In der deutschen Sprache finden wir viele Begriffe, bei denen Gefühle auf sich selbst reflektiert werden.

Im Normalfall wird bei diesen Wortkonstruktionen bezeichnenderweise „Selbst-“ verwendet.

Typische Beispiele sind:

- Selbst-Zweifel
- Selbst-Zufriedenheit
- Selbst-Mitleid

Das Wort „Selbst-Wut“ kenne ich hingegen nicht. Aber man kann natürlich „auf sich selbst wütend“ sein.
Also wird die Substantivierung einer Gefühlslage wohl nicht unbedingt eine notwendige Voraussetzung für die Existenz dieser Gefühlslage selbst sein.

Wie sieht es hingegen mit dem Gefühl „Neid“ aus?

Kann man neidisch auf sich selbst sein?
Wenn ja, wie äußert sich das?
Wenn nein, weshalb eigentlich nicht?

Immerhin kann „Neid“ als eines der ursprünglichsten Gefühle betrachtet werden, so dass es für mich wenigstens verwunderlich ist, warum man offenbar nur auf andere/s neidisch sein kann.



P.S.:
Ich kenne den Begriff „Selbst-Neid“ (self envy) ausschließlich aus dem medizinischen/psychiatrischen Bereich – diese Begrifflichkeit schließe ich allerdings aus meiner Fragestellung aus (Deshalb poste ich den Thread ja im Philosophie-Forum und nicht beispielsweise im Forum „Gesundheit und Wellness“.)
wie soll das gehen ?
um neidisch sein zu können braucht man ein Gegenüber - oder ?
Sind das die Menschen, die sich selbst nichts gönnen?
das sind dann die Geizigen....
Ja doch, Langeweile treibt oft seltsame Blüten...
nur kein Neid..... :wink:
Bei einem Narzissten könnte ich mir das vorstellen. Der ist evtl. so von sich überzeugt, dass er sich selbst sogar (be-)neidet.

AK
Neid entsteht aus vergleichen. Wer sich benachteiligt fühlt, kann neidisch auf andere werden.
Wie aber soll man neidisch auf sich selbst sein? Mit sich selbst vergleichen kann man nicht, nicht einmal jemand, der an einer multiplen Persönlichkeitsstörung erkrankt ist.
rheinnixe hat geschrieben: Neid entsteht aus vergleichen. Wer sich benachteiligt fühlt, kann neidisch auf andere werden.
Wie aber soll man neidisch auf sich selbst sein? Mit sich selbst vergleichen kann man nicht, nicht einmal jemand, der an einer multiplen Persönlichkeitsstörung erkrankt ist.



Das könnte möglicherweise ein teilweiser Lösungsansatz sein…

Allerdings gebe ich zu bedenken, dass auch „Selbst-Mitleid“ auf dem Vergleichen mit anderen beruhen kann (nämlich z.B. dann, wenn man berechtigter oder auch unberechtigterweise annimmt, dass man selbst in irgendeiner Hinsicht so benachteiligt ist, dass man sich eben selbst bemitleiden muss).

Wenn es also "Selbst-Mitleid" gibt, warum dann nicht auch "Selbst-Neid"?
Ein kniffliges semantisches Rätsel hast du uns da gestellt, Patriarch!
Ich denk darüber nach - das macht Spaß!
Patriarch hat geschrieben:
Allerdings gebe ich zu bedenken, dass auch „Selbst-Mitleid“ auf dem Vergleichen mit anderen beruhen kann (nämlich z.B. dann, wenn man berechtigter oder auch unberechtigterweise annimmt, dass man selbst in irgendeiner Hinsicht so benachteiligt ist, dass man sich eben selbst bemitleiden muss).

Wenn es also "Selbst-Mitleid" gibt, warum dann nicht auch "Selbst-Neid"?

Wer ist Ich?, was ist Ich?, das kann auch niemand so recht beantworten.

Mein linker und mein rechter Fuß bin auch ich. Sollte mein rechter Fuß auf den linken neidisch sein, weil er kein Trauma erleiden musste, so würde ich das gerne spüren, fühlen, irgendwie erfahren. Evtl. könnte dann mein Kopf ausgleichend wirken.
ich glaube, Neid entsteht im Hirn
......bezweifle, daß dein Fuß ein Hirn hat :wink:

@ Patriarch  (21.09.2020, 11:20h)

Der Unterschied von Gefühlen wie Liebe, Mitleid und Hass zum Neid ist der, dass wir uns damit vollkommen identifizieren können - ob wir sie nun auf andere richten oder auf uns selbst. Neid dagegen erfordert immerzu den Vergleich von einem selbst mit einem anderen. Wir könnten uns nicht völlig mit dem Neid identifizieren und diesen dann auf uns selbst richten, weil wir den anderen als Gegenmodell benötigen. Das würde eine Spaltung des Bewusstseins erfordern. 

Natürlich kann man sich auch selbst als Gegner empfinden, der einem ständig aus dem Unbewussten heraus Schaden zufügt. Aber das hat nichts mit Neid, sondern mit Kontrollverlust , Angst vor sich selbst bis hin zum Selbsthass zu tun. 






In schwachen Momenten kann ich Im weitesten Sinn auf das starke "Ich" in mir neidisch sein. Wenn es Ansporn ist und mich erkennen lässt, dass das Leben ständige Herausforderung fordert ist es oft ein aktivierender Prozess.

Ich bin sehr gespannt was unsere Filosofen dazu schreiben.
Hallo @Verdandi (21.09.2020, 12:24),

Ich sehe es ja bis zu einem gewissen Grad so ähnlich wie Du es beschreibst.

Allerdings, ist denn diese „Bewusstseinsspaltung“, die Du als eine Voraussetzung für das Auftreten von „Selbst-Neid“ betrachtest, wirklich so ungewöhnlich?

Liegt nicht auch eine Art „Bewusstseinsspaltung“ beim „Selbst-Betrug“ vor?

Ich kann mir problemlos manch unangenehme Situation durchaus „schönreden“. Am Anfang wird es mir wahrscheinlich sogar noch bewusst sein, dass ich mich selbst manipuliere, aber es tut einem ja so richtig gut und der Selbst-Betrug wird von mir akzeptiert (vielleicht sogar eher als der Betrug an anderen Menschen).

Irgendwann wird unser Gehirn erinnerungsmäßig nicht mehr unterscheiden können, was denn anfangs „wirklich“ war.

Unser schöngeredetes Gedankenkonstrukt hat die ursprüngliche Wahrnehmung überlagert und der Selbst-Betrug hat die besten Chancen, für immer unentdeckt zu bleiben.

Ich weiß, dieser Vergleich passt jetzt nicht so recht zum Thema und hinkt auch sehr stark – ich lasse den Gedanken trotzdem mal so stehen.



@Sona18 (21.09.2020, 12:26)

Nach Deiner Deutung – so verstehe ich es jedenfalls – könnte man also durchaus auf sich selbst neidisch sein.

Für Dich wäre dann das „Gegenmodell“, das für @Verdandi zwingend erforderlich wäre, also Du selbst, allerdings in einer anderen, vergangenen Zeit.

Du wärst also neidisch auf die Person/Persönlichkeit, die Du einmal gewesen bist oder wie Du Dich selbst wahrgenommen hast.

Dieser Ansatz klingt doch nicht schlecht – vielleicht sollten wir ihn weiterverfolgen.

Ich will dafür mal den Arbeitsbegriff „retrospektiver Selbst-Neid“ definieren….