Bettina Wegner, Kinder

http://www.youtube.com/watch?v=PEosKqYhYIY

Der Text ist nicht nur historisch, gilt auch heute noch, finde ich.
Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,blüht jede Lebensstufe,
blüht jede
weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and're, neue Bindung zu geben.
Und jeden Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an seiner Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er wil uns Stuf' um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
WOHLAN DENN, HERZ, NIMM ABSCHIED UND GESUNDE!

Hermann Hesse
Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

Mascha Kaléko (ich könnte in ihren Gedichten ertrinken)
Zwischen heut und morgen liegt eine lange Frist;
Lerne schnell besorgen, da du noch munter bist.

Liegt dir Gestern klar und offen,
wirkst du heute kräftig frei,
kannst auch auf ein Morgen hoffen,
das nicht minder glücklich sei.


Goethe
                    

                Vor einem Winter                                

            Ich mach ein Lied aus Stille    
            Und aus Septemberlicht.      
            Das Schweigen einer Grille 
            Geht ein in mein Gedicht.      

            Der See und die Libelle.  
            Das Vogelbeerenrot.  
            Die Arbeit einer Quelle.    
            Der Herbstgeruch von Brot.      
            
            Der Bäume Tod und Träne.    
            Der schwarze Rabenschrei.     
            Der Orgelflug der Schwäne.    
            Was es auch immer sei,      
  
            Das über uns die Räume    
            Aufreißt und riesig macht    
            Und fällt in unsre Träume    
            In einer finstren Nacht.      

            Ich mach ein Lied aus Stille.   
            Ich mach ein Lied aus Licht.    
            So geh ich in den Winter.  
            Und so vergeh ich nicht.      


              Eva Strittmatter
An Wilhelmine

Nicht aus des Herzens bloßem Wunsche keimt
Des Glückes schöne Götterpflanze auf.
Der Mensch soll mit der Mühe Pflugschar sich
Des Schicksals harten Boden öffnen, soll
Des Glückes Erntetag sich selbst bereiten
Und Taten in die offnen Furchen streun.
Er soll des Glückes heil'gen Tempel sich
Nicht mit Hermeos' Caduceus öffnen,
Nicht wie ein Nabob seinen trägen Arm
Nach der Erfüllung jedes Wunsches strecken.
Er soll mit etwas den Genuß erkaufen,
Wär's auch mit des Genusses Sehnsucht nur.

Nicht vor den Bogen tritt der Hirsch und wendet
Die Scheibe seiner Brust dem Pfeile zu;
Der Jäger muß in Feld und Wald ihn suchen,
Wenn er daheim mit Beute kehren will;
Er muß mit jedem Halme sich beraten,
Ob er des Hirsches leichte Schenkel trug,
An jedes Baums entreis'tem Aste prüfen,

Ob ihn sein königlich Geweih berührt;
Er muß die Spur durch Tal und Berg verfolgen,
Sich rastlos durch des Moors Gestrüppe drehn,
Sich auf des Felsens Gipfel schwingen, sich
Hinab in tiefer Schlünde Absturz stürzen,
Bis in der Wildnis dickster Mitternacht
Er kraftlos neben seiner Beute sinkt.

Der Schwalbe Nest hangt an des Knaben Hütte,
Allein die leichte Beute reizt ihn nicht:
Er will des Adlers königliche Brut,
Die in der Eiche hohem Wipfel thront!
Denn das Erworbne – wär's mit einem Tropfen Schweiß
Auch nur erworben – ist uns mehr als das
Gefundne wert. Den wir mit unsers Lebens
Gefahr erretteten, der ist uns teuer,
So wie dem Araber der teuer ist,
Dem er ein Stück von seinem Brote gab.

Am Ufer glänzt die helle Perlemutter
Und des Achats buntfarbiges Gestein;
Allein der Perlenfischer achtet
Nicht, was die Erde bietet, stürzt
Sich lieber in des Meeres Wogen, senkt
Sich nieder in die dunkle Tiefe und
Kehrt, stolzer als der Bergmann mit dem Golde,
Mit einer Auster blassem Schleim zurück.

Den Bergmann soll die Wünschelrute nicht
Mit blindem Glück an goldne Schätze führen;
Er soll durch Erd' und Stein sich einen Weg
Bis zu des Erzes edlem Gange bahnen,
Damit er an dem Körnchen Gold, das er
Mit Schweiß erwarb, sich mehr als an dem Schatze,
Den ihm die Wünschelrute zeigt, erfreue.

