WirGehenWeiter3 (WGW3) | Start

13:45 Uhr | Dann mal los!
Ein angenehm stressiger Vormittag liegt hinter mir. Der Rucksack ist geschultert, ein High Five mit meiner Tochter, dann fällt die Haustür hinter mir ins Schloss. Ich starte die Aufzeichnung/ Navigation und stelle die App stumm, den ersten Teil der Strecke kenne ich. Vormittags hatte es geregnet. Ein prüfender Blick zum Himmel … vielleicht es bleibt noch eine Weile trocken. Schon liegt die erste Hausecke hinter mir.

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Das Startbändchen hatte ich kurz vor dem Aufbruch eher gedankenlos übergestreift und festgezogen. Erst dann fiel mir ein, dass es sich nur noch mit der Schere wieder öffnen lässt. Na, dann soll es wohl so sein, ich werde es über die Strecke tragen. Immerhin ein Erkennungszeichen, falls mir - wider Erwarten - ein Megamarscher begegnen sollte.

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Es ist so, als würde ich zu einer der üblichen Walkingrunden aufbrechen. Ohne das Drumherum der Veranstaltung erscheint das ganze Vorhaben ziemlich unwirklich. Etwas mehr Respekt vor der Strecke müsste ich doch empfinden? Doch empfinde ich vor allem eines: eine seltsame Unbeschwertheit. Vielleicht weil ich mich im Vorfeld an allen Sorgen und Bedenken wiederholt abgearbeitet hatte. Bedenken wegen der Stunden in der Dunkelheit; wegen meiner Unentschlossenheit, ob es in der freien Natur oder in der Stadt sicherer wäre. Und sowieso, was nicht alles eintreten könnte! Manchmal, ganz für mich allein, flossen schon mal dumme Sekundentränen, weil ich meinen “Mut” nicht wollte. Weil dieser mich Dinge unternehmen lässt, die mir manch Kummer bereiten, den ich sonst gar nicht hätte. Kann ich mir eigentlich trauen? Und jetzt, alles Dunkle ist verflogen.

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5 km | Hessischer Radfernweg R4

Eine rund vier Kilometer lange Schneise … gefühlt endlos in ihrer Gleichförmigkeit. Ich wählte bei der Planung bewusst diesen Abschnitt. Er würde mir Zeit geben, mich innerlich zu sortieren, genau zu spüren, wie meine körperliche Verfassung ist. Wie ich meine Kräfte einteilen soll, welche Strategie heute passen könnte. Mein ursprünglicher Vorsatz war, mit relativ hohem Tempo zu starten, um dadurch Zeit für eine längere Pause zu gewinnen. Hm, darauf habe ich jetzt keine Lust, sondern “weiß” plötzlich, dass es besser ist, über die ersten 50 km ein etwa gleiches Tempo zu halten. Genau, gutgehen lassen, das ist doch die Devise! Es leicht nehmen.

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11 km | Bank zum gemütlichen Telefonieren – Schlossallee Heusenstamm

An diesem trüben Tag übt der bunt umgarnte Baum ein starke Anziehungskraft auf mich aus. Fehlte nur noch, dass ich ihn umarme. Einige Schildchen hängen dran, von Schulanfängern beschriftet. Gute Wünsche für die Gesundheit. Ich setze mich auf die Bank, um kurz zu telefonieren. Nicht lange, denn der Tatendrang bringt mich gleich wieder auf die Beine.

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Schon wieder ein verlorener Hut! Normalerweise liegen doch immer nur einzelne Handschuhe am Wegrand. Auf den nächsten Metern fällt mir ein, dass ich über all den kleinteiligen Erledigungen das eigentliche Frühstück vergessen habe, nur einen Snack hatte ich nebenbei “zugeführt”. Das war ziemlich dumm. Na ja, was soll ‘s, unterwegs kann ich ja noch etwas kaufen. Es widerstrebt mir dennoch, gleich meinen Proviant anzugreifen und Hunger habe ich auch nicht, doch ehe meinen Beinen zu früh die Kraft versiegt, verdrücke ich lieber eine Hälfte der Laugenstange. Schwupps, weg isse.

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14 km | Das Uhrtürmchen im Hainbachtal

Uhrenvergleich. Die große Uhr geht richtig. Seit zweieinhalb Stunden unterwegs. Die Zeit ist wie im Nu vergangen. Was es wohl mit dieser großen Uhr an dieser Stelle auf sich hat? Morgen mal recherchieren.

Das habe ich inzwischen getan und herausgefunden: Das Uhrtürmchen war ursprünglich die Turmspitze der Mathildenschule, die im Jahr 1976 abgerissen werden musste. Die Turmspitze wurde vor dem Abbruch gerettet und steht seitdem für sich allein vor dem Gebäude der Arbeiterwohlfahrt im Hainbachtal (Offenbach).
Mehr dazu, auch Aufnahmen alter Postkarten, die die Mathildenschule zeigen:
Wem die Stunde schlägt

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15 km | Der Weg am Hainbach

Während ich das Uhrtürmchen hinter mir lasse, aktiviere ich die Sprachnavigation, erreiche bald den Hainbach, und folge dem Weg an seiner linken Seite. So ein angenehmer Untergrund, wohlig-weich und gut zu meinen Füßen. So ruhig die Umgebung, wie wenn die Zeit spurlos vergeht.

Gerade als ich mich so richtig über diesen idyllischen Weg freue, meldet die Navi-App: „Sie haben die Tour verlassen, bitte schauen Sie auf die Karte.“

Nein!! Das darf ja wohl nicht wahr sein. Was bin ich für ein Traumtänzer. Also wieder zurück. Schöner Weg, ja ja.

Der GPS-Empfang ist wegen der Wolken und Bäume nicht on point. Dazu gibt es mehr Wege und Pfade als auf der Karte eingezeichnet sind. Alles sieht gleich aus. Das zögerliche Gehen kostet Zeit. Die App zeichnet meinen Weg auf, und zwar einen auf der Karte nicht vorhandenen Weg, der aber immerhin eine Annäherung zur geplanten Route andeutet. DIe Richtung stimmt, was will ich mehr.

Endlich der Hinweis: „Sie sind zurück auf der Tour, die Navigation wird fortgesetzt.“ Forschen Schrittes geht es wieder besser voran.

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18 km | Frankfurter Stadtwald, nordöstlich des Geiswaldkreisels

STABIL passt, so fühle ich mich wirklich
Hier kreuzen sich einige Wege. Etwas links, ganz links, wie sehr links denn nun? Die Ohren helfen weiter, denn der rauschende Verkehr von der Sprendlinger Landstraße klingt anders als das Rauschen von der etwas ferneren Autobahn. Interessant, dass ich mich erst bewusst auf das Hören zur Orientierung besinnen musste. In der Dunkelheit sind das Hören und Riechen so viel mehr im Vordergrund.

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20 km | Der Maunzenweiher im Frankfurter Stadtwald


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Die Katze auf dem Schild ist wohl ein Hinweis, dass ich mit meiner Vermutung richtig liege, und der Name des Weihers mit dem Mauzen einer Katze zusammenhängen könnte. Ich sage “Mauzen”, heißt es vielleicht richtig “Maunzen”?
Inzwischen habe ich nachgelesen: In diesem Waldgebiet sollen früher einmal Wildkatzen heimisch gewesen sein.

Herrlich ruhig ist es rund um den See. Ein Stückchen weiter, mehr im Grün, steht eine Bank. Pause! Schuhe aus, Beine hochlegen und strecken und dehnen. Die zweite Hälfte der Laugenstange verputzen. Nach zehn Minuten hält mich nichts mehr. Weiter geht ‘s! -- Wie oft ich das im Stillen denke, ohne dass es seine Schubkraft verlieren würde.

Fortsetzung folgt ...
Oups, eines hatte ich vergessen … Hiermit reiche eine Karte zur Tour nach:

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WirGehenWeiter3 | 20 - 35 km

Maunzenweiher bis Fahrradzählstelle Offenbach
Punkt 1 bis Punkt 5 (weiße Zahlen auf schwarzem Grund)

Der Maunzenweiher liegt keine fünfhundert Meter zurück, da stellt sich mir ein Jagdhund in den Weg. Als ich mich auf etwa 15 m angenähert habe, springt er aufgebracht senkrecht in die Höhe, dann wie wild die ganze Wegbreite hin und her und hin und her, wie ein Tiger im Käfig. Er fletscht die Zähne, knurrt drohend und bellt im Wechsel. Ich bleibe stehen, der Hund beruhigt sich. Kaum wage ich den nächsten Schritt, verteidigt er erneut „sein“ Revier. Mich wundert, dass der Hundehalter noch nicht ruft. Je näher ich komme, um so mehr bringt es den Hund auf. Mist, das könnte vielleicht Probleme geben. Ich rufe laut ins Blaue, nein ins Grüne: „Hallo, bitte rufen Sie ihren Hund zurück!“ Nichts … Na sowas. Noch ein Versuch: „Haaaallo!“ … nichts.

Plötzlich kommt ein zweiter Jagdhund angeschossen. Der erste Hund wirkt kurz unentschlossen, stiebt dann wie ein Blitz davon, der zweite hinterher. Cool, dann mal schnell die freie Bahn genutzt. Da das Gebell mal näher und mal ferner ist, gebe ich Gas, um eine erneute Konfrontation zu vermeiden. Vielleicht sind die Hunde jemandem ausgebüxt?

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23 km | Die überdachte Brücke über die Darmstädter Landstraße

Bald 18 Uhr. Die Menschen ziehen sich aus dem Wald zurück, so der Eindruck. Auf den Parkplätzen werden Fahrzeugtüren geöffnet, einem Hund werden die Pfoten abgewischt. Freitagabend, so viele Menschen sind nicht unterwegs.

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25 km | Letzter Hasenpfad | Waldrebe

Am liebsten würde ich mein Gesicht in diese Pflanzenfäden schmiegen. Sonderbares Verlangen.

Ein Blick auf die Karte zeigt, es bleiben noch rund zwei Kilometer bis zum Ziegelhüttenplatz, wo ich etwas Kohlenhydratlastiges kaufen will. Außerdem muss der Wasservorrat aufgefüllt werden. Zwei Kilometer um zu Überlegen, worauf ich Appetit habe.

