UND DAS IN UNSERER FAMILIE - TEIL IV

Nun kam der Tag, an dem ich eine Rolle in der Komödie „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare angeboten bekam. Ich sollte die Rolle des Demetrio spielen und Livia die Rolle der Elena. Elena liebte Demetrio und sehnte sich nach ihm, während sein Herz nur Ermia gehörte, die ihrerseits einen anderen Mann,Lisandro ,liebte.

Also so wie im richtigen Leben dachte ich!!
Es würde oft geküsst in diesem Stück, und gegen Ende der Komödie sollte ich meine Partnerin Livia küssen. Bevor diese Szene geprobt wurde, griff ich in die Tasche, holte die Zahnbürste heraus und gab sie ihr ohne weiteren Kommentar.
Der Regisseur stöhnte, denn so etwas hatte er in seiner Laufbahn noch nicht gesehen, „Beeilt euch“, murmelte er, „für so einen Quatsch haben wir keine Zeit!“
Livia reagierte zuerst beleidigt, riss sich aber dann zusammen- und ich muss sagen. ihr Kuss schmeckte wunderbar, er schmeckte nach Chlorophyll. So muss es sein.
Trotz dieser Vorkommnisse spürte ich, wie sie sich mir immer mehr zuwandte. Aus der Art, wie sie meine Hände nahm, mich anschaute und mit mir redete, konnte man viel erraten, und aus ihrer Miene nach dem einen oder anderen dummen Spruch von mir konnte man ihre große Enttäuschung ablesen. Natürlich lehnte ich private Einladungen von ihr ab, bis sie eines Tages mit ihrem Vater zu Probeaufnahmen erschien.
Ich weiß es nicht, ob Sie mal diesen Unterschied gemerkt haben.
Ein Mädchen, allein auf der Straße spazieren gehen zu sehen, ist eine Sache, aber ein Mädchen, das Arm in Arm mit ihrem Vater marschiert, macht einen großen Unterschied.
Sie scheint schöner, reifer, ernster, seriöser, verführerischer zu sein.
„Wieso kennst u ihn nicht?“, fragte mich Mangiacane. „Er ist „Mister Rom“ und jeder hier kennt ihn. Er ist in Rom ein lebendiges Denkmal. Jede Stadt hat so etwas. Hin und wieder sponsert er unser Theater. Früher war er Filmschauspieler, bis er einen schweren Unfall hatte, besser gesagt einen Kollaps psychischer Art. Aber dadurch hat er Glück gehabt, seitdem hat er sich aus dem Theater zurückgezogen und ein Textilhaus erworben. Er führt den Laden zusammen mit seiner Frau. Livia ist die einzige Tochter.“
„Aber wie ist er angezogen?“, fragte ich. „Du meinst die Farben?“ „ Ja.“ Er läuft immer so herum, er ist extrovertiert und braucht vielleicht Anerkennung, mag sein, dass er sich deshalb so kleidet: Anzüge, halb blau, halb beige, Hemden halb blau, halb beige; Schuhe- einer blau, der andere beige, Krawatte halb blau und halb beige. Es können auch andere Farben sein. Sieht man ihn von der Seite , hat man den Eindruck, dass er einfarbige Kleidung trüge. Bei allen Anzügen handelt es sich um Sonderanfertigungen“.

Manchmal im Sommer, ließ Mister Rom sich in einer Kutsche durch die Stadt chauffieren. Auch sein Chauffeur musste sich kleiden wie er, und die beiden Pferde, die die Kutsche zogen, auch sie bekamen Satteldecken auf den Rücken, eine in Blau, eine in beige oder in anderen Farben.
Außerdem, fuhr Mangiacane fort, habe er gute Beziehungen zu Theaterregisseuren, Bühnendarstellern und Theaterdirektoren, denn er liefere oft die Stoffe für die Bühnengestaltung. Meiner Meinung nach muss man von Glück reden, dass er nicht Schauspieler geblieben ist.

Nun, meine ordentliche kleine Vorstellungswelt begann zu bröckeln, und ich wandte meine Augen Livia zu, die mich wie immer anschaute und mir jetzt zurief: “Enzo, Enzo komm her. Ich möchte dich meinem Vater vorstellen. „Buon Giorno junger Mann, Livia hat seit Monaten viel von Ihnen zu Hause erzählt. Im Übrigen bewundere ich Sie – Sie sind ein guter Schauspieler. Aber Livia erzählte mir, Sie haben Diplombuchhalter gelernt. Ich könnte Sie gut in meinem Geschäft gebrauchen, es ist so schwer, heutzutage eine „Vertrauensperson“ zu finden, wenn man nicht aufpasst, wird man nach Strich und Faden betrogen. Also Arrivederci e buona Fortuna“. „Arrivederci“, sagte ich und blieb wie angewurzelt stehen.

