Ich habe meinen Beitrag vom 26.05.2020 entpersonalisiert, weil die darin enthaltenen Aussagen auch völlig unabhängig von einem bestimmten Adressaten Bestand haben – weil sie leider auf viele zutreffen:


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Ich sehe nicht die Polarisierung als DAS politische Problem unserer Zeit, denn die ist lediglich die Folge des eigentlichen Problems: Die wachsende Anzahl derer, die ihre Vorurteile dazu nutzen, um sich simple Feindbilder stricken zu können.

Die Rechtsradikalen sind nicht wirklich erfüllt von Ängsten und Sorgen um die Gesellschaft, sondern empfinden bloß große Wut auf die Komplexität und Uneindeutigkeit des Lebens. Sie haben das starke Bedürfnis, sich die Welt so zurechtzustutzen, dass sie ihnen stattdessen einfach und überschaubar erscheint.

Dort wo andere Menschen sich darum bemühen, ständig dazuzulernen und die komplizierten Zusammenhänge zu erforschen und zu begreifen, wofür sie nicht selten ältere Überzeugungen ändern oder ablegen müssen, um wieder offen für neue Erkenntnisse zu werden, empfinden sie nur Misstrauen und Wut und beginnen daher gewaltsam, die unliebsame Vielfalt auszumerzen und mittels Einfalt durch die Klischees vertrauter Stereotypen und altbekannter Vorurteile zu ersetzen.

Wer nicht wahrhaben will, was andere schon von weitem erkennen können: nämlich dass hinter diesem mentalen Schutzmechanismus vor bedrohlich erscheinenden Wahrheiten tatsächlich bloß lang eingeübte Feindseligkeiten stecken (woher auch immer wiederum diese herrühren oder wodurch sie eingeprägt sein mögen), für die bloß noch die rechtfertigen sollende Notwendigkeit bestand, einen logisch erscheinenden Überbau zu konstruieren, der ist wirklich auf dem rechten Auge blind.

Ich will nicht bestreiten, dass manche von denen sehr gute Ansätze dafür zeigen, das Thema analytisch anzugehen. Aber irgendwo unterwegs kommen ihnen anscheinend ihre ureigenen Vorurteile in die Quere – wenn z.B. das Thema „Flüchtlinge“ in den Fokus gerät – und schon endet die gute Analyse in der Nähe gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ... Darüber sollten die Betreffenden mal nachdenken!





Die weltanschauliche Missionierung ist der politischen Agitation sehr ähnlich, sodass es nicht verwunderlich ist, wenn jeder Vortragende am Ende seines Diskussionsbeitrages stoisch wiederholt, dass Karthago zerstört werden müsse – selbst wenn Karthago gar nicht das Gesprächsthema war.

Insofern ist Jeder auf sein spezielles Weltbild fixiert, von dem er seine Meinung zu den jeweiligen Themen ableitet, sodass es auch immer in sich stimmig ist, solange er das auf folgerichtige Weise tut.

Erst dann, wenn es wiedersprüchlich oder nicht folgerichtig ist, was Jemand vorträgt, kann man es als logisch falsch bezeichnen, während seine subjektive Weltsicht selber niemals falsch sein kann - selbst wenn sie auf dem unbewussten Verdrängen von vergangenen Situationen beruht, wozu sowohl deren bewusste Leugnung gehört, als auch das ebenso unbewusste Ignorieren aktueller Tatsachen, welche als existent anzuerkennen dem Betreffenden große Schmerzen bereiten würden.

Was man fälschlicherweise als Ignorieren (Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen) bezeichnet, ist das Verweigern einer aktiven Reaktion auf das, was Andere tun oder sagen, um Einen zur kriegerischen Auseinandersetzung mit ihnen herauszuforden, sodass sie vor die Wand laufen mit ihren Unterstellungen und Hetzkampagnen, was man besser mit Totschweigen bezeichnen kann, wobei weder die Person dabei zu Tode kommt, noch ihr guter Ruf, sondern lediglich verhindert wird, dass der Provokateur auch noch Wasser auf seine Mühlen bekommt.

Letztendlich kann auch Niemand dazu gezwungen werden, sich mit Jemandem persönlich zusammenzusetzen, den er aus irgendwelchen Gründen nicht mag, um sich gemeinsam mit einem Thema zu beschäftigen, d.h. sich zwecks Analyse mit dem Thema auseinanderzusetzen und nicht mit der Person!

Die Auseinandersetzung mit der Person des Anderen hingegen dient nicht nur dem besseren Verständnis seiner Beweggründe, sondern auch dem Ausloten seiner Schwächen, die der Streitsüchtige dazu ausnutzt, um sich ihm gegenüber einen Vorteil zu verschaffen, wenn er ihn öffentlich deswegen anprangert.