Gegen 18:30 stehte ich vor einem Bäckertresen. Das Angebot ist reichlich ausgedünnt. Doch in den Supermarkt, vor allem in die Warteschlange vor der Kasse, will ich nicht. Außerdem fühle ich mich, was mein Äußeres angeht, etwas unwohl. Bisschen staubig, die Haare zerzaust, und ach na ja.
Auf nichts habe ich Appetit. Ein einsames Stück Apfelkuchen … hm … okay, das spricht mich an. Ich lasse es einpacken, gehe raus, lege alles auf einer Bank ab, verstaue die Maske in der Bauchtasche und überlege, bis zum Main zu gehen, um dort eine Pause zu machen. Apfelkuchenessen mit Blick auf den Main. Was will ich mehr?

In der Annahme, der Kuchen stecke mitsamt Pappteller in einer Tüte, trage ich diese am zusammengefalteten oberen Ende. An einer roten Ampel wartend, bemerke ich zufällig aus dem Augenwinkel, dass das Kuchenstück unten aus der Tüte rutscht. Es ist gar keine Tüte, sondern nur mit knapp bemessenem Papier umwickelt. Unglaublich, dass das Kuchenstück nicht längst auf den Boden geklatscht ist. Das Papier ist durchweicht. Keine Lust, den Kuchen offen vor mir her zu tragen. Zwischen den parallel verlaufenden Hohlbeinstraßen gibt es einen Grünstreifen und Bänke. So ein Mainblick ist vollkommen überbewertet. Hier ist es auch schön, na ja.

Im Sitzen beginne ich zu frösteln. Der heiße Kaffee fehlt ja auch. Als der Kuchen verspeist ist, mache ich mich gleich wieder auf den Weg.

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ca. 29 km | Rechts im Bild der Holbeinsteg über den Main

18:50 Uhr | Kurz ein warmes Leuchten am Himmel, doch wenige Minuten später ist die Sonne noch vor ihrem Untergang hinter den Wolken verschwunden. Rasch verfinstert es sich, und kurz darauf beginnt es zu regnen. Der Regenhut kommt zum Einsatz.

Es wird jetzt viele Kilometer weit entlang dem Main gehen. Um Akku zu sparen, schalte ich die nicht benötigte Sprachnavigation stumm.

Unter sieben Brücken musst du gehen …
Nein, es sind sogar mehr. Untermainbrücke, Eiserner Steg, Alte Brücke, Ignatz-Bubis-Brücke, Flößerbrücke, Deutschherrnbrücke, Osthafenbrücke, Staustufe Offenbach. Unter einer dieser Brücken haben junge Erwachsene einen kleinen Tisch und Windlichter aufgebaut. Aus Bluetooth-Lautsprechern tönt Musik. Die Gespräche sind verhalten. Kleine Insel der Geborgenheit. Unter einer anderen Brücke, mehr im Dunkel, einige Schemen, süßlicher Rauch schwebt in der Umgebung.

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33 km | Kaiserlei - Wie schön doch so ein Tedox leuchten kann

Liinks der Main, rechts das Gewerbegebiet. Nicht schön, erst recht nicht im Regen, aber bald geht es ja raus ins Grüne.

Schreck lass nach!
Sechshundert Meter weiter geht es unter die Kaiserleibrücke hindurch. Fast von jetzt auf gleich ist es dunkel geworden. Mir fällt ein, dass es beim letzten Mal, als ich hier war, eine unangenehme Begegnung mit einem Wegelagerer unter der Brücke gab. Ohne diese Erinnerung hätte ich nicht darauf geachtet, ob hier heute jemand lagert. Im Dunkel, dazu geblendet von den Straßenlaternen, ist nichts zu erkennen. Und schon liegt die Brücke hinter mir. Na also, die Anspannung wäre gar nicht nötig gewesen.

Plötzlich ein Böllerschlag direkt hinter mir! Ich mache einen Satz nach vorn vor Schreck. In meiner Brust schlägt es hart. Meine Schreckhaftigkeit nervt mich. Diese Schattenwürfe im Fastdunkel. Das Unbehagen treibt mich zu schnelleren Schritten an. Ein zweiter Böllerschlag, dort wo der erste war.

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35 km| Dank Beleuchtung sieht der Blaue Kran am Main eher weiß aus


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Fahrradzählstelle

20:10 Uhr | Am Hafenplatz/ Ecke Hafendeck angekommen, setze ich den Rucksack ab, um mich in Ruhe für den Weg durch die Dunkelheit vorzubereiten. Das Pfefferspray kommt griffbereit an den Beckengurt. Allerdings weht ein spürbarer Wind. Im Notfall müsste ich sehr schnell entscheiden, ob ich riskieren will, mich damit selbst außer Gefecht zu setzen. Die Stirnlampe hänge ich erst mal um den Hals.

Fortsetzung folgt ...
Das mit den Hunden war aber echt nicht witzig...
und nachts würde ich auch nicht alleine wandern wollen
.......nichtmal mit Pfefferspray
8)
MisterFritz hat geschrieben: Das mit den Hunden war aber echt nicht witzig...
Allerdings. :( Glück habe ich gehabt, dass der zweite Hund anderes im Sinn hatte, als sich auch mit mir zu befassen. Da dachte ich noch: Gut, dass mir die Hunde nicht im Dunkel begegnet sind! Na ja, ab und an würfelt man auch zwei Sechser nacheinander: mir sollten noch zwei Hunde in der Dunkelheit einen gehörigen Schreck einjagen. Gut, dass ich davon nichts ahnte, womöglich hätte ich dann gekniffen.

jacaranda03 hat geschrieben: und nachts würde ich auch nicht alleine wandern wollen .......nichtmal mit Pfefferspray
Ich bin da hin- und hergerissen ... Ich liebe das Wandern in der Nacht. Was stört -- wer hätte das gedacht -- sind die möglichen Gefahren. Ich habe habe natürlich auch einiges erlebt und weiß, dass immer mit Unannehmlichkeiten zu rechnen ist. Beispielsweise reicht schon, wenn mir jemand im Zwielicht folgt und anzügliche Geräusche dabei macht. Oder etwas säuselt. Ist ja meist harmlos, triggert mich aber, weil das - sollte meine (evtl. auch ausbleibende) Reaktion vielleicht zu mehr herausfordern - auch in Schlimmeres münden kann. Doch Letzteres ist so selten der Fall, dass ich mir davon nicht die Freiheit nehmen lassen möchte. So meine Denke vor dem langen Ausflug.

Na ja, für die nächste Zeit bin ich vollauf bedient. Nachtwandern sollte nicht überbewertet werden! :wink:

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Am 16.4. habe ich meinen ersten Beitrag hier zu diesem Thema geschrieben und für mich mein Ziel definiert. Viele Monate und Kilometer später ist nun das Ende da. Ich habe meinen Traum in mir geschützt und mein Ziel erreicht.
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Umgebucht habe ich von 100/24 auf 50km in 12 Stunden. Über den Verlauf hatte ich schon geschrieben. Es wurden 56km in 13 Std. und in 2 Etappen. Wobei die letzten 2 Stunden nicht mehr ganz vollständig in meinem Kopf sind.

Dir Frau Blau Gratulation! Und Danke für die Feinen, freundlichen und immer humorvollen Dialoge! Für mich war es eine Bereicherung!

Auf uns rollt eine böser Corona-Herbst und dann weiter mit Januar, Februar usw! Ohne Weihnachtsmärkte, ohne volle Fußballstadien, ohne Karneval, ohne den Zauber voller Innenstädte zu Weihnachten. Für meinen Teil werde ich den Optimisten in mir füttern und den Pessimisten in mir unter Kontrolle halten.
Mein Prem läuft am Freitag aus und meine Anwesenheit wird sich minimieren. Diese morbide Blog-Stimmung tut mir nicht gut.

Wir gehen weiter :-)

Frau Blau,
Deine Bühne...
Dein Zieleinlauf...
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Gratuliere, Mister Fritz, vor allem auch dazu, dass Du drangeblieben, den Weg von der Idee bis ins Ziel gegangen bist.

Irgendwie verrückt, und vielleicht ist das hier gar nicht so klar zum Ausdruck gekommen, wie sich durch Deine Idee mein Leben verändert hat. Wie das Wandern oder Walken einen festen Platz in meinem Leben gefunden hat. Wie viele Stunden ich seither draußen verbringe, und das bei fast jedem Wetter. Kürzlich schaute ich durch meine Foto-Ordner ... krass, wo ich inzwischen überall war! All die verborgenen Pfade, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Ich danke Dir!

Wir gehen weiter! :-)

Der letzte Absatz Deines Beitrags gefällt mir nich so besonders, von wegen Anwesenheit minimieren und so. Hätte ich das geahnt, dass das Erreichen des Ziels mit so einer Verkündung einhergeht, hätte ich Dir bei Kilometer 49 ein Bein gestellt.
Vorbereitungen | 0 - 20 km | 20-35 km

WirGehenWeiter3 | 35 - 50 km

Fechenheim - Rumpenheim - Mühlheim - Lämmerspiel


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Vom Hafenplatz/ Ecke Hafendeck, wo dieser Wanderbericht beim letzten Mal endete, sind es nur fünfhundert Meter bis zur Carl-Ulrich-Brücke. Die Route folgt einer Wegschleife, die zum Main führt. Den Schein der letzten Laterne streifend, bemerke ich an einem fernen Brückenpfeiler einen Mann stehen. Nichts Bemerkenswertes, und doch erfasst mich eine erhöhte Wachsamkeit. Meine Lauscher wachsen gefühlt zu Grammophontrichtern heran, jedoch mit der Funktion von Hörrohren, die sich nach hinten ausrichten. Nur gut, dass meine Ohren beim angestrengten Lauschen nicht quietschen.

Vom Ufer her, aus meiner Sicht verborgen hinter Büschen und Bäumen, erklingt Musik aus Bluetooth-Lautsprechern, dazu der Geruch eines offenen Feuers. Stimmen junger Menschen - Partytalkatmosphäre. Vielleicht eine kleine, geheime Mainuferparty?

