Da die Kirche die Liebe nicht unterdrücken konnte, hat sie sie zumindest desinfizieren wollen, und darum die Ehe geschaffen. Charles Baudelaire

 
DORO ...............................herzblut

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Die Überholten



Und Menschen triffst du, und dich stört ihr Reden,
Weil es nichts Neues dir enthüllt.
Du kennst all ihre Zellen, hast längst jeden
Gedanken überholt, der sie erfüllt.



Du willst durchaus nicht, dass sie näher kommen;
Du fürchtest, dass du überlegen siegst.
Doch schweigend dann besinnst du dich beklommen,
Wie du den Anfang so wie sie genommen,
Und dass du dankbar sein musst, weil du stiegst.



Doch wenn du dich bescheiden an sie wendest
Und einfach sprichst, erfährst du, dass du störst.
Und einsam klingt der Satz, den du vollendest.
Weil du doch nimmer ihnen angehörst.

Joachim Ringelnatz
Manchmal

Manchmal
lege ich heimlich
den schützenden Mantel
voller Traurigkeit
und Narben ab
und tanze nackt
im Regen
verschämt
und glücklich

um dann wieder
Mensch unter Menschen
zu sein.

Wir erkannten uns leider
nur an den Mänteln.




- Martin Mooz -
Heut ist mal wieder so ein Tag,
an dem ich mich pardauz nicht mag,
hab mich im Spiegel betrachtet,
mein Antlitz spöttisch verachtet.

Dort vor mir, dieses fahle Gesicht,
ist es meins? Ich glaube es nicht !
Wangen und Stirn voller Falten,
der Anblick - kaum auszuhalten.

Ich steh´ still und klage spontan:
Zeit, was hast du mir angetan,
warum ist die Haut nicht mehr glatt,
weshalb ist sie spröde und matt?

Hab ich etwa was falsch gemacht,
übers Alter nie nachgedacht,
an ewige Jugend geglaubt,
bin dabei so langsam verstaubt?

Ganz egal, es gibt kein zurück,
und urplötzlich macht´s in mir “klick“.
Ändern? Nein, wär doch vergebens!
Falten sind Bilder des Lebens.
friedlich

Zu den Steinen
hat einer gesagt:
Seid menschlich!

2 Stunden später
starben 5 Steine
bei einem Überfall
des Nachbargerölls.


- Martin Mooz -
XIX

Braunes, behendes Mädchen, die Sonne, die das Obst macht,
das Korn im Weizen härtet, den Tang zu Schleifen windet,
schuf deinen muntren Körper, deine strahlenden Augen
und den Mund mit dem Lächeln lichtüberspielten Wassers.

Eine nachtschwarze Sonne kuschelt sich in die Locken
deiner nachtschwarzen Mähne, wenn du die Arme breitest.
Und du spielst mit der Sonne, als wäre sie ein Bächlein,
und in den Augen läßt sie dir zwei tiefe Gumpen.

Braunes, behendes Mädchen, nichts bringt mich, nichts dir näher.

Alles drängt mich hinweg nur, von dir, vom hohen Mittag.
Du bist das frühlingstolle Schwärmen der jungen Biene,
die Trunkenheit der Welle, die Kraft der prallen Ähre.

Mein düstres Herz sucht dennoch dich, und ich liebe deinen
munteren Körper, deine linde, gelöste Stimme.
Brauner, flatternder Falter, lieblich und ewig gültig
wie Weizenfeld und Sonne, wie roter Mohn und Wasser.

Pablo Neruda
zwischen den Zeilen

Könnt ich doch nur
verweben die Worte
und damit bedecken
meine Blöße.

Wenigstens einmal
würdest du bemerken
dass auch etwas
zwischen den Zeilen
stehen kann.

M.Mooz
Gedichte lesen

Wer
von einem Gedicht
seine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Wer
von einem Gedicht
keine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Erich Fried

Ein Aas

Denkst du daran, mein Lieb, was jenen Sommermorgen
Wir sahn im Sonnenschein?
Es war ein schändlich Aas, am Wegrand kaum geborgen
Auf Sand und Kieselstein.

Die Beine hochgestreckt nach Art lüsterner Frauen,
Von heissen Giften voll
Liess es ganz ohne Scham und frech den Leib uns schauen,
Dem ekler Dunst entquoll.

Die Sonne brannte so auf dies verfaulte Leben,
Als koche sie es gar
Und wolle der Natur in hundert Teilen geben,
Was sie als eins gebar.

Der Himmel blickte still auf dies Gefaule nieder,
Wie er auf Blumen schaut.
So furchtbar war der Dunst, dir schauderten die Glieder
Von Ekel wild durchgraut.