Hier fallen die Schmähungen und Beleidigungen häufig auf den Aggressor selber zurück – besonders wenn er seine eigenen Mankos auf seinen Gegner projiziert - , sodass Derjenige, der sich nicht von einem Stänkerer oder Schleimer dazu provozieren lässt, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen, letztendlich Derjenige ist, der eher Verständnis für seine geistigen oder wirtschaftlichen Defizite erwarten kann, als der, dessen Mankos auf der sozialen Seite liegen, womit er nicht in der Lage ist, mit Jemandem angemessen umzugehen, der eine andere Meinung vertritt, als er selber, sodass er ihn womöglich sogar dafür hasst, und ihn als seinen Feind betrachtet, den es zu vernichten gilt, weil er eine ständige Bedrohung für das eigene falsche Selbstbild des Stärkeren oder gar Besseren darstellt.

Diese Taktik des Nicht-Reagierens ist auch in der Politik erfolgreich, wo es nicht nur um die Mitteilung von Meinungen geht, sondern um das autokratische Umsetzen von Entscheidungen in die Tat, bei dem der Parteiführer alleine bestimmt, wer Mitglied des Vereins bleiben darf, und wer wegen seines Ungehorsams rausfliegt, und nur dann auf demokratische Weise abstimmen lässt, um den politischen Gegner einfach durch Handzeichen zu überstimmen, wenn der sich personell in der Minderzahl befindet.

Da bei jedem eigenmächtig Handelnden der unheilige – weil Andere zu ihrem Nachteil schädigende - Zweck die logischerweise genauso unheiligen Mittel heiligt, um sein eigenes Ziel zu erreichen, braucht er auch kein schlechtes Gewissen dabei zu haben, wenn er Gesetze missachtet und dafür lediglich eine Strafe als Ausgleich für die Beleidigung des Gesetzegebers zahlen muss, solange er nicht auch noch die Geschädigten dabei zu entschädigen braucht, wie es beim Ablasshandel der katholischen Kirche der Fall üblich war, und bei ihren regelmäßig beichtenden Anhängern auch immer noch so ist, sondern stellt für ihn einen ökonomisch begründbaren Deal dar, der dem Grundsatz von "minimalem Aufwand für maximalen Ertrag" entspricht, und außerdem auch mit dem allgemeinen Gesetz konform geht, womit er es auch "im Sinne Aller als richtig" rechtfertigen kann, und nicht nur im eigenen.

Insofern ist es nicht die mit der Zeit erlangte Macht, die den Herrschsüchtigen korrumpiert, seinen Dienern untreu zu werden, und es ist auch nicht der nach der Vormacht Strebende selber, der seine Einstellung plötzlich wechselt, nachdem er dazu in der Lage ist, ohne die Rache seiner Diener fürchten zu müssen, sondern es ist die zutreffende Vorstellung, die Monarchie sei die beste Form jeder Herrschaft, weil ein Herr(scher) sich aufgrund seiner Machtposition von seinen Dienern grundsätzlich nicht zur Treue verpflichten zu lassen braucht und es daher von vornherein gar nicht erst tut, sodass er ihnen logischerweise anschließend auch überhaupt nicht untreu werden kann.

Hier muss man auch wieder die subjektive Richtigkeit bei der Behauptung berücksichtigen, Jemand sei auch dann noch ein Sozialist, wenn er sich auf nationaler oder familiärer Ebene gemeinschaftsfreundlich betätigt, während er auf internationaler Ebene gleichzeitig ein Egoist ist, der die Mitglieder anderer Staaten- oder Kulturgemeinschaften niederknüppelt, um sich in seinem eigenen Verein, wo er sich die Zustimmung seiner Anhänger mit Hilfe von kleinen Geschenken gekauft hat, dennoch gerechtfertigterweise als Wohltäter der Nation feiern zu lassen.

Das schmähliche Unterfangen manch eines Zeitgenossen, das eigene Vorurteil gegenüber einer anderen Person durch eine konstruierte Typisierung ihres vorgeblichen, durch ihn allerdings bloß behaupteten Charakters, und eine bestimmte dazu passenden Rollenzuweisung als Muster zu kennzeichnen und damit die eigenen tieferen Motive vor sich selbst zu rechtfertigen und zugleich nach außen hin zu verschleiern, ist – leider für ihn aber zum Glück für andere – nicht selten unschwer zu durchschauen.

Wenn der Betreffende von vornherein (das muss nicht in jedem Fall ganz bewusst, sondern kann auch weitgehend intuitiv funktionieren) diese Möglichkeit der Entlarvung einräumt, wird er sich darum bemühen, den Adressaten bis zur Unkenntlich zu verallgemeinern – unterdessen aber die geschilderte Situation verblüffende Analogien zu tatsächlichen Geschehnissen aufweist, die zwar einige seiner ihm eigentümlichen Wahrnehmungsfilter durchlaufen haben, aber dennoch für Außenstehende noch einigermaßen identifizierbar bleiben.

Der Engländer hat dafür einen passenden Spruch:
>>Let me have my cake and eat it too!<<
Beide sollen davon einen Vorteil haben – der Sprecher, der unbedingt etwas loswerden muss und das Publikum, das sich immer gern unterhalten lässt – zulasten des Dritten, der dadurch folgenlos für den Ersten und zum Spaß des Zweiten das Nachsehen haben soll.

