ICH WERDE ZURÜCKKEHREN

Als ich jung war, vielleicht 14 oder 15 Jahre, ging ich fast jeden Tag auf den Pier des Hafens meiner kleinen Stadt, um zu angeln. Am Eingang des Hafens habe ich immer an einem alten Kiosk angehalten, wo ich für 100 Lire ein Brot mit Mortadella und Mehlwürmer kaufte. Das war das Essen für mich und für meine Fische.
Manchmal reichte mein Geld nicht für beides, dann entschied ich mich nur für das Brot mit der Mortadella, die ich auch als Köder benutzte und so mit meinen Fischen teilte.
Während ich stundenlang am Pier saß und auf meine lieben Fische wartete, ließ ich meine Gedanken und meine Augen wandern.
Der Blick war fantastisch, er ging hinaus über die Straße von Messina, zu den Peloritani Bergen mit ihren blau- violetten Farben, die eine solche Schönheit und Ruhe ausstrahlten, wie man es sich nicht schöner vorstellen kann. Obwohl ich jung war, genoss ich hier diese Ruhe ganz besonders, weil ich mein Zuhause mit 5 Geschwistern, Vater, Mutter, Opa, Oma und Onkel Lorenzo teilen musste.
Neben mir lag ein Buch, es waren die „ Pensées“ von Pascal. Ich hatte sie mir in der Stadtbücherei geliehen, nachdem mein Onkel Lorenzo, der fast nie gearbeitet hatte, mir ständig wiederholte: „Du musst lernen zu denken. Was ist ein Mann, der nicht denkt? Er ist ein „Povero Cristo - ein armer Teufel ! “.
In der Tat, Denken war seine Hauptbeschäftigung! Er hat nie, soweit ich mich erinnern kann, gearbeitet. Er hat immer nur gedacht!!
Daher waren mir dieser Pier und dieser Hafen so lieb, und ich versprach mir, dass ich eines Tages als Rentner hierher zurückkehren würde, um wieder zu angeln.
Meine Fische würden bestimmt auf mich warten! FISCHE sind nicht wie Menschen, FISCHE sind treu!
Ich wollte für mich kein solches Rentnerdasein wie mein Nachbar Don Peppino, der nach einem langen Leben im Archiv einer staatlichen Institution nun jeden Tag nur noch mit seinen Hühnern sprach.
Morgens hörte ich ihn durch mein offenes Fenster in seinem Garten rufen: „ Wie geht es euch heute, meine Hühnchen? Und du, Coco, lass nur die Damen in Ruhe!“
Der Monolog wechselte zum Dialog, indem er selbst die Antworten gab: „ „Danke gut, aber wir sind hungrig! „ - „Wenn du mir meine Damen auch noch verbietest, was habe ich dann noch vom Leben?“
Damals schien mir Don Peppino verrückt zu sein, heute, 50 Jahre später, weiß ich, dass er es nicht war.
In der letzten Zeit vor dem Ende meiner Berufstätigkeit, vor einige Jahren, spürte ich eine innere Unruhe. Es war so, als ob ein Gewitter in der Luft läge: es regnet noch nicht, aber mit Bestimmtheit weiß man, dass das Unwetter bald losbricht.
Klassische Alarmsymptome machten sich bemerkbar:: Beim Geldabholen die Karte rausziehen und das Geld liegenlassen oder zu Hause lange Zeit die Brille suchen und schließlich entdecken, dass sie im Kühlschrank liegt, neben der Margarine und der Butter.
Ich musste etwas unternehmen, eine neue Richtung in meinem Leben einschlagen.
Es gibt immer nur zwei Möglichkeiten im Leben weiterzukommen:
„Die Bedingungen, in denen wir leben, zu akzeptieren
oder die Verantwortung dafür zu übernehmen sie zu ändern.“
„Nur wer handelt, kann gewinnen.“
Das sagte der amerikanische Psychologe Denis Waitley in seinem Buch:The Psychology. Das fand ich gut.
In dieser Zeit fing ich an zu schreiben, eine Art von Biografie. Ich stand oft, schon um fünf Uhr früh auf, lange bevor ich zur Arbeit fahren musste, um mein tägliches Schreibpensum zu erfüllen. Danach fühlte ich mich besser. So sammelten sich inzwischen über 400 Seiten, die irgendwo gespeichert liegen.
„ Meine Gedanken das sind meine HUREN - Mes Pensées sont mes catins“, sagte der Französischer Philosoph und Schriftsteller Diderot, und jeden Tag um 6 Uhr nachmittags ging er spazieren zum Palais Royal, um die seltsame in Schmerzen verhaftete Menschheit zu beobachten.
Nun, jetzt fange ich an, ihn zu imitieren . So nah kam mir Diderot als Vorbild. Ich besuchte auch diese „Huren“ wie er es tat, und ich zögerte nicht, sie mit unschuldigen Extrakten aus Rosen, Jasmin, Orangenblüten und Bergamotte zu überfluten. Erstaunt blicken sie mich an, wenn ich es manchmal sogar wagte, meine „HUREN“ ins Theater zu bringen, auf die Bühne meines Lebens!
Das Leben fließt wie die Akte eines Theaterstücks oder die Kapitel eines Buches, manchmal kurz und manchmal lang, aber am Ende steht immer das gleiche Wort: „ENDE DES KAPITELS!“
Danach liegt vor uns ein neues Blatt mit allen seinen Ängsten und seinen Unsicherheiten, so wie es bei allen Dingen ist, die wir nicht kennen.
In einem normalen Leben mit einer großen Familie und mit einer Frau, die auch Rentnerin ist, ist es vielleicht einfacher, den Übergang in den neuen Lebensabschnitt zu finden.
Aber in meinem Fall war das alles anders.
Wenn man wie ich viele Jahre in einem fremden Land verbracht hat, haben die Jahre eine Art von Leere. Man wartet darauf, eines Tages wieder die heimatliche Luft atmen zu können.
Aber die Zeit vergeht, und es gibt keine zukünftigen Momente, oder, wenn man die heimatliche Luft wieder atmet, hat sie nicht mehr den Geschmack wie vor 50 Jahren und auch nicht mehr den Duft von Orangenblüten oder Jasmin.
Das Leben hat seine Realität an den Ort verschoben, wo wir jetzt sind und wir glaubten doch, nur vorübergehend hier zu wohnen.
So stehen wir in der Mitte einer Brücke zwischen zwei Ländern, wir haben keine Heimat, und wir sind dazu verurteilt, nicht zu wissen wohin wir gehören, und das bis zum Ende.
Das Leben bleibt auch nicht stehen, die Zeiten verändern sich und wir uns mit ihnen, und ich bin noch nicht an den Pier meines kleinen Hafens in meiner Stadt zurückgekehrt, und meine Fische warten immer noch geduldig.
Ich beschloss, mein Problem in einer Debatte mit meinen Kollegen zu öffnen, und das Thema fand sofort Anklang.
Und wie bei allen Debatten, flossen sofort von rechts bis links die unterschiedlichsten Vorschläge.