Mit jedem weiteren Schritt verliert sich das Wahrgenommene. Bald wird es noch einmal hell, als ich am beleuchteten Vorplatz einer Gaststätte vorbeikomme. Als es danach dunkel bleibt, bin ich spürbar erleichtert, Endlich können sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen, und mit der Zeit werde ich ein besseres Gefühl für die Umgebung bekommen.
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37 km | ein Blick zurück, der Weg ist nicht zu erkennen

20:35 Uhr | Stockdunkel
Umgeben von Bäumen und Büschen, liegt der Weg so im Dunkel, dass ich wirklich gar nichts sehe. Mit einem Male schießt die Idee ein, ein Mensch könne mir entgegenkommen. So spät ist es ja nicht, vielleicht ist hier noch jemand unterwegs? Wir könnten direkt zusammenprallen. Mehrmals widersetze ich mich dem Impuls, meine Arme lang nach vorne auszustrecken, um ein mögliches Hindernis rechtzeitig ertasten zu können. Welch ein Schreck das jedoch wäre, für mich und die andere Person, wenn ich jemanden berührte! Plötzlich packt mich die Angst, in nächster Sekunde könne es soweit sein. Auch wenn es mir widerstrebt, einen Spot auf mich zu richten, schalte ich die Stirnlampe ein. Uff! Niemand da.

Klar, die Umgebung bekommt durch das LIcht etwas Unheimliches. Aus den Büschen hier und da ein hektisches Rascheln von kleinen Tieren, dann wird es wieder still. Baumwurzeln durchbrechen den Asphalt. Ohne Licht hätten das echt Stolperfallen sein können.

Als ich schließlich ins freie Feld gelange, der neu angelegte Weg vor mir liegt, schalte ich das Licht wieder aus. Das ist viel besser so. Erst einmal werde ich nun ohne Licht auskommen. Die Luft ist hier frischer, der Lärm der Stadt verliert sich. Der Altarm des Mains ist vage zu erkennen. Alle Vorbehalte fallen von mir ab, ich bin Teil der Natur, Teil der Dunkelheit. Stilles Dasein … Dankbarkeit darüber, jetzt an diesem Ort zu sein. Dankbarkeit dafür, noch einen langen Weg vor mir zu haben. So durch und durch zufrieden wird mir bewusst, dass ich selbst es bin, die sich mit jedem weiteren Schritt aus dieser wunderbaren Situation schon wieder heraus bewegt. Viel zu schnell, und doch angemessen für den Plan.

Das Ende des ersten Mainbogens kommt in Form dunkler Umrisse von Bäumen in Sicht. Dort in etwa beginnt der Friedhof Fechenheim.

39 km | Licht und Schatten
Mit den Bäumen wird es wieder stockdunkel. Bewege ich mich mitten auf dem Weg, rechts oder links von diesem? Als ich am weichen Untergrund bemerke, dass ich den Weg verloren habe, knipse ich die Stirnlampe an. Kurz darauf tuschelnde Stimmen junger Männer. Nach der Biegung fällt mein Licht auf sie. Sie sitzen vor der Friedhofsmauer Mauer auf einer Bank, und verstummen. Ich überlege, Hallo zu sagen, doch diese Sekunde, in der es sich richtig anfühlte, stellt sich nicht ein, und dann lasse ich sie auch schon hinter mir.

Weiter geht es im Wechsel von Licht und Schatten der Straßenlaternen. Rechts verläuft die Straßenbahn. An der Straßenbahnhaltestelle steht ein einziger Mann und studiert den Fahrplan. Eigentlich hatte ich erwartet, dass hier etwas mehr los ist.
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Fast 40 km | Arthur-von-Weinberg-Steg

21:05 Uhr | Der weitere Weg liegt links der Brücke im Dunkeln. Im hellen Licht der Brücke fühle ich mich etwas “nackig”. Tausend Hände bräuchte ich, wollte ich mich bedecken, wie ich gerne wollte. Bald wird mich die Dunkelheit wieder aufnehmen, mir Schutz geben. Schutz? Sonderbar, dass ich jetzt so denke. Doch tatsächlich, mir ist es ernst damit. Am Ende der Brücke nehme ich mir dennoch Zeit, bleibe stehen und lasse die Umgebung auf mich wirken. Ein Spaziergänger naht, in Gedanken versunken überquert er die Brücke. Ansonsten keine Bewegung.

40 bis 43 km | Bürgel bis Rumpenheim | Alleinsein
Direkt links vom Arthur-von-Weinberg-Steg befindet sich der Campingplatz Offenbach-Bürgel. Der Weg führt an der rückwärtigen Seite der Toilettenanlage vorbei … ein unglaublicher scharfer Gestank. Ich mag nicht mal richtig atmen. Boah, vielleicht wird hier momentan nicht richtig gereinigt? Krass ...

Danach wird es idyllisch. Etwas weiter weg ein größeres Lagerfeuer, ich vermute auf dem Campingplatz. Ein Gesicht ist im Feuerschein zu sehen. Viel zu fern, um Genaueres zu erkennen. Es duftet so gut nach brennendem Holz, dass ich die Wärme fast zu spüren meine.
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41 km | So schaut 's aus

21:15 Uhr | Hier ist es stiller als am vorherigen Mainbogen. Die Umgebung scheint zu ruhen. Es ist unfassbar schön … Nur das leise Rascheln meiner Kleidung ist zu hören. Hier bin ich anscheinend wirklich allein unterwegs? Nahezu unvorstellbar, dass mir hier jemand begegnen wird. Ganz eigenartig ... Der dunkle Main mit den Spiegelungen ist mir Wegweiser.

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Es riecht nach Mensch
Keine hundert Meter weiter, kurz vor einem Reitplatz, etwa einen halben Kilometer vom Rumpenheimer Fähranleger entfernt, stellen sich plötzlich meine Nackenhaare hoch. Ich bleibe stehen. Hier riecht es nach … nach … Mensch?! Hmm, ich richte meine Antennen in alle Richtungen. Doch es ist niemand zu hören oder zu sehen. Mein Kopf sagt: Es ist auch niemand (mehr) hier. Merkwürdig, ich fühle mich trotz dieser kurzen Irritation kein bisschen besorgt oder ängstlich. Letzteres ist ja fast noch merkwürdiger, als sowas wie “Mensch” zu riechen. Nach zwei Schritten verliert sich der Geruch ... und schon verlieren sich meine Gedanken darüber.
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43 km | Fähranleger auf der anderen Mainseite

21:50 Uhr | Am Rande des Rumpenheimer Schlossplatzes, außerhalb des beleuchteten Bereichs, die Stimmen von Jugendlichen. Musik. Ich streife in etwas Entfernung vorbei, ohne dass mich einer von ihnen bemerkt.
Erst einmal geht es weiter am Main entlang, bis hin zur Rodau, der ich dann in Richtung Mühlheim folgen werde.

44 km | Mühlenweg an der Rodau
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46 km | Das Licht in den Fenstern strahlt Geborgenheit aus


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St. Markus-Kirche in Mühlheim


22:19 Uhr | Körperliche Nachtruhe
Mag sein, es ist die Beleuchtung, die mich in den alltäglichen Ich-Zustand zurückversetzt. Mit einer gewissen Wucht wird mir bewusst: mein Körper hat weder Hunger noch Durst. Ich höre auf den Körper, lasse den geplanten Snack ausfallen. Auch Fotografieren lasse ich jetzt erst mal ausfallen. Gibt ja eh nichts zu sehen.
Blick auf die Uhr und Kilometer … Da ich Hausen (Treffpunkt) früher als geplant erreichen werde, sende ich meinem Mann eine Sprachnachricht, dass er bereits die S-Bahn um 23 Uhr nehmen könne.. Antwort: er fahre bis Obertshausen und werde mir von dort bis Lämmerspiel mit dem Fahrrad entgegenkommen. -- Juhu!

Unbehagen auf dem Talweg
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Auf dem Mühlheimer Mühlenweg, neben der Rodau, geht es weiter. Vorbei am Bürgerpark, unter die Kinzigtalbahn hindurch, dann wechsele ich auf den Talweg, und damit erneut auf einen unbeleuchteten Abschnitt. Unterbrochen vom Licht der Straßenlaternen an der Ulmenstraße. Dort steht ein Mann, der aufmerkt und mich die ganze Zeit im Auge behält, bis ich an ihm vorbei bin. Unangenehm. Hundert Meter weiter tue ich so, als orientiere ich mich anhand der App, um unauffällig zu checken, ob er noch dort steht wo zuvor. Nein, dazu schaut er in meine Richtung. Obwohl ich leichten Alarm verspüre, sagt mir eine innere Stimme, dass alles okay ist, ich ruhig weitergehen kann. Na dann …

23 Uhr | Die S-Bahn hat Verspätung
Zwischen Markwald und Lämmerspiel kommt eine Nachricht von meinem Mann:
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Okay, da wir uns nun doch erst in Hausen treffen werden, und ich mich - unerwartet - immer noch nicht mit dem “einsam” gelegenen Talweg anfreunden konnte, wechsele ich bei Erreichen von Lämmerspiel direkt auf die beleuchtete L 3064. Jetzt nur noch knapp zweieinhalb Kilometer beziehungsweise 25 Minuten bis zum Treffpunkt. Ich spüre helle Freude; wie wenn nachts die Sonne aufgeht.

Fortsetzung folgt…

Verknüpfungen zu früheren Beiträgen, in denen der Fechenheimer Mainbogen beschrieben wurde:
Schlafwanderln am Main (1.9.20)
> Bild 4
Fechenheimer Mainbogen – Rätsel um undefinierbare Laute (1.10.19)
> Bild 4 und Bild 5 und hier. 2019 war das Gebiet noch Baustelle.
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Vorbereitungen | 0 - 20 km | 20-35 km | 35 - 50 km

WirGehenWeiter3 | 50 - 77 km

Hausen - Rodgau - Rödermark - Offenthal

51,5 km |Hausen - Treffpunkt Bushaltestelle
Nur noch anderthalb Kilometer von Lämmerspiel bis zur Bushaltestelle in Hausen. Kurz vorher kommt mir mein Mann schon entgegen. Ich hebe den Arm zum Winken ... Oha, das ist nicht mein Mann! Was der wohl denkt, warum ich ihn so angestrahlt habe. Ich rede mir ein: Der hat's nicht gesehen. Zu dunkel!