Nur schade (für den Sprecher, aber keineswegs für's Publikum!), wenn dieser Dritte das falsche Spielchen durchschaut und sich seinen eigenen Reim darauf macht – und sich sogar gelegentlich den Spaß gönnt, das Schmäh-Spießchen einfach umzudrehen. :wink:




Es ist ein seltsamer Widerspruch, dass den Gesetzestexten das Friedensgebot zugrunde liegt, während gleichzeitig der Kampf um die Vormacht der Selbstbestimmung, zu welchen Bedingungen der Frieden existieren soll, in der sozialen Realität als eine Art Naturgesetz betrachtet wird, welches sich die Stärkeren herausnehmen, weil sie die Macht dazu haben.

Ob die Gesetzgebenden dieses Friedensgebot nur zum Schein installiert haben, damit die Eigenmächtigen vor dem Zorn der weniger Mächtigen geschützt werden, oder ob sie sich einfach nur geirrt haben, als sie hofften, dass sich „Der Markt“ von selber im Sinne eines „Friedens zu für Alle gleichermaßen akzeptablen Bedingungen“ reguliert, lässt sich nicht konkret nachweisen, weil man ja nicht in die Köpfe der Gesetzgeber reinschauen kann.

Um sagen zu können, sie hätten hier bewusst ein unehrenhaftes, politisches Täuschungsmanöver zuungunsten Derer veranstaltet, für die diese Gesetze gelten, bedarf es - wie bei jeder anderen Entlarvung auch - Indizien, wie z.B. ein Eigeninteresse am Betrug der wirtschaftlich Schwächeren um das gesetzlich garantierte Recht auf soziale Gleichbehandlung mit den wirtschaftlich Stärkeren, bei dem aufgrund eines prozentual bemessenen Steuersystems Letzteren mit weitreichenden Absatzmöglichkeiten ein unverhältnismäßig größerer Vorteil gewährt wird, den die Erstere gar nicht für sich nutzen können.

Dieser Scheinliberalismus zugunsten von ausbeuterischen Kapitalisten wird – genau wie der Scheinsozialismus zugunsten von herrschsüchtigen Parteidiktatoren, oder die Herrschaft eines göttlichen Vaters im Himmel, bzw. seiner scheinheiligen, klerikalen Söhne auf Erden – wird umso erfolgreicher praktiziert, als dass es den Scheinheiligen gelingt, den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit von ihrem eigenen Streben nach Alleinherrschaft weg und hin auf eine Gemeinnützigkeit zu lenken, die vor Allem ihren Anhängern zunutze kommt, welchen dafür Sonderrechte in Aussicht gestellt werden, wenn sie sie bei ihrem Kampf um die Vormacht unterstützen.

Somit kann in diesem Falle dabei nur Korruption und Lobbyarbeit herauskommen, bei der der Rest der Bevölkerung leer ausgeht, denn wer sich diesem Systemzwang verweigert, um „anständig“ zu bleiben, indem er nicht nur seinen Wählerauftrag ernst nimmt, sondern den auch auf seine Nicht-Wähler ausdehnt, denen gegenüber er in derselben Weise verpflichtet ist, die Staatsangelegenheiten zu VERWALTEN, OHNE seine Auftraggeber anschließend wie Sklaven zu BEHERRSCHEN, fliegt zuerst raus aus der Regierungspartei (griech. Δεμος bzw. demos = Bund oder Partei).

Insofern kommen echte Sozialfilosofen gar nicht erst an die Regierung, weil sie sonst mit ihrer "Idealvorstellung von einer sozial gerechten Welt" in Konflikt kämen, in der die für die Machtübernahme notwendige Rücksichtslosigkeit und Korrumpierbarkeit als unehrenhaft gilt, sondern müssen sich stattdessen mit der undankbaren Stellung der Satyriker begnügen, die das Volk aufklären darüber, dass es sich bei den vorgeblichen Göttern keineswegs um personifizierte Tugenden handelt, sondern eher um fleischgewordene Laster, denen keinerlei Ehre gebührt - selbst wenn sie noch so sehr darauf bestehen.

Der Fluch der Erkenntnis besteht beim Filosofen darin, dass er nicht nur - wie einst Prometheus genauso an einen Felsen (Symbol der Materie) gekettet ist, wie alle Anderen auch, sondern dass ihm obendrein - wie bei Prometheus - ein Adler (Symbol der Erkenntnis) jeden Tag aufs Neue die Leber (Symbol der selbstbewirkten Lebensfreude durch Betäubung mit schönen Illusionen) heraushackt, sodass er sich in permanenter Nüchternheit mit seiner Machtlosigkeit abfinden muss, es zwar zu wissen, was gut für Alle wäre, und sogar, wie er an die nötige Macht gelangen könnte, um das auch in die Tat umzusetzen, aber dennoch nicht verwirklichen kann, ohne dabei sein Selbstbild eines moralische integren Menschen zu beschädigen.

Dieses Selbstbild muss ihm als Idealisten jedoch noch wichtiger sein, als sein körperliches Wohlbefinden, weil dessen geistige Verwirklichung und Aufrechterhaltung, indem er es beharrlich gegen jede Art der Versuchung verteidigt, den einzig vollkommen selbstbestimmbaren Sinn seines Lebens ausmacht, der unabhängig vom Beifall Anderer existiert.

