Frühstück in Asien

Glucksend Wasser rinnt
Leichtfüßig ist Anmut da
Lächelt in den Tag

Felix
Ach, ihr seligen Haiku-isten!

Gehe ich mit einem Haiku schwanger, finde ich mich im Supermarkt wieder, suche nach diesem einen gewissen Ausdruck und entdecke doch nur Käse.

Haikus sind gefährlich. Lese ich ein solch gelungenes Gebilde, macht es mich glauben, auch ich könne so schreiben. Und finde dann keine Ruhe mehr. Das ganze Leben erscheint mir schließlich als unvollendetes Haiku.

Gestern. Spät abends mache ich mich für die Bettruhe fertig. Der Zahnpastaschaum gebiert kleine Blubberbläschen in 5-7-5-Silbentakt. Mein Mann merkt 's nicht, wie eines dieser Bläschen auf seiner Wange landet und vergeht. Doch dieses reichte aus, er war infiziert. Eine halbe Stunde lang ließen wir uns von unbrauchbaren Haiku-Ideen quälen, sanken vollautomatisch getrieben zugleich ins Bett, und die Ideen wollten und wollten kein Ende nehmen.

Ich schaltete das Licht von Gelb zu Grün, von Blau zu Orange, bald sah ich Rot, stieß meine Decke mit beiden Füßen fort und rief: "Zum Teufel, lass uns endlich schlafen!"

Doch mein Mann hatte genau da die Idee: Hasenköttel als Sinnbild der Natur. Hasenköttel, die müssten doch in sieben Silben symbolträchtig unterzubringen sein?! Ihm war es ernst. Ich zog die Decke wieder hoch, bis über den Kopf, um mein Gackern zu ersticken, strampelte mit den Beinen und forderte theatralisch: Lass uns endlich schlafen!

Er: "Einsamer Hase
Flieht vor dem Schnee ..."

"Meinst Du mich mit dem Schnee, mein Häschen?" Ich zog eine Flunsch und brummelte: "Da fliehe ich direkt in den Schlaf!" und drehte ihm damit schwungvoll mein Gesäß zu. Unter der Decke! Drehte meinen Kopf jedoch gleich wieder zurück, weil ich mich fragte, und ihn dazu: "Sollen die Hasenköttel den Schnee wegtauen? -- Ach, hör doch auf, ich muss jetzt schlafen!"

Er: "Ich muss ja auch früh raus. Gute Nacht, mein Lieb'"

"Naaacht."

Licht aus, Ruhe. Ich begann wegzusacken, schaute den Phänomenen des Einschlafens zu. Immer wieder neue, mehr und mehr verblassende Muster gebierte das Dunkel, lullten mich ein. Mein Körper sank tief, stieg zugleich auf und fast ...

Eine plötzliche, unerwartet schwungvolle Bewegung an meiner Seite, die Matratze schwingt mich hoch, während mein Mann offenbar auf beiden Füßen gleichzeitig neben dem Bett landet. Grelles Licht flutet den Raum, der Aufgesprungene greift den Füller, sein Gesicht leuchtet: "Ich hab 's, das Haiku!"

"Och nee hier, ich war fast eingeschlafen. Ich will kein Haiku, dann kann ich nicht einschlafen.

"Einsamer Hase,
flieht vor dem Schnee."

"Das sind immer noch nur vier Silben."

"Hör doch zu!! Einsamer Hase. Flieht vor dem Schnee. Dunkles Feld."

"Sind immer noch vier Silben."

"Dunkles Feld! Macht sieben."

"Ach so? Wäre das aber nicht die letzte Zeile?"

"Da ist ja ein Punkt. In der zweiten Zeile. Nun stör mich doch nicht dauernd! Ich vergesse sonst noch alles."

"Morgen erzählst du mir, okay?!"

"Mhm...."

Ich schließe die Augen. Das Licht geht aus.

Eben gerade kommt eine Mail von meinem Mann. Betreff: Hai Q
Die letzte Zeile seines Haikus:
Mit freundlichen Grüßen
letzte Zeile:
köttelt in Ruhe!
Wolken ziehen grau
Blaue Inseln brechen auf
Leben quillt hervor
Man darf sich ja mal freuen

Schöne Nachricht das
Haikus im Bett ohne Schlaf
Warmes Herz mit Spaß


Felix
"Einsamer Hase
flieht vor dem Schnee. Schwarzes Feld! "
Köttelt in Ruhe.

