Verrzeh Döchter

Verrzeh Döchter is e Sege,
verrzeh Döchter is e Wonn!
Verrzeh Barblee for de Rege!
Verrzeh Schermcher for die Sonn!
Verrzeh Regenmäntel detto!
Verrzeh Paar Gallosche netto!
Achtundzwanzig Gummischuh! -
Himmel, gieß un regen zu!

Verrzeh Hüt mit Band un Fedder,
Blumme, Käwwern, Schmetterling!
Verrzeh Äärm voll Braceletter!
Achtundzwanzig Händ voll Ring!
Achtundzwanzig Ohrring leider!
Verrzeh Brosche un so weiter!
Achtundzwanzig falsche Zöpp!
Verrzeh Zottelfranze-Köpp!

Verrzeh goldne Uhrn mit Kette!
Ach, un Handschuh ganze Schöck!
Verrzeh-verrzehmal Manschette!
Hunnertverrzig Unnerröck!
Vierunachzig Spitzehose!
Verrzeh große Puderdose!V
errzeh venez?janische Schwämm!
Enge Kämm un weite Kämm!

Jetz kimmt net des klaanste Iwel
vom Papa seim Haaptpläsier
dieser Poste, der heeßt: Stiwel!
Verrzeh Döchter en chaussure!
Von so verrzeh zarte Seele,
wer vermag die Strimp zu zehle
Dhääls gewebt un daals gestrickt
un mit Ränftercher geschmickt?

Die Korsette un so weiter
wolle gar merr net berihrn, -
doch e Unglick is der Schneider!
Verrzeh Döchter dut merr spirn!
Moll un Woll, Kattun un Seide
verrzehmal, lääft in die Kreide!
Verrzeh Döchter samt de Schlepp
uff en Ball, was kost deß Krepp!

Verrzeh Döchter is e Sege,
e Gedanke zauwerhaft!
Awwer, wer is so verwege,
daß errn verrzeh Männer schafft?
Verrzeh reiche, junge, scheene,
hoffnungsvolle Schwiegersöhne,
awwer aach, als Lohn derrfor,
eine Schwiegermutter nor!

Friedrich Stoltze (1816 bis 1891)
Zwischen meinen Wänden

Ich danke dir: Ich bin ein Kind geblieben,
Ward äußerlich auch meine Schwarte rauh.

Zu viele Sachen weiß ich zu genau
Und lernte mehr und mehr die Wände lieben.

Doch zwischen Wänden, wenn die Fantasie
Ein kleines Glück so glücklich zu erfassen
Imstande ist, daß wir uns sagen: Nie
Uns selber lieben! Nie das andre hassen!
Nur einsam sein! - -
Spricht oft mein Innerstes zu solcher Weisheit: Nein!
Denn all mein Sinnen lauscht, ob fremde Hände
Jetzt etwa klopfen werden an mein einsam Wände,
Und wenn's geschähe, rief es laut: Herein!!!
Joachim Ringelnatz (1883 - 1934), eigentlich Hans Bötticher, deutscher Lyriker,
Vor dem Tor

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I
(Osterspaziergang)
DAS ENDE VOM LIED

Ich säh' dich gern noch einmal, wie vor Jahren
Zum erstenmal.- Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh' dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört' dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei... was ich des Abends tu-
Und später dann im kaumgebornen " Du "
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt-
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die vielzuoft geweinten dummen Tränen.

- Das alles ist vorbei... Es ist zum Lachen !
Bist du ein andrer oder liegt's an mir ?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür.
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
- Wie unbarmherzig ist das Wort " Gewesen! "

Mascha Kaleko
In „The Tempest“ von William Shakespeare erzählt der Luftgeist Ariel dem Prinzen Ferdinand vom Schicksal seines Vaters:

Full fathom five thy father lies;
Of his bones are coral made;
Those are pearls that were his eyes:
Nothing of him that doth fade
But doth suffer a sea-change
Into something rich and strange.
Sea-nymphs hourly ring his knell
Hark! Now I hear them – Ding-dong, bell.

„Full Fathom Five“ ist auch der Titel eines Bildes von Jackson Pollock und auch sonst wird der Ausdruck in der Kunst häufig genutzt.
Laurie Anderson hat das Gedicht in „Blue Lagoon“ zitiert
https://www.youtube.com/watch?v=AsUmPVCJBHk&t=8s
Ja!!!!!!!!!!!!!!! Dieses heute besonders:

Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.
und noch ein Gedicht:

Else Lasker-Schüler: Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.
cron