Genau das wird auch durch die für Nicht-Filosofen kryptisch anmutende, christliche Ermahnung zum Ausdruck gebracht, die da lautet: „Was hülfe es dir, wenn du die ganze Welt gewönnest und nähmest doch Schaden an deiner Seele?“
"... Hier muss man auch wieder die subjektive Richtigkeit bei der Behauptung berücksichtigen, ..."

Kann mir den Inhalt jemand erklären?

Die Erklärung ergibt sich aus dem Kontext. :wink:



Die Geschichte zeigt in reichlichem Maße, dass Idealismus und Regierungsverantwortung nicht miteinander vereinbar sind. Die reine Lehre vom selbstlosen, nur um das Wohl der Gemeinschaft und absoluter Gerechtigkeit beseelten Menschen widerspricht dem natürlichen Selbsterhaltungsbestreben eines jeden Individuums.

Dieses umschließt die Personenkreise, zu denen das Individuum eine starke emotionale Bindung hat – also die nächsten Angehörigen und sonstige engen Beziehungen – und erst mit einigem Abstand erfolgt die Identifizierung mit Außenstehenden in gleicher Situation – bezogen auf den Lebens-Ort (Nachbarschaft, Kommune, Land bis hin zur Erde) oder -Status (gesellschaftliche Klasse, Bildungsabschluss, Professionen und religiöse oder weltanschauliche / politische Zugehörigkeiten).

Abgesehen – aber nie ganz unabhängig (weil u.a. auch geprägt) – davon ist der persönliche Charakter eines jeden Individuums, der gepaart mit seinen intelligenten Fähigkeiten durchaus grundsätzlich in der Lage wäre, sich idealen Zielen verpflichtet zu fühlen. Allein: die Komplexität und damit zugleich inhärente Widersprüchlichkeit der Lebenswirklichkeit in einer allein schon zahlenmäßig so großen Gesellschaft von Millionen bis Dekaden von Millionen von Menschen in einzelnen Staaten, ganz zu schweigen von der Gesamtweltbevölkerung von über 7,8 Mrd., macht es unmöglich, im Interesse aller zugleich zu sprechen, gar zu regieren.

Wir können es heute ja sehen: Dort, wo Idealismus zu einer Ideologie erstarrt ist, wurde die einst idealistische zur kompromisslos einzig anerkannten Weltsicht, mithin zur staatlich verordneten allumfassenden „Wahrheit“ proklamiert, unter deren Dach sich mühelos auch eine nach oben offene Zahl von Menschen zwingen lässt, weil jede Abweichung ebenfalls kompromisslos geahndet und betraft wird. – So wird aus jedem idealistischen Weltbild, das keinerlei abweichende Meinungen und Kompromisse mehr zulässt, schnell ein totalitäres System.

Die Kunst einer offenen, pluralistischen Gesellschaft besteht im Gegensatz dazu darin, all die Unzulänglichkeiten und Mängel des Systems nicht verdrängen zu müssen, sondern benennen zu dürfen. Dadurch bleibt alles in Bewegung und scheint damit zwar instabiler zu sein, als ein totalitäres System, funktioniert tatsächlich aber durch die in ihr wirkenden eigendynamischen Kräfte wie ein sich stets zu neuen Ordnungen organisierendes Chaos. So bleibt dieses System im Ganzen über einen unbegrenzten Zeitraum hinweg stets im Fluss, währenddessen es sich allmählich im Ganzen den diversen gesellschaftlichen Bedürfnissen mehr und mehr anpasst – anpassen muss, wenn es über einen weitgehenden – aber nie perfekt sein könnenden! – Common Sense auf Dauer Bestand haben will.

Unterdessen die offiziell unterdrückten eigendynamischen Prozesse in totalitären Systemen zunächst in den mentalen individuellen und dann ganz konkreten gesellschaftlichen Untergrund ausweichen, bevor sie sich schließlich offen durch Widerstand, Protest und Rebellion Luft verschaffen.

Ein Mensch lässt sich nicht ewig von anderen unterdrücken – und mag die jeweilige Herrschaftsmacht auch noch so unbezwingbar erscheinen.

Wer allerdings den Fehler macht, ein offenes pluralistisches System als solches zu leugnen und als totalitär zu bezeichnen, ganz ungeachtet dessen, was Totalitarismus tatsächlich ausmacht – nur, um seinen eigenen absoluten Idealismus durchzusetzen, arbeitet im Grunde gegen sich selbst in völliger Verkennung der Tatsache, dass die Umsetzung seine hehren Ideale ganz schnell zu neuer Ungerechtigkeit und Unfreiheit (z.B. Ablösung des freien demokratischen Wahl- und Repräsentationssystems durch ein vorgeschobenes, tatsächlich durch ein von einer selbsternannten Elite bestimmtes) also letztlich zum Totalitarismus führen würde.


Bild

„Das Entwirren des Chaos oder die Erschaffung der vier Elemente“, 1598, Hendrik Goltzius (1558-1617)




@ Verdandi

Ein ganz starker Beitrag!

Vielen Dank! Ich freue mich darüber, dass Du das auch so siehst. :)



@ Verdandi

1) Wir (beide) sehen gründsätzliche Gemeinsamkeiten zur Demokratie.