Es vergingen drei Jahre. Dr. Natale Altobello verstarb zu meinem Bedauern nach einem Herzinfarkt, das Studium an der Akademie ging zu Ende, und ich war immer noch auf der Suche nach dem Durchbruch. Die Freundschaft mit Livia bestand weiter, doch sie beruhte auf Kameradschaft und nicht mehr. Manchmal- wenn ich mein Herz ausschütten wollte – rief ich sie an, dann wieder ließ ich monatelang nichts von mir hören.

„Komm wenigsten am 25. November zu meinem Geburtstag“, sagte sie, „wir machen eine kleine Familienfeier und dein Freund Mangiacane ist auch dabei.“ Ich versicherte ihr, dass ich sehen würde, was ich machen könnte und vergaß die ganze Sache.

Eines Tages erreichte mich der Anruf eines bekannten Theaterregisseurs, der einen Hauptdarsteller suchte. Und zwar für die klassische Komödie von Billy Wilder „Manche mögen’s heiß“.
Ich stürzte zum Theater Vittoria an der Piazza Santa Maria Liberatrice.
Der Regisseur wartete auf mich. „Da sind Sie ja. Wir wollen gleich heute Abend mit der Proben anfangen. Sie wurden mir von Mister Roma empfohlen. Bestimmt haben Sie das Drehbuch gelesen oder den Film gesehen. Wir suchen jemanden, der die Rolle von Jerry übernimmt,“- „Sie meinen den, der als Frau verkleidet den Milliardär Osgood verführt, ihn heiraten und seinen Reichtum mit ihm teilen will?“ „ Genau den, ich sehe, Sie kennen das Stück“. Die Rolle gefiel mir nicht so besonders, denn ich musste mit einem hässlichen alten Mann flirten. „Und die Rolle von Joe“, fragte ich, „ist die schon besetzt?“ (Joe war derjenige, der Sugar-„eine Blonde wie Marilyn-verführte).
„Hören Sie, haben Sie nun Interesse oder nicht?“ erwiderte der Regisseur. „Gewiß, gewiß“ versicherte ich und dachte, dass sich solch eine Chance bestimmt nicht wiederholen würde.
Die Proben dauerten von September bis Mitte November und die letzte Probe kam immer näher. Der Regisseur bestand darauf, Osgood musste mich am Ende küssen.

„Verstehst du nicht, Osgood, ich bin ein Mann!“ sagte ich. Aus dem Parterre drang das Gelächter einiger Kollegen, die sich königlich amüsierten. “Ich bin ein Mann“ und Osgood: „Niemand ist perfekt“ – dann stürzte er auf mich los, setzte seinen Mund auf meinen und gab mir einen heftigen Kuss. Ich wehrte mich und versuchte, mich zu befreien, doch er drückte mich an sich und ich spürte seinen unangenehmen Mundgeruch. Er kam mir so nahe, bis ich seine Zahnprothese auf meinen Lippen hatte. Dann nahte das Ende. Ich gab ihm einen Stoß, der so stark war, dass er von der Bühne in den Zuschauerraum flog und ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Mit den Worten „Raus hier, raus Verbrecher, lass dich nie mehr hier sehen!“, warf mich der Regisseur hinaus.

Ich befand mich auf der Straße, mein Mantel blieb im Theater, es war Winter, sehr kalt und es regnete stark. Ganz und gar durchnässt lief ich die Via Marmorata hinunter bis zur Sublicio-Brücke. Dort stützte ich mich auf die Brüstung und schaute auf die Stromschnellen des Tibers.

Das Regenwasser durchdrang meine Kleider und lief in die Schuhe hinein. Ich wollte absichtlich keinen Schutz suchen, ich wollte mit diesem schrecklichen Wetter, das meinem seelischen Zustand entsprach, allein sein. Meiner Jackentasche entnahm ich meinen Schauspielerausweis und warf ihn in den Tiber. Dann erinnerte ich mich, dass heute der 25.November war und Livia Geburtstag hatte.