Des Künstlers Meißel übt sich an Kristallen,
Die schon von selbst mit Farben spielen, nicht;
Er übt sich an dem rohen Kiesel, den
Des Knaben Fußtritt nicht verschonte, wühlet
Sich durch die Rinde, lockt den Feuerfunken,
Der in des Kiesels kaltem Busen schlummert,
In tausend Blitzen aus dem Stein hervor
Und schmückt mit ihm der Herrscher Diadem.

Nicht zu dem Schiffer schwimmet aus der Ferne
Des Indiers goldner Ueberfluß heran;
Er muß auf ungewissen Brettern sich
Dem trügerischen Meere anvertraun,
Er muß der Sandbank hohe Fläche meiden,
Der Klippe spitzgeschliffnen Dolch umgehn,
Sich mühsam durch der Meere Strudel winden,
Mit Stürmen kämpfen, sich mit Wogen schlagen,
Bis ihn der Küste sichrer Port empfängt.

Auch zu der Liebe schwimmt nicht stets das Glück,
Wie zu dem Kaufmann nicht der Indus schwimmt;
Sie muß sich ruhig in des Lebens Schiff
Des Schicksals wildem Meere anvertraun,
Dem Wind des Zufalls seine Segel öffnen,
Es an der Hoffnung Steuerruder lenken
Und, stürmt es, vor der Treue Anker gehn;
Sie muß des Wankelmutes Sandbank meiden,
Geschickt des Mißtrauns spitzen Fels umgehn
Und mit des Schicksals wilden Wogen kämpfen,
Bis in des Glückes sichern Port sie läuft.

Heinrich von Kleist
VERBUNDENHEIT

Die Menschen sind Glieder, miteinander verwoben,
Von gleichem Stoff aus der Schöpfung gehoben.

Hat das Leben ein Glied mit Schmerz versehen,
Die anderen Glieder mti Leid vergehen.

Wenn du kein Mitleid mit anderen kennst,
Bist du nicht würdig, dass du dich einen Menschen nennst.


Der Dichter heißt Saadi, und lebte von etwa 1190 bis 1283 oder 1291 an verschiedenen Orten des islamischen Kulturraums (Siehe Wikipedia). Von wem die Übersetzung ist, weiß ich nicht.
" ,,,,,,,wenn die Verse nur so purzeln ------
geht's auch manchmal an die Wurzeln ( ODER WIE ? - ODER WAS JETZT ?? ) "

Bild
Glück kann das Abendläuten,
das Ruhen nach schweren Arbeitstagen bedeuten.
Glück lässt sich nicht erjagen, erfragen,
Glück muss man tief im Innern tragen.
Und nicht in den Sternen,
und nicht in den Fernen,
Im Alltag sollst du das Glück suchen lernen.

Ende des 19. Jahrhunderts
                      Der Abend

           Schweigt der Menschen laute Lust:
           Rauscht die Erde wie in Träumen
           Wunderbar mit allen Bäumen,
           Was dem Herzen kaum bewußt,
           Alte Zeiten, linde Trauer,
           Und es schweifen leise Schauer
           Wetterleuchtend durch die Brust.




            Eichendorff 
Pensionierte Sittlichkeit

Es war einmal ein Auerhahn,
der hatte seine Pflicht getan.
Acht Jahre lang und noch viel mehr,
dann war der Dienst ihm etwas schwer.
Kein Ding auf Erden ewig dauert,
er hatte eben ausgeauert.

 Nun ließ er seine Blicke schweifen
betrübt zu all den Ordensschleifen,
Diplomen und den Ehrenpreisen,
die er erauert einst auf Reisen.

Was halfen ihm jetzt all die Prämien,
er musst’ sich vor den Hühnern schämien.
Kein Hafer und kein Sellerie
entlockten ihm ein Kikeriki.
Es klang jetzt wie ein heiseres quieken –
sein einst so frohes Kikerikiken.
Und all die Hennen, all die Glucken
die waren darob blas erschrocken.
So stand er traurig wie Pik sieben
im Kreise seiner Hühnerlieben.