2) Wir (beide) sehen aber auch unterschiedliche Ursachen für Fehler in der Demokratie und unterschiedliche Wege zur Entwicklung von Demokratie.

Beide Sätze sind wesentliche Merkmale von Demokratie, weil sich so am besten eine Gesellschaft im Sinn der Menschen entwickeln lässt.
-> Genau das hast du sehr gut beschrieben.

Beide Sätze stehen in völligem Gegensatz zu elitärem Denken!

Elitäres Denken, praktiziert in zwei unterschiedlichen staatlichen Ausführungen, sollte sich nicht wiederholen.
(Jetzt wäre ich wieder bei Satz 1!)

@ CornusMas

Mit Punkt 1 gehe ich d'accord, weil ich das für mich ebenfalls schon festgestellt habe.
Mit Punkt 2 nicht unbedingt, weil mir das, was mich betreffen soll, zu apodiktisch herüberkommt.*

Da Du mich persönlich gar nicht kennst, sondern nur einige meiner Statements gelesen hast, darfst Du zwar selbstverständlich darauf hinweisen, mit welchen Aussagen Du im Einzelnen aus welchen Gründen nicht einverstanden bist, aber ich bitte Dich, darauf zu verzichten, von einigen meiner Aussagen auf meine politische Haltung im Allgemeinen zu schließen – zumal als Tatsachenbehauptung!

Wenn Du darauf nicht verzichten willst, musst Du einen Zwischenschritt einlegen und diesen nachvollziehbar dokumentieren: Welche verallgemeinernden Schlüsse Du aus welcher konkreten Aussage von mir ziehst – denn genau an dieser Stelle werden m.E. die meisten Fehler gemacht, die dann leicht zu falschen Beurteilungen führen können. Und wenn Du mich aus Deiner Sicht beurteilst, möchte ich herausfinden können, wo genau ich ggf. ansetzen kann, um Dein Urteil anfechten zu können.

Mit dem Rest Deiner Ausführungen bin ich wiederum sehr einverstanden – wenn und solange diese sich allgemein auf die Legitimität von Meinungsverschiedenheiten und die Notwendigkeit gegenseitiger Toleranz beziehen.

Ich möchte Dich noch darum bitten, dass Du meinen Einwand so sachlich auffasst, wie ich ihn beabsichtigt habe. Wichtig war mir dabei nicht, Dir zu widersprechen, sondern auf die sehr sensible Stelle zu verweisen, wo m. E. die meisten Missverständnisse und vorschnellen und damit falschen Bewertungen entstehen können: Dort, wo die Persönlichkeit des Gegenübers beginnt, die man niemals wirklich endgültig beurteilen kann aus der eigenen Sicht. – Die letztere sollte daher immer vorläufig und überprüfbar bleiben.

*Ich würde es also eher so ausdrücken:
2) Wir beiden waren in der Vergangenheit zu bestimmten Themen bzw. Fragestellungen allerdings auch schon (zum Teil sehr) unterschiedlicher Meinung. :)




Man kann als ZUSTÄNDIGER (d.h. als „zu einem bestimmten Handeln VERPFLICHTETER“ und nicht als „für den entstandenen Schaden VERANTWORTLICHER“) keinem IDEAL verpflichtet sein, sondern nur MENSCHEN aus Fleisch und Blut, die ihn dazu verpflichten, indem sie ihn in das jeweilige Amt berufen, welches mit bestimmten Entscheidungsbefugnissen verbunden ist.

Dabei gibt es die Sonderrechte nur als Lohn für den PFLICHTGETREUEN, der seine Pflichten gegenüber seinen Anvertrauten auch dann zuverlässig erledigt, wenns mit keinem weiteren Vorteil gegenüber ihnen verbunden ist, indem er sich etwa nur dann zuständig FÜHLT - oder sich der Pflicht zwar BEWUSST ist, aber dennoch anders handelt - , wenn ihm das (zum Nachteil Anderer) als vorteilhaft erscheint.

Nur wenn sich die jeweiligen Partner oder Parteien den „Nutzen durch Inanspruchnahme von Rechten“ und den „Schaden durch die Erledigung der damit verbundenen Pflichten„ gleichmäßig miteinander teilen, ist eine idealerweise herrschaftsfreie Ordnung möglich, in der die eigenmächtige Selbstbestimmung einiger Weniger zu Lasten Anderer unterbleibt.

Hierbei ist nicht die demografisch ermittelte Stimmenmehrheit für die Qualität einer politischen Entscheidung maßgeblich, sondern ihre soziale Angemessenheit, denn der kulturelle Wert einer Gemeinschaftsform ist daran zu messen, wie man dort mit Schwächeren umgeht, die auch deshalb zu den Schwächeren gehören, wenn bzw. sogar WEIL sie in der Minderzahl sind.

Da sich natürlicherweise die Starken immer rücksichtslos gegen die Schwächeren durchsetzen, um die „Freiheit der Selbstbestimmung“ genießen zu können, weswegen es dafür auch keiner besonderen gesetzlichen Legitimation bedarf, muss dem hemmungslosen Machtstreben des Einzelnen zugunsten der Anderen eine Grenze gesetzt werden, damit sein Drang zur Herrschaftsfreiheit nicht zur eigenmächtigen Diktatur über Alle führt, die ihm als dem Stärkeren von Beiden sonst schutzlos ausgeliefert wären.