Ich ging den Lungotevere entlang bis zur Piazza Renzi, wo Livias Wohnung war.
Sie empfing mich wie eine Mutter, deren Sohn aus dem Krieg zurückkommt. Sie ließ mich in ihr Badezimmer gehen, wo ich meine nassen Kleider ablegte. Livia gab mir eine trockene Hose und einen Pullover von ihrem Vater. Zweifarbig gekleidet, halb in Ocker und halb in Schwarz, betrachtete ich mich im Spiegel und erkannte in mir den Clown der „Commedia Veneziana“. Ein Traum war zerronnen. Schauspieler zu sein, war so weit entfernt wie der Mond.

Ich begab mich zum Wohnzimmer, aber schon im Korridor hörte ich die Stimme von Mangiacane, der wieder einen seiner Witze erzählte. Ich betrat das Wohnzimmer, wo alle lachten. Bei meinem Eintreten wurde es plötzlich still. Der Vater kam mir entgegen und versuchte mich zu trösten, die Mutter hörte nicht auf zu sagen, dass ich dieses oder jenes trinken sollte, um mich nicht zu erkälten. Livia stand still in einer Ecke und hatte plötzlich Tränen in den Augen. Auch Mangiacane war ernst und still, ich kannte ihn nicht so, es war eine gefährliche Ruhe.

Später wurde gegessen, getrunken, gelacht und wieder getrunken: Wein und Grappa, Grappa und Wein, solange bis Mangiacane es nicht mehr aushalten konnte und loslegte: „Hast du nicht gesehen Enzo, dass Osgood sogar ein Toupet trug und ein Glasauge hatte? Er braucht eine komplette Werkstatt, um sich abends abzubauen, bevor er mit seinem Freund ins Bett geht“. – „Freund?“ fragte ich erstaunt. Inzwischen war mir jedoch alles egal, denn ich war betrunken.
Wir übernachteten dort, und am nächsten Morgen kam Mangiacane in mein Zimmer, um mir zu gratulieren.
„Warum?“ fragte ich, mit einem Kopf wie ein Ballon und einer Hitzewelle im ganzen Körper vom Wodka.

