als realistisch (weil mutmaßlich realisierbar) einstufen, was ihre potenzielle Realisierbarkeit betrifft, oder als nicht realisierbare Fiktion, wobei man immer die Umstände zugrunde legt, die jeweils gerade der Fall sind, und die sich natürlich jederzeit ändern können.

Es ist also Nichts gegen eine „Arbeitshypothese“ einzuwänden, die dazu dient, einen in der Zukunft erwarteten Idealzustand geistig vorwegzunehmen, solange man sich bewusst ist, dass es sich eben nur um eine „Vorstellung von der zukünftigen Realität“ handelt, und nicht die „zukünftige Realität selber“, die ja noch gar nicht eingetreten und somit zur Gegenwart geworden ist.

Insofern kann man eine Entscheidung auch noch nicht im Vorhinein bereits als eine „für das angestrebte Ziel richtig oder falsch“ bezeichnen, sondern immer erst im Nachhinein, wenn man das Ziel zum beabsichtigten Zeitpunkt erreicht oder verfehlt hat.

Poppers wissenschaftlicher Plausibilitätstest bei der Überprüfung, ob eine Vermutung richtig oder falsch ist, bzw war, bezieht sich nicht nur auf die "Folgerichtigkeit von Aussagen", wobei die "Widerspruchsfreiheit und die Wiederholbarkeit einer Vorgehensweise unter ähnlichen Umständen" für ihre Richtigkeit ausschlaggebend ist, sondern auch auf die "Zielgerichtetheit, welche ihre Zweckmäßigkeit ausmacht".

Hier wird auch Etwas als richtig bewertet, was für Jemanden nützlich und damit sinnvoll ist - auch ohne dabei folgerichtig und widerspruchsfrei zu sein, wie etwa die Behauptung, dass es eine unsichtbare Kraft gebe, die Einen sicher von Geburt bis zum Tode hin begleitet, sodass kein Grund besteht, Angst davor zu haben, dass man etwa vorzeitig stirbt, wobei der Begriff „ewig“ lediglich „ohne willkürlich begrenzte, maximale Laufzeitbegrenzung“ bedeutet.

Hier gilt es als „richtig“, davon auszugehen, dass dies tatsächlich so sein wird, weil der damit langfristig erzeugte Lebensmut die einmalige Enttäuschung darüber aufwiegt, dass es womöglich gar Keinen gibt, der das überhaupt garantieren kann, indem er etwa höchstpersönlich den Moment des Todes festgelegt hat, sodass man überhaupt früher sterben könnte, als vorausgesagt wurde, bzw als man es selber gehofft (oder von Anderen angenommen) hat.