Die Freiheit des Einzelnen im Sozialismus als der „Ideologie der Partnerschaftlichkeit“ kann sich also nicht nur auf die Inanspruchnahme von Schutzrechten vor der Willkür durch Stärkerer auf Seiten der Schwächeren beschränken, sondern muss auch die Pflicht für den Stärkeren beinhalten, den Schwächeren eben diese Schutzrechte zu gewähren, indem er beim Verfolgen seiner Ziele, die er verwirklichen will, auf die Schwächeren Rücksicht nimmt.

Hierbei stellt zwar auch das Verfolgen des „Ideals der eigenen Alleinherrschaft“ ein idealistisches Handeln dar, aber kein sozialistisches, welches auch dem Partner nutzt, sondern ein höchst egoistisches, was nur dem Egoisten selber nutzt, und ist daher im Sinne einer anarchistischen (herrschaftsfreien), demokratischen Gemeinschaft abzulehnen, denn bei der geht es lediglich um die „Verwaltung der Staatsangelegenheiten (und nicht um die Herrschaft) durch eine Gruppe oder Partei von Politikern, die aufgrund ihrer gemeinnützigen Einstellung als dafür geeignet und deshalb auch gerechtfertigterweise in dieses Amt berufenen worden sind.

Der Begriff der „Autokratie“ als „Selbstverwaltung“ kann sich dabei nur auf eine „Gruppe von Menschen beziehen, die sich selber verwaltet“, und nicht auf eine Gruppe, die ihrerseits durch „eine einzige Person“ verwaltet wird, weil das unweigerlich wieder zur „Monarchie“ und damit zur Diktatur führt, wo der „Landesvater oder die „Mutter der Nation“ ihren entmündigten Kindern den Gehorsam als oberstes Gebot auferlegen, um vor Allem ihre eigene Vormachtstellung ihnen gegenüber zu sichern.

Die ausschließlich negative Kritik an einer bestehenden Ordnung erweckt natürlich den Verdacht, dass es sich bei den Anarchisten oder auch Antifaschisten hier um Chaoten handele, die überhaupt erst das Chaos schaffen, um aus der allgemeinen Verwirrung am Ende ihren eigenen Vorteil gegenüber allen Anderen ziehen zu können, indem sie selber die Macht ergreifen, und damit genauso über alle Anderen herrschen, wie sie es unter ihren Vorgängern abgelehnt haben, bei denen sie sich noch in der Rolle der beherrschten Widerständler befanden.

Rein organisatorisch ist es natürlich umso leichter, die Zuständigkeit sowohl eines Verwalters, als auch die eines Herrschenden zu ermitteln, je kleiner die Gemeinschaften sind, was aber die Frage nach der „Gleichverpflichtung im Verbund von Kleinstaaten miteinander“ mit jeweils eigener „Rechtshoheit auf Selbstbestimmung“, nicht löst, solange auf dieser Ebene keine einheitlichen Regeln gelten, was besonders dann ein Problem darstellt, wenn man sich in einer überregionalen Krise auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen muss, die für alle Beteiligten gleichermaßen verbindlich ist.

So schweißt ein Bedrohung durch einen gemeinsamen Feind zwar auch vormalige Gegner kurzfristig zusammen, und lässt sie als lupenreine Sozialisten erscheinen, aber sie werden sofort wieder zu erbitterten Gegnern im Kampf um die Alleinherrschaft, sobald der gemeinsame Gegner besiegt worden ist, was das Wesen der subjektiven Richtigkeit des Handelns einer Person gegenüber Anderen ausmacht - auch wenn es gleichzeitig subjektiv für die dabei Misshandelten völlig falsch ist.

Außerdem kommt dabei noch hinzu, dass ein und das selbe Handeln in unterschiedlichen Situationen genauso für den Handelnden richtig und damit vernünftig sein kann, wie sein unterschiedliches Handeln in ein und derselben Situation gegenüber verschiedenen Personengruppen, die bei ihm jeweils einen unterschiedlichen Wert darstellen, solange es ihm auf vorteilhafte Weise nützt, während es für die Misshandelten gleichzeitig falsch, und damit unvernünftig ist, weil es ihnen auf eine sie selber benachteiligende Weise schadet.

Hier stellt also Kants Begriff der „Vernünftigkeit sozialen Handelns“ keinen „Wert an und FÜR SICH“ dar, sondern ist immer nur gut „für Denjenigen, dem es persönlich nützt“, wobei der Eigenmächtige seine unheiligen Mittel, mit denen er Anderen schadet, idealerweise damit rechtfertigt, dass er sich ja nur selber von der „Krankheit seiner Machtlosigkeit heilen“ will, indem er sich vernünftigerweise einen Vorteil gegenüber Anderen verschafft, um das Maß seiner Sicherheit selber bestimmen zu können, und letztendlich sogar per Gesetz den prophylaktischen Angriffskrieg auf potenzielle Feinde als bestes Mittel der „Verteidigung des Friedens zu eigenen Gunsten“ propagiert, was per Gesetz dann als gutes Recht ausschließlich Demjenigen vorbehalten bleibt, der auch die dafür nötige Macht besitzt.