„Wie, kannst du dich nicht erinnern? Du hast dich gestern Abend mit Livia offiziell verlobt!“ „Ich?“ Ja du, und das ist nicht alles. Du hast sogar das Angebot ihres Vaters angenommen. Herzlichen Glückwunsch, Herr Buchhalter!“
20 Jahre sind seit damals vergangen. Mein Schwiegervater ist inzwischen verstorben, und ich bin sozusagen der Geschäftsführer und auch Eigentümer des Unternehmens. Alle Theater in Rom und in der Umgebung werden mit meinen Dekostoffen beliefert. Mein Herz schlägt aber immer noch für die Bühne. Deshalb unterstütze ich finanziell eine Privatschule, die Schauspieler ausbildet.
Livia und ich verstehen uns sehr gut, wir haben einen Sohn, Enrico, der unser ganzer Stolz ist. Er ist ein netter Junge und nach seinem Abitur wird er Volkswirtschaft an der römischen Universität studieren.
Unsere Wohnung ist inzwischen Treffpunkt für Studentinnen, die sich für unseren Sohn interessieren. Er flirtet gern, meint meine Frau.
Ich habe große Pläne mit ihm. Er soll mein Geschäft übernehmen und wenn möglich-erweitern.
Doch eines Tages kam er in unser Schlafzimmer. Livia und ich hatten uns in der Mittagszeit eine kleine Pause gegönnt. „Papa“, sagte er, „Ich möchte dir ein Geheimnis verraten: Ich mag mein Studium nicht, es ist mir zu trocken, ich möchte lieber Schauspieler werden.“
Ich hielt für einen Moment den Atem an. „Unerhört!“, schrie ich, während meine Hautfarbe immer blasser wurde, „hast du das gehört?“, wandte ich mich meiner Frau zu, die ganz still und ruhig blieb.
„Und unser Geschäft, mein Geschäft, das ich aufgebaut habe…wer soll es weiterführen?“ Aber Papa, du unterstützt doch junge Schauspieler und zu mir bist du so….“ „ Verstehst du denn nicht, das sind nicht meine Kinder – aber du bist mein einziger Sohn. Gerade mir muss das passieren!“
Livia verließ das Schlafzimmer und ging in den Korridor. Mit schnellen Schritten lief ich im Zimmer auf und ab. Aus meinem Mund war nur ein einziger Satz zu hören: „Und das in unserer Familie!“ Dann plötzlich fiel mir etwas ein: „Livia,Livia“, schrie ich
“unser Junge kann doch küNun kam der Tag, an dem ich eine Rolle in der Komödie „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare angeboten bekam. Ich sollte die Rolle des Demetrio spielen und Livia die Rolle der Elena. Elena liebte Demetrio und sehnte sich nach ihm, während sein Herz nur Ermia gehörte, die ihrerseits einen anderen Mann,Lisandro ,liebte.
Also so wie im richtigen Leben dachte ich!!
Es würde oft geküsst in diesem Stück, und gegen Ende der Komödie sollte ich meine Partnerin Livia küssen. Bevor diese Szene geprobt wurde, griff ich in die Tasche, holte die Zahnbürste heraus und gab sie ihr ohne weiteren Kommentar.
Der Regisseur stöhnte, denn so etwas hatte er in seiner Laufbahn noch nicht gesehen, „Beeilt euch“, murmelte er, „für so einen Quatsch haben wir keine Zeit!“
Livia reagierte zuerst beleidigt, riss sich aber dann zusammen- und ich muss sagen. ihr Kuss schmeckte wunderbar, er schmeckte nach Chlorophyll. So muss es sein.
Trotz dieser Vorkommnisse spürte ich, wie sie sich mir immer mehr zuwandte. Aus der Art, wie sie meine Hände nahm, mich anschaute und mit mir redete, konnte man viel erraten, und aus ihrer Miene nach dem einen oder anderen dummen Spruch von mir konnte man ihre große Enttäuschung ablesen. Natürlich lehnte ich private Einladungen von ihr ab, bis sie eines Tages mit ihrem Vater zu Probeaufnahmen erschien.
Ich weiß es nicht, ob Sie mal diesen Unterschied gemerkt haben.
Ein Mädchen, allein auf der Straße spazieren gehen zu sehen, ist eine Sache, aber ein Mädchen, das Arm in Arm mit ihrem Vater marschiert, macht einen großen Unterschied.
Sie scheint schöner, reifer, ernster, seriöser, verführerischer zu sein.
„Wieso kennst u ihn nicht?“, fragte mich Mangiacane. „Er ist „Mister Rom“ und jeder hier kennt ihn. Er ist in Rom ein lebendiges Denkmal. Jede Stadt hat so etwas. Hin und wieder sponsert er unser Theater. Früher war er Filmschauspieler, bis er einen schweren Unfall hatte, besser gesagt einen Kollaps psychischer Art. Aber dadurch hat er Glück gehabt, seitdem hat er sich aus dem Theater zurückgezogen und ein Textilhaus erworben. Er führt den Laden zusammen mit seiner Frau. Livia ist die einzige Tochter.“