Man hat den Enterich gebeten
den Hahn einstweilen zu vertreten,
was kümmert sich das Federvieh
um Sittlichkeit und Bigamie.
Jawohl, sprach stolz der Enterich,
die Kleinigkeit besorge ich!
Am Zaun stand nun der Auerhahn
und sah voll tiefer Trauer an,
wie seine Hennen, seine Glucken,
ohn’ mit der Wimper nur zu zucken
sich von dem Enterich ließen ducken.
Verächtlich tät der Hahn ausspucken:
Pfui Teufel, ja so sind die Glucken.

Da kam der böse Bauer
an und schnappte sich den Auerhahn
und sprach „Du toller Veteran
wirst höchstens für die Suppe taugen,
dann schlossen sich zwei Hühneraugen.

Was ist des Lebens ganze Müh?
Ein kleiner Topf voll Hühnerbrüh’! 
(unbekannt) 
Brummel und die Brummeline fliegen glücklich miteinand,
eine Wohnung sich zu suchen, für den jungen Ehestand.

Heckenrose blüht am Bache, hat ein rosig Kämmerlein,
voller Duft und zarter Farbe, lädt als Wohnung lockend ein.

Kaum doch ist man eingezogen, da entblättert sich das Haus,
Brummel und die Brummeline ziehen voller Kummer aus.

In der grossen Glockenblume wohnt das Paar für eine Nacht;
doch das ewige Geläute hat es halb verrückt gemacht.

Hugo Kocher
>> Auf den - berechtigten - Einwand, die handschriftliche Niederschrift ( v. 27.10. 2012 ) wäre nicht immer gut zu lesen gewesen; deshalb hier gerne noch einmal in Klarschrift .
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„Grüße an die Mutter“ ( 1985 )

Eile, eile liebe Zeile
hin zur Mutter, hin zu ihr,
denn sie wartet schon 'ne Weile
wartet schon auf Post von mir.

Über Stock & über Steine
musst du fliegen, wirst du springen.
Nimm Gedanken mit ! - Die meinen,
sind der Grüße voll mit Dingen,

Hab' gedacht an sie am Morgen,
denk' auch Abend's oft an sie,
kann sie Schlafen ohne Sorgen,
ohne Schmerzen in dem Knie (?)

Ist sie dann vom Schlaf erwacht,
lässt sie die Gedanken wandern.
Denkt auch an den Sohn & lacht,
der die Worte hier hat fanden.

Jetzt zur Post – da geht’s noch heute,
steck ich ein dann diese Zeilen;
fragen mich doch manche Leute,
ob ich Spaß d'ran hab' an solchen Reimen.

Nun zum Schluss ! Jetzt muss es klingeln,
an der Tür & in den Ohren,
soll es uns doch mal gelingen
und der Vers nicht lange schmoren.

Ruf mich an dann ohne Zagen
wenn sich diese Zeilen zeigen;
ich kann hoffentlich noch wagen,
vor Dir dann mein Haupt zu neigen.


m. thomas In Gedenken an sie.
Die Menschen lassen vieles gelten:
Vor allem lieben sie dich stumm ;
Doch willst du klagen, willst du schelten, -
Auch das, man kümmert sich nicht drum.

Nur, willst du rasch die Gunst verscherzen,
So zeig ein Fünkchen Seligkeit, -
Man wünscht dir Glück »von ganzem Herzen«
Und birst vor rückgestautem Neid.

Theodor Fontane
Dich   
dich sein lassen   
ganz dich     

Sehen   
dass du nur du bist   
wenn du alles bist   
was du bist   
das Zarte   
und das Wilde   
das was sich losreißen   
und das was sich anschmiegen will     

Wer nur die Hälfte liebt   
der liebt dich nicht halb   
sondern gar nicht   
der will dich zurechtschneiden   
amputieren   
verstümmeln

Dich dich sein lassen    
ob das schwer oder leicht ist?   
Es kommt nicht darauf an mit wieviel   
Vorbedacht und Verstand  
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel   
offener Sehnsucht nach allem -   
nach allem   
was du bist     

Nach der Wärme   
und nach der Kälte   
nach der Güte   
und nach dem Starrsinn   
nach deinem Willen   
und Unwillen 
     
nach jeder deiner Gebärden   
nach deiner Ungebärdigkeit   
Unstetigkeit   
Stetigkeit     

Dann   
ist dieses   
dich dich sein lassen  
vielleicht   
gar nicht so schwer

Erich Fried