Insofern ist zwar beim Intelligenten die Rechtfertigung seines egoistischen Handelns besser, als beim weniger Intelligenten, aber nicht seine soziale Einstellung gegenüber Anderen, auf die es in einer herrschaftsfreien Gemeinschaft nun mal ankommt, damit Niemand unter dem Egoismus eines Anderen leiden muss.
Verdandi hat geschrieben:

Die Geschichte zeigt in reichlichem Maße, dass Idealismus und Regierungsverantwortung nicht miteinander vereinbar sind. Die reine Lehre vom selbstlosen, nur um das Wohl der Gemeinschaft und absoluter Gerechtigkeit beseelten Menschen widerspricht dem natürlichen Selbsterhaltungsbestreben eines jeden Individuums.

Dieses umschließt die Personenkreise, zu denen das Individuum eine starke emotionale Bindung hat – also die nächsten Angehörigen und sonstige engen Beziehungen – und erst mit einigem Abstand erfolgt die Identifizierung mit Außenstehenden in gleicher Situation – bezogen auf den Lebens-Ort (Nachbarschaft, Kommune, Land bis hin zur Erde) oder -Status (gesellschaftliche Klasse, Bildungsabschluss, Professionen und religiöse oder weltanschauliche / politische Zugehörigkeiten).

Abgesehen – aber nie ganz unabhängig (weil u.a. auch geprägt) – davon ist der persönliche Charakter eines jeden Individuums, der gepaart mit seinen intelligenten Fähigkeiten durchaus grundsätzlich in der Lage wäre, sich idealen Zielen verpflichtet zu fühlen. Allein: die Komplexität und damit zugleich inhärente Widersprüchlichkeit der Lebenswirklichkeit in einer allein schon zahlenmäßig so großen Gesellschaft von Millionen bis Dekaden von Millionen von Menschen in einzelnen Staaten, ganz zu schweigen von der Gesamtweltbevölkerung von über 7,8 Mrd., macht es unmöglich, im Interesse aller zugleich zu sprechen, gar zu regieren.

Wir können es heute ja sehen: Dort, wo Idealismus zu einer Ideologie erstarrt ist, wurde die einst idealistische zur kompromisslos einzig anerkannten Weltsicht, mithin zur staatlich verordneten allumfassenden „Wahrheit“ proklamiert, unter deren Dach sich mühelos auch eine nach oben offene Zahl von Menschen zwingen lässt, weil jede Abweichung ebenfalls kompromisslos geahndet und betraft wird. – So wird aus jedem idealistischen Weltbild, das keinerlei abweichende Meinungen und Kompromisse mehr zulässt, schnell ein totalitäres System.

Die Kunst einer offenen, pluralistischen Gesellschaft besteht im Gegensatz dazu darin, all die Unzulänglichkeiten und Mängel des Systems nicht verdrängen zu müssen, sondern benennen zu dürfen. Dadurch bleibt alles in Bewegung und scheint damit zwar instabiler zu sein, als ein totalitäres System, funktioniert tatsächlich aber durch die in ihr wirkenden eigendynamischen Kräfte wie ein sich stets zu neuen Ordnungen organisierendes Chaos. So bleibt dieses System im Ganzen über einen unbegrenzten Zeitraum hinweg stets im Fluss, währenddessen es sich allmählich im Ganzen den diversen gesellschaftlichen Bedürfnissen mehr und mehr anpasst – anpassen muss, wenn es über einen weitgehenden – aber nie perfekt sein könnenden! – Common Sense auf Dauer Bestand haben will.

Unterdessen die offiziell unterdrückten eigendynamischen Prozesse in totalitären Systemen zunächst in den mentalen individuellen und dann ganz konkreten gesellschaftlichen Untergrund ausweichen, bevor sie sich schließlich offen durch Widerstand, Protest und Rebellion Luft verschaffen.

Ein Mensch lässt sich nicht ewig von anderen unterdrücken – und mag die jeweilige Herrschaftsmacht auch noch so unbezwingbar erscheinen.

Wer allerdings den Fehler macht, ein offenes pluralistisches System als solches zu leugnen und als totalitär zu bezeichnen, ganz ungeachtet dessen, was Totalitarismus tatsächlich ausmacht – nur, um seinen eigenen absoluten Idealismus durchzusetzen, arbeitet im Grunde gegen sich selbst in völliger Verkennung der Tatsache, dass die Umsetzung seine hehren Ideale ganz schnell zu neuer Ungerechtigkeit und Unfreiheit (z.B. Ablösung des freien demokratischen Wahl- und Repräsentationssystems durch ein vorgeschobenes, tatsächlich durch ein von einer selbsternannten Elite bestimmtes) also letztlich zum Totalitarismus führen würde.