„Aber wie ist er angezogen?“, fragte ich. „Du meinst die Farben?“ „ Ja.“ Er läuft immer so herum, er ist extrovertiert und braucht vielleicht Anerkennung, mag sein, dass er sich deshalb so kleidet: Anzüge, halb blau, halb beige, Hemden halb blau, halb beige; Schuhe- einer blau, der andere beige, Krawatte halb blau und halb beige. Es können auch andere Farben sein. Sieht man ihn von der Seite , hat man den Eindruck, dass er einfarbige Kleidung trüge. Bei allen Anzügen handelt es sich um Sonderanfertigungen“.
Manchmal im Sommer, ließ Mister Rom sich in einer Kutsche durch die Stadt chauffieren. Auch sein Chauffeur musste sich kleiden wie er, und die beiden Pferde, die die Kutsche zogen, auch sie bekamen Satteldecken auf den Rücken, eine in Blau, eine in beige oder in anderen Farben.
Außerdem, fuhr Mangiacane fort, habe er gute Beziehungen zu Theaterregisseuren, Bühnendarstellern und Theaterdirektoren, denn er liefere oft die Stoffe für die Bühnengestaltung. Meiner Meinung nach muss man von Glück reden, dass er nicht Schauspieler geblieben ist.
Nun, meine ordentliche kleine Vorstellungswelt begann zu bröckeln, und ich wandte meine Augen Livia zu, die mich wie immer anschaute und mir jetzt zurief: “Enzo, Enzo komm her. Ich möchte dich meinem Vater vorstellen. „Buon Giorno junger Mann, Livia hat seit Monaten viel von Ihnen zu Hause erzählt. Im Übrigen bewundere ich Sie – Sie sind ein guter Schauspieler. Aber Livia erzählte mir, Sie haben Diplombuchhalter gelernt. Ich könnte Sie gut in meinem Geschäft gebrauchen, es ist so schwer, heutzutage eine „Vertrauensperson“ zu finden, wenn man nicht aufpasst, wird man nach Strich und Faden betrogen. Also Arrivederci e buona Fortuna“. „Arrivederci“, sagte ich und blieb wie angewurzelt stehen.
Es vergingen drei Jahre. Dr. Natale Altobello verstarb zu meinem Bedauern nach einem Herzinfarkt, das Studium an der Akademie ging zu Ende, und ich war immer noch auf der Suche nach dem Durchbruch. Die Freundschaft mit Livia bestand weiter, doch sie beruhte auf Kameradschaft und nicht mehr. Manchmal- wenn ich mein Herz ausschütten wollte – rief ich sie an, dann wieder ließ ich monatelang nichts von mir hören.
„Komm wenigsten am 25. November zu meinem Geburtstag“, sagte sie, „wir machen eine kleine Familienfeier und dein Freund Mangiacane ist auch dabei.“ Ich versicherte ihr, dass ich sehen würde, was ich machen könnte und vergaß die ganze Sache.
Eines Tages erreichte mich der Anruf eines bekannten Theaterregisseurs, der einen Hauptdarsteller suchte. Und zwar für die klassische Komödie von Billy Wilder „Manche mögen’s heiß“.
Ich stürzte zum Theater Vittoria an der Piazza Santa Maria Liberatrice.
Der Regisseur wartete auf mich. „Da sind Sie ja. Wir wollen gleich heute Abend mit der Proben anfangen. Sie wurden mir von Mister Roma empfohlen. Bestimmt haben Sie das Drehbuch gelesen oder den Film gesehen. Wir suchen jemanden, der die Rolle von Jerry übernimmt,“- „Sie meinen den, der als Frau verkleidet den Milliardär Osgood verführt, ihn heiraten und seinen Reichtum mit ihm teilen will?“ „ Genau den, ich sehe, Sie kennen das Stück“. Die Rolle gefiel mir nicht so besonders, denn ich musste mit einem hässlichen alten Mann flirten. „Und die Rolle von Joe“, fragte ich, „ist die schon besetzt?“ (Joe war derjenige, der Sugar-„eine Blonde wie Marilyn-verführte).
„Hören Sie, haben Sie nun Interesse oder nicht?“ erwiderte der Regisseur. „Gewiß, gewiß“ versicherte ich und dachte, dass sich solch eine Chance bestimmt nicht wiederholen würde.
Die Proben dauerten von September bis Mitte November und die letzte Probe kam immer näher. Der Regisseur bestand darauf, Osgood musste mich am Ende küssen.
„Verstehst du nicht, Osgood, ich bin ein Mann!“ sagte ich. Aus dem Parterre drang das Gelächter einiger Kollegen, die sich königlich amüsierten. “Ich bin ein Mann“ und Osgood: „Niemand ist perfekt“ – dann stürzte er auf mich los, setzte seinen Mund auf meinen und gab mir einen heftigen Kuss. Ich wehrte mich und versuchte, mich zu befreien, doch er drückte mich an sich und ich spürte seinen unangenehmen Mundgeruch. Er kam mir so nahe, bis ich seine Zahnprothese auf meinen Lippen hatte. Dann nahte das Ende. Ich gab ihm einen Stoß, der so stark war, dass er von der Bühne in den Zuschauerraum flog und ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Mit den Worten „Raus hier, raus Verbrecher, lass dich nie mehr hier sehen!“, warf mich der Regisseur hinaus.
Ich befand mich auf der Straße, mein Mantel blieb im Theater, es war Winter, sehr kalt und es regnete stark. Ganz und gar durchnässt lief ich die Via Marmorata hinunter bis zur Sublicio-Brücke. Dort stützte ich mich auf die Brüstung und schaute auf die Stromschnellen des Tibers.

