Sexualkultur in Deutschland

Sexualkultur in Deutschland

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Sex und Erotik sind schon lange keine Tabu-Themen mehr. Zumindest geht man davon aus, denn Sex ist schließlich allgegenwärtig und wird fast überall dargestellt. Das erotische Plakat an der Bushaltestelle hat jeder vor Augen, die vielen Werbefilme mit expliziten Szenen auch, genauso wie die Abbildung attraktiver Frauen und Männer mit lasziven Blicken in diversen Magazinen. Wir werden im Prinzip permanent mit dem Thema Sex und Erotik konfrontiert, eine echte Reizüberflutung. Führt letztere zu mehr Aufklärung, mehr Offenheit gegenüber dem Thema und somit zu einer aufgeschlosseneren und gelebten Sexualkultur? Leider nicht ganz, oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall.

 

Die Enterotisierung

Da wir ständig mit erotischen Reizen konfrontiert werden, findet laut Forschungen von Sexualpsychologen eine Enterotisierung statt. Wir werden unbewusst täglich mehrmals mit Sex und Erotik konfrontiert. Und wir können ebenso jederzeit alles abrufen, sehen und auch bestellen, von Porno-Filmen bis hinzu Sex-Spielzeugen. Das alles ist in unserer Gesellschaft schon längst kein Problem mehr. So ist jede achte Website, die in Deutschland aufgerufen wird, eine Pornoseite. Doch paradoxerweise ist die Auslebung des Sexuallebens nicht mehr so aktiv. Vielmehr erleidet sie unter dieser Vermarktung, die getreu dem Motto "Sex sells" bestens funktioniert, einen Durchhänger. Die Erotik bleibt aus.

Das lässt sich anhand eines einfachen Beispiels gut erklären: Vor knapp 50 Jahren hat allein die kleinste Andeutung, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, sexuelle Phantasien und Begierde hervorgerufen. Heute lassen uns öffentliche Pornografie und sexuelle Werbung in vielen Fällen kalt, da wir sie sehr oft, wahrscheinlich auch schon zu häufig gesehen haben.

Natürlich hat die sexuelle Revolution viele positive Aspekte. Tabus wurden gebrochen, wir gehen offener und konkreter mit vielen Themen über Sexualität und Erotik um. Das ist ohne jeglichen Zweifel eine wichtige und notwendige Entwicklung unserer Gesellschaft. Doch es geht viel mehr um die Erotik, denn diese leidet häufig massiv unter dieser Entwicklung. Dieses Phänomen zieht sich durch alle Altersgruppen hindurch.

Die Mehrheit denkt, dass diese Problematik, also der Mangel an Erotik, bei der jungen Generation nicht vorhanden ist, vor allem bei den aktiven und freien Singles. Doch empirische Studien des Hamburger Instituts für Sexualforschung belegen, dass Singles nur fünf Prozent aller sexuellen Kontakte abbekommen, während 60-jährige Frauen und Männer, die in einer festen Beziehung leben, relativ regelmäßig miteinander schlafen (Anmerkung der Redaktion: Magazin "60 jährige Paare haben mehr Sex als 30 jährige Singles").

In festen Beziehungen sieht es aber in puncto Erotik leider auch nicht sehr prickelnd aus, denn es ist erwiesen, dass nach vier bis sieben Jahren in festen Beziehungen das sexuelle Begehren sinkt.

 

Besonders schwer haben es die Männer

Die Enterotisierung hat vor allem die Männer schwer getroffen. Früher galt der Mann als starker Familienvorsitzender, sozusagen das Alphatier im Rudel. Männer sollten stark und dominant sein, auch im Schlafzimmer. Das besaß ein gewaltiges Potential an Phantasie und Erotik. Heute hingegen müssen Männer oft verschiedene Rollen verkörpern, den einfühlsamen Kater und gleichzeitig den wilden Hengst. Das klappt in den seltensten Fällen. Meistens führt das zu Frustration und noch weniger Erotik. Doch was kann man tun gegen die Reizüberflutung der Medien und die Auslöser der Enterotisierung?

Eine offene Sexualkultur mit erotisierenden Gedanken bedarf einer offenen Mentalität. Laut Sexualpsychologen sprechen die Menschen immer noch viel zu wenig über die eigenen Wünsche und Vorlieben. Das führt zu noch weniger Erotik, weil wir ständig mit erotisch gemeinten Reizen konfrontiert werden, selbst aber nichts mehr damit anfangen können. Wir sehen uns satt und lassen es dann gut sein. Eine offene Art sich selbst und dem Partner gegenüber kann sehr hilfreich sein, um die Erotik erneut aufleben zu lassen. Die Werbung wird mit Sicherheit nicht sparsamer mit reizvollen Bildern und Videos umgehen, dafür sind sie zu lukrativ. Doch wer in den eigenen vier Wänden etwas tun möchte, sollte laut Experten vor allem eines: Reden.