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„Das Entwirren des Chaos oder die Erschaffung der vier Elemente“, 1598, Hendrik Goltzius (1558-1617)

K o r r e k t u r :

Ich hatte den Begriff „Chaos“ verwendet, meinte aber den Begriff „Komplexität“ – genauer: den eines „hoch komplexen adaptiven Systems“ mit verschiedenen Eigenschaften, die u.a. sowohl auf den Menschen im Einzelnen (z.B. auf sein Gehirn, sein Nervensystem bezogen) als auch auf menschliche Gesellschaften und ihre sozialen Systeme Anwendung finden können. „Chaos“ kann auf Teilbereiche temporär zutreffen, meist aber scheint es nur so zu sein für einen Beobachter, der noch nicht tief genug in die Materie eingedrungen ist.

Wichtige Eigenschaften in hoch komplexen adaptiven Systemen sind z.B. Interaktion, Selbstorganisation und Emergenz. „Adaptiv“ bedeutet hier, dass sich die Entwicklungsprozesse an veränderte Bedingungen anpassen können und sich dabei an der eigenen Vorgeschichte orientieren. „Emergenz“ bedeutet hier, dass Neues hervorgebracht werden kann, also eine innovative Weiterentwicklung potentiell möglich ist.




Der Gedanke, dass Sozialisten die Freiheit des Einzelnen durch Überregulierung unnötig stark beschränken, sodass wichtige Potenziale nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für eine ganze Nation innerhalb einer Staatengemeinschaft ungenützt bleiben, sodass diese im Wettbewerb im Kampf um die Vormacht mit anderen Individuen oder Nationen, bei denen es diese sozialen Beschränkungen für Egoisten nicht gibt, zwangsläufig unterliegen, ist insofern nicht zu Ende gedacht, als dass es bei der herrschaftlichen Unterdrückung Schwächerer durch die Willkür der Stärkeren auch zur Gehorsamsverweigerung kommt, sobald die totale Überwachung mal nicht funktioniert, sodass der freiwillige, herrschaftsfreie Zusammenhalt zwischen Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen der gesamten Gemeinschaft eher zugute kommt.

Hier taugt die Diversität als Überlebenskonzept für eine Gemeinschaft mehr, wenn es um die Wahl der am besten Geeigneten für notwendige Funktionen geht, als das der Homogenität – und zwar nicht nur im Verteidigungskampf gegen potenzielle Gegner, die ihrerseits nach der Vormacht streben, sondern auch in allen anderen Krisenfällen, wo Solidarität in Bezug auf eine gemeinsame Zielsetzung und nicht die Gleichgeartetheit von Eigenschaften Derer, die sich miteinander solidarisieren, das wichtigste Element zum möglichst effizienten, gemeinsamen Handeln darstellt.

Da es aber auch im selbstregulierenden Systemen, wie dem menschlichen Organismus - der seine Erweiterung in der Körperschaft mit anderen Menschen findet -, keine „Herrschaft zum eigenen Vorteil über andere Organe“ gibt, die dabei benachteiligt werden, sondern nur eine herrschaftsfreie Kooperation, die auf dem Grundsatz von Ursache und für das ganze System überlebensnotwendiger Folge beruht, ist die Willkürentscheidung eines einzelnen dieser Teile, welches auf Kosten der anderen Teile zu überleben trachtet, für das gesamte System lebensbedrohlich, während gemeinschaftsorientiertes Handeln aller Mitglieder einer menschlichen Körperschaft als ein ganz natürliches Überlebensprinzip auch für jeden Einzelnen innerhalb dieser Gemeinschaft betrachtet werden kann.

Ein Ausscheren aus der Gemeinschaft, auf die man angewiesen ist, kommt hingegen dem Selbstmord eines Verrückt-Gewordenen gleich, der nicht nur sich selber in Lebensgefahr begibt, sondern auch all Derjenigen, die er dabei mit schädigt, indem er ihnen die Mitarbeit zum Zwecke des Allgemeinwohls egoistischerweise verweigert.

Da jeder lebende Organismus einer Organisation bedarf, die einer speziellen, auf das Ziel abgestimmten Ordnung (griech. Kosmos) entspricht, gibt es keine chaotische Gesellschaftsordnung, weil das ein Widerspruch in sich wäre.

Das wird auch nicht von den Anarchisten angestrebt, die die bisherigen Herrschaftssysteme ablehnen, sondern es geht ihnen um die „Freiheit von der Herrschaft, die archaische Gesellschaftsordnungen kennzeichnet“, hin zu einer „herrschaftsfreien Verwaltung durch demokratische Aufgabenverteilung auf mehrere Personen innerhalb eines autokratischen, d.h. sich selbst verwaltenden Staates“, bei der Jeder seine Aufgabe erfüllt, damit das ganze System nicht kollabiert und in einen lebensgefährlichen Zustand des Chaos verfällt.

Das Problem dabei ist, dass es mit dem Dagegen-Sein der Anarchie allein nicht getan ist, sondern dass eine sozialistische Alternative zum Egoismus der Alleinherrschaft gefunden werden muss, wie sie ja in vielen Staaten – natürlich gegen den Willen eigenmächtiger Herrschsüchtiger - bereits verwirklicht worden ist, und daher auch nicht mehr als utopisch bezeichnet werden kann.

>>In einem geschlossenen System nimmt das Chaos mit der Zeit zu.<<
(Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik)

In einem offenen System trifft diese Aussage somit nicht zu!