Pünktlich, nämlich fünfzig Meter vorher, taucht mein Mann auf. Am liebsten würde er gar nicht erst vom Fahrrad steigen, sondern gleich an meiner Seite weiterrollen.

“Oa ne, ich muss mich unbedingt mal kurz hinsetzen.”

“Alles so, wie du willst”, sagt der Beste aller Ehemänner und dienert dabei so übertrieben unterwürfig, dass ich lachen muss.

Die Bushalte ist ungemütlich, der Wind pfeift rein, ich beginne schnell zu schlottern, weshalb es ziemlich bald weitergeht. Na bitte, regelt sich alles von selbst.

Wir verlassen Hausen gleich wieder, raus ins Grüne, Richtung Rodau. Als wir den Weg am Rande des Industriegebiets Samerwiesen folgen, lasse ich mir die Gürkchen geben. Brrrh, wie kalt und sauer. Sie werden mir gut tun, allein das zählt.

Ich erzähle meinem Mann, dass mich dieser Ort an einen Podcast erinnert, den ich hörte, als mich vor Wochen eine Wanderung hier entlangführte. Ich weiß sogar noch genau die Stelle im Podcast und ...

53 km | Ach du Schreck!
Ich will ins Detail gehen, während wir einem Feldweg in Richtung Waldrand folgen. Plötzlich ein lautes, kurzes Bellen direkt neben meinem rechten Unterschenkel! WAH!

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Gefühlt als wäre es ein tollwütiger Riesenwolf. In Wirklichkeit zwei harmlose Hunde

Vor Schreck springt mein Herz in die Höhe … ich bücke mich, um etwas mehr zu erkennen. Zwei mittelgroße Hunde mit leicht eingezogenem Hinterteil. Oje, die haben Angst vor uns. Mein Mann spricht besänftigend auf sie ein. WIr überlegen und kommen zu dem Schluss, dass wahrscheinlich jemand in der Nähe ist …In der Dunkelheit sieht man halt nichts.

Wir passieren ein Gebüsch, dahinter ein kleines Licht. Aus der Nähe: Ein parkendes Fahrzeug, in dessen Innenraum ein leuchtendes Handydisplay. Damit ist alles erklärt.

Ziemlich schweigsam folgen wir einem Waldweg nach Rodgau-Weiskirchen.

55 km | Kläranlage und Erinnerungen
“Ist das schon die Kläranlage Weiskirchen?” Mein Mann ist verblüfft, wie schnell wir vorankommen. Die Geruchswolke ist ziemlich markant. Das nächste Gebäude trägt ein Werbeschild: Orientteppiche

Erinnerungen steigen auf ... Der Erb-Teppich, der viel zu groß für die Wohnung war. Die Folge: eine monatelange Verkaufs-Odyssee. Kurz überlege ich, meine düster-schweren Erinnerungen - einleitend mit einem “Weißt du noch” - zum Besten zu geben. Könnte jedoch sein, dass dann die Stimmung kippt. Außerdem ist das Schweigen gerade so schön.

57 km | Tiefpunkt
Bahnhof Weiskirchen. Ursprünglich eher als Hoffnungspunkt meines langen Marsches visualisiert (warum eigentlich?), erfassen mich Schwere und Mutlosigkeit. Alles ist irgendwie sinnlos. Wozu?

Kein Wort darüber zu meinem Mann. Jede seiner Bemühungen, mich zu motivieren, würde ich nur als Anlass nehmen, um klagend meine Unzufriedenheit bei ihm abzuladen. Oder um ihm zu sagen, er habe ja gut reden, so gemütlich auf seinem Sattel sitzend! Wie kann ich so undankbar denken, wo er sich wegen mir die Nacht um die Ohren schlägt? Ich atme paarmal tief durch. Irgendwie ist da ein unangenehmes Ziehen im Bein. Bestimmt muss ich eh abbrechen. Mein Kopf füllt sich mit durcheinander flüsternden Argumenten, warum es schlau ist, einfach die nächste Bahn nach Hause zu nehmen, und fertisch! Andererseits … soll mein Mann diesen Aufwand betrieben haben, damit ich jetzt einfach aufgebe?

“Bis wohin begleitest du mich eigentlich? WIllst du die Bahn in Dudenhofen nehmen?”

“Ich dachte, ich begleite dich bis nach Hause.”

“Eigentlich habe ich nicht vor, ins Haus zu gehen, sondern will am Bahndamm weiterzugehen. Ich hab Angst, dass ich, wenn ich erst mal im Warmen bin, nicht mehr weitermachen möchte.”

“Ach komm, einen Kaffee kannst du doch trinken?!”

“Mmh … okay, ich überleg ‘s mir. … Du kannst aber echt die Bahn nehmen, wenn du keine Lust mehr hast.”

“Ich hab Lust.”

“Ok.”

58 km | Nachtmenschen am Rande
Am nördlichen Ortsrand Hainhausens liegen Schrebergärten zu beiden Seiten des Bahndamms. Auf jeder Seite wird in einem der Gärten gefeiert. Links von uns wummert Mucke von Rammstein. Rechts ist das Feuer von Fackeln zu sehen. Es riecht wunderbar gut nach Holzfeuer und ein süßlicher Duft liegt in der Luft. Diese Abwechslung gefällt mir. Zugleich verliert sich all das, mit jedem Schritt, sachte wie ein Traum, der ins Vergessen rutscht.

Ich kündige an, bei nächster guter Gelegenheit unbedingt die Beine hochstrecken zu wollen. Nicht lang machen, sondern senkrecht in die Höhe!

1:30 Uhr | Bahnhof Hainhausen -- Eisgitter
Die Wartebank aus Metallgitter ist zugig und saukalt, dennoch ideal, weil sie nah genug an einer Plexiglaswand steht, so dass ich mich ablegen und die Beine hochgestreckt an der Plexiglaswand abstützen kann. Das ist angenehm, doch nach einigen Minuten klappern mir heftig die Zähne. Da gehe ich lieber weiter.

62 km | Zunehmender Regen
Kurz vor Dudenhofen nimmt der Regen spürbar zu.

“Fahr doch nach Hause”, ermuntere ich meinen Mann, “für mich ist das wirklich-wirklich in Ordnung.”

Aber nein, ihm gefällt der Regen.

Seit Hainhausen überlegte ich hin und her, ob ich das Risiko eingehen soll, das Hoheitsgebiet meines Schweinehundes zu betreten. Was, wenn er stärker ist als ich? Aber hey, das Ziehen im Bein hat nachgelassen! Ich bin doch viel besser drauf als noch in Weiskirchen.

"Okay, ich komme mit rein, Beine hochlegen. Heißer Kaffee wäre toll."

Einen Kilometer von Zuhause entfernt, tritt mein Mann in die Pedale und radelt vor. Damit der Kaffee fertig ist, wenn ich ankomme.
Mann, was habe ich es gut. Gut gelaunt “eile” ich ihm hinterher.

66 km | “Halbzeit” und Pause von 3:15 bis 3:45 Uhr
Schuhe aus … Toilette … Katzenwäsche … Ich lege mich auf den Rücken vor die Couch, lege die Beine angewinkelt auf das Polster. Ein unbeschreibliche Wohltat. Die angenehme Temperatur in der Wohnung macht mich schläfrig. Die Lider klappen immer wieder zu. Der Kaffeepott steht neben mir auf dem Fußboden. So muss ich mich immer entsprechend zum Trinken ausrichten, was ein Einschlafen verhindert. Als mein Mann fragt, ob er kurz das Licht ausmachen soll, entfährt mir ein erschrockenes “Bloß das nicht! Womöglich schlafe ich fest ein.”

Zwanzig Minuten hatte ich für die Pause eingeplant. Tatsächlich brauche ich weitere zehn Minuten, um durch die Tür zu gehen. Mein Mann wirkt unerklärlich abwartend. Inzwischen etwas träge im Denken, bemerke ich das zwar, aber die naheliegende Schlussfolgerung meiner Beoachtung lässt auf sich warten. Plötzlich geht mir ein Licht auf: er wartet, dass ich endlich aufbreche, damit er sich schlafen legen kann?! Das ist Anstoß genug!

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Ich ziehe noch schnell eine Fleecejacke unter die Regenjacke. So kuschelig eingepackt, fällt der Schritt hinaus in die kühl-feuchte Nacht gleich viel leichter. Außerdem sind die Beine durch das Hochlegen ganz leicht geworden.

3:45 Uhr | “Nur” noch 34 km
Die ersten Schritte sind etwas steif, doch das verliert sich rasch. Keine Schmerzen, nicht mal Mißempfindungen irgendwo. Im Gegenteil kommt es mir fast vor wie "Schweben". Rückenwind.

Der Weg hinaus auf den Feldweg ist vertraut, fast täglich bin ich hier zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Kenne jede Nische im Grün, jeden Schatten in der Nacht. Am Sportplatz vorbei, ein Stück weit wie im Blindflug, dann liegt die Länge der Kapellenstraße vor mir.

70 km | Aliens in der Messenhäuser Kapelle gelandet?
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4:25 Uhr | Blick in die Kapelle


Die Kapelle steht am Ortsrand von Messenhausen. Der unheimlich anmutende grüne Lichtschein, der durch die Glasscheiben der Kapellentür im Dunkel leuchtet, lässt mich vor die Tür treten und hineinblicken. Eine sonderbare Atmosphäre. Messenhausen kenne ich nur vom Tage. Jetzt in der Stille und Dunkelheit ist es so, als könne ich den Ort atmen hören. Und ehe ich womöglich noch “höre”, wie mir der Ort etwas erzählt, gehe ich schnell weiter!