 

Foto: © Andrey Burmakin - Fotolia.com

Redaktion, 28.05.2015

caro69
0 | 28.10.2016, 06:14

Bei allem Aufgeklärtsein und sexueller Befreiung, heute fehlt, so finde
ich, oft der Zauber, den der Anfang innehat. Der zarte Prozess des sich Näherkommens. Es gilt: Time is money, oder man könnte ja etwas Besseres
verpassen. Gebe man der Liebe eine Chance, denn sie muss wachsen.

Synphonie
4 | 02.06.2015, 18:22

Die normalen Männer mit einer gesunden Sexualität und einem Faible für Frauen leben meist in festen Beziehungen und Ehen.
Die Männer, die kein normales Verhältnis zur Frau und einer gesunden Sexualität haben, sitzen vor dem Bildschirm und ziehen sich Bilder und Filme rein, benutzen Sex-Plastikpuppen oder andere Stimulationsgeräte. Sie praktizieren so ihren einsamen Sex ohne Liebe und Gefühle für das andere Geschlecht. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese Männer mit der Zeit etwas wunderlich werden und keine normale Beziehung mehr leben können.

Dalshe_
0 | 30.05.2015, 11:37

Lach, nach nur paar Kommentaren, merkt man schon, dass Frau/en es mehr als nur um Sex geht. Liebe! Liebe muss sein. Auf die gilt es zu achten! Männer denken da, wie immer, mehr instinktgesteuert. Eigentlich gar nicht.

Baschenka
2 | 29.05.2015, 23:48

Auch in der Sexualität beweist der Irrglaube von einer absoluten Freiheit seine zerstörerische Macht.

Alles und jedes offen ausleben und präsentieren wie eine Ware, nimmt jeden Reiz, schrumpft die Neugier auf kleine Geheimnisse, auf zu Erahnendes und zu Entdeckendes.

Was einst als sexuelle Befreiung verstanden und notwendig war, führte nicht zuletzt durch Gleichmacherei und falsch verstandene Emanzipation zu einer Entfremdung von Männern und Frauen, eben auch zu dem, was so "schön" mit Enterotisierung gegeißelt wird.

Dalshe_
1 | 29.05.2015, 09:40

Ja ja, 'offener Dialog'. Genau so 'gut' die Frühsexualisierung der Kinder. Oder das öffentliche Reden über Krankheiten. Man versucht den Leuten zu vermitteln es sei normal, es gehört sich so, darüber in aller Offenheit und Öffentlichkeit zu reden. Nix das! Also, ich finde, diese ganze 'Offenheit' und 'Öffentlichkeit' schlimm und krankmachend. Es dient alles der Ablenkung von wirklich wesentlichen Dingen.

harry68
2 | 29.05.2015, 09:26

Nach sexuell wilden 40 Jahren Ehe und ständigem Ausprobieren neuer reizvoller Praktiken habe ich die Erfahrung gemacht, wenn die Frau / der Mann keine Scheu vor Neuerungen im Bett haben (einschließlich Quickie irgendwo), kann Sex eventuelle Spannungen abbauen. Man muß nur wollen und "ja" zum Sex sagen. Jedes Alter ist gut. Zum Sex gehört auch das Reizen durch Blicke oder gezielte Berührungen, die der Partner nach langen Jahren des Zusammenseins deuten kann. Man kann es "anwärmen nennen".

Luxina
1 | 29.05.2015, 00:00

Es geht um die Enterotisierung in den letzten 20 oder sogar nur 10 Jahren. Dadurch, dass Sexualität immer und überall zugänglich ist, verliert die echte gelebte Sexualität an Reiz. Wir die 68er, wage ich zu sagen, sind noch natürlich hineingewachsen, hatten das Glück frei u. teilweise auch als Protest das ausleben zu können, was zuvor oft nur in verklemmter oder unbefriedigender Verdunkelung stattfand.
In Gesprächen mit meiner Tochter musste ich feststellen, dass die jungen Leute massive Probleme mit ihrer ersten Sexualität hatten u. wahrschl. auch noch haben. Der Erwartungsdruck war so groß, dass sie sich beim ersten Mal (u. auch meist bei den darauffolgenden Malen) sinnlos betranken, um dann festzustellen, dass SO gar nichts mehr geht. Aber man konnte es ja auf den Alkohol schieben. Inzwischen scheint sich das bei allen aber normalisiert zu haben (so viel ich davon mitbekommen habe).