• Der eine schlug vor:

als Italiener einen mobilen Coffeshop zu öffnen, vielleicht auf eine „Ape“ montiert, und damit von Markt zu Markt zu fahren. Könnte ein tolles Geschäft werden.

• Ein anderer:

zu meinem alten Hobby zurückzukehren, Trödel, Antiquitäten oder Gemälde auf dem Markt zu verkaufen, so wie ich es in meiner freien Zeit in der Vergangenheit getan habe.
• Ein weiterer
kam mit dem Vorschlag, in der würdigen und standesgemäßen Position eines Reiseleiters Touristische Busse nach Italien zu führen.

Schließlich fügte jemand mit einer stichelnden Ironie hinzu:
" Wie Ale, hast du die ganze Zeit in der Firma nicht gearbeitet und jetzt als Rentner bekommst du plötzlich Lust zu arbeiten??“
Bei allem Respekt für die Meinungen meiner Kollegen entschied ich mich am Ende für meine eigene Idee:
Ich gründete eine Firma, für den Verkauf von Werbegeschenken und für Übersetzungen. Es geht mir dabei nicht darum, Reichtümer zu sammeln, sondern um das Gefühl, aktiv zu sein und mitten im Leben zu stehen.
Was ich brauchte, war nur ein Computer, ein Drucker, ein Scanner und ein Schreibtisch. Anfangs arbeitete ich noch zu Hause. Seit einigen Jahren besitze ich ein eigenes Büro in einem Industriegebiet meiner Stadt.
Vorausgesetzt ich bleibe gesund, was kann mir dann schon passieren?
Und wenn ich Lust habe, fange ich wieder mit dem Antikmarkt an.
• Dann werden vielleicht endlich meine Garagen frei, in denen sich noch immer Kartons auf Kartons stapeln mit Waren aller Art, z.B. meine Vintage Bakelit Radios der 40-50 Jahre, aus USA importiert…..

• oder ich werde aus der Schublade meinen alten Taxischein von 1981 hervorholen, dem ich meinen Einstieg in die Firma verdanke.
• Tatsächlich war es während einer Taxifahrt zur dieser Firma dass ich auf die Idee kam mich hier zu bewerben.

Ganz sicher werde ich das Schreiben meiner Memoiren fortsetzen.
Und sollte das alles nicht reichen, kann ich immer noch aus dem Keller meine alte verrostete Angelrute holen und an der Ruhr angeln gehen.
Aber dann kommt mir ein Zweifel:
Würden deutsche Fische italienische Mortadella mögen?.
made by Alessandro
na bist du immer noch nicht zurückgekehrt?
.......auf was wartest du denn noch?
Wenn die Zeit kommt, in der man könnte,
ist die vorüber, in der man kann.
„Marie von Ebner-Eschenbach“

C`est la vie!
Ciao
Alessandro
Ciao Alessandro,

so schön geschrieben! Und ich kenne diese Momente an einem See in Italien, wenn man auf die Fische wartet. Im Gegensatz zu dir wäre ich längst wieder an meinem Sehnsuchtsort an " meinem" Lago, ICH, die tedesca ...

Richtig: c'est la vie ...