Verlasse Messenhausen gleich wieder in südlicher Richtung. Am Gebäude von Quality Systems durchfährt mich einmal mehr ein Schreck. Über den ich im nächsten Moment direkt lachen muss. Denn den Menschen, der hier im Dunkel steht, den kenne ich längst, hatte ihn nur nicht auf dem Schirm: Ein Alltagsmensch

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Aufnahme von Juni 2019

Weiter geht es durch das Gewerbegebiet in Richtung Urberach.. Ein bisschen ist es wie Spazierengehen. Manche Straßen durchstreife ich zum ersten Mal. Interessant. Hier und da brennt Licht in einem Büroraum.

72 km | Déjà-vu
Weiter geht es auf dem Bahndamm der Dreieichbahn. Irgendwie habe ich ein Déjà-vu. Träumte ich vielleicht mal davon, dass hier ein Wegpunkt ist, an dem sich entscheiden könnte, ob es weitergeht? Oder rührt es an eine Erinnerung an die Vollmondwanderung mit meinem Wanderbuddy? Aber wir hatten hier kein nennenswertes Thema gehabt … Hmm … Blick auf die Uhr: Bald fünf.

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Weg entlang der Dreieichbahn

Dort, wo die Bahnschienen zwischen freien Feldern liegen,, lässt sich immerhin vage der Weg erkennen. Baumreiche Abschnitte liegen in fast völliger Dunkelheit. Ich verzichte dennoch auf die Stirnlampe, damit ich nicht auf mich aufmerksam mache. Sobald ich den befestigten Weg verlasse, spüre ich das am weicheren Untergrund spure zurück.

Die drei Kilometer bis Dreieich-Offenthal vergehen wie im Schlaf. So ähnlich, als ginge ich durch eine Traumlandschaft. Gegen 5:30 Uhr komme ich an der Haltestelle der Dreieichbahn vorbei. Ein Mann in Arbeitskleidung steht auf dem Bahnsteig. Die Umgebung erwacht zum Leben.

Es geht westlich aus Offenthal raus, um dann auf einem langen Feldweg hin ins Waldgebiet zu gelangen. Dort wartet weicher Waldboden auf die Füße - endlich!

77 km | 6 Uhr | Hemmung vor dem Egelsbacher Pfad
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Die rote Linie zeigt den geplanten Weg. Die blaue Linie stammt von der Aufzeichnung.

Und so sieht der vor mir liegende “rote” Weg tatsächlich aus, von meinem Standpunkt aus betrachtet:

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Ein innerer Widerstand bringt mich zum Stehen. Nanu? Ich sehe oder höre nichts Beunruhigendes. Nichts, was Anlass zur Sorge gäbe. Das verstehe ich nicht! Die Dunkelheit war doch die ganze Zeit kein Problem?! Aber es geht nicht. Eine Instanz in mir verweigert sich meinem Wollen.

Eine Fortsetzung noch, dann ist schon wieder alles Geschichte.
Leute, Leute ... ich drücke mich davor, von den letzten Kilometern zu berichten.
Dem Gelingen wohnt viel Dummheit inne. Das kann ich mit Sicherheit schon mal verkünden. Inzwischen sitze ich die Strafe ab. :cry:

Bis bald mit dem Ende der Story
Eure Frau Schlau, äh nein, Frau Bl-öd!

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Hallo Frau Blau,

"... sitze die Strafe ab ..."

... na hoffentlich musst Du nicht zwangsläufig sitzen wegen gebrochenen Knochen :?

Auf jeden Fall gute Erholung.
Hallo Sputnik, glücklicherweise ist nichts gebrochen. Leider brauche ich jetzt dennoch sehr viel Geduld. Dazu am Ende des Berichts noch mehr. :(

Vorbereitungen | 0 - 20 km | 20-35 km | 35 - 50 km | 50 - 77 km

WirGehenWeiter3 | 77 - 81 km

Offenthal - Dreieichenhain

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77 km | Der Widerstand im Dunkel
Die Dunkelheit gleicht einer meterhohen, etwas nachgiebigen Wand, der ich mich einfach nur mutig stellen muss. Wäre der Widerstand erst überwunden, ginge es entspannt weiter. Oder nicht? Was könnte schon Schlechtes auf dem Weg vor mir warten? Die finsteren Spinnweben meines Gehirns? Ein vernünftige Erklärung finde ich nicht. Da ist der unerklärliche Eindruck, im Dunkel der nächsten zwei Kilometer erwarte mich so etwas wie eine Wucht. Wie eine Warnung von vorn. Könnte Angst sein, aber warum bereitet mir ein anderer Weg in der Dunkelheit keine Angst? Verrückt. Alles Gedanken, die in Sekunden kommen und gehen.

Die Morgendämmerung abwarten?
Sonnenaufgang ist um 7:17 Uhr. Bei der schweren Wolkendecke wird es kaum vor 7 Uhr heller werden. Blick auf die Uhr: also erst in einer Dreiviertelstunde. Enttäuschend. Das kommt nicht in Frage. Ein Blick auf die Karte … Okay, dem Weg nach links folgen, dann einen Umweg über die Straße weiter hinten, im weiteren Verlauf zurück zum Waldrand, jedoch von anderer Seite. So gelange ich vermutlich später an anderer Stelle wieder auf die geplante Tour zurück.

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So sieht die Umgebung übrigens bei Tage aus. In der Ferne das Waldgebiet, das ich eigentlich in Richtung Messel durchqueren wollte.
Aufnahme vom 3. Oktober 2020 - also eine Woche später


Der Ausweg ins Aus
Links im Bild ist der Weg zu erkennen, dem ich im Dunkel folge. Zwar zeigt die Karte, dass der Weg bald endet, doch ich hoffe, an einem Feld- oder Wiesenrand parallel zur Straße gehen zu können. Felder und Wiesen … erfahrungsgemäß sind Felder und Wiesen immer für eine Überraschung gut. Da die Richtung die einzig sinnvolle ist … mache ich mich auf den Ausweg, und bin erst einmal erleichtert, überhaupt wieder in Bewegung zu sein.

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Der rote Pfeil zeigt, wo der Ausweg endet.

Ein Stück weit ist das Gelände okay, doch dann zwingt mich der schlecht begehbare Untergrund, auf die andere Straßenseite zu wechseln, die keinen breiteren Grünstreifen hat, stattdessen von einer hohen Leitplanke begrenzt ist Natürlich muss ich zur Sicherheit auf der linken Seite gehen, um die entgegenkommenden Fahrzeuge im Auge zu behalten. Nun, wo mir die Fahrzeuge, dazu noch in einer Kurve, entgegenkommen, erscheint der Verkehr viel reger.

Holy Mackerel!
Die Scheinwerfer blenden, rauben mir eher die Sicht, und dann löst das Stirnlampenlicht bzw. meine unerwartet auftauchende Gestalt eine wahrnehmbare Irritation bei einem Autofahrer aus. Das ist viel zu gefährlich für alle Verkehrsteilnehmer. Bumm-bumm, bumm-bumm, so macht mein Herz. Ich verlasse den Straßenbereich über die, für meine Beine etwas zu hohe, Leitplanke hinweg. Dabei kurz in Sorge, mir die Leitplankenkante in den Schritt zu rammen, sollte ich ausrutschen oder schlecht Tritt fassen. Immerhin, nun trennt mich die Leitplanke vom rollenden Verkehr. Wirkt auch so, als bemerke mich niemand mehr. Nebenbei staune ich, wie massiv und hoch manche Leitplanken aus der Nähe betrachtet sind.

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Die rote Linie markiert den Bereich über einem Graben hinweg, Dieser Graben hat steil verlaufende, gepflasterte Seitenwände wie ein V. Drei Meter bis nach unten. Geschätzt, ohne jede Gewähr, denn im Schein der Stirnlampe ist es nicht gut abzuschätzen. So genau will ich es auch nicht wissen. Bald bleibt nur noch ein begehbarer Streifen mehr unterhalb der Leitplanke. Oje, hätte ich das geahnt, aber nun alles zurück? Mann-mann-mann, ich stelle mich vielleicht an! Als wäre ich im Gebirge unterwegs, ungesichert an einer gefährlichen Steilwand! Zwischen Realität und Wirklichkeit verläuft doch nur dieser lächerliche Graben! Oder so.

Also, so langsam ...
Im Licht der Stirnlampe ist das Ende des kritischen Abschnitts zu erkennen. Doch nun, wo ich mich so konzentrieren muss, um nicht abzurutschen, spüre ich wieder die Erschöpfung.. Es braucht länger, bis ich mit einem Denk-Ergebnis zufrieden bin. Das Abschätzen von Entfernungen mit dem Stirnlicht benötigt Aufmerksamkeit, die ich inzwischen - anders als im Alltag - immer wieder bewusst aktivieren muss. Der Schweiß läuft mir inzwischen die Wirbelsäule runter. Dazu bin ich sauer auf mich, mich in diese echt dämliche Situation gebracht zu haben. Dieses einfache Gelände mit einer Landstraße entpuppt sich bei Nacht als Abenteuergelände - kannste dir nicht ausdenken.

Seitenwechsel
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Ich warte eine Lücke im Verkehr ab, klettere über die Leitplanke und wechsele erneut die Straßenseite, wieder zurück zum Feld. Blick auf die Karte … Nicht mehr weit, da müsste eine Brücke kommen … Vielleicht geht es von dort über einen Umweg nach Messel. -- Weiter!

Enttäuschender Irrtum
An der Brücke angekommen, entdecke ich eine Diensttreppe, die hinauf auf die Brücke führt. Erst als ich oben stehe, erneut durch die Karte zoome, erkenne ich meinen Irrtum: Die Straße ist eher eine Nebenstraße, wenn überhaupt öffentlich, und sie stellt keine Verbindung zu meiner geplanten Strecke her. Jedenfalls nicht ohne viel zu großem Umweg. Eine Erkenntnis, die mir erst mal ordentlich zusetzt. Jetzt bloß nicht heulen! Da hätte ich auch aufs Hellwerden warten können, wenn ich eh nicht weiterkomme. Wie ernüchternd, wie frustrierend … Kurz die bekloppte Idee, einfach quer über das Gelände … Klar, um dann vor einem unüberwindlichen Graben zu landen, oder Gestrüpp oder … irgendeiner “dunklen Wucht”! DER Weg wäre ja immer noch offen! Als ob, ne ne!