Das - meine ich - ist ein Haiku, denn im Schnee hätte er sich vielleicht den Hintern verkühlt!
Milafranzi schrieb:
Einsamer Hase
flieht vor dem Schnee. Schwarzes Feld!
Köttelt in Ruhe.

Das - meine ich - ist ein Haiku, denn im Schnee hätte er sich vielleicht den Hintern verkühlt!


Liebe Mila, das ist wunderbar; vor allem spüre ich eine angenehme Betroffenheit ... Ich war gedanklich so bei der Gestaltung des Haikus, dass mir der unterkühlte Pobbes des Hasen nicht mal in den Sinn gekommen wäre. Wenn es arschkalt ist, kann man nicht in Ruhe kötteln - wie wahr.

Womit ich jetzt auch die Kurve zu meinem Haiku kriege, an dem ich noch brüte. Es ist den Außentemperaturen zuzuschreiben, dass es noch nicht ausgebrütet ist. Inzwischen fliegen hier Zettel mit den verworfenen Versionen eines einzigen Haikus herum - eine jede ist zu ungehobelt, zu banal, viel zu derb und direkt. Und durch Dich auf die Idee gebracht, überlege ich nun, diese Zettel auf den warmen Heizkörpern zu verteilen (echt, ja!). Das Haiku steht ja schon im Kopf. Ich spüre es direkt in seiner zerbrechlichen Schönheit heranreifen. Leider liegt es noch nicht mal auf der Zunge ... Ich hoffe, ihr könnt euch noch an mich erinnern, wenn ich dann endlich mit dem Haiku wiederkomme. *schlorz* // wischt sich ergriffen die feuchten Augenwinkel//

Allen einen vergnügten Tag! :D
@Lavea_Najala

Januarkälte
durchdringt jedes Leben:
nur noch Erstarrung !

Liebe Grüße, Mila
Lavea_Najala hat geschrieben:

Milafranzi schrieb:
Einsamer Hase
flieht vor dem Schnee. Schwarzes Feld!
Köttelt in Ruhe.

Das - meine ich - ist ein Haiku, denn im Schnee hätte er sich vielleicht den Hintern verkühlt!


Liebe Mila, das ist wunderbar; vor allem spüre ich eine angenehme Betroffenheit ... Ich war gedanklich so bei der Gestaltung des Haikus, dass mir der unterkühlte Pobbes des Hasen nicht mal in den Sinn gekommen wäre. Wenn es arschkalt ist, kann man nicht in Ruhe kötteln - wie wahr.

Womit ich jetzt auch die Kurve zu meinem Haiku kriege, an dem ich noch brüte. Es ist den Außentemperaturen zuzuschreiben, dass es noch nicht ausgebrütet ist. Inzwischen fliegen hier Zettel mit den verworfenen Versionen eines einzigen Haikus herum - eine jede ist zu ungehobelt, zu banal, viel zu derb und direkt. Und durch Dich auf die Idee gebracht, überlege ich nun, diese Zettel auf den warmen Heizkörpern zu verteilen (echt, ja!). Das Haiku steht ja schon im Kopf. Ich spüre es direkt in seiner zerbrechlichen Schönheit heranreifen. Leider liegt es noch nicht mal auf der Zunge ... Ich hoffe, ihr könnt euch noch an mich erinnern, wenn ich dann endlich mit dem Haiku wiederkomme. *schlorz* // wischt sich ergriffen die feuchten Augenwinkel//

Allen einen vergnügten Tag! :D


Liebe Lavea, das war wirklich vergnüglich zu lesen, danke! :D
Auch Dir einen schönen Tag.
LG, V.


