hier ein interessanter Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 14.09.2020:

Region Stuttgart
Rückenwind für Tiny-Häuser
Von Kai Holoch 14. September 2020 - 14:53 Uhr

In vielen Städten der Region wächst die Bereitschaft, dieser individuellen Wohnform zumindest für eine begrenzte Zeit Flächen einzuräumen. Allerdings gibt es hohe Hürden.

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Tübingen und Schorndorf kamen der neuen Wohnidee wegen jüngst schon in die Schlagzeilen. In der Universitätsstadt hat sich Oberbürgermeister Boris Palmer für die Idee des Vereins Mut zur Lücke stark gemacht. Der Vorschlag: Die Besitzer der 240 ungenutzten, theoretisch sofort bebaubaren Grundstücke sollten ermuntert werden, die Flächen 15 Jahre lang für die Belegung mit Tiny-Häusern zu verpachten.


In Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) geht die Stadt beim Thema Wohnen auf kleinstem Raum noch einen Schritt weiter. Sie stellt ein städtisches Grundstück explizit als Fläche für die alternative, den Zeitgeist widerspiegelnde Wohnform zur Verfügung. Seit Anfang dieses Monats können sich Interessenten auf der Homepage der Stadt in eine Liste eintragen. Mit erstaunlichem Erfolg: Bisher haben sich 148 Einzelpersonen und Paare gemeldet, die ausprobieren wollen, ob sie mit dem minimalistischen und ressourcenschonenden Lebensstil klar kommen.

Tiny-Häuser als Teil neuer Wohngebiete?


Aber auch in anderen Städten der Region wächst die Bereitschaft, sich intensiver mit Tiny-Häusern zu beschäftigen. „Ich finde das eine wirklich tolle Wohnform“, sagt die Reutlinger Baubürgermeisterin Ulrike Hotz. „Wir sind gerade dabei, im Stadtgebiet nach Flächen zu suchen, auf denen Tiny-Häuser stehen könnten.“ Noch in diesem Jahr werde man dem Gemeinderat dazu Vorschläge präsentieren.

In Weilheim (Kreis Esslingen) denkt die Stadt, so Bürgermeister Johannes Züfle, darüber nach, bei der Realisierung künftiger Wohnbaugebiete auch Tiny-Haus-Plätze in das Angebot aufzunehmen. Auch aus Sindelfingen im Kreis Böblingen kommen positive Signale: „Sollte sich der Wohntrend verfestigen, ist es vorstellbar, bei künftigen Baugebieten in Sindelfingen zur Diversifikation des Wohnungsmarktes Tiny -Houses zu berücksichtigen“, erklärt die Stadtsprecherin Nadine Izquierdo. Dabei müsste dann an eine gute städtebauliche Integration solcher Quartiere im Hinblick auf gemeinsam genutzte Nebenanlagen, Lager- und Stellplätze gedacht werden.

Das Problem des Ballungsraums


Ein grundsätzliches Interesse an der Ansiedlung von Tiny-Houses signalisieren auch Ludwigsburg, Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen) und Waiblingen. Jedoch verweisen die Rathäuser auf das Grundproblem des Ballungsraums. „Die Idee von Tiny-Häusern ist interessant“, sagt etwa der Waiblinger Baubürgermeister Dieter Schienmann: „Allerdings befinden wir uns in Waiblingen im Verdichtungsraum der Region und haben nur ein begrenztes Angebot an bebaubaren Flächen.“ Daher verfolge die Stadt eher das Ziel, „an geeigneten Stellen verdichtete Bauformen umzusetzen, um dem steigenden Wohnbedarf in der Region und in der Stadt gerecht zu werden“.

Eva Roller, die Baubürgermeisterin von Leinfelden-Echterdingen, findet zwar, dass Tiny-Häuser „ein kostengünstiges und bedarfsgerechtes Wohnen bei maximaler Flexibilität“ darstellten. Bei einem Quadratmeterpreis auf den Fildern von 1000 Euro und mehr für ein voll erschlossenes Baugrundstück, so Eva Noller, „relativieren sich diese Kosten aber erheblich“.

Tiny-Haus als Studentenbude


Noller spricht damit gleich zwei Hemmschwellen an. Denn es sind nicht nur die hohen Bodenpreise, die viele Interessenten abschrecken. „Erschwerend kommt hinzu, dass man für Tiny-Häuser eine ganz normale Baugenehmigung braucht“, sagt Tim Hepperle verwundert. Vor drei Jahren hat Hepperle, Sohn des für seine innovativen, ökologischen Ideen bekannten Holzbauers Peter Hepperle aus Neidlingen (Kreis Esslingen), zusammen mit seinem Vater für sein Studium in Biberach sein erstes Tiny-House fast ausschließlich aus Holz entworfen und verwirklicht.

Mittlerweile haben die Hepperles ihr Konzept überarbeitet und ein Muster-Tiny-House mit optimierter Dämmung aus Naturstoffen und sogar mit Fußbodenheizung und begehbarem Dach samt Dachbeet auf dem Hof stehen. Hepperles Tiny-Häuser werden nicht auf einem eigenen Gestell zu ihrem Standort gefahren, sondern per Tieflader transportiert – und dann auf Stützen abgestellt. „Da wird kein Boden versiegelt“, begründet Letzteres Peter Hepperle, der sich ein gewisses Entgegenkommen der Behörden für diese Form des Bauens wünscht.

Vereinfachtes Bauverfahren, aber klare Vorgaben


Große Hoffnung kann Andrea Wangner, die Sprecherin des Landkreises Esslingen, in diesem Punkt aber nicht machen. Zwar sei es denkbar, für ein Tiny-Haus ein vereinfachtes Bauverfahren durchzuführen. Dabei trage der Antragsteller die Verantwortung dafür, dass die von der Baurechtsbehörde nicht überprüften Vorschriften – etwa zum Brandschutz – eingehalten würden.

Ungeachtet dessen seien Tiny-Haus-Besitzer genauso wie die Bauherren eines Einfamilienhauses an die Vorgaben des Baugesetzbuches, der Landesbauordnung, örtliche Bauvorschriften sowie Vorgaben des Bebauungsplans zur maximalen Gebäudehöhe, Geschosszahl und Dachform gebunden. Soll die Tiny-House-Idee tatsächlich eine Zukunft haben, müssen – wie in Schorndorf – die Städte also von sich aus aktiv werden.
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