Loslassen vom Plan
Vielleicht überlege ich lange, vielleicht nur paar Sekunden, das Zeitgefühl ist verschwommen. Ganz gleich, ich brauche sicheren “Boden unter den Füßen”, um mich zu sammeln. Zurück nach Offenthal - yeah! Okay, nicht yeah, aber eine vernünftige Entscheidung.

Der Weg ist angenehm zu gehen. Das ist gut. Doch ich bin auch ziemlich enttäuscht und traurig, als ich wieder durch Offenthal gehe. Auf den Abschnitt “Messel” hatte ich mich so gefreut. Eine eher unbekannte Gegend -- interessant und damit willkommene Abwechslung -- dazu wären die Waldwege nach all dem Asphalt wohltuend gewesen.

78,5 km | Offenthal
Auf einer Bank in der Borngartenstraße. Es ist 6:30 Uhr. Hinter mir ein schützender Busch. Blick auf die Straße. Da sitze ich, wie mit leeren Händen und mit leerem Hirn. Ein neuer Plan muss her. Wenn ich später noch müder bin, werde ich noch weniger Grips zum Planen haben. Also muss das jetzt was Festes werden.

Neuplanung in der Borngartenstraße
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Blick von der Bank an der Borngartenstraße


Im ersten Augenblick kommt es mir vor, als wäre mein Kopf nicht mehr zum planenden Denken in der Lage. Ich drifte gedanklich leicht ab. Dazu kommt eine Unsicherheit hinsichtlich der Verbindung der Wege, die ich vor dem inneren Auge habe. Erinnerungen an entsprechende Wanderungen sind wie zerfasert.

Nächstes Etappenziel: Stangenpyramide. Den Weg müsste ich quasi im Schlaf gehen könnnen. Nicht verzagen. Weitergehen fühlt sich gut an, es weckt die Lebensgeister und das Selbstvertrauen.

Zwischen Offenthal und Götzenhain
Es geht zurück zur Dreieichbahn. Dort weiter entlang dem Bahndamm, dann weitersehen.

Fast 80 km | Hoppala!
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Diesen grünen Spring-ins-Feld hätte ich mit meinem Fuß fast zu Brei gemacht

Beim Versuch, den Überlebenden zu fotografieren, kommt es zu einem kurzen Wetthüpfen. Was ich vor lauter Froschfollowing nicht bemerke: meine App stürzt ab, und pausiert ab hier einfach mal die Aufzeichnung der Tour.

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grün = Frosch | blau = Aufzeichnung/ Luftlinie | rot = der zurückgelegte Weg


Der weitere Weg streift die Sportanlage Götzenheim, am Spielfeld entlang geht es hinein ins Ringwäldchen.
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81,5 km | Es geht an die Substanz
Nachdem ich den gerupften Regenschirm fotografiert habe, schnell noch einen Blick auf die Karte. Da sehe ich es: Die App hat nicht aufgezeichnet. OH NEIN! Ich beende den Pausenmodus, die App zeichnet eine Luftlinie zwischen vorherigem und aktuellem Standpunkt. Ein bisschen ärgere ich mich über die gestohlene Strecke, auch wenn die Differenz zwischen Luftlinie und zurückgelegter Strecke nicht so groß sein dürfte.

Wallgraben Dreieichenhain | Balanceakt
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Wallgraben | Aufnahme vom Mai 2019

Zu diesem Zeitpunkt wäre ich mit dem Fotografieren überfordert gewesen. Als ich nämlich die kleine Staumauer nehmen will, kommt es mir vor, als käme ich ins Torkeln, so ein bisschen wie angeschickert. In dem Zustand will ich weder rechts noch links ins Wasser fallen. Womöglich könnte ich nicht mal mehr schwimmen? Da so früh hier niemand unterwegs ist, überlege ich allen Ernstes, auf allen Vieren … Nein, wenn das nicht mehr auf zwei Beinen geht, sollte ich mich direkt abholen lassen.

Während ich in Richtung Burg Hayn weitergehe, kommt mir so in den Sinn, dass das bis jetzt eine echt abwechslungsreiche Wanderung ist. Total langweilige Umgebung eigentlich, aber mein ver-rücktes Erleben in der Nacht sorgt für immer neue Reize.

Ich musste diesen letzten Teil leider teilen. Auch so ist der Text für einen Beitrag eigentlich viel zu lang. Meine Plaudertasche gleich einem unerschöpflichen Füllhorn, glaub' ich. Deshalb aber auch: Fortsetzung folgt ...
Vorbereitungen | 0 - 20 km | 20-35 km | 35 - 50 km | 50 - 77 km |77 - 81 km

WirGehenWeiter3 | 81 bis 101 km

82 km | Getragen von Dopamin, Serotonin und Endorphinen?

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Links vom Weg: Burg Hayn in Dreieichenhain

Gegen 7:15 Uhr | Rechts vom Weg liegt der Burgweiher, der an diesem Morgen eine unbewegte Wasseroberfläche zeigt.

Seltsam, fast kommt es mir vor, als sei ich ausgeruht, wie bei einem Spaziergang gleich nach dem Aufstehen. So, als hielte sich die Erschöpfung vor meiner Wahrnehmung verborgen. Und doch ist es etwas anders. Wie wenn ich ein federleichtes Stirnband tragen würde, das eine wohlige Wärme bis tief in den Kopf hinein ausstrahlt. Dazu ein kaum wahrnehmbarer Zug vom Hinterkopf bis hin zum Ohrenansatz. Das ist angenehm; so als würde diese "Wärme" alle Gedanken lichten und heben. Kein "finsteres Brackwasser", aus dem sie grübelnd zurückkehren könnten. Die nächsten hunderte Meter - oder mehr, oder weniger, wen interessiert 's - sind dazu mit leisem Staunen über diesen speziellen Zustand gefüllt.

(Einwurf: Dafür gehe ich meilenweit: Ausnahmezustände, die immer wieder neue Eindrücke darüber vermitteln, wie unsere Wahrnehmung, unser Erleben der Realität, unsere Wirklichkeit ausmacht. Diese Zustände lassen sich nicht erzwingen, sie stellen sich ein oder nicht.

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83 km | Am Christinenhof kommt ein Arbeiter aus dem Stall. Wir wünschen einander “Guten Morgen.” Mit leisen Stimmen, so als wollten wir einander nicht erschrecken.

Erstaunlich ist, dass ich mich nach 50 km viel erschöpfter fühlte, als das jetzt der Fall ist. Die Beine fühlen sich leicht an, so als könne ich noch “ewig” weitergehen. Hinzu eine kaum greifbare und doch merklich lichte Freude darüber, noch reichlich Kilometer vor mir zu haben - durchdrungen von Gleichmut. Stilles Glück zeichnet sich vielleicht vor allem dadurch aus, dass stilles Glück frei von Glücksgefühlen ist.

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83;5 km | Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich dagegen, einen Abstecher zu machen, den Weg mitten durch die Pyramide hin zum Aussichtspunkt zu gehen. Vermutlich ist heute nicht mal der Frankfurter Messeturm zu sehen.

Die Stangenpyramide setzt sich aus 450 Holzstangen zusammen. So steht es geschrieben. Ob das stimmt? Vielleicht zähle ich mal nach. Heute nicht. Jedenfalls sollen diese Stangen die Verbindung zur Antennenanlage der Deutschen Flugsicherung herstellen. Diese befindet die sich gegenüber, auf der anderen Seite des Weges.

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Deutsche Flugsicherung Dreieichenhain


In der Vergangenheit war ich diesen Streckenabschnitt immer in umgekehrter Richtung gegangen. Rückwärts sieht es anders aus, weshalb der innere Autopilot versagt. Ein Blick auf die Karte ist wegen des Regens eine lästige Angelegenheit. Das Handy ist eingetütet, dazu reagiert das Display eh nicht auf nasse Fingerspitzen. Es ist voll okay, für eine Weile unsicher zu sein, solange in etwa die Richtung stimmt.

Überblick | Schwerspatgrube Anna
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Die Schwerspatgrube ist ein guter Orientierungspunkt. Dort angekommen, bietet sich ein weiter Blick über die Wiesen und Felder mit den Wegen.

86,5 km | Mir Gutes tun
Die Bank neben der Überdachung glänzt vor Nässe.. Am Rand der Grubenabdeckung gibt es einenn popogroßen, vom Regen verschonten Platz zum Sitzen. Dieses Gefühl beim Hinsetzen, die damit einhergehenden Dehnungen des Körpers … ein großer Genuss. Habe ich gerade vor Vergnügen gegrunzt? Beine und Rücken fordern immer mehr davon, immer neue Dehnbewegungen. Ich muss nur den Bedürfnissen folgen, es ist wunderbar.

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Nach dieser witterungstechnisch eher ungemütlichen Nacht, erscheint ein Stück trockener Holzboden -- dazu noch überdacht -- als wohligen Ort. Fast wie vor einem Kamin. Na gut, eher ein kalter Kamin. Mag sein, ich träume ein bisschen.

Nach einer Weile …
Mein Sitzfleisch ist durchgekühlt. Dazu weht der feine Regen unter das Dach. Vor allem aber friere ich am Rücken. Und auch von der Müdigkeit, die sich sofort bemerkbar macht, sobald ich inaktiv werde. Deshalb: her mit dem Coffee Shot aus dem Startpaket. Nach dem Durchlesen des Etiketts auf dem Fläschchen wage ich kaum, daran zu nippen. Nicht, dass mir von so viel Koffein übel wird. Schlückchen ... und noch ein Schlückchen … Irgendwie … nein, der Magen “spreizt” sich.

Nach gefühlt 20 Minuten Pause ein Blick zur Uhr: Wie? Erst zehn Minuten sind vergangen?! Trotzdem, Aufbruch, im Sitzen ist es zu kalt.

88 km | Es tröpfelt - der Regen, die Kilometer, ...
Als das Waldstadion Dietzenbach näher rückt, mal wieder ein Blick auf die App. Wat, erst 88 km? Oje, es braucht noch einen Umweg, sonst komme ich schon nach 97 km an.

