Rainer Maria Rilke
Aus: Frühe Gedichte

Du musst das Leben nicht verstehen




Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.


Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren

nach neuen seine Hände hin.

der pida
für dem seine tochter :oops:
Hier sind wunderbare Gedanken von Albert Schweitzer:

Du bist so jung
wie deine Zuversicht


Jugend ist nicht ein Lebensabschnitt -
sie ist ein Geisteszustand.
Sie ist Schwung des Willens,
Regsamkeit der Phantasie,

Stärke der Gefühle,
Sieg des Mutes über die Feigheit,
Triumpf der Abenteuerlust über die Trägheit.

Niemand wird alt,
wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt.
Mit den Jahren runzelt die Haut,
mit dem Verzicht auf Begeisterung
aber runzelt die Seele.

Sorgen, Zweifel, Mangel an Selbstvertrauen,
Angst und Hoffnungslosigkeit,
das sind die langen,langen Jahre
die das Haupt zur Erde ziehen
und den aufrechten Gang in den Stab beugen.

Ob siebzig oder siebzehn,
im Herzen eines jeden Menschen
wohnt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren

Das erhebende Staunen,
beim Anblick der ewigen Sterne
und der ewigen Gedanken und Dinge,
das furchtlose Wagnis,

Die unersättliche, kindliche Spannung,
was der nächste Tag bringen möge,
die ausgelassene Freude und Lebenslust.
Du bist so jung wie deine Zuversicht,
So alt wie deine Zweifel.

So jung wie deine Hoffnung,
so alt wie deine Verzagtheit.
Solange die Botschaften
der Schönheit, Freude, Kühnheit, Größe, Macht
von der Erde den Menschen und dem Unendlichen
dein Herz erreichen,
solange bist du jung.

Erst wenn die Flügel nach unten hängen
und das Innere deines Herzens
vom Schnee des Pessimismus
und dem Eis des Zynismus
bedeckt sind,
dann erst bist du wahrhaftig alt geworden.
Hast du die Lippen mir wundgeküßt,
So küsse sie wieder heil.
Und wenn du bis Abend nicht fertig bist.
So hat es auch keine Eil.

Du hast ja noch die ganze Nacht,
Du herzallerliebste mein!
Man kann in solch einer Nacht
Viel küssen und selig sein.

H.Heine

Bertolt Brecht


* 10.02.1898, Augsburg
† 14.08.1956, Berlin



AN DIE NACHGEBORENEN
(entstanden: 1934 – 1938)

I

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
Bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!


II

In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legt ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit
Die Sprache verriet mich dem Schlächter
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.

So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.


III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.


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Quelle, Hier enthalten ist auch eine Tonaufnahme / Rezitation des Gedichtes durch Bertolt Brecht selbst:

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/die-nachgeborenen-740

Ein seltenes, sehr wertvolles Tondokument. Die Aufnahme stammt vom 13. Dezember 1953. Brecht war damals 55 Jahre alt. Und noch voller Eindruck des vergangenen Krieges. Er spricht mit leiser, fast zögerlicher Stimme.


Bild

Bertolt Brecht, 1954
(Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0 , Lizenz Wikimedia Commons)