Die Fliegen hörten wir summend das Aas umstreichen
Und sahn das schwarze Heer
Der Larven dichtgedrängt den faulen Leib beschleichen,
Wie ein dickflüssig Meer.

Und alles stieg und fiel aufsprudelnd, vorwärtsquellend
Nach Meereswogen Art,
Fast schien's, als ob dem Leib, von fremdem Leben schwellend,
Tausendfach Leben ward.

Und seltsame Musik drang uns von da entgegen,
Wie Wind und Wasser singt,
Wie Korn, das in dem Sieb mit rhythmischem Bewegen
Die Hand des Landmanns schwingt.

Die Formen ausgelöscht wie Träume und Legenden,
Entwürfe stümperhaft,
Die halbverwischt die Hand des Künstlers muss vollenden
Aus der Erinnrung Kraft.

Und eine Hündin lief unruhig dort hinterm Steine,
Uns traf ihr böser Blick,
Erspähend den Moment, zu reissen vom Gebeine
Das aufgegebne Stück. –

Und doch wirst einstmals du dem grausen Schmutz hier gleichen,
Dem Kehricht ekelhaft,
Du meiner Augen Licht, du Sonne ohnegleichen,
Stern meiner Leidenschaft.

Ja, so wirst du dereinst, o Königin der Güte,
Nach letzter Ölung sein,
Wenn du verwesend liegst tief unter Gras und Blüte
Bei schimmelndem Gebein.

Dann, Schönheit, sag' dem Wurm, der dich zerfleischt mit Küssen,
Wie treu ich sie gewahrt
Die Göttlichkeit des Wesens, das zersetzt, zerrissen
Von meiner Liebe ward.

Charles Baudelaire
Die Warner

Wenn Leute dir sagen:
"Kümmere dich nicht
soviel
um dich selbst"
dann sieh dir
die Leute an
die dir das sagen:
An ihnen kannst du erkennen
wie das ist
wenn einer
sich nicht genug
um sich selbst
gekümmert hat

Erich Fried
Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis' die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus

(Joseph von Eichendorff)
"Es ist was es ist"

Lupenrein sind die Gefühle.
Was mich lähmt ist mein Verstand.
Er beargwöhnt meine Ziele.
Und hält sie für hirnverbrannt.

Denn es fehlt ihm an Erfahrung.
Und er scheut das Risiko.
Jeder Zweifel findet Nahrung.
Und er drischt das hohle Stroh.

Manchmal lässt er mit sich scherzen.
Und er lehnt sich weit zurück.
Was ich spreche, kommt von Herzen.
Und erzählt vom neuen Glück.

Hart gesotten sind Gedanken.
Doch im Innern: watteweich.
Und sie schmücken sich und ranken
in ein fernes Himmelreich.

Der Verstand ist noch dagegen.
Ich entziehe ihm das Wort.
Und mein Herz gibt mir den Segen.
Was mich stört, fliegt über Bord.

Roman Herberth
"Nie habe ich Herden gehütet,
Und doch ist es, als hütete ich sie.
Meine Seele ist wie ein Hirte,
Kennt den Wind und die Sonne
Und geht an der Hand der Jahreszeiten,
Folgt ihnen und schaut.
Aller Friede der menschenleeren Natur
Setzt sich mir zur Seite."
(Fernando Pessoa, Alberto Caeiro - Poesias, Poesie)
Nachts

Gefühlschrank friert
verdampfte Tränen.
Schnee fällt
und Mitternacht
mit spitzen Zeigern
aus allen Uhren.

Blaue Engel kleben
an leeren Flaschen
und Mondlicht
an den Scheiben.
In der Zahnbürste
ein letztes Lächeln
von vorgestern
und im erkalteten Bett
noch ein paar
kuschlige Erinnerungen.

Ein Hahn erbricht sich
dreimal
und ich würge noch
wieder und wieder
entkräftet den Hals
des Schicksals.

( Martin Mooz)
*** VERTRAUE ***

Es kommt eine Zeit,
da du staunend erfährst,
wie der Schleier der Tränen,
der dunkel und schwer,
die Welt dir verbirgt,
hell wird und leicht,
und das Land sich bereitet
dem zögernden Fuss.
Zwar nicht das von früher,
von Gewohnheit bewohnte
eh' der vertraute Weg
sich im Schrecken verlor,
und Grauen den jährlichen Garten zerstört.

Steiler durchs Urgestein
sind Wege gefügt,
tiefer im Erdreich
gewurzelt der Baum,
dunkler Winteräste am Stamm.
Aber auch heller die Vögel
in der Krone des Sommers,
blühender Blumen, inniger offen
der Liebkosung des Falters.

Und es hat Wohnung gefunden der Schmerz.

(Gretel Winterling)