Zur Verlängerung bietet sich ein Bogen um den Hexenberg an. So gerate ich auf die K 174. Wie öde an einem grauen Regentag … Ich fühle mich innen wie außen bedröppelt. Wo ist der Schwung? Wo meine Zielstrebigkeit? Das rechte Schienbein schmerzt. Eigentlich merke ich schon länger was, aber fand es nicht schlimm. So viel Asphalt, anstatt dem Waldboden nach Messel. So ein Mist. Eine “Diagnose” wabert gleich einem vagen Nebel durch mein Hirn. Ich schiebe die lästige Erkenntnis beiseite.

Die Kreisstraße ist so langweilig, sie zieht und zieht sich. Das Hin und Her der rollenden Blechbüchsen. Regennasser Asphalt, anstelle idyllischer Pfützen auf Wald- und Feldwegen. Voll die Härte, auf mehreren Ebenen. Monotonieeeeee. Route ändern? Hätte ich eher überlegen müssen. Jetzt fehlt der Drive zur neuen Routenplanung. Die Gedanken rinnen zäh wie Sirup durch die Windungen, sie tragen -- wenn auch ungedacht, so doch empfunden -- andauernd ein bisschen vom Schmerz weiter unten in sich.

Einfach nur gehen. Das ist gut, erstaunlich gut. Der Regen gefällt mir - nicht zu viel und nicht zu wenig. Dieser passend kühle Regen auf meinen kühlen Händen. Das hält mich frisch wie ein Salatblatt. Eher wie ein schrumpeliges Salatblatt, aber egal. Ohne dem mäkelnden Schienbein wäre ich jetzt vollkommen zufrieden. Wäre wäre … Das Leben ist voller “wäre dies, wäre das”. Das kann ich lieben oder lassen.

92 km | Verdammt, schon Waldacker erreicht
Waldacker, somit Einstieg in meine gewohnte Laufstrecke. Damit ist klar, dass es immer noch zu wenig Kilometer bis vor die Haustür sind. Zu wenig für das 100 km-Ziel, jedoch ziemlich viel ausstehende Kilometer für mein Schienbein. Der Schmerz ist rau, hammerhart und unerbittlich, zunehmend und nicht mehr auszublenden. Die Vernunft drängt immer lauter, das Ignorieren bringt bisschen Bauchweh mit, aber: ich bin doch bald am Ziel!

93 km | Schmerz-sein
9:40 Uhr | Mit jedem Schritt hämmert sich der Schmerz in den Kopf. Jeder Gedanke dreht sich nur noch darum: Wie gehe ich jetzt damit um? Kann sein, es liegt an meiner Weinerlichkeit, dass der Schmerz schlimmer erscheint als er ist?

Ein paar Tränen rinnen über das nasse Gesicht, vielleicht sind es auch nur ein paar dicke Regentropfen. Warme Regentropfen vor leiser Verzweiflung und Enttäuschung. So kurz vorm Ziel. Eine trotzige Stimme in mir schmollt: ich geh doch nicht über 90 km, um dann aufzugeben!
Ich weiß ganz klar, ich sollte genau das tun, aber bin zu schwach. So wenige Kilometer noch …
Bin ich echt so bekloppt? Wofür? Der Schmerz erzählt längst, dass ich dafür einen Preis zahlen werde. Wo bleibt die Vernunft?

Diese innere Uneinigkeit schwächt mich, zu dem Schmerz noch hinzu. Nein, da ist eine entschlossene Seite in mir, die sich einfach nicht aufhalten lassen mag. Eine deutlich spürbare, immer noch vorhandene Leistungsfähigkeit meines Körpers, die mich vermutlich auch noch 110 oder mehr Kilometer gehen ließe. Das ist geballte Energie, die vorantreibt - gegen jede Vernunft. Das ist so irre und widersprüchlich, dass ich heulen könnte. Was tun? Ich brauche eine zweite Meinung:

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Die Audiodatei lässt sich hier nicht einbinden, deshalb habe ich das Gesprochene als Text wiedergegeben. (GIMPly Fake-WhatsApp designed by me)
Zur Dramaturgie: Der Regen ist nicht wirklich schlimm. Meine Stimme klingt jedoch, als schütte es wie aus Eimern. Wohl weil ich mich in die Wahrnehmung meines Mannes hineinzusetzen versuche, der wegen mir jetzt in den Regen raus müsste. Er soll wissen, worauf er sich einlässt. Doch sein Angebot ist sehr verlockend, deshalb:

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Seine Stimme klingt sanft und einfühlsam, anfangs zögernd, bisschen drucksend vor Ratlosigkeit


Was er sagt und was ich höre
Er sagt: “Wenn du überhaupt noch laufen kannst, dann ist das ja noch gut genug!”
Ich höre: “Alles kein Problem! Solange das Bein nicht abfällt, würde ich mir keine Sorgen machen!”
Ich muss nun wirklich leise lachen. Zum einen bin ich gerührt, weil er so um eine wirklich hilfreiche Antwort ringt. Andererseits hat seine ernste Feststellung auch etwas Komisches. Mein Lachen verunglückt etwas, während es sich mit dem Weinerlichen eint. Zugleich wirkt es wie Medizin, die alles ein wenig leichter macht - für etwa zweihundert Meter.

Neue Nachricht:
“Kann dich aber nicht mit dem Auto aholen, wenn ich jetzt mit Fahrrad komm.” //ploing//

Was denkt er denn! Ich will doch nicht mit dem Auto abgeholt werden! Kraftfahrzeuge dürfen hier eh nicht durchfahren - das beruhigt mich. Während ich noch überlege, was ich antworten könnte, kommt eine weitere Nachricht:

“Gut, dann fahre ich gleich los” //ploing//

Ich wähle ein Herz-Emoji zur Antwort. Nach einigen Versuchen mit nassem Finger kann ich es auslösen. Es fliegt ihm entgegen, wireless! Man muss sein Herz loslassen können. Andererseits … kann es eigentlich etwas Herzloseres geben als ausgerechnet ein Herz-EMOJI ohne ein paar persönliche Worte dazu zu senden? Der Schmerz macht mich gemein mir selbst gegenüber, schließlich sandte ich das Herz von Herzen.

Die Schmerzen fordern ihre Hauptrolle zurück. Ich gehe weiter, mache kurze Schritte, den Fuß in Variationen aufsetzend, immer im Grünstreifen neben dem asphaltierten Radstreifen. Dann und wann Hundekot zum Ausweichen. Angenehm! Nicht der Kot, sondern die durch den huckeligen Untergrund gegebene wechselnde Belastung des betroffenen Schienbeins.

Nach müde kommt blöd
Von fern kommen zwei Spaziergänger entgegen. Das bringt mich darauf, an mein Aussehen zu denken. Ogoddogod … nach dieser nassen Wandernacht sehe ich bestimmt wie ein Vogelscheuche aus. Als sie in Sichtweite kommen, verschwinde ich zum Fotografieren -- alles klar? -- in eine waldig anmutende Baumgruppe. Keine Ahnung wie es dann weitergeht, der nächste Wegabschnitt liegt im Dunkel vergessener Erinnerung.

Dann endlich ein Radfahrer - tatsächlich, mein Mann. Gemeinsam geht es weiter. Beruhigend, ich trage die Schmerzen nicht mehr allein. Zugleich schrumpfe ich zu einem Häufchen Elend. Das Wissen, das nun jemand da ist, der alles tun würde, um mich irgendwie nach Hause zu schaffen, meinetwegen auch schleppen oder schleifen … für den Fall, dass ich hier und jetzt einfach aufgeben würde. Mich einfach hinsetzen würde, mitten auf den Weg. Wie ein erschlaffender Luftballon. Diese krausen Gedanken sind pure Kopfsache, mein Körper ist relativ weit davon entfernt, schlapp zu machen. Das ist ja der Knackpunkt! Wäre ich müde und erschöpft, wäre hier Ende.

Kilometerstand
Die Frage nach den erreichten Kilometern stellt sich. Allerdings zu früh. Mehr muss ich nicht wissen. Das Nachdenken würde mich nur dieser köstlichen Müdigkeit entziehen. Eine Müdigkeit, die angenehm sachte wie unter meiner Hirnschale reibt. Die Müdigkeit nimmt ein wenig von dem Schmerz, macht diesen erträglicher.

VIER!
500 Meter vor der Haustür werfe ich einen Blick auf die Aufzeichnung. Meine Wangen sind heiß, vor Sorge, vor Schmerz. Rund vier Kilometer noch.

Mein Mann meint: "‘ne halbe Stunde noch, das schaffst du!”

“Niemals! Nicht mal in vierzig Minuten!”
Ich rechne … “In dem Zustand brauche ich mindestens eine Stunde noch!”

“Meinst du?”
Er will es nicht so recht glauben. “Ich finde, du bist immer noch ziemlich schnell unterwegs.”

“Weiß nicht, Fliegen kann ich jedenfalls nicht!"

Und immer weiter tragen mich die Füße voran. Am Ortsrand sind wir allein. Stille Tränen rollen dick und heiß über die Wangen. Eine Stimme im Hinterkopf wird immer lauter: Du wirst es bereuen! Du wirst das bereuen!

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Ab und zu in die Hocke gehen, das ist immer wieder gut. Und weil ich aus der Hocke nicht gleich wieder hoch will, denke ich so: machste ein Foto aus der Perspektive, wie wenn ich auf dem Zahnfleisch krieche.

Mein Mann begleitet mich mit ermunternden Worten:
"Das schaffst du jetzt auch noch." und kurz darauf: "Wenn es zu schlimm wird, lass es lieber sein! Ich glaube aber, du möchtest es jetzt schaffen."

"Hmh."

Doch mit jedem weiteren zurückgelegten Hektometer sehe ich natürlich immer weniger Vorteil darin, jetzt noch zur Vernunft zu kommen. Jetzt kann fast nichts schlimmer werden, als es eh schon ist.