Ja, Verdandi,
ich hoffe es entwickelt sich das Gefühl für den zweiten Schritt der Meditation: Gedanken lenken. Damit das auch in Achtsamkeit geschieht, dafür muss penibel gezählt werden. Vertreiber der dummen Gedanken aus dem engen Bewusstsein.. Sagten wir doch, das ist wie Fahrradfahren lernen. Und wenn wir das können, ja dann: Freiheit!
Du wirst schon sehen, dann sprießen die Blumen in heiterer Gelassenheit.
Es führt kein Weg vorbei, Übung macht Meister. Der Weg ist hart.
Die traditionellen Haiku-Dichter hatten keinen Bezug zur Meditation. Wir haben es ihnen einfach geklaut.
Grüße

Felix
Verdandi schrieb:
Liebe Lavea, das war wirklich vergnüglich zu lesen, danke! :D
Auch Dir einen schönen Tag.
LG, V.


Danke, liebe Verdandi! Mein Gesicht strahlt jetzt mit Deinem Smiley um die Wette. :D
Und nicht nur das ... warte mal eben ... :idea:


Milafranzi schrieb:
Januarkälte
durchdringt jedes Leben:
nur noch Erstarrung !


Brrhhh, schlotter ... Wärme muss her ....

Whoohoo, wir drei, ein Team =>> Spontangeburt eines Haikus:

Leuchten im Gesicht
Ein Feuer - funkenstiebend
Lichtung in der Nacht
Lichtstrahl?
Milafranzi hat geschrieben: Lichtstrahl?

Du meinst, anstelle von "Lichtung"? Die Idee ist gut, dadurch entsteht ein interessantes Bild. Die Dynamik ist zielgerichtet oder auch als suchend vorstellbar.
Als ich das laut gelesen habe, ist mir etwas aufgefallen. Vermutlich liegt es am "t-str", dass "Lichtstrahl etwas sperrig über die Zunge geht. Dadurch entsteht der Eindruck, als habe "Lichtstrahl in der Nacht" eher so fünfeinhalb Silben.

Was mir übrigens an "Lichtung" gut gefällt, ist die mögliche Doppeldeutigkeit. Eine Lichtung im Wald .... etwas lichtet sich im Schein des Feuers, ein heller und warmer Ort im dunklen Wald. Zudem mag ich beim Aussprechen den kleinen Schwung vom "u", das mich irgendwie leichtzüngiger über das "i" zum "a" der "Nacht" trägt.


Lieber Felix, wie siehst Du das: Ein Haiku, das während dieser Art der Meditation entspricht, muss doch auch gar nicht besonderen Ansprüchen genügen, oder? Schließlich ist ja nicht jeder talentiert. :oops: Ebenso kann ich die 5-7-5 Regel auch etwas abwandeln, wenn ich damit besser zurechtkomme. Entscheidend ist eine entsprechend einschränkende Regel, richtig?
Liebe Lavea_Najala,
ganz eindeutig ist für mich "Lichtung" im übertragenen Sinne schöner.
Meine Assoziation: Es entwickelt sich etwas Schönes, Lichtes, Leichtes. Hoffnungsschimmer in der Nacht..
Lichtstrahl ist natürlich auch nicht schlecht. Für meine ausgelöste Stimmung empfinde ich es als zu zielgerichtet, zu bestimmend. Es fehlt mir die schwebende Zukunftshoffnung.

Haiku hat für die Meditation zwei "Arbeiten" zu verrichten. Dafür haben wir es "geklaut":
Zählen, wie Atemzüge zählen, strenge Regel. Nur so bleibt die Aufmerksamkeit und damit Konzentration auf den Zählvorgang und der Spiegel der Achtsamkeit bleibt sauber. Können wir Fahrradfahren, hat sich das Bewusstsein daran gewöhnt und der Spiegel bleibt automatisch sauber, ja dann!

Gedanken, Haiku tritt hier stellvertretend für das spätere Gedankenspiel im Bewusstsein auf. Dort ist unsere Welt, ist unsere Wirklichkeit. Jetzt bestimmen wir. Wir lösen "entspannt" die täglichen Konflikte, sortieren Ängste, Ärger und Freude. Das Affengeschrei der Buddhisten ist nur noch - wenn überhaupt - von Ferne im Urwald hörbar.


Grüße

Felix
Wenn ich es mir recht überlege, finde ich "Lichtung" auch besser:
Eine Gruppe von Menschen sitzt in der Nacht in einer Lichtung.
Ein Feuer brennt und erleuchtet die Gesichter.
Die Funken stieben.

Ein schönes Bild!
cron