Das Regenwasser durchdrang meine Kleider und lief in die Schuhe hinein. Ich wollte absichtlich keinen Schutz suchen, ich wollte mit diesem schrecklichen Wetter, das meinem seelischen Zustand entsprach, allein sein. Meiner Jackentasche entnahm ich meinen Schauspielerausweis und warf ihn in den Tiber. Dann erinnerte ich mich, dass heute der 25.November war und Livia Geburtstag hatte.

Ich ging den Lungotevere entlang bis zur Piazza Renzi, wo Livias Wohnung war.
Sie empfing mich wie eine Mutter, deren Sohn aus dem Krieg zurückkommt. Sie ließ mich in ihr Badezimmer gehen, wo ich meine nassen Kleider ablegte. Livia gab mir eine trockene Hose und einen Pullover von ihrem Vater. Zweifarbig gekleidet, halb in Ocker und halb in Schwarz, betrachtete ich mich im Spiegel und erkannte in mir den Clown der „Commedia Veneziana“. Ein Traum war zerronnen. Schauspieler zu sein, war so weit entfernt wie der Mond.

Ich begab mich zum Wohnzimmer, aber schon im Korridor hörte ich die Stimme von Mangiacane, der wieder einen seiner Witze erzählte. Ich betrat das Wohnzimmer, wo alle lachten. Bei meinem Eintreten wurde es plötzlich still. Der Vater kam mir entgegen und versuchte mich zu trösten, die Mutter hörte nicht auf zu sagen, dass ich dieses oder jenes trinken sollte, um mich nicht zu erkälten. Livia stand still in einer Ecke und hatte plötzlich Tränen in den Augen. Auch Mangiacane war ernst und still, ich kannte ihn nicht so, es war eine gefährliche Ruhe.

Später wurde gegessen, getrunken, gelacht und wieder getrunken: Wein und Grappa, Grappa und Wein, solange bis Mangiacane es nicht mehr aushalten konnte und loslegte: „Hast du nicht gesehen Enzo, dass Osgood sogar ein Toupet trug und ein Glasauge hatte? Er braucht eine komplette Werkstatt, um sich abends abzubauen, bevor er mit seinem Freund ins Bett geht“. – „Freund?“ fragte ich erstaunt. Inzwischen war mir jedoch alles egal, denn ich war betrunken.
Wir übernachteten dort, und am nächsten Morgen kam Mangiacane in mein Zimmer, um mir zu gratulieren.
„Warum?“ fragte ich, mit einem Kopf wie ein Ballon und einer Hitzewelle im ganzen Körper vom Wodka.

„Wie, kannst du dich nicht erinnern? Du hast dich gestern Abend mit Livia offiziell verlobt!“ „Ich?“ Ja du, und das ist nicht alles. Du hast sogar das Angebot ihres Vaters angenommen. Herzlichen Glückwunsch, Herr Buchhalter!“
20 Jahre sind seit damals vergangen. Mein Schwiegervater ist inzwischen verstorben, und ich bin sozusagen der Geschäftsführer und auch Eigentümer des Unternehmens. Alle Theater in Rom und in der Umgebung werden mit meinen Dekostoffen beliefert. Mein Herz schlägt aber immer noch für die Bühne. Deshalb unterstütze ich finanziell eine Privatschule, die Schauspieler ausbildet.
Livia und ich verstehen uns sehr gut, wir haben einen Sohn, Enrico, der unser ganzer Stolz ist. Er ist ein netter Junge und nach seinem Abitur wird er Volkswirtschaft an der römischen Universität studieren.
Unsere Wohnung ist inzwischen Treffpunkt für Studentinnen, die sich für unseren Sohn interessieren. Er flirtet gern, meint meine Frau.
Ich habe große Pläne mit ihm. Er soll mein Geschäft übernehmen und wenn möglich-erweitern.
Doch eines Tages kam er in unser Schlafzimmer. Livia und ich hatten uns in der Mittagszeit eine kleine Pause gegönnt. „Papa“, sagte er, „Ich möchte dir ein Geheimnis verraten: Ich mag mein Studium nicht, es ist mir zu trocken, ich möchte lieber Schauspieler werden.“
Ich hielt für einen Moment den Atem an. „Unerhört!“, schrie ich, während meine Hautfarbe immer blasser wurde, „hast du das gehört?“, wandte ich mich meiner Frau zu, die ganz still und ruhig blieb.
„Und unser Geschäft, mein Geschäft, das ich aufgebaut habe…wer soll es weiterführen?“ Aber Papa, du unterstützt doch junge Schauspieler und zu mir bist du so….“ „ Verstehst du denn nicht, das sind nicht meine Kinder – aber du bist mein einziger Sohn. Gerade mir muss das passieren!“

Livia verließ das Schlafzimmer und ging in den Korridor. Mit schnellen Schritten lief ich im Zimmer auf und ab. Aus meinem Mund war nur ein einziger Satz zu hören: „Und das in unserer Familie!“ Dann plötzlich fiel mir etwas ein: „Livia,Livia“, schrie ich
“Unser Junge kann doch küssen?“
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