Ein km/Ewigkeit
Eigentlich fehlt nur noch ein Kilometer bis zur Hundert. Doch hatte ich in der Vergangenheit ab und an beim Beenden einer Tour beobachtet, dass die App noch eine Nachberechnung macht. Diese bewegt sich erfahrungsgemäß +/- 100 m. Doch finde ich die, zugegeben, übertriebene Vorstellung, dass am Ende nur 99 km angezeigt werden, so beunruhigend, dass ich zur Sicherheit noch einen Kilometer zusätzlich mache.

Ziel
Am Ende gehe ich durch die Haustür ins Ziel. So als käme ich gerade vom Brötchenholen. Ein ganz normaler Samstag mit den vertrauten Geräuschen. Als ich den Rucksack absetze kommt es mir doch etwas unwirklich vor, dass ich vor 22 Stunden aus dem Haus gegangen sein soll. Es kommt mir vor, als wäre es heute Morgen gewesen, vor Sonnenaufgang.

"Ist das nicht ärgerlich? Vom Schienbein abgesehen, hätte ich ohne Not noch einige Kilometer gehen können."
Mein Mann nickt verständnisvoll, tröstend.
Tatsächlich hatte ich diese Möglichkeit ursprünglich mal angedacht: Einfach weiterzugehen, bis ich wirklich keine Lust mehr habe. Tja, Lust ... Lust ... pff.

Obwohl mein Körper mit wohliger Müdigkeit gefüllt ist, bin ich zu wach zum Schlafen. Erst nachmittags lege ich mich auf die Couch. In der Ruhe jedoch nagt der Schmerz tief in die Knochen und strahlt weit aus, lässt nur einen oberflächlichen Dämmerschlaf zu. So wie es ist, so ist es gut. In dem seligen Zustand, der mit dem Ausruhen einsetzte, ist eh (fast) alles in Ordnung.

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Tja, MEGA … wenn ich die Urkunde erblicke, erinnere ich mich sofort daran, wie dumm ich am Ende war. Deshalb liegt die Urkunde inzwischen in der Schublade.

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Die wahren Sieger sind jene, die rechtzeitig aufhören können. Gratuliere, Mister Fritz.

Wie man es nicht macht
Da der Schmerz recht schnell verschwand, bin ich drei Tage später auf meine übliche Walkingtour gegangen. Leider musste ich nach zehn Kilometern die weiteren zwei mit Schmerzen bis nach Hause zurücklegen.
Am nächsten Tag war alles wieder gut. Einen Tag drauf bin ich erneut los und der Schmerz war nach nur fünf Kilometern zurück.
Daraufhin hätte ich das Bein länger geschont, doch wir hatten Urlaub und eine Wanderung geplant, die wir antraten. Bereits nach anderthalb Kilometern begann es unerbittlich an der bekannten Stelle zu nagen. Er hatte sich so lange auf die Wanderung gefreut, deshalb wollte ich sie ihm nicht verderben und habe behauptet:"Das geht schon!"

Ja, anschließend ließ der Schmerz zwar etwas nach, doch am nächsten Tag kam er nach wenigen Schritten im Haus zurück und blieb dann sogar nachts. Wie ein aufdringlicher Liebhaber. Deshalb wollte ich dann doch mal lieber mit meinem Arzt sprechen. Hatte echt Muffe, mir etwas Langwieriges zugezogen zu haben. Aus eigener Blödheit, was es peinlich und besonders ärgerlich macht.

Arztbesuch
"Da haben Sie es ja schön eskalieren lassen," meinte die Ärztin.
Sie erzählte dann, dass sie selbst mal ein Schienbeinkantensyndrom hatte, und zu früh wieder losgezogen sei. Die darauf folgende Zwangspause war Strafe genug und habe ihr nun Geduld zur rechten Zeit gelehrt.

Ich nickte eifrig: "Oh jee, ja, das kann ich mir gut vorstellen!"
Ich hätte sie umarmen können, weil sie mich ohne viele Worte verstand und sogar mit mir über meine Dummheit lachte. "Danke, Sie haben mir soo geholfen!" Total erleichtert verließ ich die Praxis.

Diese schrecklich-schöne Ruhezeit habe ich genutzt, um endlich einen Riesenberg Bücher auszusortieren und zu verkaufen. Dabei ist mehr Geld als erwartet zusammengekommen. Inzwischen habe ich mir davon ein Trampolin für Jumping-Fitness bestellt. Da ich wegen der Pandemie seit Monaten keinen Vereinssport mache, vermisse ich diese Bewegungsart sehr. Hoffentlich wird das Trampolin bald geliefert!

--- Ende ---
Tja, das wars.
Haste gut gemacht Frau Blau! Blümchen :-)
Zu dieser Veranstaltung waren 2076 Teilnehmer gemeldet. 1424 haben die 50 km in 12 Stunden geschafft und 250 die 100 km in 24Stunden.
Was ist geblieben? Jeder Teilnehmer hat es unterschiedlich erlebt. Seit diesem Erlebnis sind grade 4 Wochen vergangen und doch kommt es mir schon so fern und fremd vor.
Um mal die Bildsprache zu nutzen. Für mich begann der Gipfelaufstieg im Frühjahr, den Sommer ging es immer weiter Bergauf und am Tag der Veranstaltung wurde der Gipfel, das Ziel erreicht. Am Anfang, im Frühjahr war gute Laune und Euphorie angesagt und gegenseitiges auf die Schulter klopfen! Im Sommer, bei den Trainingsrunden, wurde es stiller und einsamer. Und auf dem Berggipfel, am Ziel war es mir dann eigentlich egal.

Der Weg ist das Ziel!
Im Laufe der Monate war ich mit mir alleine unterwegs. Ich für meinen Teil hatte auch keine Lust mich mit Nörglern und Zweiflern zu beschäftigen. Von 100 Menschen können 95 erklären, warum es nicht funktionieren kann. Und nur 5 teilen den Optimismus!
Zu den 5 gehört natürlich Frau Blau ! 589 km bin ich diesen Sommer erwandert. Zwei Paar Socken habe ich verschlissen, bevor ich mir bessere gekauft habe. Gefuttert habe ich Magnesium Tabletten, Müsliriegel, Traubenzucker und Cola getrunken. Cola ist für mich Nr1 Muntermacher. Musik habe ich nie nebenbei gehört. Vielen freundlichen Menschen bin ich begegnet. Besonders die Gemeinschaft der Megamarschierer sind ausgesprochen gut gelaunte Menschen. Von Jung bis Alt, Männer oder Frauen, spielte alles keine Rolle. Und Corona wurde nur erwähnt, wenn eine Veranstaltung abgesagt werden musste. Neu erlebt habe ich die Jahreszeiten und Tageszeiten. Volle Felder und die gleichen Felder Monate später abgeerntet. Auch die unterschiedlichen Tageszeiten, einmal mit Frühnebel oder in der Abenddämmerung. Es waren oft die gleichen Wege, aber ich habe sie fast immer unterschiedlich erlebt.

Gezielte Entbehrungen
hatte Frau Blau geschrieben. Ich hatte am 30.9.- 21:01 geschrieben muss man erst leiden, um Veränderungen an sich vorzunehmen? Und Jacaranda hat geschrieben....man, muss das schön sein, so kaputt zu sein.
Im Sommer nahm ich noch einmal das Buch von Kerkeling, Ich bin dann mal weg, zur Hand. In der Mitte philosophiert er über den Sinn seiner Wanderung auf dem Jacobsweg und fragte sich, warum er sich die Schmerzen antut. Und dann schreibt er: Wer erleuchtet werden will, muss wahrscheinlich erst mal das totale Gegenteil erleben, die Verfinsterung!

Nun, die Erleuchtung habe ich nicht gesucht, aber die Erfahrung.
Ich persönlich glaube dran, das wir keine Erfahrungen machen, sondern die Erfahrungen machen uns!
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Ich bereue nichts!

Nun suche ich mir ein neue Aufgabe und wenn ich am Ziel bin ist Frühling :-)
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Ja, Mister Fritz, mir geht es ähnlich, die Erlebnisse ähneln inzwischen einem zurückliegenden Traum. Damit erstarkt der Wunsch, einmal mehr neue Erfahrungen auf einem langen Marsch zu machen.

Socken habe ich nicht verschlissen, aber die fast neuen (okay, ein Jahr alt) Wanderschuhe sind schon blank. Habe gerade nachgeschaut: sie haben immerhin 4000 km gehalten. Ich glaube, das Modell kaufe ich noch einmal.

Ja, ich bin wieder unterwegs. Beim ersten Mal nur einen Kilometer am Stück, konnte ich mich inzwischen an 10 km herantasten. Komplett schmerzfrei. Ich bin sooooo erleichtert!

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Mit anderen Worten: ziemlich unerwartet kann ich mich noch in die herbstliche Landschaft stürzen, ehe der Winter kommt. Und ich weiß die kurzen Strecken nach der Pause wirklich zu schätzen. Gehe ich halt langsamer, so habe ich mehr davon!

Neben dem goldenen Herbstlicht hat auch die Dunkelheit eine Anziehungskraft auf mich. Eine etwas widersprüchliche, denn einerseits bin ich im Laufe der vergangenen Monate etwas ängstlicher geworden, wenn ich allein im Dunkeln draußen unterwegs bin, andererseits ... wie soll ich das beschreiben ... Ja, ein wenig so, als sei ich in der Nacht am Rumpenheimer Mainbogen wie durch eine Tür gegangen, die meine Wahrnehmung der Dunkelheit verändert hat. Schwer in Worte zu fassen. Worte sind manchmal wie ein Korsett, in dem das, was ich eigentlich an Erleben ausdrücken möchte, genau ins Gegenteil verkehrt werden. Lasse ich es gleich bleiben.

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Bei meiner vorletzten Abendrunde ging ich bei Sonnenuntergang los. Irgendwann war es dunkel und ich überlegte, ob ich trotzdem den Trampelpfad, der in ein kleines Wäldchen führt, nehmen sollte. In meine Unentschlossenheit hinein fiel ein Schuss! Tja, da habe ich ganz schnell mein Handy rausgeholt und das Display eingeschaltet, um zu signalisieren: Hallo hallo Jäger, ich bin ein Mensch!! Sehen Sie? Ein Me-hensch!
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